Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 42 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 42 Ebenen in wogende Getreidefelder und steinige Hügel in fruchttragende Weingärten“. „Die jüdischen Kolonien bilden überall im Lande Kulturstationen. Sie erfreuen das Auge durch ihre anmutigen Anlagen, ihre einfachen, aber meist geschmackvollen Häuser und wohlgeordneten Straßen. Jede Kolonie hat ein geordnetes Gemeinde wesen, welches von einem gewählten Vorstande mit Verständnis geleitet wird. Synagoge, Schule und Apotheke fehlen in keiner Kolonie. 8 Kolonien haben ihre ‘eigenen Aerzte, die auch von den Bewohnern der Nachbarkolonien, sowie der benachbarten Araberdörfer konsultiert werden. 10 Kolonien besitzen neben guten 2 mehrklassigen Volks-, schulen auch Kindergärten, in denen die Zöglinge frühzeitig Hebräisch als zweite' Muttersprache und als Schulsprache erlernen. Die größeren Kolonien besitzen Gemeindesäle, in welchen oft gemeinverständliche literarische und populärwissenschaftliche Vorträge gehalten werden. Daran gliedern sich kleine Volksbibliotheken, ln jeder Kolonie werden Tageszeitungen und Fachzeitschriften in verhältnismäßig großer Anzahl und in mehreren Sprachen abonniert und gelesen“ . . . „Nur zwei Institutionen moderner Gemeinwesen fehlen in den jüdischen Kolonien, weil sie‘ hier völlig überflüssig sind: Polizei und Gefängnis.“ „Fortgesetzt bemüht, den Ertrag des Bodens zu steigern und dessen Bewirtschaftung lohnender zu gestalten, stellten die jüdischen Kolonisten unter großen Opfern an Zeit, Geld und Mühe verschiedene Versuche an, welche der palästinensischen Landwirtschaft überhaupt die Wege geebnet haben. Sie führten Kulturen ein, die der hiesige Bauer früher nicht kannte und bedienen sich bei der landwirtschaftlichen Arbeit stets der besten und modernsten Methoden. Hiedurch werden fortgesetzt die Interessen des Landes und seiner Bewohner in hohem Maße gefördert“. Dies führt der Autor näher aus: Steigerung der Bodenpreise, Aufblühen der Araberdörfer in der Nähe der jüdischen Kolonien, Aufschwung, des Handels, steigende Wein-, Orangen-, Mandelr, iund^Oplbaupi.ertpäge.tmcl; /Exporte, Versuche mit Tabak und Baumwolle. Der Autor schließt mit folgenden bemerkenswerten Sätzen: „Die jüdischen Kolonisten arbeiten mit Ausdauer und Fleiß an der Restauration des Landes, in welchem einst „Milch und Honig geflossen“. Daß aber der türkische Staat aus dem Aufschwung der Bodenkultur und der Hebung des Handels großen* Nutzen zieht, ist selbstverständlich. Er hat daher das größte Interesse daran, die jüdische, wie überhaupt jede europäische Kolonisation in jeder Weise zu ermutigen und zu fördern“. Preß gibt auch eine Tabelle über die Kolo- Kindern in die Verbannung nach der Stadt Lyon, wo sie beide starben. Dies war etwa 45 Jahre, nachdem sein Bruder Archilaos nach Frankreich verbannt wurde. Wenn auch nach obigen historischen Untersuchungen das französische Judentum stolz auf seine Abstammung sein kann, so weiß jedoch die Volkstradition den Ursprung eines Teils der Judenheit Frankreichs von weniger großem „Jichus“ abzuleiten. Die Ueberlieferung erzählt, daß mehrere römische Legionäre, die unter den Mauern Jerusalems kämpften, jüdische Mädchen mit sich schleppten und diese ehelichten. Als „Militäranwärter“ erhielten sie dann Wohnsitz in den Provinzen des Rheins, das ist Elsaß- Lothringen und Südfrankreich, angewiesen. Die Kinder der jüdischen Frauen wurden als Juden erzogen, und von ihnen stammt ein Teil der Juden des Elsaß und Südfrankreichs. In der Tat findet man, daß die jelsässischen Juden Namen trugen, die keineswegs jüdischen, vielmehr römischen Ursprungs sind, wie z. B. Armentarus, Freskus, Pharagorus-usw. Jene französischen Ueberpatrioten Cohen, Cohn, Cahn, Canne, Cahine, Levy und wie sie alle heißen mögen, speziell jene, die aus dem Elsaß eingewandert sind, sind daher vollkommen im Unrecht, wenn sie bei allen Gelegenheiten vom historischen Schnurrbart ihres Ahnherrn Vercingetorix schwärmen; sie' könnten mit weit größerer Berechtigung den' Donnerkeil Jupiters in ihrem Stammbaum führen. O O nien mit genauen Angaben und fügt eine Karte bei, die viel genauer gearbeitet ist, als jene von Trietsch, die ihr anscheinend zum Vorbild diente. Das Heft enthält überdies Besprechungen des Palästinahandbuches und anderer Publikationen von’ Trietsch, wobei der Referent, Pastor Eberhard, sehr begründete und von größter Sachkunde zeugende Anmerkungen macht, sowie die Anzeige von Auerbach: Palästina als Judenland. Das Urteil dps D. P. Vereines, der den Ruf strengster Wissenschaftlichkeit mit Recht genießt, über die jüdische Kolonisation in Palästina ist aufs höchste erfreulich und ermutigend und wird auch jene .