Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 43 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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T « Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 43 Aufnahmen, die Dr .Kann in den Naturfarben nach dem Lumiere’schen Verfahren gemacht hatte, bewundert. Die Vergrößerung, die bei der Projektion naturgemäß stattfand, ließ erkennen, wie scharf die Bilder sind, denn auf der Projektion kamen auch sonst nicht bemerkte Details zur Geltung. Vor und nach dem Vortrag wurden von dem1 Bilderwerk zahlreiche Exemplare verkauft. Wenn die Lichtbilder jetzt die Runde durch die jüdische Welt machen werden, so wird dies .die beste Propaganda für die zionistische Palästinaarbeit sein, die je veranstaltet wurde. Wir beglückwünschen Dr. Kann, .daß er imstande war, dies bedeutsame Werk zum Nutzen unserer großen Sache zu schaffen. Rundschau. Von der wehrhaften Weiblichkeit. Zwei Aktionen, die kürzlich von Frauenrechtlerinnen unternommen wurden, verdienender Kuriosität halber erwähnt zu werden. In Glasgow wurde ein Frauenmeeting abgehalten, bei welcher Gelegenheit eine Führerin der englischen Frauenbewegung eine Hetzrede gegen die Juden vortrug. Sie bezeichnete die Juden als „bösartige, fremde Eindringlinge, welche man aus dem Lande jagen muß, weil sie die englischen Frauen knechten.“ Die Rede wurde von den geknechteten Engländerinnen enthusiastisch und von der Tagespresse sehr sympathisch auf-, genommen. Die Enthüllung, daß wir Juden speziell und ausgerechnet auf die ' Knechtung der. Engländerinnen versessen sind, ist jedenfalls neu. Hoffentlich wird die wackere Miß nächstens der Oeffentlichkeit mit Belegstellen aus den Propheten und dem Talmud aufwarten. Die englischen Frauenrechtlerinnen sind in arger Laune. Sie wurden in letzter Zeit von Ministern hinausgeworfen, von Richtern eingesperrt und vom 'Publikum verprügelt, also werfen sie sich wütend auf die armen jüdischen Teufel im Ostend. Und da sag noch einer, daß die weibliche Logik nicht bezwingend ist! — Ebenso folgerichtig und zielbewußt mutet auch eine Kundgebung an, welche die deutschen Frauenrechtlerinnen vom Stapel gelassen haben. In dieser Kundgebung wird ' gegen die Grausamkeit der Juden bei der Behandlung des Schlachtviehs protestiert und ein Verbot des rituellen Schächtens gefordert. Der Umstand, daß diese Resolution von Jüdinnen unterzeichnet ist und Jüdinnen in der Zeitungsdebatte über diese Angelegenheit den Standpunkt der Resolution eifrig verfechten, sei als pikantes Detail hervorgehoben. Die Damen scheinen für die Freiheit aller geknechteten Weiber gründlich ausgesorgt zu haben und erstrecken nun ihre Fürsorgetätigkeit aufs liebe Vieh. Die größten wissenschaftlichen Autoritäten, darunter Virchow, haben sich für das rituelle Schichten ausgesprochen, so eindeutig, daß im Deutschen Reichstage selbst antisemitische Gruppen ihre Forderung nach dem Verbote aufgegeben haben. Erst im vorigen Jahre wurde anläßlich der Verhandlungen über das Schächtverbot im deutschen Parlament die Materie in wissenschaftlich einwandfreier Weise durchgearbeitet. Aber so was geniert eine echte, rechte Frauenrechtlerin nicht Logisches Denken und objektives Prüfen gehört wohl zu .den Männerrechten, auf die sie keinen Anspruch erhebt. In reizender Unmotiviertheit und mit bezaubernder Verständnislosigkeit drischt sie mit ihren Fäustchen aufs Schächten los. Speziell Jüdinnen sollten es sich' doch überlegen mit den allerrüdesten Judenfressern in ein Horn zu blasen und gegen einen Brauch Sturm zu laufen, der niemandem schadet und von hunderttausenden als heilig gewahrt wird. Und wenn schon durchaus fürs Vidi etwas getan werden muß, warum' gerade nur für Ochsen, Schafe und Kälber? Warum nicht für die armen Kreaturen, deren Leichen von den edlen, warmfühlenden Frauenrechtlerinnen bei