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Jüdische Zeitung · 1912-11-08 · 44 (8.11.1912) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
44 (8.11.1912)
Date
1912-11-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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NRTIDNF1L -JUDI5CHE5 DRGRN!■■■■■■■■■■■■■■■■■■■ ■ ■ I H -schein' 'v”'chenl!:'-*' — Redaktion. Administration und Inseratenaulnahme: Wien. H..Stefaniestraße Nr. 12. — Sorechstunden ffi _ ä /ich von 11 —12 Uhvormittags und 4—S Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurück gestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. R 5.—, Vierteljahr. K 3.—- Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—. Vierteljahr. ™ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 133.404. Telefon 22.075. ■ Nr. 44. Wien, Freitag, den 8. November 1912 VI. Jahrgang Zionistitöie Pflirfiten. Die großen politischen Ereignisse, welche sich so eben vor unseren Augen abspielen, haben wieder einmal der Welt bewiesen, welche Kraft im kleinsten Volk ruht, wenn es, national geeinigt, an Seine Zukunft glaubt, und für sie sein bestes einsetzt. Sie haben ferner gezeigt, daß auch ein Reich, das aus verschiedenen Völkerschaften zusammengesetzt ist, nur dann sich voll behaupten kann, wenn es den Nationen, die in seinen Grenzen wohnen, möglichst viel Freiheit der Entwicklung gibt. Denn nur so ist es möglich, daß die einzelnen Völkerschaften den polyglotten Staat mit B7ut und Leben zu verteidigen bereit sind. Daß die Türkei z. B. den Albanern gegenüber diese Maxime nicht befolgt hat, rächt sich jetzt an ihr bitter. Tatenlos sieht das kräftige, kriegsgewohnte Arnautenvolk zu, wie ihre Todfeinde ihren Heimatstaat zerstückeln, ja selbst auf dem Boden ihres engeren Vaterlandes Eroberungen machen. Wie immer der Orientkrieg ausfair len wird, so ist es unzweifelhaft, daß' die Türkei in ihrer inneren Politik eine große Schwenkung machen wird. Ihre Richtlinien waren ja schon vor-dem Krieg erkennbar und sie sind durch die Berufung Kiamils zum Großwezier gesichert Worden. Die Türkei wird fortan zweifellos den Völkerstämmen, die sie bewohnen, die größte Freiheit der Entwicklung zugestehen und damit die Länder, die ihr nach dem Friedensschluß verbleiben werden, innerlich so festigen, daß ein weiteres Abbröckeln nicht mehr zu befürchten sein wird. Wenn von irgend einem Volke, das in ihrem Staate lebt, — von den Juden weiß die Türkei gewiß, daß sie nichts erstreben, als eine ungestörte wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung im Rahmen, des Staates, dessen Existenz für die Juden eine Notvvendigkeit ist. Wir können daher gewiß sein, daß nach dem Friedensschluß die Hindernisse und Schwierigkeiten für unsere Arbeit geringer sein werden als bisher. Einem friedlichen, steuerkräftigen, koloniesierenden Volke, das keinerlei zentrifugalen Tendenzen hat, wie es die Juden in der Türkei sind, müssen die Sympathien jeder einsichtigen tottomanisdien Regierung früher oder später zufallen. Es liegt daher nur an uns, gerade jetzt mit aller Kraft eine Steigerung unserer persönlichen und materiellen Mittel herbeizuführen, denn, wenn die zionistische Arbeit wirklich im Interesse der Juden und Ider Türkei liegen soll, so trifft das nur dann zu,, wenn sie auch quantitativ nicht unbedeutend ist. Niemals zu- .vor!war daher ein Moment vorhanden, in dem alles auf die äußerste Krafanstrengung der Zionisten ankam, wie jetzt. Wenn wir unsere Leitung jetzt nicht in jeder Weise unterstützen, dann wird sie trotz ihrer so oft bewiesenen klaren Einsicht in die Notwendigkeiten, und ihrer Arbeitsintensität nicht imstande sein, die vorliegenden Aufgaben zu. erfüllen. Nichts ist aber nötiger, als daß die zionistische Organisation sich als numerisch groß erweise. Es nützt nichts, darauf hinzuweisen, daß die jüdischen Massen bis in ihre letzten Tiefen zionistisch fühlen, nur die Zähl Jder organisierten Anhänger verleiht nach außen einer Bewegung Ansehen und Macht. Wenn wir am nächsten Kongreß, der diesmal nicht fern von den Zentren der Orientpolitik und der jüdischen JVässen abgehalten werden wird, nicht mi einer imposanten Zahl auftreten könne. , darin wird das Prestige des Zionisn." nicht die nötige Kraft gewinnen. Dies alles mögen ich unsere Gesinnungsgenossen vor Ai gen halten, wenn es gilt, den Schek" zu sammeln. Es ist dies keine langweilige und bedeutungslose Arbeit, die man auch schwächeren Kräften 'überl;*jsen. kann. Nein,;Schvekef sahi'melh, heiuc.unsere ^dee.'verbreiten, für sie .werben und den Mäc’htkreis unserer Organisation erweitern. Sammelt den Schekel? — Das bedeutet: öeht wieder und wieder ins . jüdische