überzeugen, die Schilderungen von jüdischer Seite als tendenziös und rosig gefärbt anzusehen geneigt sind. Engliftfie Angriffe gegen den Zionismus. Die Engländer und ihre Regierung haben bisher den zionistischen Bestrebungen gegenüber die wohlwollendste Haltung eingenommen. Umso unangenehmer mußte der Angriff gegen die, zionistische Bewegung berühren, welche der Konstantinopler Korrespondent der „Times“ kürzlich in diesem Blatte gegen die zionistische Bewegung richtete. Er machte sich das derzeit in England gebräuchlichste Schlagwort zunutze, indem er die Zionisten verdächtigte, daß sie Germanisatoren seien, also die Erb- und Erzfeinde Englands im Orient unterstützen. Dieser rein wahnwitzige Vorwurf, welcher das größte Aufsehen hervorgerufen hat, wurde nun von unserem englischen Gesinnungsgenossen Herbe’rt B e n t w i c h, Mitglied des Zionistischen Zentralkomitees, in der ,,Times“ selbst gründlich widerlegt. Wir wollen die interessante Polemik in dieser wichtigen Frage auch unseren Lesern zugänglich machen. Der Korrespondent der „Times“ schrieb: „Die Beziehung zwischen dem Zionismus und der Zunahme deutschen Einflusses ist von jüdischen Journalisten in der britischen Presse in Abrede gestellt, .worden, aber der Korrespondent des „ösmanischen Lloyd“ zögert nicht, ihr Vorhandensein z u ::b e k e n n e n. Er schreibt, daß die Dienste nicht genügend beachtet würden, welche sowohl .dem:. Deutschtum als auch dem türkischen f^eicjidur;cl) die, jüdischen . Ein^n--'1 derer1 geleistet werdenl Did wirtschaftlichen Interessen deutscher1 und jüdischer Ansiedler sind miteinander identisch, während, wie er bemerkt, die Zwecke der deutschen Handelspolitik durch die Tatsache gefördert werden müssen, daß die jetzt in Palästina ansässigen osteuropäischen Juden alle Deutsch verstehen,' da ihre „Jargonsprache“ einfach ein mittelhochdeutscher Dialekt ist, dessen Wortschatz einen gewissen Prozentsatz hebräischer und slavischer Worte, enthält. Man wird bemerken, Idaß die große Mehrzahl derangeführten Institutionen — wirtschaftliche oder erzieherische — deutsch-jüdische sind. Die. „Alliance Israelite Universelle“ ist eine wichtige Ausnahme, denn in vielen Institutionen, die allgemein als englische oder englisch-jüdische beschrieben und eingetragen sind, ist dieser ausgesprochene Charakter nicht' zu finden. Da so der vorherrschend deutsch-jüdische Charakter des Zionismus gezeigt ist, so ist dem britischen Publikum und den'Leitern seiner politischen Meinungen der Rat zu erteilen, ein mehr als platonisches Interesse an der Bewegung zu nehmen. Pie jüdische Presse von Oesterreich ‘und Deutschland hat sich während der letzten Jahre nicht als hervorragend englandfreundlich gezeigt, und aus der Haltung des wichtigsten zionistischen Organes in Konstantinopel zu schließen, ist unter vielen der orientalischen Juden ein stark englandfeindliche Strömung zu verspüren. Aber abgesehen davon handelt es sich um die Frage der Wahrung des englischen Prestiges in der arabischen Welt Dieses Prestige ist seit Generationen ständig gewachsen infolge unserer administrativen Erfolge in Aegypten, unserer maritimen Uebermacht im Roten Meer und im Persischen Golf und infolge der Ausdehnung unseres Reiches über große Gebiete des mohammedanischen Afrika: Wie sehr man auch immer mit den Appellen sympathisieren mag, die von seiten hervorragender jüdischer Publizisten an das britische Empfinden zugunsten des Zionismus gerichtet werden, oder wie sehr man auch die Fortschritte, die in vielen Teilen Palästinas durch Zionisten gemacht werden, bewundern kann, so ist es doch immöglich, zu vergessen, daß die Araber, Muselmanen oder Christen von Palästina und den angrenzenden Ländern es nicht ohne Kampf zulassen werden, in wirtschaftliche Abhängigkeit von den Juden zu geraten, und daß die Möglichkeit eines solchen Kampfes sich pari passu mit der Zunahme der jüdischen Bevölkerung von Palästina erhöht. . In solchem Falle könnten indiskrete Sympathiekundgebungen für den Zionismus vonseiten irgendeines nennenswerten Teils der britischen Oeffenilichkeit uns begreiflicherweise das Vertrauen der besten Elemente in der arabischen Welt von Mohammera bis Mombassa kosten. Dieses Vertrauen ist zwar sicherlich für die Existenz unseres Reiches entbehrlich, aber es ist von Wert für uns, und es wäre höchst fatal, wenn wir es verlören, um zu erkennen, daß wir „pour le roi de Prusse“ gearbeitet haben, den wir irrtümlicherweise für König Salomo gehalten hatten.