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Jüdische Zeitung · 1912-11-01 · 43 (1.11.1912) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
43 (1.11.1912)
Date
1912-11-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 43 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Die Rrteit Oer juöifdien Wohltätighelfsanstalten in Palästina. Die Zeitschrift „Palästina“ bringt in ihrer letzten Nummer (9/10) eine übersichtliche Zusammenstellung der Berichte der größeren Wohltätigkeitsanstalten in Palästina für das Jahr 1911. Es drängt sich von selbst ein Vergleich auf, wenn auch durch die mangelnden Ziffern im JCA-Bericht und die spärlichen Details des Allianceberichtes ein Näherer Vergleich nicht möglich ist. Jedenfalls ersieht man, daß die Arbeit des „Hilfsvereines der Deutschen Juden“ eine außerordentlich nützliche ist. Von jeder Schule werden die genauesten Detailberichte gegeben und überall sieht man, daß im Gegensatz zu dem bekannten Urteil Philippsons über das Wirket! der Alliance der Hilfsverein die unmittelbaren praktischen Bedürfnisse der ortsansässigen Bevölkerung berücksichtigt. So tragen seine Schulen im eminenten Sinne zur Hebung der Lage der orientalischen Juden bei. Der Bericht weist einen Aufwand von M 158.000.— für Palästina und Syrien (Beirut) aus, wofür 29 Schulen und Spitäler subventioniert resp. erhalten worden sind, erstere mit 2641 Schülern. Der Bau des Technikums schreitet rüstig fort, auch für den Betrieb sind schon Mittel gesammelt worden. Gegenüber diesem Bericht macht jener der Alliance einen schlechteren Eindruck. Ueber die prinzipiellen Gravamina, die wir gegen die Auslassungen des Berichtes vorzubringen haben, sprachen wir schon an dieser Stelle. Die Alliance gibt, im1 Gegensatz zum Hilfsverein keinerlei Berichte über ihre Schulen und begnügt sich mit einer einfachen Zifferntabelle. Nach dieser hat sie in Palästina allein (also ohne Beirut) 11 Anstalten mit Frs. 87.600.— subventioniert, welche von 1753 Kindern besucht wurden. Der Hilfsverein hat also, trotzdem er nur wenige Jahre in Palästina arbeitet, die Alliance, welche schon 50 Jahre (!) besteht, um fast das Doppelte an Leistungen überflügelt. Kein Wunder, wenn die Gerüchte, daß die Alliance sich aus Palästina zurückziehen will, nicht verstummen wollen;. Die Alliance wollte immer die große Wohltäterin sein, die Gnaden austeilt, nach dem' veralteten System der Philantropie. Heute sieht sie sich in Palästina vom; Zionismus und Hilfsverein in den Leistungen überflügelt, um jede Popularität gebracht, heftiger Kritik ausgesetzt, deren Berechtigung — siehe die Frage des hebräischen Unterrichts, — sie selbst nicht mehr leugnen kann. Es könnte nicht Wunder'nehmen, wenn der würdigen alten Dame diese Situation etwas unheimlich werden und sie Anstrengungen machen würde, sich davon zu befreien. Kleines Feuilleton. Das kulturhistorische Problem des Judentums. Immer häufiger werden die Aeußerungen christlicher Denker zum Judenproblem. Haben früher nur Antisemiten das Wort ergriffen, so hat die kräftig aufstrebende zionistische Bewegung es bewirkt, daß objektive christliche Gelehrte, die sich früher scheu zurückhielten, da sie nicht ins Horn der Antisemiten stoßen wollten, andererseits im Judentum keinerlei lebendige Kraft mehr tätig sahen, nun anfangen, ihre Stellung zum Judentume zu präzisieren. Hiebei wurden sie durch ihre Gründlichkeit von selbst darauf geführt, daß die vieltausendjährige, ununterbrochene Entwicklung des Judentums ein außerordentlich starkes Interesse verdient. Die letzten Aeußerungen von Sombart und Avenarius und die Stürme, die sich daran knüpften, sind noch kaum verklungen, und da lassen sich schon wieder neue Stimmen hören. Unter diesen verdient eine besonders hervorgehoben zu werden. Dr. Ernst Bernhard spricht in dem Oktoberheft der von Dr. Ludwig Stein herausgegebenen Berliner Monatsschrift „Nord und Süd“ in kurzen, aber sehr inhaltsreichen Worten über „Das