Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 43 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 43 Hus der Presse. Die Juden und die Politiker. Dr. S. M. M e 1 a m e d, London, schreibt) in der „Welt“ u. a.: „Die Tatsache, daß Juden am politischen Leben der Völker in so hervorragendem Maße sich beteiligen, hat wenig gute und viel schlechte Folgen. Die christliche Umwelt weiß nidit, daß die meisten dieser jüdischen Politiker gar kein Verhältnis zu )ihrem feigenen IVolke haben. Kommt ein Augenblick, wo politische Interventionen zugunsten der Juden notwendig sind, so enthalten sich die christlichen Politiker dieser Interventionen, Weil sie in ihrer Naivität glauben, ihre jüdischen Kollegen würden intervenieren, und naturgemäß wollen sie diesen nicht vorgreifen. Manches christlidhe Mitglied des englischen Unterhauses hätte seine Stimme für die verfolgten russischen Juden erhoben, wenn das englische Unterhaus nicht 16 jüdische Mitglieder zählte. Das gleiche gilt gewiß für andere Parlamente. Diese jüdischen Politiker können und wollen nicht für ihre unterdrückten Stammesgenossen politisch eintretem denn sie wollen, da sie Juden sind, Ueber-Engländer sein, und alles vermeiden, was den Verdacht erregen könnte, daß sie nicht Vollblut-Engländer mit ausschließlich englischen Interessen seien. Hier ein Beispiel. Anläßlich der letzten Judenmetzeleien in Marokko ■wurde Lord Rothschild angegangen, sich für seine unglücklichen . Volksbrüder politisch zu verwenden. Er sollte Sir Edward G r e y ersuchen; für die marokkanischen Juden bei der französischen Regierung ein gutes Wort einzulegen. Es unterliegt auch keinem1 Zweifel, daß, da Marokko nicht Rußland ist, Sir Edward Grey Rothschilds Bitte nachgekommen wäre, aber Rothschild, der, obwohl er seinen Adel auf die Frankfurter Judengasse zürückführt, ein englischer Lord ist, antwortete: Als englischer Lord kann ich den marokkanischen Juden ein paar tausend Schilling schenken, nicht aber für sie politisch intervenieren. Ich hätte diese unerhörte Antwort nicht geglaubt, wenn ich sie nicht mit meinen eigenen Ohrenvon einem' Intimus Rothschilds auf einer kleinen Versammlung von englisch-jüdischen Notabein, zu der ich merkwürdigerweise auch eingeladen war, selbst gehört hätte. Die sogenannten jüdischen Politiker weigern sich, einer „Internationalen Gesellschaft“ selbst philanthropischen Charakters anzugehören, um1 nicht in den Verdacht der Aufrechterhaltung einer allgemeinen jüdischen Solidarität zu geraten. Als vor einem halben Jahre auf einer jüdischen Notabeln-Versammlung in London eine Vereinigung aller großen philanthropischen jüdischen Organisationen zum besseren Schutz der jüdischen Interessen vorgeschlagen wurde, lehnte der Abgeordnete für Whitechapel im Ünterhause, Mr. Samuel, jetzt S i r Samuel, im' Namen der offiziellen Londoner Gemeinde diesen Vorschlag mit der Begründung ab, die englischen Juden könnten sich nicht kompromittieren und nicht den Verdacht auf sich sitzen lassen, daß die Juden wirklich eine nationale Einheit bilden. Dabei ist dieser tapfere Sir Samuel ein jüdischer Abgeordneter, d. h. von einer jüdischen Mehrheitgewählt. Brechen aber irgendwo Progrome aus, und muß der Minister des Auswärtigen um Intervention angegangen werden, dann glänzen diese jüdischen Abgeordneten durch Abwesenheit, oder sie tun so, als ginge sie die ganze Sache gar nichts an. In vielen Fällen springen dann christliche Abgeordnete ein . . . Klagt man aber den Engländern gegenüber, daß die Lage der Juden in Ost-Europa, in Nord-Afrika und in Zentral- Asien unerträglich sei, dann verweisen sie immer 'auf die drei jüdischen Minister und auf die 16 jüdischen Mitglieder