Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 39 (2.10.1912)
- Date
- 1912-10-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Freie Presse“ glaubhaft machen wollte, daß nur ein deutschliberaler Kandidat imstande sei, alle deutschen Stimmen, ohne Rücksicht auf die Konfession auf sich zu vereinigen. Tatsächlich erhielt1 der liberale Kandidat eine verschwindende Stimmenzahl, welche bewies, wie ohnmächtig der deutsche Freisinn liberaler Couleur in den deutschen Wählerkreisen ist. .Ohne die Juden hätte Kunovsky nicht 200 Stimmen bekommen und trotzdem wird die „Neue Freie Presse“ auch weiterhin die Fiktion aufrechterhalten, daß das deutsche Volk freisinnig ist. Und die deutschliberalen Juden werden weiterhin entzückt aufhorchen, wenn irgend ein Paradechrist der deutschliberalen Partei ihnen die Erlaubnis geben wird, für die deutschfreih*eitliche Sache Opfer zu bringen. Die Gemeinöewahlen in Dpofiobycz. Von einem unserer Gesinnungsgenossen in' Drohobycz erhalten wir im Anschluß an den in unserer Nummer vom 11. September erschienenen Bericht folgende Zuschrift, welche wir in ihren wesentlichen Punkten wiedergeben: „Aus Anlaß der . in Drohobycz stattgefundenen Gemeinderatswahlen, an welchen unsere Partei aktiv teilgenommen und eigene Kandidaten aufgestellt hat, ist in der Nummer vom 11. September Ihres gesch. Blattes eine aus Lemberg datierte Korrespondenz erschienen, welche unseren Genossen den Vorwurf macht, sie hätten „durch schlechte Taktik, durch politische Finessen und insbesondere durch ein Kompromiß mit ausgesprochenen Antisemiten dem Feuerstein zum Sieg verholfen.“ Diese Korrespondenz erfordert eine Aufklärung nach jeder Richtung. Der Leserkreis der „Jüd. Zeitung“ weiß genau, unter welch schwerem Druck die Drohobyczer Gesinnungsgenossen arbeiten, es ist noch in frischer Erinnerung, daß wir unmittelbar nach den blutigen Juniwahlen den Versuch unternommen haben, die öffentliche Meinung endlich einmal auf die Drohobyczer Verhältnisse aufmerksam zu machen, wir haben damals im Verein mit den angesehensten Bürgern unserer Stadt aus den verschiedensten politischen Lagern, die Presse, die Zentralregierung und das Parlament durch interessierte Ahgeordnete .für unsere Sache zu gewinnen gesucht, um endlich die Drohobyczer Judenschaft vom drückenden Joch der Feuersteinclique zu befrefen. — Die Tagespresse hat in der Tat eine Zeit lang ihre Spalten dieser Angelegenheit in unvoreingenommener Weise geöffnet, es haben sich auch manche Abgeordnete im Parlament der Sache angenommen und es schien für einen Moment, daß die Juniopfer mit ihrem Blute der Drohobyczer Judenschaft die so lange vorent» hadene Freiheit erkauft haben. — Jeder erinnert sich aber auch noch daran, daß gerade im Poienklub das Drohobyczer Unglück am wenigsten Mitgefühl erweckt hat. — Der Sprecher dieses Klubs wurde nicht — wie wir erwartet haben — der Abgeordnete Dr. Groß, welcher Feuilleton. Doch einmal geweint. Von David P i n s k i. Deutsch von Hermann Blumenthal, Wien. Ein lustiger armer Teufel ist Berl, der Lastträger. Seine Wohnung besteht aus einer Kellerstube mit zwei Fensterchen, durch die man kaum die Füße der Vorübergehenden sehen kann. Die Scheiben sind schmutziggrau, die Wände feucht und verraucht, und in den Winkeln glänzen große Schimmelflecke, aber wenn der Abend kommt, sucht Berl voll Freude sein Heim auf. Bei der Wand — zwischen den Fenstern — steht ein Tischchen. Von