“' * * * Am 7. Oktober brachten die „Times“ folgende Entgegnung unseres Gesinnungsgenossen Herbert B entwich: Jüdische Kolonisation in Palästina. Die Ziele der Bewegung. An den Herausgeber der „Times“! Der Bericht über die jüdische Kolonisation in Palästina, welchen Ihr Konstantinopeler Korrespondent in Ihrer Ausgabe vom 23. September gibt, ‘ist in mancher Hinsicht belehrend und sympathisch, aber er weist auffallende Lücken auf, und die ungerechtfertigte Schärfe am Schluß der Mitteilung setzt ihren Wert herab. Ihr Korrespondent scheint durch den Verfasser des Artikels im „Ösmanischen Lloyd“ (auf welchem, wie er bemerkt, sein Bericht basiert) verleitet worden zu sein, bloße Anregungen, die der Verfasser gibt, um das Interesse seiner Landsleute für die jüdische Palästina-Arbeit wachzurufen, welche er aber, selbst nach genauem Studium der Sachlage kaum gegeben hätte, für Tatsachen zu halten. Es wird ausgeführt, daß die wirtschaftlichen Interessen deutscher und jüdischer Ansiedler i d e n t i s c h s e i e n, es ist aber Tatsache, daß* der Handelsverkehr, der durch die jüdischen Ansiedler belebt wurde, hauptsächlich mit England betrieben wird. Der wichtigste Hafen der jüdischen Kolonien ist Jaffa, und die Konsulatsberichte für 1910 zeigen, daß von einem Gesamtexport des Distriktes von 12,720.000 M. über 9,600.000 M. auf England und Aegypten entfallen, während der Export nach Deutschland und Oesterreich zusammen nur 400.000 M. betrug. An der Spitze der Liste importierter Waren stehen Baumwollwaren, und derselbe Bericht zeigt, daß von einem Gesamtimport .von zirka 20,000.000 Müber 6,000.000 M. auf Großbritannien und Aegypten kommen, und nicht halb so viel auf Deutschland und Oesterreich zusam-' men. Aegypten und England sind die natürlichen Märkte für Palästina, ln wirtschaftlicher Beziehung ist die jüdische, Kolonisationsbewegung also bestrebt, die britischen Handelsiriteressen . ini' nahen -Östeh 'zü^förde’rh:.. . ':r “Aber 'ihr’ Körfesponderlt ■ führt 'weiter "aus, daß Gefühlsgründe die” jüdischen Ansiedler j mit deutschen Interessen verknüpfen, ühd daß der Zionismus „einen vorherrschend deutsch-jüdischen Charakter“ habe. Nach seinen Ausführungen könnte es scheinen, als ob die Hauptmasse der 100.000 jüdischen Ansiedler in Palästina deutsche Juden wären; Tatsache ist aber, daß die ganz überwiegende Mehrzahl aus Rußland und Rumänien kömmt, und daß es mehr Ansiedler aus Amerika und den britischen Kolonien, als aus Deutschland gibt.- Weiter wird hervorgehoben,' daß die Zwecke der deutschen Handelspolitik durch' die Tatsache" gefördert werden müssen, daß die-osteuropäischen Ansiedler „sämtlich Deutsch verstehen“, da ihre Jargonsprache ein deutscher Dialekt sei; aber in Wirklichkeit wird dieser Dialekt nur von den älteren Einwanderern gebraucht, und wird jetzt zusehends mehr und mehr durch die alte nationale Sprache verdrängt, welche, wie ein Mitarbeiter Ihrer literarischen Beilage in > der vorigen Woche darlegte, wieder zu einer lebendigen Sprache geworden ist. Hebräisch ist jetzt die Unterrichtssprache in den Schulen der Kolonien und der neuen städtischen Niederlassungen, und es wird von der gesamten jüngeren Ge ii,eration durchgehends gesprochen. So viel über die Sprache! Und was nun das Gefühl betrifft, so hat.die, zionistische Bewegung von Anfang an mit besonderer Sympathie auf England hingeschaut, Rvis für Einjährig-Freiwillige. Telefon: Stelle 6 von 3455. Witkowski & Nacht Nodij. Julius Nodit's Witwe Wien, IX., Berggasse 27. empfiehlt sämtliche Uniformierungs- und Ausrüstungs-Sorten für das k; k. Militär, Staats- und Eisenbahnbeamte, sowie für Einjahrig-Freiwillige aller Branchen. Große Auswahl in Couleurbändern. Neuanschafungen werden in kürzester Zeit effektuiert.