des Unterhauses, die infolge ihres Reichtums großen Einfluß, sowohl auf die Partei, als auf die Regierung haben. Was bringen uns diese jüdischen Politiker? Unglück und nochmals Unglück. Da sie eingefleischte Assämilanten sind, mißbrauchen sie ihren Einfluß zur Bekämpfung des Zionismus. Waren es nicht diese Leute, die jahrelang ihr Bestes getan haben, um1 unsere Bank zu diskreditieren? Haben nicht diese Assimilanten Herzl in der perfidesten Weise verfolgt und ihn der niedrigsten Absichten geziehen? Und war es nidit Lord Rothschild, der Peer des Vereinigten Königreiches und Mitglied des House of Lords, der,'.' um' die-russischen Juden in Whitechapel gefügig und für seine Politik nutzbar zu machen, öffentlich erklärte, die russischen' Juden entzögen sich dem Militärdienst und desertierten massenweise?- Kann sich Purischkewitsch auf einen besseren Kronzeugen berufen, als auf den „ungekrönten Judenkönig“? Und schließlich sei noch folgendes bemerkt: Man wirft der liberalen englischen Regierung vor, daß sie mit dem reaktionären Rußland einen Pakt geschlossen und damit die Unterdrückung der Fremdvölker stillschweigend gebilligt habe. Sitzen nicht in dieser liberalen Regierung drei Juden und beteiligen sich' nicht drei jüdische Minister an allen Regierungsgeschäften, aüch an der englischen auswärtigen Politik? Hat schon jemand von uns einmal an die Folgen dieser e Beteiligung dreier Juden an einer Regierung, die irussophile Politik' treibt, gedacht? Wie soll Rußland den Protest mancher westeuropäischen Juden gegen die Unterdrückung der Juden im Zarenreiche ernst nehmen, wenn drei jüdische Minister in England die Politik der Triple-Entente und der Verhätschelung Rußlands mitmachen? Darf ein ehrenhafter jüdischer Politiker, selbst wenn er kein Nationaljude ist, einer Regierung angehören, die mit Rußland verbündet ist? Was die Engländer selbst von der Ehre dieser Juden halten, ist neulich zutage getreten, als englische Juden, Freunde und Verwandte der jüdischen Minister, Grey gebeten haben, er solle sie bei Sasonow einführen. Er hat dies abgelehnt, nicht trotzdem, sondern weil drei Juden seine Kollegen im' Kabinett sind. Solange dies nicht der Fall war hat England für die Juden eher etwas übrig gehabt .... i Nein, diese jüdische Politik ist zu dumm'. Sie schadet uns nach innen und außen und bringt uns Schande und Spott Wenn Juden nicht den Mut haben, als jüdische Politiker aufzutreten, (z. B. Mr. Samuel, der Abgeordnete für Whitechapel) oder wenn sie das nicht können, dann sollen sie öffentlich erklären, daß sie mit dem' Judentum1 nichts zu tun haben, damit das Judentum1 für sie und für ihre Dummheiten nicht veranwortlich gemacht werden kann. Dann werden sie auch nicht als Juden auftreten können, wo es gilt, unsere nationalpölitischen Pläne zu durchkreuzen, sie werden eben nicht mehr als Führer des jüdischen Volkes angesehen werden. Sollten sie sich aber weigern, daszu erklären, so werden wir uns eines Tages gezwungen sehen, dies selbst zu tun, um1 weiteres Unglück zu verhüten . . . .“ Ein Täufling als Kandidat der Fortscfirittsjuden. Die liberalen Juden kandidieren im' jüdischesten Wahlkreise Preußens den bekannten Taufjuden Sanitätsrat Dr. M u g d a n. Diese Charakterlosigkeit wird in der nichtjüdischen Presse gehörig beleuchtet Der sozialdemokratische „Vorwärts“ schreibt: „Bis zu welchem Grad die fortschrittlichen Juden Berlins ihre Selbstentmannung treiben können, und Was andererseits diesen Mannesseelen von der Leitung ihrer Partei geboten werden kann, davon legt die Aufstellung des Sanitätsrates Dr. Mugdan als Kandidat für die Abgeordnetenwahl Zeugnis ab. Bekanntlich hat der Sanitätsrat Dr. Mugdan