den Beinen sind nur zwei seine eigenen; die anderen zwei sind durch Holzscheite ersetzt, die aber im Winter manchmal spurlos verschwinden .... Berl meint darin, daß das Tischchen, wenn man es an die Wand lehnt — mit Gottes Hilfe — auch auf zwei Beinen stehen kann — und es steht! Drei Stühle befinden sich in der Stube, doch alle ohne Lehnen. Diese mußten im vergangenen strengen Winter der Kälte zum Opfer gebracht werden. Zwei Betten stehen noch in der Stube. Auf den Betten liegen einige Lumpen, die Berl „Polster und Decke“ nennt, ln einer Kiste liegen andere Lumpen, die Berl als „Wäschestücke“ bezeichnet. Berl ist immer jn guter Laune. „Was brauche ich mehr“, sagt er lächelnd, „wenn man nur lebt!“ Vier Kinder hat er. „Zwei schlafen mit ihm in demselben Bette, und zwei mit der Mutter Zusammen. „Kinder“, sagt er, aber wenn ich am Abend nachhause komme, kann ich nach Herzenslust mit ihnen umhertolleri.“ Von sieben unser Führer zu den Ministerien war, 'sondern; der damalige Obmann Dr. v. Bilinski, dessen Rede in der Bitte ausgeklungen ist, man möge nicht das galizische System schuldig sprechen, gerade dieses System, welches das ganze Un-> glück herbeigeführt hat. — Und das Resultat war wirklich beschämend: Die Antworten der k. k. österreichischen Minister waren A n k 1 a-» gen gegen die unschuldigen Opfer, Welche entweder den Mut hatten, ihre Stimmen abgeben zu wollen, oder gar als nicht interessierte Passanten sich zufälliger Weise auf der öffentlichen Straße im kritischen Zeitpunkte befunden haben und das Opfer der Gewaltherrschaft -eines einzelnen wurden. Die. Zeit hat über die Drohobyczer Ereignisse den Schleier der Vergessenheit gezogen und Feuerstein, wetchen die ganze öffentliche Meinung als den moralischen Urheber des Unglückes gebrandmarkt hat, welcher übrigens sich selbst verurteilt hat, indem er unmittelbar nach der Katastrophe fluchtartig die Stadt in Assistenz von zwei Gendarmen verließ und sich mehrere Monate versteckt .hielt, dieser Feuerstein ist heute wiederum Dank der Protektion des mächtigen Statthalters Machthaber und Alleinherrscher in Drohobycz. Die Furcht vor ihm und seinen Helfershelfern ist heute umso größer, je wahrscheinlicher es wird, daß die Regierung nicht die Absicht hat, wie sie es durch den Mund des gewesenen Ministers, des Innern versprochen hat, —- in die dunklen Winkel der Drohobyczer Verhältnisse hineinzuleuchten. — Die eingeschüchstein unter dem Schutz großer und mächtiger terten Drohobyczer Juden erkennen, daß Feuer- Verteidiger steht, welche solche Machthaber zu ihren eigenen Zwecken brauchen. Wir waren Zeugen dessen, daß sich dunkle, existenzlose Individuen gefünden haben, welche beschworen haben, es sei aus der Menge ein Schuß gegen das Militär gefallen, jeder wußte von wem diese Individuen für ihre Henkersdienste bezahlt wurden und jetzt bekamen dieselben, bis unlängst beschäftigungslose Individuen, gut bezahlte Posten in Institutionen, welche offenbar nur zu diesem Zwecke geschaffen wurden, tun die Dienste dieser Individuen zu belohnen. Wer soll die Stimme dagegen erheben, wenn Feuerstein seit den blutigen Wahlen sich mit Individuen umgibt, die vor nichts zurückschrecken, wenn die den „besseren Ständen“ angehörigen Helfershelfer Feuersteins in den Steuerkommissionen sitzen und jeden Bürger, welcher den Mut hätte, dem Allgewaltigen nicht gefügig zu sein, mit hohen Steuern bedrohen. Dem Lemberger