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Jüdische Zeitung · 1912-10-18 · 41 (18.10.1912) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
41 (18.10.1912)
Date
1912-10-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JUHHE ZEITUNG Bo Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II.,Stefaniestraße Nr. 12. — Sprechstunden ■ m tätlich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurfickgestellt. — Abonnementspreise: Für Oesterm ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, viertel]ähr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, vierteljähr. ■ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 133.404. Telefon 22.075. ■ Nr. 41. Wien, Freitag, den 18. Oktober 1912 VI. Jahrgang Palästina im Bild: fcidiftilder: und Vortragsabend. Sonntag, den 27. Oktober 1912, Hotel Continental Referat des Generalsekretärs der zionistischen Partei Herrn Kllft ßlumenfed, Berlin, Bilder von Leo Kann. Karten ä K 3, 2 u. 1 in der „Jüdischen Zeitung". Zionistischer Zentralerem. Sonntag, den 20. Oktober 1912,"präzise V28 Uhr abends, findet im Hotel Central, II., Taborstraße 8,' eine Zionistische Versammlung statt. Gegenstand: Die Assimilation und der nationale Gedanke. Referent: Dr. Schemarjahu Lewin, Mitglied des Zionistischen Engeren Aktions- Komitees (Berlin). Juden erscheint in Hauen! Bbgewiesen. ln der vergangenen Woche wurden den Juden einige schroffe Abweisungen zuteil, die umso demütigender empfunden werden müssen, als sie nicht im barbarischen Osten, sondern im kultivierten Westen erfolgten, in London und Paris. Den Anlaß bildeten die Bedrückungen und Verfolgungen, welchen die jüdischen Staatsangehörigen Äer westlichen Mächte beim Aufenthalt und bei Reisen in Rußland ausgesetzt sind. Während sich die in Rußland reisenden Ausländer des verdoppelten Schutzes ihrer heimatlichen Regierungen erfreuen, müssen sich die ausländischen Juden die beschämendsten Aufenthaltsbeschränkungen und Visitationen gefallen lassen. Es führt das soweit, daß heute jüdische Kaufleute um den Preis großer materieller Einbußen und den Abbruch wertvoller geschäftlicher Beziehungen den russischen Markt meiden. Auch sind die Fälle nicht selten, daß sich jüdische Kaufleute ‘taufe n lassen, um in Rußland ungestört arbeiten zu können. Aber nicht den Juden allein wird großer materieller und moralischer Schaden zugefügt, der gesamte Handel hat darunter zu leiden. Zu wiederholten Malen wurden Aktionen eingeleitet, um die russische Regierung zur Aufhebung der bedrückenden Beschränkung zu bewegen. Sie waren resultatlos. Die letzte Demonstration erfolgte im Vorjahre in Amerika. Der Kongreß der Vereinigten Staaten beschloß, die russische Regierung unter Androhung der Lösung des Handelsvertrages aufzufordern, den jüdischen Untertanen der Union in Rußland Gleichberechtigung zu gewähren. Heller Jubel herrschte damals in liberalen Kreisen, man glaubte die russischen Reaktionäre bereits bezwungen und hatte für die pessimistischen Stirn-' men, die sich im zionistischen Lager erhoben, kein Ohr. Rußland aber lehnte kurz und brüsk ab und — es blieb alles beim alten. Die Herren in Washington streckten das drohend geschwungene Sternenbanner bescheiden in die Tasche, die Handelsverträge blieben unberührt und die jüdischen Bürger der „stolzen, freien“ Union müssen es sich weiterhin gefallen lassen, in Rußland von betrunkenen Polizeikommissären kujoniert za werden. ‘ - ' . Unter diesen Umständen kann es nicht wundernehmen, daß zwei in der vergangenen Woche von viel unbedeutenderen Faktoren unternommene Aktionen einen noch kläglicheren Ausgang fanden. In London wollten einige jüdische Notabeln die Anwesenheit des russischen Ministers S a s a n o w dazu benützen, um bei ihm eine mildere Behandlung der jüdischen Reisenden in Rußland zu erwirken. Zu gleicher Zeit sprach in Paris eine Deputation jüdischer Notabler beim Ministerpräsidenten P o i n c are vor und verlangten, daß die französische Regierung aufl Rußland einen Druck ausüben möge, um die