Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 41 (18.10.1912)
- Date
- 1912-10-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 lieber die nervöse Entartung der Juden. In „Ost und West“ stellt Dr. Arnold K u t z i n s k i, Oberarzt an der Nervenklinik der . Charite (Berlin), äußerst interessante Be-' Pachtungen an und wendet sich hauptsächlich gegen die landläufige Anschauung, daß die Juden ihrer vererbten Veranlagung nach mehr, zu nervösen Enartungen hinneigen als ihre Wirtsvölker. Im Zuge seiner Ausführungen schreibt Doktor Kutzinski: „Vergleicht man den prozentuellen Anteil der Juden an der Gesamtbevöikerung, so z. B. in Berlin (4.8 Prozent) mit ihrem Prozentsatz an Geisteskranken 3.4 Prozent, so scheint es, als ob die übliche Anschauung voil der Häufigkeit der Geistesstörungen bei den Juden nicht gerechtfertigt wäre. Wir haben es hier aber mit einer großen Fehlerquelle zu tun, denn in Großstädten bilden die alkoholischen Geistesstörungen einen hohen Prozentsatz der Geisteskrankheiten, während bei den Juden der Alkoholismus kaum eine Rolle spielt. Um also eine brauchbare Statistik zu gewinnen, wäre erforderlich, vergleichende Werte für die einzelnen Krankheitszustände zu schaffen. Bringt man bei einem Vergleich den hohen Prozentsatz der alkoholischen Geistesstörungen bei Nichtjuden in Abzug, so könnie man vermuten, daß doch eine tatsächliche Vermehrung der Geisteskrankheiten bei den Juden besteht. So ergibt denn auch die Durchschniitberechnung Sichels 2.8 Prozent (geisteskranke IJuden!in Deutschland, während yie nur 1 Prozent der gesamien Bevölkerung bilden. Aber auch diese Zahl führt bezüglich der Frage der nervösen Entartung zu Trugschlüssen. Wir dürfen nämlich nicht vernachlässigen, daß wir ohne Zweifel im Vergleich zu unseren Wirtsvölkern noch reizsamer als diese sind. Wir haben aber gesehen, daß die Reizsamkeit durch ein exogenes Moment hervorgerufen wird. Dabei soll nicht bestritten werden, daß die jüdische Rasse eine gewisse Disposition zu Affektpsychosen besitzt. Man darf aber hieraus nicht eine erhöhte Neigung zu psychischen Erkrankungen überhaupt folgern. Affektpsychosen werden ebenso häufig bei andern affektierten Völkern und Rassen, wie Franzosen, Romanen und Slawen, beobachtet. Ein bestimmtes Urteil ist auf diesem schwierigen Gebiet zurzeit noch nicht abzugeben. Soviel ist aber gewiß, daß man sich hüten muß, 'vorschnell: eine besondere Disposition der Juden zu Geisteskrankheiten anzunehmen. Das ist ebenso wenig gerechtfertigt, wie die bis zum Ueberdruß vorgebrachte Behauptung von der Zunahme der Geisteskranken überhaupt. Noch irriger ist aber die übliche Methotik, die erbliche Belastung als Hauptursache hinzustellen und aus ihrem Vorhandensein umgekehrt die Degeneration der Rasse zu folgern. Zählen von Diem u. a. widerlegen diese alt eingewurzelten Irrtümer. Daß der Belastung als ätiologisches Moment eine bedeutsame Rolle zukommt, wird nicht bestritten. Aber die Schlußfolgerung ist falsch. Man hat die Inzucht als Ursache der Degeneration der Juden hingestelit. Die kurz skizzierten, diffizielen Untersuchungen haben gezeigt, wie übertrieben alle Befürchtungen sind. Kleines Eeuillefon. Chaskel der Philosoph. Skizze von Hermann Blumenthal. Es gibt Menschen, deren Leben abseits vom breiten Wege der Menge verläuft. Eine fixe Idee oder ein Schmerz hat sie dahingedrängt, und nun schleppen sie ihre Tage einsam in der großen Stille dahin , . . Die Welt und der Lärm der Umgebung dringt nicht bis zu ihnen; ein eigener Ideenkreis hält sie gefangen. Oft sind sie in ihrer Eigenart nur einen Schritt vom Genielande entfernt, aber sie legen diesen nie zurück — und so erfahren wir von ihrem Innenleben nur wenig. In der Kleinstadt gelangen solche Leute zu trauriger