kulturphilosophische Problem des Judentum s“. Anknüpfend an Sombart, fragt sich Bernhard, welche Kräfte es waren, die die Juden aufrecht hielten. Er sieht in der Kontinuität der jüdisch'en Geschichte den Zentralpunkt-des jüdischen Geistes. Je härter der Druck, desto mehr haben die Juden an ihrer Eigenart Der Bericht der JCA. ist zwar sehr vorsichtig abgefaßt, läßt auch keine energisch vorwärts schreitende Tätigkeit erkennen, immerhin geht aus ihm1 hervor, daß die JCA., wenn auch vorsichtig und bedächtig, doch in gutem Sinne arbeitet. Sie unterstützt die Kolonisten, wo sie durch schlechte Ernten in Not geraten, doch muß alles abgezahlt werden und sie drängt die Kolonisten, sich auf Grund sehr günstiger Bedingungen vollständig selbständig zu machen, d. h. den Boden gegen tangsame Abzahlung ins Eigentum zu erwerben. Dabei wird dem heutigen unsicheren Zustand ein Ende gemacht und durch Verträge die gegenseitigen Verpflichtungen der JCA. und der Kolonisten genauest festgesetzt. Die Kolonisten um Tiberias haben schon solche Verträge geschlossen, auch ist mit dem Winzersyndikat ein Abkommen getroffen worden. Dieses Vorgehen der JCA. ist aufs allerwärmste zu begrüßen. Der Zustand, daß die Kolonisten nicht recht wußten, ob der Boden auch faktisch ihnen gehört, respektive ob sie nicht von dem bebauten Boden wieder entfernt werden können, wirkte lähmend auf die Energien. Andererseits war die stille Hoffnung, den Boden gratis überlassen zu bekommen, durchaus kein Motiv für die psychologische Hebung der Kolonisten. Auch die Genauigkeit der JCA.-Berichte über die Erträge und sonstige Daten zeigt, daß ihre Administratoren gewissenhafte Leute sind. So ist zu hoffen, daß die JCA. trotz ihrer tausend Vorbehalte, doch wieder größere Mittel in das Palästinawerk stecken wird, dessen Gedeihen ihr Vorsitzender trotz seines Hervorhebens der enormen Schwierigkeiten anerkennen mußte. Zum Schluß wird von der Zeitschrift noch der Bericht der deutsch-holländischen Chalukaverwaltung besprochen. Auch bei dieser ist ein großer Fortschritt zu verzeichnen. Die fortwährende Kritik scheint doch genützt zu haben, denn die kleinen Unterstützungen wurden abgeschafft und der Prodüktivmachung der Bevölkerung ein steigender Teil der Ausgaben gewidmet. So sehen wir, daß unter dem Einfluß des aufstrebenden nationalen. Lebens in Palästina auch in die Tätigkeit der Wohltätigkeitsinstitute, die früher ganz im Sinne einer unzeitgemäßen Philantropie vorgingen, ein neuer Zug gekommen ist. Ein Gewinn, der auf das Konto der umwälzenden Kraft des zionistischen Gedankens zu setzen ist. Die „Hgudath Israel'*. Bekanntlich ist kürzlich in Kattowitz ein Komitee zur Organisierung der orthodoxen Juden der ganzen Welt gegründet worden. Dieses Komitee veranstaltete Vor zwei Wochen in Frank¬ und an dem Glauben;, an ihre Bedeutung, Mission, Ideale etc. festgehalten. „Dieser durch nichts zu erschütternde Glaube an etwas, was jenseits aller sinnlichen Wahrnehmung liegt, hielt sie aufrecht.“ Familienliebe, Reinheit, Enthaltsamkeit sind nur sekundäre Faktoren als Mittel zum Zweck der Erhaltung und historischen Kontinuität. Jener Glaube, sagt Bernhard, findet seinen Stützpunkt im Gottesgedanken. In ihm findet der jüdische Geist seinen letzten Einheitspunkt, der als ein ganz ideales Gebilde allen Anfechtungen von außen entzogen ist. Daher kommt es auch, daß erst nach Zerstörung von Tempel und Reich, also das Verschwinden alles dessen, was in der anschaulichen Wirklichkeit liegt, erst die Erfüllung des jüdischen Wesens bringt. Mit sehr feinsinniger Logik fährt der Autor fort: „Indem der Geist sich an dieser abstraktübersinnlichen Idee emporrankt, bedarf das jüdische Daseinsgefühl als Gegensatz gewisser fester Punkte und klarumrissener Formeln, um nicht sozusagen in der Luft zu schweben“. Daher der Familiensinn, (die strenge Gesetzerfüllung. Dadurch erhält das Lebensgefühl der Juden „immer eine gewisse Ruhe und Sicherheit, so daß die frei werdenden Energien sich ganz auf die überempirischen Werte und Ideale richten können“. Dieser unerschütterliche Glaube erlaubte es den| Juden, in allen Fragen des äußeren Lebens, in Staat, Gesellschaft und Kultur die weitgehendsten Zugeständnisse zu machen. „Sie können eben alle Forderungen, die in nationaler Hinsicht an sie gestellt werden, voll erfüllen, weil sie ihr Wesen nach einem ganz jenseits des sinnlichanschaulichen Daseins gelegenen Pol ausgerüstet haben.