die Heilswahrheiten der christlichen Kirche durch die Taufe erst im1 reifen Mannesalter erkannt und zufällig gerade zu einer Zeit, als die antisemitische Hochflut der Fortschrittspartei die Aufstellung jüdischer Kandidaten nicht mehr opportun erscheinen ließ. Den' Wissensdurstigen könnte der fortschrittliche Abgeordnete Dr. Eickhoff nähere Mitteilung machen. Vor uns liegt die Abschrift eines Briefes des Sanitätsrates Dr. Mugdan, worin er zugibt, erklärt zu haben, daß er bei einer Stichwahl zwischen Stöcker und einem' Sozialdemokraten für Stöcker eintreten wolle. Diese Erklärung sei aber nicht öffentlich, sondern in Bekanntenkreisen abgegeben worden. . . . “ Die Berliner Zeitung. „Welt am' Montag“: „Dr Mugdan, der Albert Trägers Nachfolger im' Landtage werden soll, ist öffentlich und auch im Reichstage wegen seines angeblich nicht ganz kompletten Religionswechsels angeredet worden. Die Aufstellung zum' Landtage gibt Anlaß, auf die Angelegenheit zurückzukomfnen und eine „kleine Anfrage“ an den Herrn Kandidaten zu richten. Die „Weser-Zeitung“ hat vor längerer Zeit eine Stelle aus dem' Briefe eines damals im Reichstage sitzenden Mannes veröffentlicht, die so lautet: „Ich habe nie aufgehört, mich als Jude zu fühlen und werde es auch in Zukunft weiter tun, trotz meines Austritts.“ Als der Autor dieses Briefes wird allgemein Herr Dr. Mugdan bezeichnet, der doch im Reichstage eine „Verletzung seines christlichen Gefühls“ beklagt hat. Herr Dr Mugdan Wird gewiß erfreut sein, 'daß wir ihm Gelegenheit geben, sich zu der Verbindung von christlichem Gefühl und jüdischem Gefühl, die ihm' das Gerücht nachsagt, zu äußern.“ Die Hapfdiauep Depufieptenwahl. Durch die Wahl von 46 jüdischen Wahlmännern liegt die Entscheidung - über das Warschauer Mandat bei den Juden, welche jedoch angesichts der verworrenen lokalen Verhältnisse noch keinen Beschluß über ihre Haltung am Wahltage gefaßt haben. Noch vor den Urwahlen haben . die Juden beschlossen, aut das Warschauer Mandat zu verzichten, damit die Hauptstadt' des Königreiches von einem Polen vertreten . sei. An diesem 'Beschlüsse wollen die Juden festhalten, suchen aber vergeblich nach einem entsprechenden polnischen bürgerlichen Kandidaten, dem sie als Juden ihre Stimmen geben könnten. Der von den Polen.kandidierte Kucharzewski bekannte sich als Anhänger von Ausnahmsgesetzen gegen die Juden. Es ist klar, daß die Juden einen derartigen M.enschen nicht wählen ' können. Die anderen„progressiven“ polnischen Kandidaten sind ebenso antisemitisch wie Kucharzewski. In dieser verzwickten Lage ist es. wojil am entsprechendsten,, den Rat des ‘ Warschauer V.Fraiffd“ zu befolgen und einen ~Ar- ’ beiterkandidaten zu wählen, der die verhältnismäßig sicherste Gewähr bietet, daß er. nicht judenfeindlich vorgehen wird. Zionismus und Assimilation. In der abgelaufenen Woche beherbergte die Wiener zionistische Partei in ihrer Mitte das Mitglied des Engeren zionistischen Aktionskomitees, Herrn Dr. Schemarjahu Lewin, welcher den Wiener Zionisten sowie der gesamten Wiener Judenschaft längst kein Unbekannter ist. Dr. Lewin, welcher einige Monate in Palästina verbracht hat, um die Vorbereitungsarbeiten für das Technikum in Haifa zu organisieren, gönnte sich nach seiner Rückkehr kaum einige "Wochen Ruhe und begab sich auf eine Agitationstournee, welche ihn über Prag und Wien nach Budapest führte. Am 19. Oktober sprach Dr. Lewin in Prag in einer 2000 Besucher zählenden Versammlung und .am 20. Oktober referierte er in Wien über „Zionismus und Assimilation“. Der Saal des Hotel „Zentral“, in welchem die Versammlung stattfand, war vor Beginn derart überfüllt, daß viele Hunderte keinen Einlaß finden