Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1912-10-18 · 41 (18.10.1912) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
41 (18.10.1912)
Date
1912-10-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438380-2438421--3249-2442998
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 41 Herr Dr. Stern und-wies damit den Bekennern des wahren nationalen Fortschritts den einzig gangbaren Weg: den der Selbsthilfe. Aber wenn auch unter der Opposition keiner im Kampfe beiseite stehen wird, mag doch den einen oder den andere r, c em die Erfüllung einer ho hen sittlichen Pflicht nicht Ansporn genug ist, der lähmende Gedanke bewegen: „Werden wir auch siegen? Endlich siegen, nachdem wir in so vielen Wahlgängen trotz stets . bewährter Opferfreude und Begeisterung immer wieder von den Machthabern niedergestimmt wurden? Entziehen wir durch diese vergeblichen Anstrengungen nicht anderen wichtigen und aussichtsreicheren Aufgaben, etwa der Palästinaarbeit in unverantwortlicher Weise unsere Kraft?“ Es wäre doktrinär, es wäre Unrecht, über solche Bedenken der Zagen mit sittlicher Entrüstung, ja mit Verachtung hinwegzugehen. Heerführer müssen mit jedem Truppenteil in seiner Sprache reden. Nun denn, belehren wir die Zagen, daß der-„Erfolg“, den sie meinen, schön auf dem1 Wege ist, so daß sein Eintreffen aus dem Vergleiche der Stimmzahlen von Wahl zu Wahl sich nach den Regeln der Logik und menschlicher Voraussicht klar berechnen läßt! Nichtt umsonst sucht ja der Kahal diese für ihn so peinlichen Ziffern zu vertuschen. Nicht umsonst schweigt sich der offizielle Rechenschaftsbericht, welcher jedes zweite Jahr den Kultuswählern auf den Weg zur Urne 'mitgegeben wird, gerade über diese Ziffern aus, obwohl sie doch das wichtigste zu sagen haben, nämlich von welchen politischen Ideen die Judenschaft laut Zeugnisder letztvorhergegangenen Wahl bewegt war und in welcher Stärke die Bekenner dieser Ideen einander gegenüberstanden. Und nicht umsonst heißt der Kahal die von ihm besoldeten Blätter sich' mit Phrasen von „erdrückender Mehrheit“ und „schmählicher Niederlage“, um das Eingeständnis dieser Ziffern herumdrücken.! Umso mehr Grund für uns, diese Ziffern , festzuhalten und aufzuzeigen, den Anhängern zur Ermutigung,^ den .Gegnern, zum. Schrecken! Wenn wir nach Ausschaltung der Jahre 1900 und 1904 die Jahre 1902, 1906, 1908 und 1910, in denen allein es zu regelrechten Wahlkämpfen kam, vergleichend aneinanderreihen, dann beläuft sich die Zahl der oppositionellen Stimmen auf 1414, 1887, 1139 und 1582 und der Prozentsatz, welcher von der Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen auf jene der Opposition entfiel, beträgt 30, 44, 22 - und 35 Prozent. Diese "Ziffern werden erst verständlich, wenn der scheinbar jähe Rückfall des Jahres 1908 von 1887 auf 1139 Stimmen und von 44 auf 22 Prozent aufgeklärt wird. Nicht etwa, daß ein Großteil der der Wähler dem zionistischen Programme damals das Vertrauen entzogen hätte: aber Doktor Stern, der 1906 seine Kandidatenliste erst in Stichwahl voll hatte durchsetzen können und der selbst mit ganzen' 19 Stimmen über die absolute Mehrheit durch gerutscht war, glaubte sich durch einen technischen Kniff retten zu müssen, indem er jenen berüchtigten Paragraph 2 b der Wahlordnung zur Anwendung brachte und allen mit der Kultussteuer des Wahljahres Rückständigen das Wahlrecht nahm. Diese Streichung . traf ein volles Drittel aller Wähler, und zwar gerade die Minderbemittelten, welche überwiegend im Lager der Opposition standen. Im‘ Jahre 1910 wurde der Sternparagraph wieder verwertet und dennoch stiegen wir unaufhaltsam empor. Heuer aber ist die Wählerschaft — dank unserer unermüdlichen Agitation — von jenem Paragraph endlich befreit worden, die Wählerzahl hat sich mit einem Ruck von 12.000 wieder auf zirka 18.600 gehoben und wir Zionisten brauchen diese neuen Wähler, welche ihr Wahlrecht uns danken, nur zu rufen und \ der morsche Zwingturm in der Seitenstettengasse fällt in Trümmer. Der Kahal