Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 43 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II^StefanlestraBe Nr. 12. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurfickgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. R 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 133.404. Telefon 22.075. ■ VI. Jahrgang Nr. 43. > Wien, Freitag, den 1. November 1912 GaliziMie Sorgen. Durch' die polnischen Teile Europas geht eine starke nationale Erregung. Der Druck, der in Preußen und Rußland auf das polnische. Volk ausgeübt wird,'hat die nationalen .Unabhängigkeitsbestrebungen unter dem1 polnischen Volk seit jeher in Spannung gehalten. In jüngster Zeit hat die erste Anwendung des preußischen Enteignungsgesetzes, sowie die Möglichkeit eines russisch-österreichischen Konflikts die nationalen Leidenschaften der Polen zur Siedehitze entflammt und der Zeitpunkt zur Wiederherstellung des polnischen Reiches durch! revolutionäre Aufstände während des erwarteten Krieges scheint vielen polnischen Patrioten nahe gerückt zu sein. Wir sind die Letzten, die nicht mit bedrückten Völkern Sympathie hätten, und wir würdigen gewiß die Kraft nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls. Insbesondere erscheint uns die zwangsweise Enteignung privater Grundbesitzer durch einen Staat, der als Hort des Eigentums- Brechts gilt, nls. .eine in friedlichen Zeiten unerhörte Maßregel, und auch, was russische Bedrückung ist, haben wir am Leibe der eigenen Nation nur zu bitter zu spüren, als daß wir die Erregung der Russisch-Polen nicht begriffen. Aber von dem Volk, das von edlem Freiheitsdrang so durchglüht ist, daß es bereit wäre, sich in ein gefährliches Unternehmen zu stürzen, das sicher in Blut erstickt werden würde, verlangen wir, daß es zuerst Selbst sich frei halte von .der Bedrückung einer anderen Nation, bevor es sich als Hort der Volksfreiheit proklamiere. Im1 polnischen Europa wohnen zweieinhalb Millionen Juden, welchen nicht nur alle nationalen Rechte versagt, sondern die auf alle mögliche Weise geknechtet und wirtschaftlich ruiniert werden. Gerade jetzt, w© selbst die galizischen Polen, obzwar sie nicht nur das Land, sondern sogar den Staat beherrschen und daher gewiß keinen Grund haben, sich gegen Oesterreich zu empören, von der Unabhängigkeitsbewegung ergriffen werden, gerade jetzt wollen sie einen tötlichen Streich gegen die in ihrer Mitte wohnenden Juden führen. Durch die Landtagswahlrefornr, die von ihnen geplant und in kürzester Frist wahrscheinlich ins Werk gesetzt werden wird, sollen die 900.000 Juden Galiziens gänzlich entrechtet werden. Trotz der in demokratischem Sinne erfolgenden Wahlrechtserweiterung will man den Juden selbst von den wenigen Mandaten, die sie nach dem1 jetzt herrschenden Wahlrecht haben, noch einige wegnehmen und damit wäre, für Jahrzehnte das Schicksal der Juden besiegelt. Es ist merkwürdig, daß mit Ausnahme der Poale Zion selbst die national gesinnten Politiker Galiziens. diese ungeheuere Gefahr anscheinend unterschätzen. Während für die jüdischen Wahlkreise und Mandate zum Parlament ein heftiger Kampf seitens der Nationaljuden geführt wurde, rafft inan sich zu einem' solchen für das tausendmal wichtigere Landtagswahlrecht nicht auf. Sollte am Ende die Gefahr unterschätzt werden? Das spräche von einer politischen Kurzsichtigkeit,' die wir den national gesinnten Juden Galiziens nicht Zutrauen wollen. In der Enquete, die wir vor einigen Jahren über die Abhilfe der galizischen Judennot veranstalteten, haben sich alle Experten dahin ausgesprochen, daß der einzige Weg, der fortschreitenden Entrechtung und wirtschaftlichen Expropriierung der gjalizischen Juden zu begegnen, der wäre, sie zu einem ihrer Zahl entsprechenden politischen Faktor zu machen, mit welchem die Machthaber rechnen müssen. Bei einer gerechten Landtägswahlreform müßten den Juden mindestens 20 Mandate zufallen, und damit ließe sich schon eine Politik, zumindest der Abwehr führen. Welche Rücksichten sollen aber die - Machthaber *hodr -• dävtm äBHaften’, "Von ihrer Politik gegen die Juden abzustehen, deren jüngste Etappe die Schänkeräffeire war, wenn sie die Juden politisch zu einer quantite negligeable herabgedrückt haben werden. Was können die Juden dann noch zur Abwehr tun? Die Hoffnung auf die Güte und 'den Edelmut der anderen ist in der Politik eine Dummheit, und daher ein Verbrechen. Diese Hoffnung ist die politische Weisheit der Assimilanten, die überall, aber am allerärgsten in Galizien zusammengebrochen ist. Das politische Credo der Nationaljuden gipfelt in der Einsicht, daß man in der Politik nur so viel Recht hat, als man Macht besitzt, was doch wirklich bloß das ABC .eines Politikers sein müßte. Lassen die Nationaljuden es widerstandslos geschehen, daß die Juden Galiziens im Lande endgiltig politisch entrechtet werden, dann kommen Zeiten für unsere östlichen Juden, die noch schlimmer sein werden, als die bisherigen. Wir erheben zum' letzten Mal in dieser Sache unsere Stimme. Möge sie nicht ungehört verhallen! Vorführung von „Palästina im Bild.