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Jüdische Zeitung · 1912-10-25 · 42 (25.10.1912) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
42 (25.10.1912)
Date
1912-10-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Nr. 42 Wo der Unternehmungsgeist der herrschenden, Klique — man kann hier geneigt sein, von. Geist schlechthin zu reden — schlaff und fruchtlos ist, da muß natürlich der Staat herhalten und alle Zweige, des öffentlichen und kulturellen Lebens zwangsweise „nationalisieren“. : Will sagen, es müssen künstlich hermetisch geschlossene Kasten „echt russischer“ Beamten, Kaufleute, Indossanten, Künstler etc. etc. geschaffen werden. Kurz — der Züchtung der Unfähigkeit und Korruption von Staatswegen . . Das geschieht hier gegenwärtig auf allen Gebieten. In Rußland sind heute „Patriotismus“ und Antisemitismus die gangbarsten politischen Massenartikel. Und Kiew hat in dieser Richtung den Rekord geschlagen. Lichterloh brennt hier der chauvinistisch-antisemitische Scheiterhaufen. Und fabelhaft schnell füllen sich die Taschen der Hurrapatrioten . . . Kiew ist eine Handelsstadt par excellence. Alles wird feilgeboten — Ueberzeugung, Gewissen, Henkerdienste nicht ausgenommen. Mit Aus-. nähme von Odessa wird man hier kaum eine zweite Stadt finden mit so zahlreichen Kadren von finsterem Luftgesindel, die jederzeit für die gräßlichste Schandtat zu erwerben sind, insbesondere wenn die Initiative von der Staatsgewalt herrührt . . . In kleineren oder größeren Scharen lagern sie in allen Stadtvierteln. Dunkel wie die Nacht ist ihr Sinnen; unzähmbar wie der'Taifun sind ihre Instinkte. Und das klare Bewußtsein, daß sie eine der Grundstützen des herrschenden Regimes sind, erhebt diese zerworfene, degradierte Menge zur Stufe eines bedeutsamen Faktors im gesellschaftlichen Leben empor. Dereinst wird die gegenwärtige Periode der russischen Geschichte zweifellos als Hooligansregime bezeichnet werden ... Ein sonderbares Gefühl führte mich immer wieder.in die Mitte dieses Gesindels. Verständnisvoll hafteten unsere Blicke fest ineinander. Wie klar wir einander in der Seele lesen: die ohnmächtige zähneknirschende Schutzlosigkeit des vogelfreien Opfers und die zynisch - triumphierende , Straflosigkeit der „Gesellschafts - stützen . . .“ Und wenn die Nacht über Kiew hereinbricht, dann beginnt die Propaganda des „russisch-nationalen Gedankens“ durch die Tat, mit Stöcken . und Gummischläuchen: das schwarze Heer beginnt seinen Feldzug." Die offiziöse und offizielle Razzia — die „Oblawa“ ... Glückliche Brüder aus dem Westen.! Ihr kennt nicht die Furcht der „Oblawa“, das Vorgefühl der „Oblawa“ und das niederschmetternde Erleben der „Oblawa“ . . . — Es ist die uralte Lieblingsjagd des russlsischen Adels — so alt wie die tierische Grau- Kleines Feuilleton. Der Ursprung der französischen Juden. Rabbiner Ha’im S t o u r d z e - Paris schreibt: Als man Lord Beaconsfeld D’Israeli einmal im Parlament seine jüdische Abstammung vorwarf, sprang er zornerfüllt auf die Tribüne, um seinen Gegnern hohnlachend die Worte zuzuschleudern: ,;Welche Schande, von Juden abzustammen! Wißt Ihr, daß zu einer Zeit, als meine Ahnen Könige in Jerusalem waren, Eure Vorfahren mit wilden Auerochsen in den Urwäldern um die Wette brüllten?“ .Auch auf die französischen Juden treffen diese Worte zu. Nicht nur waren die ersten Juden, dfe'sich in Frankreich ansiedelten, wirkliche Könige in Jerusalem; sie trafen auch die Bewohner des Landes-in einem Zustande an, der dem etwas drastischen Vergleiche des englischen Premierministers, fast aufs Haar entsprach. Frankreich war nicht immer das Land des Lichts, das ,,Herz Europas“, als welches es heute bezeichnet wird. Zu der Zeit, von der wir sprechen wollen, war es nicht nur rein geographisch ein „wildes Land“. Weite Sümpfe, undurchdringliche Wälder bedeckten es auf große Strecken, aber auch die Bewohner, die Väter unserer heute so stolzen Franzosen, waren Höh- ‘ lenbewohner wie die wilden Tiere, deren Fälle sie