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Jüdische Zeitung · 1912-10-11 · 40 (11.10.1912) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
40 (11.10.1912)
Date
1912-10-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 40 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Einwohnerzahl Galiziens 8,025.675; davon wohnten in Städten (Städtchen) 1,505.028 (19.8"'«), auf dem Lande '.dagegen 6,430.647 (S2.2"«). Wir müssen West- und Ostgalizien besonders betrachten, denn die Merkmale dieser beiden Landteile sind verschieden. In Wesigalizien haben wir es mit-Vertretern der römisch-katholischen und jüdischen Konfession zu tun. Berücksichtigen wir zuerst die Stadt Krakau: Die Stadt selbst zählte im Jahre 1S80 44.799 (67.8°/u) röm.-kathol., 308 (0.4«.)) griechisch-kath. und 20.269 (30.7°/o) mosaische, zusammen 66.C95 Einwohner. Im Jahre 1910: 116.656 (76.8°«) röm.-kathol., 1698 (1.1%) griechisch-kathol. und 32.321 (21.3%) mosaische, zusammen 151.S86 Einwohner. In elf Städten Westgaliziens lebten 51.257 Juden, in 56 Städtchen 63.046, in anderen Gemeinden 61.549; zusammen hatte also Westgalizien 213.173 (7.9%) Juden. Von 100 Juden wohnten 71 in den Städten, nur 29 auf dem Lande. Der Zuwachs betrug in den letzten 30 Jahren 46.628 (26.3 °’o), während in derselben Zeit die römisch-katholische Bevölkerung 23.6°« zugenommen hat. Der schwächere Zuwachs der Judecn hat seine Ursache in der Auswanderung, die In annähernden Ziffern folgendermaßen aussieht: ln den Jahren 1S81 bis 1890 wanderten aus Westgalizien 23.571, Ostgalizien 13.0S9 mosaische Einwohner aus; in den Jahren 1891 bis 1900 aus Westgalizien 25.700, Ostgalizien S8.300 mos. Einwohner; in den Jahren 1901 bis 1910 aus Westgalizien 14.125 und Ostgalizien 71.719 mos. Einwohner. Charakteristisch ist nicht nur die Auswanderung der Juden ins Ausland, sondern der überall zu beobachtende Zug vom Dorfe in die Stadt. Die Genossenschaften und andere ökonomische Bedingungen zwingen den Juden in Westgalizien, seine Stelle aufzugeben und in der Stadt sein Fortkommen zu suchen. In Ostgalizien wohnen Polen, Ruthenen und Juden. Hier kommen die nationalen Unterschiede zum Ausdruck, hier entbrannte .der eigentliche nationale Kampf um die Vorherrschaft, der jetzt allem Anscheine nach bald eine friedliche Lösung finden wird. In Ostgalizien wohnen dreimal so viel Juden, als in Westgalizien. Die größte Anhäufung haben wir in Lemberg." Dort zahlte man im Jahre 18S0 58.602 (53.4'Vo) röm.-kath., 17.496 (15.9' .) griechischkathol. und 30.961 (2S.2%) mosaische, das sind zusammen 109.746 Einwohner. Im Jahre 1910 105.469 (51.2“«) röm.-kathol., 29.311 (19.1«,.) griech.-kathol. und 57.387 (27.8««) mosaische, das sind zusammen 206.113 Einwohner. In 83 anderen Städten wohnten (1910)185.532 Juden. Sie bildeten in diesen Gemeinden 42uo, während die römisch-katholischen 26.2'',,, die griechisch-katholischen .31.3®» ausmachten. Zu bemerken ist aber, daß sich in diesen Städten die jüdische Bevölkerung fortwährend verringert, denn ihr Anteil betrug im Jahre 1SS0 48.1 "ii, 1910 dagegen nur 42%. Im Jahre 1910 hatte Ostgalizien 65S.722 Juden, das ist 1213%. der Gesamtzahl zu verzeichnen. Davon wohnten 40"« auf dem Lande, 60°/o in Städten. Mit Ausnahme Lembergs emigrieren die Juden aus allen Kategorien der galizischen Ortschaften, deshalb ist ihre Zunahme niedriger als die der anderen Konfessionen. Hauptsächlich verlassen die Juden die kleinen Städtchen, so