“ Sonntag den 27. Oktober veranstaltete unser Verlag eine große Versammlung im „Hotel Continental“ zwecks Vorführung der Skiptikonbilder nach den Kann’schen Palästina - Photographien. Viele hunderte Zuhörer hatten sich eingefunden, darunter zahlreiche Nichtzionisten. Den einleitenden Vortrag hielt der Generalsekretär der zionistischen Weltorganisation, Herr Kurt Blumenfeld. In einstündiger fesselnder Rede legte er die Grundzüge der zionistischen Weltanschauung dar. Er sagte, daß die Zionisten, welche als Utopisten verschieen wären, in Wahrheit die einzigen jüdischen Realpolitiker, seien. Eine Utopie sei es vielmehr, von einer Wandlung der — anderen das Heil zu erwarten, wie dies die Assimilanten tun. Der Fehler derselben ist, daß, wenn sie von Kulturmenschentum sprechen, die wichtigste menschliche Beziehung übersehen: die Abstammung. Der erste große jüdische Kulturmensch, der sich darauf besann und sich die Frage vorlegte: Wie kann ich als Jude (der Abstammung nach) Kulturmensch bleiben, Theodor H e r z 1 kam zur Einsicht: Nur durch den Zionismus. Dieser ist ein Kulturgeschenk Europas an das jüdische Volk. .Der Redner sagte dann, daß alles Schöne auf Erden in der besonderen Eigenart der Erscheinungen liege. Diese Eigenart zu erhalten, sei daher Kulturforderung. Wenn die Assimilanten die zionistische Wahrheit nicht erkennen wollen, so liegt das darin, daß sie immer meinen, daß Ost »-und Westjuden verschiedene Schicksale hätten. Das ist gänzlich unrichtig. Redner legt, dies an einem1 Beispiel, der Wirtschaftsentwicklung dar: Die Juden seien erst nach Bruch mit dem Merkantilismus, dem staatsbevormundenden Wirtschaftssystems hinaufgekommen, als mit den napoleonischen Kriegen die individualistische Wirtschaftsweise siegte. Heutezeige sieb Th West und Ost durch Vergenossenschaftung und! Vergesellschaftung ein Verdrängen der Juden, die als Zwischenhändler in ihrer Funktion leicht ersetzt werden können. Die Wanderungen vom Dorf zur Stadt und vom Osten Europas nach Amerika nützen nicht mehr, weil die Juden da in hochentwickelte Wirtschaftsgebiete kommen, wo ihre spezielle kaufmännische Begabung jener der Umgebung nicht mehr überlegen ist. Daher ist nur der Zionismus der einzige reatpolitische Ausweg aus der gegenwärtigen Lage. Der Zionismus gestalte die Gesamtlage der Juden um, denn er schaffe die Vorbedingung zu ihrer äußeren und inneren Freiheit. Er stellt ihre Zukunft auf ihren eigenen Willen. Den Anderen gegenüber können wir nur durch Leistungen imponieren und ihre Achtung gewinnen. Der Redner spricht sodann über Palästina und sagt, daß seit Untergang des Reiches dort kein herrschendes Volk saß. Das Land gehört nach wie vor uns. Die gemeinsame Arbeit für Palästina schafft wieder ein Band um das ganze Judentum. Gegen die Hoffnungslosigkeit der Assimilation werde die Zukunftsfreude der Zionisten den Sieg erringen. Lebhafter Beifall belohnte den Redner für seine geistreichen Ausführungen. Sodann wurden die Lichtbilder vorgeführt, zu denen Herr Dr. Leo Kann selbst als verbindenden Text eine launige Schilderung seiner Reise gab, durchweiche erbewies, daß er ein trefflicher Beobachter der Verhältnisse war, was nach den Proben, die er für seine Beobachtungsgabe der charakteristischen Merkmale aller Erscheinungen durch seine photographischen Aufnahmen eigentlich als selbstverständlich erschien. Nur an wenigen Stellen seines Vortrages ließ Dr. Kann durchmerken, welche ungeheure Mühe und Strapazen es erforderte, die Bilder zustande zu bringen, in einem Lande, wo noch wenig Kommunikationen vorhanden sind und außerhalb der’ Städte und Kolonien nur spärliche Spuren von Zivilisation zu finden sind. Die herrlichen Bilder, die durch die Farbe nur gewannen, lösten den reichsten Beifall aus. Insbesondere wurden einige