konnten. Der Obmann des innerösterreichischen DK., Herr Ludwig Bat6, eröffnete die Versammlung und begrüßte den Vortragenden namens der Wiener Parteileitung. Das von Dr. L e w i n behandelte Themai gehört wohl zu den meistbesproehenen, und doch wirkten die Ausführungen des Referenten durch ihre Wucht und Klarheit so mächtig, daß der Unterschied zwischen dem aktiven, ethisch' und schöpferisch hochstehenden jüdischen Nationalismus und der innerlich verlogenen, theoretisch nicht stichhältigen, kulturell verwerflichen jüdischen Assimilation sich geradezu sinnfällig offenbarte. Raummangels wegen sind wir leider nicht in der Lage, die Ausführungen Dr. L e w i n s! wörtlich wiederzugeben. Möge folgende kurze Disposition den Gedankengang des ausgezeichneten ^Referats, veranschaulichen. Der moderne Antisemitismus ist nicht ein Produkt der ungebildeten, unkultivierten Volksmassen, sondern findet seinen Ursprung in den Werken der von den Nichtjuden am meisten geachteten arischen Gelehrten und Geistes - heroen. Mommsen, Hartmann,, Renan sind gewiß keine Radauantisemiten und doch lehnen sie das Judentum entschieden ab. Maßgebend für diese Haltung der nichtjüdischen Welt, sind nicht etwa jüdische Laster, sondern auch jüdische Vorzüge. Man übersieht nämlich, — um ein drastisches Bild zu gebrauchen — daß der Haß zwischen Nüchternen und Betrunkenen gegenseitig ist. Die jüdische Eigenart ruft den Widerstand der Umgebung hervor, und der Antisemitismus argumentiert, daß die Juden verschwinden müssen; weil sie ein eigenartiges Volk sind. Dieser Maxime begegnet die Anschauung der ■ Assimilation, welche ein-Kind der Angst ist, durch dieNegation der Prämisse und vermeint damit dem Antisemitismus die Grundlage entzogen zu haben. Dje Assimilation leugnet die Eigenart des jüdischen Volkes und glaubt nunmehr der Widerlegung des antisemitischen Kernsatzes, daß die Juden verschwinden müssen, enthoben zu sein. Durch dieses Verhalten gibt aber die Assimilation dem Antisemitismus recht und der Unterschied zwischen beiden ist zeitlicher Art. Denn beide sind einig in der Forderung, daß die jüdische Eigenart verschwinden müsse. Nur meinen die Assimilanten, daß diese Forderung schon erfüllt sei, während die Antisemiten diese Erfüllung in die Zukunft verlegen. Prinzipiell unterschieden sind Zionismus und Antisemitismus. Von dem gemeinsamen Grundsätze, daß die Juden ein Volk sind, ausgehend, zieht der Zionismus die Konseuqenz, daß diese Eigenart erhalten werden solle. In geistreicher Weise schilderte Dr. Lewin einerseits die demoralisierende Wirkung der Assimilation, andererseits die erzieherische des Zionismus. Mit einer farbenglühenden, von echter Begeisterung getragenen Schilderung der Verhältnisse in Palästina schloß der Vortragende sein mit stürmischem Beifall belohntes Referat. Hus dem jüöiiifien Leben. Gründung einer landwirtschaftlichen Mittelschule in Palästina. P e t h a c h - T i k w a h: Auf Initiative des hebräischen Schriftstellers Jakob Rabinowitz haben sich mehrere Einwohner unserer Kolonie entschlössen, die Gründung einer landwirtschaftlichen Mittelschule zu unternehmen. Zu der ersten größeren Besprechung haben sich ca.' 50 Kolonisten, darunter die hiesigen Agronomen Apfelbaum, Pascal und Cohn, eingefunden, die sich sämtlich mit dem Projekt einverstanden erklärt und auch Beiträge zur Sicherstellung des ersten Jahresbudgets gezeichnet haben. Da die Kinder in Pethach-Tikwah die Schule in der Regel im 14. Lebensjahr verlassen, also in einem Alter, in welchen sie zu den Arbeiten des Pflanzungsbaues, der in Pethach-Tikwah verherrscht, nicht herangezögen werden können, so 'ergab sich für die hier in ziemlich großer Zahl vorJ