“ ' furt, dem Hauptsitz der Orthodoxie, zwei Plenarversammlungen. In diesen wurde erklärt, daß die „Agudath“ alle gesetzestreuen Juden auf dem Erdenrund umfassen will und daß alle Mitglieder aktives und passives Wahlrecht haben. Auch in sonstigen organisatorischen Bestimmungen zeigt sich eine Nachbildung der zionistischen Formen. Bezüglichder praktischen Arbeit wurde unter anderem beschlossen, auch einen Palästinafonds zu sammeln. Die neue Vereinigung ist der erste Versuch, aus den orthodoxen Juden mit Hilfe moderner Organisationsformen eine innerjüdische Macht zu gestalten. Bisher sind alle ähnlichen Versuche von vornherein aussichtslos gewesen, weil nirgends eine solche innere Zerklüftung und Spaltung herrscht, wie im orthodoxen Judentum! Sollte aber diesmal die Vereinigung zustande kommen, dann wird ihr Einfluß bald auf allen Gebieten des jüdischen Lebens zu spüren sein. Die zionistische Organisation steht bekanntlich auf dem Standpunkt, daß sie rein politische Zwecke verfolgt und daher in Religionsfragen neutral ist. Hoffentlich wird es nicht dazu kommen, daß die Agudath die Tatsache, daß der zionistischen Organisation zur Mehrzahl nichtorthodoxe und zum Teil freidenkerische Elemente .angehören, zu Angriffen auf dieselbe verleitet. Diesfalls würde es doch unausweichlich sein, daß innerhalb des Zionismus eine klare Auseinandersetzung über die religiöse Frage stattfindet. flberwindet alle Schwierigkeiten. Eine noch nicht bewusst ansgenutzte Energiequelle ist das ins Kaiiee enthaltene Koffein. Es ist ein Freund des Mensdhen, denn es regt seine gute Laune, seine Phantasie, sein Gedächtnis und seine Tatkraft mächtig an. Aber nur richtig gerösteter Kaffee zeigt keine üblen Nachwirkungen. Richtig gerösteten und immer irischen Kaffee kauft man bei Julius MEINL, JEtfies-Lnport Gegründet 1862. „Die Tendenz zum Abstrakt - Unsinnlichen kommt bei den Juden auf vielen Gebieten zum Ausdruck: die Befähigung für Handel und Geldwirtschaft, für das Rechnen mit quantitativen wirtschaftlichen Werten bildet nur eine ihrer Steigerungen und folgereichsten historischen Offen-, barungen. In der Religion bringen die Juden den monotheistischen Gottesbegriff auf.“ Das Durchringen zu diesemerfolgte schneller wie bei den anderen Völkern, wobei das geografisch-soziale Milieu eine gewisse Rolle gespielt haben dürfte. Der Autor schließt mit den Worten: „Die Kraft und moralische Energie, mit der alle geistigen Eigenschaften festgehalten und verteidigt werden, läßt sich aus den physisch-sozialen Faktoren niemals erschöpfend ableiten. Die Juden haben die semitische Geistigkeit am reinsten, konsequentesten entwickelt. Von hier aus ist das Problemihrer historischen Kontinuität zu erklären, von hier jener Heroismus im spernere se sperni, den Nietzsche an ihnen bewunderte und der jenem Idealismus entsprang, dessen^Bedeutung in diesen Zeilen darzulegen gesucht wurde.“ Wie man sieht, geht der Autor doch auf die Rassenbegabung als letzte Ursache zurück, worin wir ihm beistimmen können. Auch die Erklärung ihres Rationalismus, die übrigens nicht ganz neu ist, als Schutzpanzer für ihren Idealismus ist gewiß sehr richtig. Es fragt sich nur, wenn man diese Gedankengänge akzeptiert, wie nach dem Schwinden der Religiosität das Judentum bestehen bleiben kann, ob nicht der Zionismus die instinktiv erfaßte Rettungsidee des seiner bisherigen ideellen Erhaltungskraft beraubten Judentums ist O O

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