Korrespondenten Ihrer Zeitung mußten doch diese Verhältnisse bekannt sein, denn jeder weiß, daß, so lange Feuerstein in Drohobycz uneingeschränkt waltet und bei den Behörden Unterstützung findet, für uns Zionisten das oberste Programm sein muß: Kampf gegen Feuersteins Herrschaft mit allen zu Gebote stehenden Mitteln und Hand in Hand mit allen hiezu bereiten Bundesgenossen. Es ist aber nicht richtig, daß sich unsere Genossen im letzten Wahlkampfe mit - bekannten Antisemiten liiert Kindern sind ihm diese vier am Leben geblieben, und wenn er an die drei, die nun unter der Erde liegen, denkt, hat er Tränen in den Augen — aber sonst: was fehlt Berl, dem’ Lastträger? Mit seinem’ Weib ist er nicht ganz zufrieden, denn sie weint und klagt beständig. „Was will sie?“ fragt er sich. Hat sie einen Kontrakt mit Gott? Ist er ihr verpflichtet?“ „Mein Weibel taugt aber gar schon zu gar nichts“, äußert er oft. „Ein Klageweib ist sie geworden!“ Kaum bemerkt er Tränen in ihren Augen, so stellt er sich vor sie hin, ringt in Spaß macherweise die Hände und macht ein weinerliches Gesicht. „Du möchtest immerfort nur lachen“, ruft Bassia erzürnt. „Ich zerfließe ja in Tränen“, antwortet er mit trauriger Stimme. „Um dich soll man schon weinen“, ruft sie und wendet .sich von ihm ab. Doch Berl ist nicht beleidigt. Was tut ihm ihr Fluchen? Ihm scheint es, daß er ohne dieses die Welt nicht mehr so lustig finden würde. Zornig wird er nur, wenn sie über sich selbst zu fluchen beginnt. Dann fängt auch er gu schimpfen an; besonders, wenn sie den Tod herbeisehnt. Da gibt es ihm einen Stich durchs Herz. ,,Die Zunge soll dir verdorren“, schreit er und spuckt aus. Bassia wird still und fängt zu weinen an, während er ihr wütende Blicke zuwirft. „Was nützt dir das Weinen“, ruft er. „Der Mensch soll nur am Versöhnungstage über seine Sünden weinen — sonst niemals.. .“ i Eines Tages hat sich aber folgendes ereignet : Berl to'Ite mit den Kindern so lange in der Stube herum, bis er plötzlich rücklings auf sein Bett fiel und dieses unter ihm zusammenbrach. .„Gelobt sei der Herr des Himmels“, stieß er lachend hervor. „Kommt, Kinder, ■ wir Wollen haben, hingegen ist es Tatsache, daß sie sich mit allen unzufriedenen Elementen der Stadt zu einem gemeinschaftlichen Vorstoß gegen die Feuersteinsche Macht vereinigt hat. Der Erfolg, welchen wir erzielt haben, ist aber von nicht zu unterschätzender Bedeutung. — Man muß bedenken, daß in Drohobycz zum erstenmale bei Gemeinderatswahlen eine Opposition auftrat. Es dürfte bereits bekannt sein, daß wir im ersten und dritten Wahlkörper mehr als 40"» aller abgegebenen Stimmen, im zweiten Wahlkörper 20"» ' der abgegebenen Stimmen erzielt haben. (Die Wähler des zweiten Wahlkörpers bestanden zum größten Teil aus Familienmitglieder Feuersteins und aus ganz abhängigen Mitteiexistenzen.) Ohne ein Kompromiss mit den Sozialdemokraten, Ruthenen und unabhängigen polnischen Demokraten war an einen Erfolg gar nicht zu denkenj weil doch die jüdischen Wähler im Allgemeinen bloß 30"« der Gesamtwählerschaft aus- ’machen und wegen ihrer Abhängigkeit von den Feuersteinschen Einflüssen in den Bankinstituten, der Gemeinde und den Steuerkommissionen, die unsichersten waren. Es wäre natürlich in einem anderen Kronlande nicht möglich, daß die Verwaltung einer Stadt ausschließlich in den Händen der Majorität bliebe und daß eine Minderheit von 40"» keinen einzigen Vertreter im Gemeinderat