Volk und sprecht zu ihm mit aller Kraft, die euch die Wärme eurer Ueberzeugung verleiht, von dem großen Ideal, für das ihr kämpft! Lind von dem Erfolg eurer Arbeit hängt ein gut Teil der Durchführbarkeit aller anderen zionistischen Aufgaben ab! So verstehen wir es, wenn wir allen Zionisten zurufen: Sammelt den Schekel! Rundschau. Kreditnot und Enqueten. Vor unseren Augen wiederholt sich ein altbekanntes Schauspiel. . Den galizischen Juden, deren Not bereits Gegenstand mehrerer offizieller Enqueten gewesen ist, soll jetzt durch eine neue Enquete geholfen werden. Diesmal findet die Umfrage zur Abwechslung im Finanzministerium statt. Seit Jahren wird von jüdischer Seite auf die furchtbare Not der galizischen Juden hingewiesen. Seit ungefähr anderthalb Jahren hat sich diese berüchtigte Notlage durch die tristen Kreditverhältnisse katastrophal gesteigert. In Interpellationen und Memoranden, durch Deputationen wurde die Regierung um Hilfe angegangen und nichts ist geschehen. Während die Regierung für die durch Schwindel und Mißbräuche verschiedener Politiker verkrachten Sparkassen in der Bukowina Sanierungsprojekte und Unterstützung bereit hatte, tat sie für die galizischen Juden'gar nichts. Dieses Verhalten rächte sich. Aber auch jdie Banken taten gar nichts. Ja, selbst die Wiener jüdischen Fabrikanten und einflußreichen Politiker, wie Hofrat Kuranda, waren noch1 vor einem halben Jahre trotz eifriger und dringender Urgenzen nicht dazu zu bringen, etwas für die galizischen Juden zu tun. Diese Unterlassungssünde hat sich nun bitt r gerächt. Berechnungen nach hat die westösterreichische Textilbranche im abgelaufenen Jahre t912 über 10 Millionen durch Konkurse und Konsumeinschränkungen in Galizien eingebüßr. Wieviel andere Branchen verloren haben, läät sich nicht bestimmen. Die katastrophalen galizischen Kreditverhältnisse haben nun auch im Westen verheerend gewütet. Das Finanzministerium beginnt nun zu beraten und einzusehen, daß sich praktischer Antisemitismus furchtbar rächt. Aber auch die jüdischen Großindustriellen samt ihrem Vertreter Kuranda müssen einsehen, daß sie sich vor großem Schaden bewahrt hätten, wären sie damals, als man sich an sie um Hi'fe wandte, den notleidenden galizischen Juden, besonders aber den jüdischen Geldinstituten in Galizien beigesprungen. Noch ist es Zeit, manches zu retten und gut zu machen. Im eigenen Interesse sollten Regierung, Banken und Großindustrie in Gaiizien zu retten und zu helfen versuchen, solange nicht alles verkracht und zu- ' gründe gegangen ist. Neuregelung des Hausierhandels. Durch die Auflösung des ersten Abgeordnetenhauses des allgemeinen Wahlrechtes ist der damals -srt Verltsfldk.«g gestandene Hausierhandel- Gesetzentwurf hinfällig geworden. Unsere Leser werden sich wohl noch der Kämpfe entsinnen; welche der so früh verstorbene Abg. Dr. Gabe! gegen diesen Gesetzentwurf geführt hat. Nun hat der Handelsminister einen neuen Gesetzentwurf betreffend den Hausierhandel eingebracht. Diesem Entwürfe liegt die Tendenz zugrunde, eine Neuregelung und Einschränkung des Hausierhande's herbeizuführen. Der Gesetzentwurf enthält neben den Bestimmungen, welche die Erlangung einer Hausierbewil’.igung erschweren, die Ausübung des Hausierhandels in Bezug auf den Umfang, die Zeit und den Ort beschränken, die Kontrolle und die Strafsanktion verschärfen, auch Ausnahmsbestimmungen zu Gunsten gewisser Kategorien von Hausierern und Uebergangsbestimmungen zu Gunsten jener Personen, welche sich beim Eintritte der Wirksamkeit des neuen Gesetzes im Besitze einer Hausierbewillirgung befinden. Von der in der vorigen Reichsratssession inparlamentarischer Behandlung gestandenen Regierungsvorlage unterscheidet sich der neue Gesetzentwurf im wesentlichen dadurch, daß er die Einschränkung des Hausierbetriebes in öffentlichen Lokalen und die Ausschließung noch anderer als der im Gesetze aufgezählten Gegenstände vom Hausierhandel durch die Behörden vorsieht, die Ueberprüfung und eventuelle Abänderung der von Landesbehörden genehmigten Hausierverbotsbeschlüsse der Gemeindevertretungen durch den Handelsminister zuläßt, und die Bezeichnung jener Gegenden, deren Bewohner gemäß § 16 bezüglich des Hausierhandels Begünstigungen eingeräumt werden sollen, dem Verordnungswege überläßt. Der neue Entwurf kommt im Wesen den von dem Herrenhause und einzelnen Handelskammern geäußerten Wünschen entgegen und trifft die derzeitigen Inhaber von Hausierbewilligungen nicht so schwer, wie das vom Handelsminister Weiskirchner über Wunsch der christlich-sozialen Partei seinerzeit vorgeschlagcne Gesetzesprojekt.

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