daß in den letzten 20 Jahren in Ostgalizien einer Zunahme von 74.000 die Auswanderung von 160.000 Juden gegenübersteht. Die polnische und ruthenische Bevölkerung der Städte wächst schneller als die jüdische, welche allmählich den anderen Nationen der. Platz räumen muß. In Buczacz und Brody haben die Juden eine absolute, in Stanislau, Zolkiew, Tarnopol, Kolonien und Drohobycz eine relative Majorität. Ueberhaupt haben sie in zehn von 19 Städten ein Uebergewicht. Brody hat 67>/>0 Juden, Buczacz 54.4"«, Stanislau 45.6««, Koiomea 44.3%, Drohobycz 44.2%, Zolkiew 40.6",, Tarnopol 41.3"b, Zlöczöw 39.6%, Sokal 38.9«„, Energie überwindet alte Schwierigkeiten. Eine noch nicht bewusst ansgenutzte Energiequelle ist das ha Kaffee enthaltene Koffein. Es ist ein Freund des Menschen, denn es regt seine .gute Laune, seine Phantasie, sein Gedächtnis und seine Tatkraft mächtig an. Aber nur richti« gerösteter Kaffee zeigt keine“ üblen Nachwirkungen. Richtig gerösteten und immer frischen Katfee kauft man bei JillillS r liisg-Ingort Gegründe! i£62. Sanok 38«,,, Brzezany 36««, Sniatyn 35.5%, Stryj 34.6"«, Lemberg 27.8",.■ usw. Für die jüdische städtische Bevölkerung läßt sich folgende Regel aufstellen: In fast allen Städten verringert sich allmählich die prozentuale Stärke des jüdischen Elementes zu Gunsten des polnischen und ruihenischen. In Städten, die keine Fortentwicklung zu verzeichnen haben, ist die jüdische Emigration am stärksten (der Rückgang der Handelsstadt Brody!). Nur Lemberg, Drohobycz, Stanislau und Stryj haben einen stärken jüdischen Zuwachs erhalten. ■ Die traurige wirtschaftliche Lage hat eine Verringerung der jüdischen Bevölkerung verursacht. Mögen diese Zahlen alle Juden in Galizien aufrnuntern, den Kampf für die jüdischen Rechte fortzuführen! Der 11"« starken jüdischen Nation muß man — wenn Recht in Galizien herrschen soll — eine ihrer Ziffernzahl entsprechende. Mandatssumme sichern. Ueber die Zukunft der 909.000 gaüzischen Juden müssen im Landtage jüdische Abgeordnete mitberaten. J üdische Städte, die eine jüdische kompakte Masse haben, sollen nur jüdische Wahlkreise bilden! Eine Protesthunflgebung des titebifAen Judentums. Konstantinopel. Seit einiger Zeit wird' die jüdische Bevölkerung des ottomannischen Reiches durch eine antisemitische Preßkampagne beunruhigt, die von einigen sattsam bekannten judenfeindlichen Hetzaposteln ii gewissenlosester Weise betrieben wird. An der Spitze des ganzen Feldzugs steht Ali Kemal, der schon unter dem alten Regime als antisemitischer Demagog berüchtigt war. Vor 3' « Jahren mußte er nach der Niederwerfung dereaktionären April-Revolte, zu deren Hauptanstiftern er zählte, die Türkei verlassen. Nun zurückgekehrt, hat er sofort im „Ikdam“ eine judenfeindliche Kampagne nach echt Drumont’scher Art (Ali Kemal kommt aus Paris) eingeleitet. Die hier über Juden und fudentum getanen Aeußerungen übersteigen alles bisher hier Dagewesene und reizen die islamische Bevölkerung ganz offen zum Hasse und zur Verfolgung der Juden auf. Ein Winkelblatt, namens „Hikmet“, hat ferner seit Wochen schon ganz unsinnige antisemitsche Artikel losgelassen. Und von Zeit zu Zeit sekundiert auch der „Alemdar“, ein Blatt, dem Beziehungen zu führenden Kreisen der ententistischen Partei nachgesagt werden. Die Methode ist immer dieselbe. Man bemüht sich, mit dem unionistischen Komitee das Fudentum, das man auch, wenn es gerade paßt, Zionismus nennt, für alles Unheil, für das