allen Versammlungen auf den Köpfen und an den Leibern getragen werden? Warum nicht für die armen ■Vöglein und kleinen harmlosen Pelztierchen, die in Schlingen und Fallen langsam' und piätvoll sterben müssen, damit sich die verehrlichen Gegnerinnen des rituellen Schächtens in die Häute einwickeln können? Unglaubliche Verirrungen. Mit Empörung muß man von einer Mitteilung des Hamburger Israelitischen Familienblattes Kenntnis nehmen, in der eine ganz ungeheuerliche Geschichte aufgedeckt wird, die leider wahr zu sein scheint. Das genannte Blatt schreibt: Die Börsenkurse am Sabbat. Die Verlagsbuchhandlung Max Altmann in Leipzig verbreitet einen Reklameprospekt, in welchem es wörtlich heißt: „Geehrter Herr! Ich möchte nicht verfehlen, Sie auf eine kürzlich in meinem Verlage erschienene Schrift aufmerksam zu machen, welche für Sie besonderes Interesse haben dürfte. Dieselbe heißt: Die Börsenkurse am Sabbat. Schlüssel, nach dem' göttlichen Weltschöpfungssystem an der Börse zu operieren. Eine kabbalistische Studie von Wajinofasch. Preis Mk. 3.10. Dann heißt 'es wörtlich weiter: „Der Verfasser legt in dem1 Buche dar, daß der Ewige auch heute noch für die Angehörigen seines auserwählten Volkes, soweit sie sich der strengen Heiligung des Sabbats befleißigen, Wunder wirkt. Aus religiösem1. Interesse dies der Welt zu offenbaren und zu beweisen', da!s ist der ausschließliche Grund, der den Autor zur Herausgabe seiner Schrift und damit zur Preisgabe seines Geheimnisses veranlaßt hat. Wer die Ratschläge des Verfassers im rechten Sinne befolgt, wird im hohen Maße Glück und Segen ernten. Durch die Anwendung seines Systems sind ihm an der Börse bereits große Summen zugeflossen.“ Weiter sagt der Altmannsche Prospekt: „Zur näheren Charakterisierung des Buches, sowie seines Wertes mögen die nachfolgenden Gutachten sowie Besprechungen seitens einiger Rabbiner dienen.“ Nach der Behauptung der Ver- Tagsbuchhandlung finden sich in diesen „Gutachten“ folgende charakteristische Stellen. Rabbiner A. Fischer in Karlsburg schreibt: „Dieses Werkchen enthält' eine Fülle geistreicher und bemerkenswerter Schriftdeutungen und es ist durchglüht von heiliger Begeisterung für den Sabbat und die Tendenz desselben, die Sabbatheiligung in Israel mehr zu verbreiten“ usw. In Nr. 21 der talmudischen Zeitschrift „Tel-Talpioth“ schreibt Oberrabbiner Gersön Stern in Marosh Ludos' (Ungarn): „Der Inhalt des Werkchens „Die Börsenkurse am Sabbat“ gipfelt darin, daß der Verfasser jenen jüdischen Börsebesuchern, die den Sabbat halten, rät, die Börsenkurse am' Sabbat sich zur Richtschnur für ihre Operationen zu machen und ihnen das Prognostiken stellt, daß sie dann glänzende Erfolge erzielen werden, da der Sabbat der Quell sei, dem der Segen für die ganze Woche entströmt . . .“ In ähnlichem Sinne äußert sich Oberrabbiner Josef Grünbaum' in Blasendorf. Er schreibt: „Ob ein Erfolg (von dem. genannten Schriftchen) zu erwarten sei? Meiner Ansicht nach entschieden ja! . . . Gelingt die Probe, und sie wird gelingen, so hat der Verfasser sein erhabenes Ziel erreicht. Mit Freuden würde ich derartige Werke, begrüßen, wenn ihre Tendenz welchen Geschäftszweig immer mit irgendwelcher vernachlässigter Toravorschrift in Zusammenhang bringen würde.“ In der Zeitschrift „Machsike Hadas“ in Lemberg vom' 6. Mai 1910 erstattet Oberrabbiner Chaim Scherute ein Gutachten über diese Schrift in Form1 einer Besprechung. Auch er begrüßt mit Freuden, daß vor einigen Monaten ein neues, den Glauben behandelndes Werk unter dem Titel „Die Börsenkurse am Sabbat“ erschienen ist. Natürlich macht das Hamburger Blatt einige kräftige, aber für unseren Geschmack noch viel zu sanfte Bemerkungen zu dieser unglaublichen Sache. Wenn irgend etwas geeignet ist, zu zeigen, in welchen Sumpf das Verharren im' Mittelalter führt, so zeigt dies jenes famoses Büchlein, aber