haben soll, in Galizien und speziell in Drohobycz ist alles möglich. Daß Feuerstein seine Helfershelfer auch in den sogenannten besseren Kreisen der jüdischen Bevölkerung findet, ist bei der Korruption, die sein Regime seit Jahrzehnten verbreitet, natürlich. Nun haben wir einen schweren Kampf durchgemacht und einen glänzenden Beweis unserer Kraft erbracht, was auch unsere Gegner zugeben. Den Vorwurf, schlechte Taktik verfolgt zu haben, verdienen wir gewiß nicht. Mit Korrespondenzen, wie es Ihre letzte Lemberger war, und welche von der gegnerischen Presse breitgeFeten werden, wird unsere schwere Arbeit gewiß nicht gefördert.“ t Vorstehende Zuschrift haben wir unserem Korrespondenten zur Rückäußerung eingeschickt. Seine Antwort lautet: „Ich bestreite, die im ersten Absätze der Zuschrift zitierte Phrase („durch schlechte Taktik, durch politische Finessen und insbesondere durch ein Kompromiß mit ausgesprochenen Antisemiten dem Feuerstein zum Siege verholfen“) im Zusammenhänge gebraucht zu haben. Es geht nicht an, aus einzelnen .Sätzen Worte hinauszunehmen, diese zu einem zusammenhängenden Satze zu vereinigen und dann auf Grund dieses willkürlich konstruierten Satzes, dem Berichterstatter Vorwürfe zu machen. Was das Meritorische anbetrifft, so muß ich den Drohobyczer Gesinnungsgenossen den Vorwurf machen, daß sie den Führer der polnischen Sozialisten im November vorigen Jahres offenbar verkannt haben. Denn als ich mich damals erkundigte, warum' denn die Zionisten nicht für den sozialdemokratischen Kandidaten und gegen den Polenklubjuden Dr. Segall eintreten, wurde mir bedeutet, der Führer der Drohobyczer Sozialdemokratie, ein Pole, wäre ein arger Antisemit und man könne den jüdischen Wählern nicht zumuten, daß sie mit Rücksicht auf dem Bett eine Grabrede halten.“ Er versuchte, sich die Figur des höckerigen Gemeindepredigers zu geben, und wollte seine Rede beginnen, aber Bassia griff sich an den Kopf und schrie auf: „Ich ertrage das nicht länger! — Nun haben wir nicht mehr, wo den Kopf hinzulegen. Großer Gott, mache meinen Leiden ein Ende . . .!“ Berl wird zornig. „Was lamentierst du so wegen des Bettes“, schreit er. Bassia schimpft weiter, doch Berl ist wieder guter Laune. „Weicht ein Lä"m“, ruft .er. „Das Bett ist zerbrochen! Wahrhaftig, die Welt geht unter . . .! Das Böse, das uns widerfahren sollte, ist eben dem Bett geschehen! Wozu also das Jammern?“ Die Erklärung leuchtet Bassia auch ein. Sie beruhigt sich langsam und denkt nach, wie der Schaden wieder gut gemacht werden kann. „Man wird den Kindern keine neu- Schuhe machen“, denkt sie. ..Für das erste Geld muh ein neues Bett angeschafft werden.Oder könnte man das Bett doch noch reparieren?“ Sie wird einstweilen 'mit zwei Kindern auf dem Fußboden schlafen. Ein anderer Ausweg fällt ihr nicht ein. Aber warum lacht Berl noch immer? „Wenn du dich erst einige Nächte auf der feuchten Erde herumgewälzt hast, wird dir das Lachen schon vergehen“, murmelte sie unwillig. „Nein, so was! Berl, der Träger, wird auf dem Fußboden schlafen“, ruft er laut lachend. „Kinder bringt den Strohsack!" Bassia zeigt auf ihr eigenes Bett und sagt: „Dort leg dich hin!“ „Ich schlaf in keinem Weiberbett“, witzelt Berl. Er ergreift den Strohsack, doch Bassia stellt sich vor ihn hin und schreit: „Ich habe gesagt nein, und dabei bleibt es.“ „Gut, so ltge ich mich auf den bloßen Fußboden“, ruft Berl lachend und zieht den Pelz aus.