verschweigt die von uns erörierten Ziffern aber auch aus einem andern wichtigen Grunde. Wie? Einer ernsten Opposition, welche das unerschütterliche Vertrauen eines Dritteils der Wählerschaft und darüber genießt, welche, gestützt auf ihr Programm, etwas zu sagen hat und zur Mitarbeit bereit est, wird diese Mitarbeit vrwehrt, wird von 36 Mandaten auch nicht ein einziges gegönnt? Brutalste Unterdrückung einer jüdischen Minderheit ist, daß die salbungsvolle Friedensliebe, welche die Herren vom Kultusvorstand stets auf den Lippen tragen? Wem fallen ob dieser entlarvten Heuchelei nicht die Schuppen von den Augen!! in den zurückgebliebenen Alpenländern, über die man in der liberalen Presse so gerne spottet, ist für die Wahlen in fast alle Vertretungskörper das Proportionswahlrecht eingeführt, welches auch der Minderheit eine verhältnismäßige Vertretung sichert. Und - zu dem Billigkeitssinn der Alpenbauern sollten sich Juden, die Bannerträger der Gerechtigkeit, nicht aufraffen können?! Juden wohl, aber nicht volksfremde Israeliten, die an der Macht kleben. Wohl denn, Bahn frei für die jungen Juden und ihr Programm! Zur Propaganöa-Ueplammlung der „Hguöaft Israel“. Wir erhalten folgende Zuschrift: Die „Agud a ß I s r o e 1“ hat ihre befruchtende Tätigkeit nun auch auf Wien ausgedehnt. Als Einleitung hat sie am 29. September in die „Talmud-Thora“ eine Versammlung einberufen, in der der jüdischen Jugend klargelegt werden sollte, daß sie nur dann für ihr Seelenheil gut vorgesorgt hat, wenn sie sich in der „Agudaß-lsroel“ vereinigt. Wer bisnun von dieser „großen“ Versammlung nichts hörte, und auch über deren „glänzenden“ Verlauf nicht unterrichtet ist, kann sich durch' den Versammlungsbericht in der „Oesterreichischen Wochenschrift“ vom 11. d. davon über-' zeugen. Nach diesem Berichte soll der Saal „bis aufs letzte Plätzchen“ gefüllt gewesen sein, und der Erfolg ein derartiger, daß sich sofort ein Komitee von 30 Leuten konstituierte, und außerdem 130 (!)■ Mitgliederanmeldungen erfolgten; wir würden uns um diesen tendenziösen Bericht nicht weiter bekümmern, ja, wir könnten sogar der' „Agudaß Isroel“ den „glänzenden Erfolg“, der im ~ Berichte enthalten ist, denn in Wirklichkeit blieb er aus, vom Herzen gönnen, wenn sich nur nicht der fromme Berichterstatter eine freche Entstellung geleistet und einen Ton angeschlagen hätte, der allerdings im Blatte, Zionisten gegenüber, Tradition ist. Als Teilnehmer dieser Versammlung sei es mir gestattet, einiges festzustellen. Die fragliche Versammlung war von ungefähr 40 älteren und 30 jungen Leuten, letztere Zionisten, besucht. Die Versammlungsteilnehmer, alt wie jung, haben die ziemlich lange Rede des Referenten ruhig über sich ergehen lassen, obwohl — oder weil dieselbe nicht gerade hohe Anforderungen an die Intelligenz der Zuhörer stellte. Erst dem nächsten Redner, einem gewissen Herrn Pappenheim, blieb es Vorbehalten, sich in rüden Ausfällen gegen den Zionismus zu ergehen, er machte auch die Entdeckung, daß der Zionismus gegen die jüdische Religion hetze! 1nsbesondes das „Lemb erger Tageblatt“. Der nächste zionistische Redner beschränkte sich bloß darauf, den genannten Herrn aufzufordern, konkrete Fälle zu nennen, sowie auch die Stellen aus dem „Lemberger Tagblatt“ anzuführen, in welchen gegen die Religion gehetzt wurde. Der Herr blieb natürlich die Antwort schuldig. Es soll auch nicht unerwähnt bleiben, daß der Vorsitzende der Versammlung die rüden Ausfälle des Herrn Pappenheim als „ganz gerechtfertigt“ erklärte, u. zw. weil derselbe „Vater von Kindern“ ist, und sie gegen den Zionismus „schützen" muß. Das der wahre Sachverhalt. Daß der zionistische Redner seine Gg. aufgefordert hätte, in der Versammlung für den Nationalfond zu sammeln, ist ebenso dumm, als frech erlogen; wahr ist vielmehr, daß ein junger Mann bei seinem Kollegen für eine Nationalfondskarte den üblichen kleinen Betrag einkassierte, was für den Vorsitzenden Grund genug war, sich auf ihn zu stürzen, um ihn aus der