noch mehr die Haltung von Rabbinern dazu! Kein noch so bösartiger Antisemit könnte Derartiges erfinden. Zur Wahrung der Ehre und Würde des Judentums ist es nötig, daß dieser Fall genau untersucht werde und die famosen Rabbiner zur Verantwortung gezogen werden. D a sollte die neue „Agudath Israel“ ihre Sporen verdienen und laut verkünden, daß sie mit solchen Leuten nichts zu tun hat. Sollte sie aber gegen die moderne Aufklärung zu Felde ziehen wollen, dann wird man ihr die Früchte mittelalterlichen Unbildung und Wahnvorstellungen an diesem’ Fall drastisch demonstrieren können. Ein Antisemitenblatt in England. Im1 vielgerühmten Lande der Freiheit ist kürzlich ein antisemitisches Blatt „Eye Witness“ (Augenzeuge) gegründet worden. Der Herausgeber, Mellock, ist ein Mann von abenteuerlicher politischer Vergangenheit, übrigens kein Engländer, sondern ein naturalisierter Franzose. Das Schlimme an* der Sache ist, daß die groen Tageszeitungen die Lügen des Blattes als „Kurosia“ abdrucken. Uebrigens hat neulich selbst eine so ernste bedeutende Zeitschrift, wie die „National Review“ das Märchen verbreitet, daß nur die „internationale“ Judenschaft an den deutschenglischen Annäherungsversuchen schuld wäre, welche den Tories, den Hintermännern dieser Review, nicht in den Kram' passen. Im allgemeinen werden von allen Seiten gerade die jüdischen Mitglieder der Regierung, namentlich der scharfsinnige Sir Rufus Isaaks angegriffen. Natürlich halten die englischen Juden den Antisemitismus als eine „vorübergehende“ Erscheinung und beachten ihn nicht weiter! Tout comme chez nouz. Aus dem judenfreundlichen Italien. Ebensowenig wie England und Amerika vom Antisemitismus frei sind, wie uns die Assimi- Ianten glauben machen wollen, die behaupten, mit der wachsenden Kulturhöhe eines Landes schwinde der Antisemitismus, ist Italien ein judenliebendes Land. Während des Krieges mit der Türkei wurden gegen die Juden die unglaub- - lichsten Vorwürfe erhoben. Die unfreundliche Haltung gewisser europäischer, Zeitungen schrieben selbst ernste italienische Blätter der Türkenfreundlichkeit ihrer jüdischen Redakteure zu. Kürzlich brachte der „Mattino“ (Neapel) eine Schauergeschichte, wie die internationale jüdische Finanz den Zionismus favorisiere, der die Juden zu einer Mittelmeermacht machen soll. Aus diesem Motiv haben. sie ihr Auge auf die Türkei geworfen, von der die JTO Tripolis haben wollte und um1 lieb Kind in der Türkei zu sein, haben sich die Juden gegen Italien verschworen usw. Eine Richtigstellung, welche der Herausgeber des „Corriere Israelitico“ einsandte, wurde nicht aufgenommen. — Solche Erscheinungen sind umso bedenklicher, als durch die Eroberung. Lybiens dem italienischen Reich nicht weniger als 10.000 Juden zugewachsen sind, indes gerade die zur Kolonisierung bestimmte süditalienische Bevölkerung so unwissend und ungläubig ist, daß sie solchen Schauergeschichten unbedingt Gehör schenken wird. RvisliirEinlätirig-Ereiuillige. Telefon: Stelle 6 von 3455. Wiftkowski & Nacht Nodif. Julius Ws Witwe Wien, IX., Berggasse 27. empfiehlt sämtliche Uniformierungs- und Ausrüstungs-Sorten für das k. k. Militär, Staats- und Eisenbahnbeamte, sowie für Einjährig-Freiwillige aller Branchen. Große Auswahl in Couleurbändern. Neuanschaffungen werden in kürzester Zeit effektuiert. \TICnDDI ÄMTMCPUr LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLSCHAFT JNl£ ULKLAJNIJlOVlIt WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. Im eigenen Palais.—Uersiiberfes Kapital zirka 380 Millionen. — Prämienreseroe zirka 113 Millionen.— Billigste Prämien und kulanteste Baflingungen. Engagiert jederzeit «tätige, leistungsfähige Bgenten gegen hohe Bezüge. Auskünfte erteilt Oie 6eneralagentsikaft Wien, 1., Bspernplatz 1 (Beiter: Dauiö Hebenzahl). Eür Ostgalizien u. Bukowina: SubOirehtion Gobi Taubes, Gemberg. j u