Berühmtheit. Jeder Zug, der ihrem ureigenen Wesen innewohnt, ist stadtbekannt. Der Volksmund hat für diese Einsamen einen häßlichen Namen. Die Gebildeten nennen sie Originale. Der Tag geht zur Neige. Nebel steigen auf und hüllen die Gassen frühzeitig in Dämmerung.. Ich sitze in meiner Stube — tief sinnend. Gedämpft dringt der Lärm der Großstadt zu mir... Verklärt und lockend steigen die Tage der Kindheit vor mir auf. Ich sehe das Städtchen im hellsten Sonnenschein. Ich sehe die kleinen Häuser und den glitzernden Fluß. Längst vergessene Gesichter erscheinen vor mir ... Die Inzucht übt nicht nur einen nivellierenden, sondern einen ebenso stark auslesenden, die günstigen Anlagen steigernden Einfluß aus. Wenn eine Zunahme der Geisteskrankheiten der Juden nun doch stattfindet, so muß sie also — wie bereits hervorgehoben — in exogenen Momenten ihre Ursache haben. Da die Juden noch reizsamer, nervöser als ihre Umgebung sind, so treten bei ihnen noch häufiger als bei ihren Wirtsvölkern, nervöse Erkrankungen auf. Worauf ist nun diese zurückzuführen? Es ist üblich, die ungünstigen Lebensbedingungen im Ghetto dafür verantwortlich zu machen. Aber Berichte aus dem Ghetto über geistige Erkran-1 kungen sind nach Sichel nurspärlich vorhanden. Trotz aller Mißhelligkeiten, trotz aller Lebensenge scheint die Geschlossenheit der religiösen Lebensweise und der Familiensinn ein beruhigendes Aequivalent gebildet zu haben. Es liegt daher näher, sich der Vermutung Sichets anzuschließen, daß der jähe Uebergang aus dem Ghetto, aus der Abgeschlossenheit in das allgemeine Dasein, sowie die erschwerten Bedingungen, unter denen die Juden dort um ihre Existenz ringen müssen, die erhöhte nervöse Reizsamkeit bewirkt haben. Auf diese Ursachen ist auch die große Beteiligung der Juden am Selbstmord zurückzuführen. Eine gewisse Analogie finden wir in dem unheilvollen Einfluß, den die Zivilisation auf die Neger ausgeübt hat. Auch dort scheint der jähe Uebergang' aus einer Lebensweise in die andere die Zahl der psychischen Störungen gesteigert zu haben. Natürlich ist der Inhalt der Psychosen, dem verschiedenen Kulturniveau der beiden Rassen entsprechend, völlig heterogen. Zusammenfassend können wir heute sagen, daß die Frage nach den Ursachen der Geistesstörungen noch nicht spruchreif ist, wie überhaupt die vorgetragenen Ansichten noch nicht den Charakter der abgeschlossenen Erkenntnis tragen. Aber das ist gewiß: Eine vermehrte Vererbung der Geisteskrankheiten, die zugleich ein Zeichen der Entartung sein würde, ist nicht zu befürchten. Die gesteigerte Reizsamkeit ist als eine soziale Erscheinung anzusehen, und wenn neuere Mitteilungen nicht trügerisch sind, so ist es wahrscheinlich, daß bereits eine Ab-; nähme der Reizsamkeit einsetzt. Wichtiger und bedrohlicher als die Gefahr der Degeneration durch nervöse Entartung ist die Einführung des Zweikindersystems in die jüdische Gemeinschaft. Dieses System kann allerdings, wenn nicht rechtzeitig Vorbeugungen dagegen getroffen werden, die jüdische Rasse in durc hnervöse Entartung ist die Einführung des Rus öem jüöifdien Leben. Mitwirkung von Rabbinern bei der Feuerbestattung. Stuttgart. Durch Verfügung der Oberkirchenbehörde wurde der Erlaß der Königl. IsraeU Oberkirchenbehörde v. J. 1895, der den Rabbinern die amtliche Mitwirkung bei zur Verbrennung bestimmten Leichen untersagt, auf¬ Und da taucht in meiner Erinnerung ein sonderbarer Mann auf. Langsam sehe ich ihn durch die engen Gäßchen schlendern. Seine Finger gleiten durch den kohlschwarzen Bart und seine Lippen murmeln unverständliche Worte. Ich' will euch von Chaskel, dem Philosophen, erzählen; wie er lebte und was ihn von den anderen Bewohnern des Städtchens absonderte. Wenn die Sonne hell und warm auf Palechow