Gleichstellung der jüdischen Staatsangehörigen Frankreichs vor den russischen Gesetzen durchzusetzen. ln England wurde ein gar klägliches Resultat erzielt. Die englische Regierung tat den Herren kund, daß S a s a n o w überhaupt1 nicht daran denke, sie zu empfangen. In Paris? verlief die Sache insofern glimpflicher, als der Ministerpräsident die Herren wenigstens vorließ. Allerdings war der französische Empfang nicht um ein Jota herzlicher als der englische Hinauswurf. Poincare erklärte mit dankenswerter Aufrichtigkeit, daß diese jüdische Angelegenheit absolut nicht für so wichtig erachtet werde, daß man sich ihr zuliebe in unerquickliche Auseinandersetzungen mit der befreundeten russischen Regierung einzulassen gedenke. Er fügte ebenso aufrichtig hinzu, daß die amerikanische Regierung sich bei ihrer judenfreundlichen Intervention offenkundig eine gräßliche Blamage geholt habe und dieses Beispiel nicht zur Nachahmung einladend sei. Die jüdischen Notabein in London und Paris — es waren einige reiche, angesehene Leute, die in den Zeitungsmeldungen so bezeichnet wurden — haben gewiß in der besten Absicht gehandelt, aber klug und würdig nicht. Es zeigt von ungeheurer Naivität, wenn man auf diese Weise heute bei den Mächten etwas erreichen zu können glaubt. Die guten Leute träumten sich wohl ins Mittelalter zurück, wo es tatsächlich die Aufgabe einzelner reicher Hofjuden war, den Regierenden eine schonendere Behandlung ihrer Volksgenossen abzubetteln, abzuschmeicheln und abzukaufen. Heute werden solche Dinge nicht mehr im Vorzimmer großer Herren erledigt. Rein gefühlsmäßige Gelegenheitsaktionen und persönliche Beziehungen „angesehener“ Leute sind nicht mehr geeignet, bei öffentlichen Machtfaktoren die Berücksichtigung jüdischer Forderungen durchzusetzen. Dazu bedarf es heute legitimierter Vertreter eines organisierten ^jüdir sehen Volkes, die sich auf den Wunsch und Auftrag großer Massen berufen können und deren Worte durch die Kundgebungen der großen jüdischen Oeffentlichkeit wirksam unterstützt werden. _Die Vertreter des einigen jüdischen. Volkes! wären nichUauf der^T^pe^d^fi^t/’öram'mer abgespeist worden. Es ist übrigens merkwürdig, daß diese jüdischen Geldleute so bereitwillig mit Worten helfen wollen, während sie schon oft die Gelegenheit, durch die Tat zu wirken, ungenützt verstreichen ließen. Wie oft schon hat sich die russische Regierung an den englischen, französischen, deutschen und österreichischen Geldmarkt gewendet, ohne auch nur auf den leisesten jüdischen Widerstand zu stoßen? Warum mußten wir das schmachvolle Schauspiel erleben, daß um des schäbigen Profits willen, sich dem Pogromzaren tausende jüdischer Taschen öffneten? Warum sind da diese „Notabein“ nicht aufgetreten, warum haben sie nicht bei diesem Anlasse von dem mit Füßen getretenen Recht ihrer Brüder gesprochen? Damals wäre ein Wort wirksamer gewesen, als heute tausend Bitten, Reden und Proteste. Aber damals haben sie geschwiegen und — verdient. Wienep Rultusuahl 1912. Nur wenige Wochen scheiden uns noch von der heuer fälligen Wiener Kultuswahl, welche ein Drittel aller Mandate zu erneuern bestimmt ist. Die zionistische Partei wird mit ebensolcher Würde und Sachlichkeit als mit männlicher Entschlossenheit zur Verfechtung ihres wohldurchdachten, kampferprobten Gemeindeprogrammes eingreifen. Die Zeiten sind gottlob vorbei, da es noch eine Frage gab, ob ein solches Eingreifen zweckmäßig und geboten sei. Heute schwebt jedem Wiener Zionisten der Kultuswahlkampf als sittliches Muß vor. Es bleibe dahingestellt, ob dieser erfreuliche Wandel mehr als Folge jener Vertiefung der Zionsidec erscheint, die zweifellos im Laufe der letzten Jahre zu beobachten war, oder ob er mehr dem- Anschauungsunterricht zu danken ist, welchen die derzeitigen Machthaber der Kultusstube durch ihren Präsidenten der jüdisch-demokratischen Opposition haben zuteil werden lassen. „Reformen? Fällt mir nicht im Traum ein! — —“ meinte

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