trugen, und überragten diese an kulturellen Gütern nur um ein- Geringes." Frankreich war damals für Rom,- dem führenden - zivilisierten samkeit im Menschen. Ganze Dorfgemeinden wer-; den aufgehoben. Die Bauern umringen den Wald und treiben johlend in immer engerem Kreise das aufgescheuchte Wild den Geschossen der Jäger entgegen. Die raffinierteste Lust an der Todesangst und den Todesqualen des verhetzten Wildes. Früher waren es die Tiere — heute sind es die Juden. Die Benennung (sogar offiziell) und die Methode sind dieselben geblieben. Die „O b 1 a w a“ wurde zum Musterbild der russischen Judenpolitik. Zunächst wurden die Juden in den „Ansiedlungsrayon“ hineingezwungen. Alsdann innerhalb desselben aus dem Lande in die Städte zusammengepfercht. In den Städten ferner in bestimmten Vierteln und Straßen interniert. ln mehreren Städten sind Straßen da, wo Juden nur auf einer Seite wohnen dürfen ... Genau dasselbe System auf rechtlichem, sozialem und wirtschaftlichem Gebiete. Immer enger wird der Kreis . . . Zur großen Lust der adeligen Jagdgesellschaft. Bald ist nichts übrig geblieben, als die „Oblawa“ selbst in getreuester Nachbildung zu inszenieren. Und Kiew ging auch hier mit gutem Beispiel voran . . . Ein intensiver Nervenreiz und nebenbei eine nicht unerhebliche Einnahmsquelle. Kiew •— inmitten des Ansiedlungsrayons gelegen, das Zentrum des südwestlichen Rußlands, wird für die Juden als „Tabu“ erklärt. Im Knotenpunkt des wirtschaftlichen Verkehrs \verden — die Schießtruppen postiert. Naturnotwendig müssen durch den Verkehr Hunderte, Tausende „wohnrechtslose“ Juden ihren Geschossen tagtäglich zugeführt werden. Und da beginnt die Lieblingsjagd. ln tiefer Nacht ziehen Polizeimannschaften in voller Rüstung ins Ghetto, umringen einige Häuser und — die „Oblawa“ geht los . . . Männer, Frauen, Kinder, Greise, Gesunde, Kranke — alles wird brut-al aus den Betten geschleppt. Wehe denen, die sich nicht an Ort und Stelle als in Kiew „wohnberechtigt“ legitimieren können, oder denen es nicht gelingt, die Oblawaleiter durch klingende Argumente, bis zur neuen Razzia, zu beschwichtigen. Alle anderen werden ins Polizeizirkel geschleppt und in der Gesellschaft von Dieben und Straßendirnen untergebracht . . . Diese Schmach vollzieht sich allnächtlich anno 1012 nach Christi Geburt im — „konstitutionellen Rechtsstaat“ Rußland. Und über diese von jüdischem Blut und jüdischen Tränen durchtränkte Stadt schwebt und herrscht in seiner (gräßlichen Nacktheit das mittelalterliche Blutgespenst — die natürliche Blüte der systematischen Sittenverwilderung und der unablässigen Ausrottung der Menschenwürde im russischen „Staatsbürger“. Die Demoralisation oben, der Pariasgeist — unten. Und dazwischen — wir Juden . . . Staate, das etwa, was „La Nouvelle Catedonie“ für unser Frankreich jetzt bedeutet: eine Art „Sibirien“, so eine „Teufelsinsel“, wohin die Römer ihre Verbannten schickten. Palästina bildete zu jener Zeit eine autonome Provinz mit eigenem König und selbständiger Verwaltung, trotzdem die Juden bereits dem römischen Staate unterworfen waren. Herodes, jener König unseligen Angedenkens, hatte gerade ein Testament hinterlassen, wonach Archilaos König werden sollte mit der Herrschaft über Juda und Schomron; seine anderen zwei Söhne bestimmte er als Tetrarchen mit der Regentschaft über die übrigen Provinzen. Diese saubere „prinzliche Familie“, die von jüdischem Familiensinn und königlicher Ehre so viel wußte wie der würdige Vater, verstand es, das arme Land .'durch Intriguen und Machenschaften gen ügend in Bewegung zu halten, und schließlich brachten ihre unaufhörlichen Zänkereien und endlosen Angebereien Augustus, den römischen Kaiser, dazu, Archilaos seiner Regentschaft zu entsetzen und ihn nach dem damaligen Sibirien, unserem heutigen Frankreich, zu verbannen. Das war im Jahre 6 nach gewöhnlicher Zeitrechnung, also etwa 65 Jahre vor dem „Churban“. Den jüdischenExkönig Archilaos kann also die Geschichte als den ersten französischen Juden bezeichnen. Er kam nach Vienne, 'Departement Isere, wo eine Garnison römischer Soldaten stand. Bekanntlich hat die ganze herädesianische Familie., sich in ihrem Privatleben stets nach den Prinzipien der „Peru- Durch die Straßen Kiews schlenderte ich, in wehmütiges Sinnen versunken. Da stieß ich auf eine johlende Kinderschar, die mit Triumphgeschrei ein paar widerstrebende Knaben in den Hof schleppten. — „Was treibt ihr, Kinder?