Versammlung zu entfernen. D as gelang ihm zwar nicht, dafür hat er durch seine durchaus ungerechtfertigte Aufregung in seiner eigenen Versammlung eine solche Verwirrung verursacht, daß dieselbe ganz ergebnislos auseinandergehen mußte. Wenn die Herren von der „Agudaß Isroel“ ihre weitere Tätigkeit in dieser Weise zu entfalten gedenken, so werden sie immer von solchen „erfolgreichen“ Versammlungen berichten können. Uns kann es nur recht sein. Simche Landau. Kurse aus judlldier Geldiidite für untere Jugend. Die junge palästinensische Generation wird in unseren nationalen Schulen dazu erzogen, dereinst die Judenheit im Lande und damit die gesamte Judenheit zu kräftigen. Wir in 'der Diaspora müssen mit einem gleichartigem Erziehungswerke einsetzen. Wir können wohl unsere gesamte Jugend in der ersten Generation nicht gut zu perfekten Hebräern erziehen, was wir aber >tun müssen, ist, sie mit dem Schicksal und der Größe, mit der Geschichte unseres Volkes soweit bekannt zu machen, daß daß sie sich stolz als Mitglieder unserer Gemeinschaft fühlen. Je mehr die sogenannte „assimilatorische“ Erziehung Unserer Jugend Gelegenheit gibt, die Kulturen der umgebenden Wirtsvölker in sich weiterauszubilden, umso weniger dürfen wir es vernachlässigen, ihr unsere ureigenste jüdische Kultur durch eine grundlegende jüdische Erziehung mitzuteilen. Diesem Zweck will die im Vorjahre begründete „Wiener zionistische Vereinigung“ dienen. Ein im Vorjahre probeweis durchgeführter Kurs konnte erfolgreich zu Ende geführt werden. Sie geht nun an die Gründung unentgeltlicher Kurse in mehreren Bezirken Wiens. Nicht Schulmeisterei wird in den Kursen herrschen, freundschaftlicher Geist wird Teilnehmer und Leiter der Kurse verbinden. In fiesem Sinne werden auch Exkursionen zu den für die Geschichte der Wiener Juden bedeutsamen Stätten (Friedhof in der Seegasse, Jüdisches Museum usw.) ebenso in . die Wiener Umgebung unternqmm'en werden, Es ist zu hoffen, daß die gesamte Studentenschaft die Bedeutung dieser Arbeit würdigen und sie tatkräftig unterstützen wird. Für 1912/13 (5673) liegen soweit Anmeldungen vor, um im II., V. und VI. Bezirke Kurse einzurichten. Ende Oktober werden aber auch für fünf weitere Bezirke Kurse eingerichtet werden. Da der gesamte Lehrstoff in vier Kurskategorien zum Vortrag gelangt — parallel mit den an den Mittelschulen im Religionsunterricht vorzunehmenden Partien — werden Unterrealschüler, Untergymnasiasten und Bürgerschüler der zwei unteren, Handelsakademiker, Oberrealschüler und Obergymnasiasten den zwei oberen Kursen zugeteilt. Den Geschichtskursen im zweiten Bezirke wird ein Ibrith-beiwrith-Kurs und ein Bibelkurs an die Seite gestellt werden. Anmeldungen für die Kurse, die einstündig in der Zeit Samstag 3—7 Uhr, Sonntag S—12 Uhr stattfinden, sind an die Adresse des Unterzeichneten, VII., Seidengasse 26, zu richten. Fördernde Mitglieder mit beliebigem Jahresbeitrag, mögen unserer guten Sache ihr Scherflein beitragen. cand. iur. Heinrich Glanz. Hel-ReSlMl J, Glitll -1EO Wien, II., StefaniertraBe Nr. 14. Telephon interurban 13702. 70 modemst eingerichtete Zimmer von K 2.80 aufwärts. In unmittelb. Nähe des Nordu. Nordwestbahnhofes, 5 Minuten vom Stadtzentrum. BADEN bei Wien, Antonsg. 13, Franzensstr. 34. Telephon interurban 217. 400 Personen fassend schöner Naturgarten. Elektrisch beleuchtet. GroBe Veranden und Säle vls-ä-vis dem Kurpark. Große Speisesäle zur Abhaltung ’ von Hochzeitsdiners und anderen festlichen Veranstaltungen. Pension nach Uebereinkommen. Exquisite Küche und Keller NIEDERLÄNDISCHE LMSZ“°” Im eigenen Palais.—Versilbertes Kapital zirka 380 Millionen. — Prlmienreseroe zirka 113 Millionen.—Billigste Prämien unfl kulanteste Badingungen. Engagiert jederzeit fütfifige, leistungsfähige Agenten gegen hohe Bezüge. Auskünfte erteilt Pie Generalagentsihatt Oien, I., Bspernplatz 1 (Geifer: .Damit Hebenzähl). Für Ostgalizien u. Bukowina: Subflirefttion E6M Taubes, Hemberg.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.