im pc'itischen Leben der Türkei herrschende Chaos verantwortlich zu machen. Ein „A!emdar“-Artikel leistete kürzlich das schier Unmögliche in der Auftischung antisemitisch-antiunionisti- *ch.e” Erfindungen. Letztens, erzählt er, habe das Komitee „Union et Progres“ einen Zionisten nach London ge-'citirkt, damit er mit 350 Pfund Sterling die „Daily Granhic“ zu' seinen Gunsten besteche. Ferner: das Komitee habe, um s-ine Herrschaft zu beseitigen, an die Spitze des fslam einen freimaurischen Scheikh ül Islam gesetzt und an die Spitze des Judentums einen Zionisten, nämlich — den Großrabbiner Haim Nahum! End- 'ich: In den vier Jahren seiner Regierung habe das Komitee eine gewaltige Aktion zur Besiedhtng Palästinas mit luden durchgeführt; es habe nicht weniger als 50.090 jüdische Familien, d. h„ jede Famj'ie durchschnittlich zu 7 Personen gerechnet, nahezu 2.090.000 luden ins Land ein-! geführt .um die arabische Bevölkerung zu verdrängen und Palästina vom Reiche loszureißen. All die; sei das Werk des Komitees „Union et Progres*1. Daß gegen solche Ungeheuerlichkeiten keine Polemik möglich ist, leuchtet ein. Die Verfas-' ser selber glauben nicht an sie ,wohl aber leider manche naive türkische Leser, denen alles Ges druckte, besonders das türkisch Gedruckte, heilig ist. Die Wirkungen dieser Kampagne drohen auf die Dauer gefährlich zu werden. Angesichts der antisemitischen Propaganda und der von ihr drohenden Gefahr hat die jüdische Bevölkerung von Konstantinopel, die Jugend an der Spitze; sich zu einer kräftigen Abwehr erhoben. Vergangenen Sonntagmorgen, zur selben Zeit, da der Medschlis Dschismani seine Tagung abhielt, versammelten sich im Hause des Großrabbinates über hundert aus allen jüdischen Vierteln der Stadt herbeigeeilte. Personen und hielten eine Sitzung ab, in der über die zu ergreifenden Maßregeln beraten wurde. Die Debatten leitete Apotheker Aaron Barzilai. Schließlich wurde einstimmig die folgende Resolution angenommen: „In ■ hohem Grade empört über die giftigen judenfeindlichen Publikationen gewisser türkischer Preßorgane, Publikationen, die dem Geiste der osmannischen. Verfassung zuwiderlaufen, die Zwietracht zwischen den Elementen säen und sehr gefährliche Folgen für das jüdische Element haben können, protestieren die hier Versammelten vor der öffentlichen Meinung. Wir drücken unser Bedauern über die Verspätung aus, mit der der Medschlis Dschismani diese Angelegenheiten auf die Tagesordnung gesetzt hat, und bitten den Medschlis dringlichst, unverzüglich die energischen Schritte bei der Regierung zu tun ,die der Fall erfordert, indem wir ihn für die Folgen der Fortdauer des gegenwärtigen Zustandes verantwortlich machen. Wir drücken den Wunsch aus, daß diese Schritte, damit sie möglichst wirksam und offiziell erscheinen, von einer Delegation unternommen werden, die sich aus Mitgliedern des geistlichen un'd weltlichen Rates zusammensetzen soll.“ Die Versammlung übermittelte diese Resolution durch eine Abordnung dem Dschismani. Dieser erklärte ihr, er fühle sich absolut gleicher Gesinnung mit der Versammlung und habe bereits einen Takrir redigiert, der durch den Vertreter des Großrabbiners Rabbi SabbetaT Levv und durch zwei Mitglieder des Dschismani der Regierung unterbreitet werden soll. Das Schriftstück, das am letzten Montag dem Justizminister überreicht wurde, hat in seinem letzten Teile folgenden Wortlaut: „Der religiöse und der weltliche Rat unserer Gemeinde, entrüstet