“ „Wir machen eine kleine Oblawa ...“ Kiew, im Oktober 1012. Ein Artstlidies Urteil über die jüfr fdien Kolonien in Palästina. Das soeben erschienene Heft 4 der „Zeitschrift des Deutschen Palästina Vereines“ enthält eine ausführliche Schilderung der jüdischen Kolonien aus der Feder von Jesaias Preß, Jerusalem. Der Autor zeigt sich ganz ungewöhnlich gut informiert. Er schildert zunächst vollkommen einwandfrei die Geschichteder Kolonisation und sagt über die ersten Schwierigkeiten folgendes: „Während der ersten 2 Jahrzehnte mußte das junge Kolonisationswerk allerlei Kinderkrankheiten überwinden. Die durch Urbarmachung des verwahrlosten Bodens hervorgerufenen Krankheiten forderten viele Opfer, die Kolonisten mußten sich oft gegen die diebischen und räuberischen Ueberfälle ihrer Nachbarn verteidigen und waren nicht selten den Schikanen der Pächter des Oscher ausgesetzt.“ Preß gibt sodann einen Ueberblick über sämtliche Kolonien, ihre Geschichte, Verhältnisse und gegenwärtigen Stand. Er zählt 37 Kolonien und die Rothschildsche Farm im Dscholan, weicht aber in der Aufzählung etwas von der bei uns üblichen ab. So rechnet er Dagania zu Kinereth etc. Nach dieser ziemlich ausführlichen Schilderung fährt der Autor wie folgt fort: „Wirft man einen Rückblick auf die jüdische Kolonisationstätigkeit in Palästina während der letzten drei Jahrzehnte, so muß man rückhaltlos anerkennen, daß sie sowohl in kultureller, wie in wirtschaftlicher Beziehung von höchster Bedeutung für das Land und dessen Be wohn er geworden ist. In den verschiedenen Teilen des Landes, von Dan bis Beerseba, haben sich Juden, wenn auch nicht in allzugroßer Anzahl, so doch alle mit dem festen Willen niedergelassen, sich selber und dem Lande zum Segen zu gereichen, Pioniere desFortschritts, brachten sie persönliche Intelligenz und zum Teil auch gute moderne Bildung mit, und unterstützt durch reiche Mittel, verwandelten sie wüste Sandstrecken in blühende Gärten, öde DOPPEL-MALZ< BIER. Austria-Brauerei Wfen-Neudorf. schim“ geführt. Es ist also sehr wahrscheinlich, daß Archilaos mehrere Juden zur Begleitung mitgeführt hat, um den jüdischen Pflichten, wie „Minjanbeten“ usw., nachzukommen. Wir befinden uns hier jedenfalls vor der eigentlichen Ansiedelung der Juden in Frankreich, da die Begleiter Archilaos’ viele andere mit dir Zeit nach sich zogen. Die französische Provinz, welche im Mittelalter den Namen „Dauphine“ trägt und in der sich „Vienne“, wohin Archilaos verschickt wurde, befindet, ist nun in der Tat diejenige Provinz Frankreichs, die bereits im ersten Jahrhundert des entstehenden Christentums Juden beherbergt. Das französische Judentum hat sich nun flicht begnügt, ntfr einen König im Stammbaum zu haben; es hatte deren zweie. Als Agrippa der Erste bei dem römischen Kaiser und Idioten Kaligula sehr in Gunst stand und mit Gunstbezeugungen überhäuft wurde, erfüllt dies seinen Schwager und Vetter Herodes Antipas mit Neid. Herodes Antipas, Tetrarch von Galiäa und Eber Hajarden, der Bruder des Archilaos, buhlte auch um die Gunst des römischen Imperators, von dessen Schwachsinn er den Tittel seines Vaters Herodes zu erlangen hoffte. , Aber Agrippa wußte Kaligula ein so reizendes Bild' von seinem lieben Vetter und Schwager Herodes Antipas zu singen, daß der römische Kaiser den Tetrarchen stante pede verhaften und nach Roms Teufelsinse! — unserem heutigen Frankreich — deportieren ließ. Seine Frau, die Prinzessin Herodias, Agrippas Schwester und Herodes Enkelin, folgte ihm mit ihren

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