herniederstrahlte, konnte man ihn in seinem grünen Kaftan über den Markt schreiten sehen. An kalten Tagen hielt er sich in seiner Kammer auf. Diese befand sich auf dem Dachboden der Synagoge. Ein Tisch und ein Schubkarren voll, beschriebener Blätter bildeten die Einrichtung. Das Schreiben war Chaskels liebste Beschäftigung. Er saß täglich stundenlang über seinen Papieren, schrieb und schrieb. Um den Inhalt seiner Schriften kümmerte sich niemand. Er lebte einsam, sprach oft tagelang kein Wort, sondern irrte einsam umher und sann. Nur der Hunger brachte ihn den Menschen näher. Wenn Chaskel nichts mehr zu essen hatte, konnte man von ihm jede Arbeit haben. Er half beim Bau, fällte Holz, trug Wasser und Mehlsäcke. Jeder Lohn war ihm gerade recht genug. Da versorgte er sich für einige Zeit mit Kerzen, Papier und Nahrungsmitteln und lebte wieder — wie zuvor. gehoben. Der neue Erlaß vom IS. September 1912, Nr. 535, verfügt folgende Anordnungen: „1. Die Mitwirkung bei (einer Feuerbestattung (auch im Krematorium), sowie bei der Beisetzung von Aschenresten auf einem israelitischen Friedhof, wo ein solcher vorhanden ist, wird in das Ermessen des einzelnen Rabbiners oder Vorsängers gestellt. t 2. Versagt der zuständige Rabbiner oder Vorsänger aus religiösen Bedenken seine Mitwirkung, so hat er einem hiezu bereiten württembergischen Kollegen die Erlaubnis gebührenfrei zu erteilen. 3. Die Beisetzung der Aschenreste auf einem israelitischen F riedhof ist unbedingt zulässig. Sie hat in einem rituellen Sarg und in einem besonderen Grabe zu erfolgen.“ Zionistischer Blumentag in Sauerbrunn. Die Verrechnung des im heurigen Sommer durch Wiener Gesinnungsgenossen veranstalteten Blumentages und Palästinaabends im Kurorte Sauerbrunn, konnte erst jetzt beendet werden. Wie uns mitgeieilt, ist das Reinerträgnis von K 765 folgendermaßen verwendet worden: Jüdischer Nationalfonds (8 Landesspenden) K 400 Jüdischer Nationalfonds (Jemenitenaktion) „ 50 Jüdisches Studentenheim „ 100 Mensa academica judaica „ 100 Wiener zionistische Vereinigung „ 50 Gemeindeamt Sauerbrunn „ 50 Israelitischer Kinderausspeisungsverein in Ottakring „ 15 Energie überwindet alle Schwierigkeiten. Eine noch nicht bewusst avisgenutzte Energiequelle ist das int Kafiee enthaltene Koffein. Es ist eia. Freund des Menschen, denn es regt seine gute Laune, seine Phantasie, sein Gedächtnis und seine Tatkraft mächtig an. Aber nur richtig gerösteter Kaffee zeigt keine üblen Nachwirkungen. Richtig gerösteten und immer frischen Kaffee kauft man bei Julius MEINL, Kaffee-Import Gegründet 1862. Den Schubkarren mit seinen Manuskripten führte er immer mit sich. Von den Gassenjungen hatte er viel auszustehen. Sie umkreisten ihn johlend und suchten ihm den Karren zu entwinden. Chaskel wehrte sich nach Kräften, doch wurde er niemals zornig. Ich entsinne mich des Abends, da ich Chaskel in seiner Klause beobachten konnte. Eines Tages war ihm ein vergilbtes Buch aus der Tasche gefallen. Ein Junge hob es auf und zeigte es mir. Für ein paar Kreuzer war er geneigt, mir das Buch zu überlassen und ich beschloß, es dem Eigentümer zurückzubringen. Abends stieg ich in seine Dachkammer hinauf. Ein spärlicher Lichtschein zeigte mir den Weg. Chaskel saß beim Kerzenschein und schrieb. Ab und zu blickte er zur Decke oder las das Geschriebene überlaut. Endlich bemerkte er mich. „Was willst du”, rief er und bedeckte die beschriebenen Blätter mit den Händen. Ich reichte ihm das Buch und erzählte, wie ich in den Besitz desselben gelangt war. Hastig griff er danach. „Was wollen Sie von mir”, rief er weinerlich aus . . . Dann arbeitete er weiter, ohne mich zu beachten; nur einmal blickte er zu mir auf und lächelte. Leise entfernte ich mich. An einem heißen Sommertage hatte Chaskel