und gekränkt angesichts dieser Publikationen, die die Gemüter aufzuhetzen geeignet sind und schwere und unheilbare Folgen nach sich ziehen können, pro-j testieren entschieden gegen diese lügenhaften Behauptungen und lenken die Aufmerksamkeit der Regierung hie auf, damit Maßregeln zur Beendigung dieser bedauerlichen Situation ergriffen werden. Da es eine der Hauptpflichten der kaiserlichen Regierung ist, darüber zu wachen, daß jede Ursache zu Unruhen und Zwistigkeiten beschworen werden, erklären wir seiner Exzellenz, daß die ganze jüdische Nation mit Ungeduld die Maßregeln erwartet, die die osmanische Regierung für gut befinden wird, um dieser Pressekampagne gegen die Jude"1, die sich immer durch ihre Gefühle der Treue, Ergebenheit und Liebe für das Vaterland ausgezeichnet haben, dieser Kampagne, die vor allem den heiligen Gesamtinteressen unseres Landes schädlich ist, Einhalt zu gebieten.“ Nach einer offiziellen Mitteilung des Medschlis an die Presse: hat der lustizminister Halim Bej der den Takri" überreichenden Deputation den freundlichsten Empfang bereitet und nach Anhörung ihrer Beschwerde sein lebhaftestes Bedauern über diese traurige Pressekampagne ausgedrückt. Er versicherte, daß er die jüdische Nation als eines der besten Elemente des Landes betrachte und versorach, bis zum folgenden Tage den Minister des Innern zu sehen, dem er den Takrir übermitteln werde, damit energische Maßregeln ergriffen werden, die den Preßangriffen auf die jüdische Nation ein Ende machen sollen. Die Ziele und Erfolge des iüdifAen Nationalfonds. Im Jahre 1901 wurde auf dem 5. Zionistenkengreß in Basel der Jüdische Nationalfonds (J. N. F.) ins Leben gerufen. Er ist in London registriert und wird von einem Direktorium unter Vorsitz des Rechtsanwaltes Dr. M. Bodenheim er in Köln verwaltet. Die wichtigste Aufgabe des |. N. F. besteht darin, Grund und Boden in Palästina zu erwerben, auf dem die heimatlosen, in vielen Ländern verfolgten Juden e's bodenständiges Volk angesiedelt werden. Zur Zeit besitzt der I. N. F. über drei Millionen Mark, die vornehmlich aus kleinen Spend°n seitens minderbemittelten Juden in allen Ländern aufgebracht worden sind. Von diesem Vermögen sind nahezu drei Viertel in Palästina angelegt, mit denen viel Segensreiches geschaffen worden ist. Von den Leistungen sei hervorgehoben' Landwirtschaftliche Musterfarmen am Tiberiassee zur Heranbildung von jüdischen Arbeitern und Arbeiterinnen. Anpflanzung von Oelbaumwäldern, Orangeigärten u. a. auf den zu diesem Zwecke erworbenen Ländereien an der Bahnstrecke Jerusalem- Jaffa. Begründung einer Siedlungsgenossenschaft nach den bodenreformenschen Prinzipien des bekannten Berliner Soziologen Dr. Franz Oppenheimer. Ein modernes, hygienischen Anforderungen entsprechendes Stadtviertel ..Tel-Awiw“ (Frühlingshügel) am Meeresstrande in Jaffa. Förderung de' Kunstgewerbeschule BezaleL we'che 500 Jerusalemer Juden Erwerb gibt und einen neuen Kunststil zu schaffen bemüht ist. Dieser Schule stellte der J. N. F. zwei Häuser in Jerusalem zur Verfügung und half ihr außerdem eine Kolonie auf seinen Ländereien zu begründen, wo Hausindustrie und Gartenwirtschaft verbunden wird. Dem Jüdischen NationaFonds nehört ferner das auf seinem Boden errichtete Gebäude des hebräischen Gymnasiums in Jaffa. Auch für das im B-«u befindliche Technikum in Haifa stellte der Nationalfonds den Boden zur Verfügung.

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