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Jüdische Zeitung · 1912-10-02 · 39 (2.10.1912) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
39 (2.10.1912)
Date
1912-10-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 38 Verhältnissen lebenden jüdischen Massen vor dem gänzlichen wirtschaftlichen und moralischen Ruin zu bewahren. Die erhaltende Wirkung des guten weiblichen Einflusses ist besonders in den Kreisen des kleinen jüdischen Mittelstandes und der gänzlich verarmten Masse des Ostens zu konstatieren. In den Kreisen des jüdischen Reichtums und des wirtschaftlich gut situierten Mittelstandes, insbesondere des großstädtischen, liegen die Dinge wesentlich anders, man kann hier schon vielfach von einem verderblichen liehen Einfluß des weiblichen Elementes sprechen. Hier reißt der folgenschwere Unfug ein, das Weib als Luxusgegenstand zu werten und zu behandeln, man huldigt dem amerikanischen Schlagworte: „Die persönlichen Bedürfnisse des Weibes allezeit voran!“ in der ausschweifendsten Weise. Die Jour- und Kaffeehausjüdin, früher eine Einzelerscheinung im Milieu der oberen Zehntausend, wird nachgerade zum Typus. Ein beschäftigungsloses Wesen, das die Besorgung des Haushaltes und die Erziehung seiner Kinder bezahlten Kräften überläßt, mit dem Drange, „sich auszuleben“. In Wirklichkeit richtet sich dieser Drang, welcher als geheiligtes Mysterium respektiert wird, nach absolut unmysteriösen Dingen, als da sind: Reiherfedem, Pokerpartien, alpinen Hotelpensionen, Karuso, Esplanadenflirt etc. Das Resultat dieses „Sichauslebens“ ist ein in jeder Beziehung abstoßendes Produkt. Man braucht nur die in den Kaffeehausfenstern lagernde üppige Indolenz zu betrachten, man braucht sich nur die von der I-olizei attrapierten Spielratten als Gattinnen, Mütter und Töchter vorzustellen. Als Begleiterscheinung der jüdischbürgerliche Musterehegatte und Familienvater: £r ist eine ausgemergelte, abgebrauchte Verdienmaschine, deren Daseinszweck sich in der Begleichung von Hotel- und Schneiderrechnungen (erschöpft' Die grobe Genußfreudigkeit seiner Familie absorbiert ihn völlig. Die Sorge um "die Badereisen und den Kleiderkram lassen ihn ein forciertes Arbeitstempo einschlagen, jagen ihn in aufregende Spekulationen hinein. "Es Sind das absolut keine Uebertreibungen. Es ist zur Allgemeinerscheinung im jüdischen Mittelstände geworden, daß der vom weiblichen Teile der Familie getriebene Aufwand einen ganz jmverhältnismäßigen Teil des Gesamteinkommens absorbiert Von den .wirtschaftlichen Folgen abgesehen, ist dieses System geeignet, den größten moralir sehen Schaden zu stiften. In der von der Kaffeehausjüdin regierten Familie wachsen energielose, weichliche Knaben auf, der Anblick des väterlichen Geldschwitzautomaten ist nicht darnach angetan, männliche Instinkte zu wecken. Es wachsen Mädchen jauf, die auf den Meist-' verdienenden dressiert sind, die vor jeder Tätigkeit in der Familie zurückschrecken, in denen die weiblichen Instinkte verkrüppelt sind. Der Familiensinn ist ein hervorstechender Zug des jüdischen Mannes, er ist durch den Volkscharakter bedingt Der jüdische Mann hat immer das Wohl seiner Familie allen anderen Dingen weit vorangestellt, er hat in seinem Weibe die gleichwertige Mitarbeiterin geliebt und geachtet. Aber nichts liegt dem jüdischen Volkscharakter ferner, als die Herrschaft der untätigen Zierpuppe, als ein System, welches die Manneskraft müßigen Weiberlaunen opfert. Ein großer Teil des jüdischen Mittelstandes leidet heute unter diesem System. Man muß dagegen ankämpfen. Der jüdischen, arbeitenden Frau soll die gebührende Stellung, die völlige Gleichberechtigung eingeräumt sein, aber die Kaffeehausjüdin muß aus dem Vordergründe verschwinden. Von der Alliance. Noch immer ist es ungewiß, ob die Nachricht, daß sich die Alliance aus der Türkei zurückziehen will, auf Wahrheit beruht. Wie dringend zu wünschen dies wäre, zeigt wiederum zur Evidenz der eben erschienene Jahresbericht. Wir finden in demselben einen Bericht, welchen der ‘Rabbiner Israel Levi über seine Inspektionsreise in den Orient auf der letzten Generalversammlung erstattet hat, der würdig des Geistes ist, der die Alliance beseelt. „Bericht“ ist eigentlich ein zu ernstes Wort, die Alliance selbst nennt die Rede Levis eine „Gauserie“. Wie herzig! Die Not des Orientjudentums, die materielle und geistige, erfordert eine Untersuchung und das Resultat ist eine „Gauserie“. Aber diese Bezeichnung ist für das, was Levi zu sagen hatte, zutreffend. Denn der Bericht ist bar jedes Ernstes und enthält nichts als Redensarten. Man weiß absolut nicht, auf Grund welcher Untersuchungsresultate Herr Levi zu seinen famosen. Schlüssen gekommen ist. Nur eines geht aus der Rede hervor: Herr Levi ist mit gebundener Marschroute gefahren, d. h.' er hatte eine vorgefaßte Meinung, die er nun als „Resultat“ seiner sogenannten Untersuchung ausgibt Hören wir, was er über das palästinensische Schulwesen sagt: „Um dem Verfall der Religion entgegen zu wirken, setzen die Juden des Orients alle Hoffnung; . in die Kenntnis der hebräischen Sprache, als ob hebräisch und Religon nicht eins und dasselbe wären und als ob die Frömmigkeit in direkter Beziehung mit der hebräischen Wissenschaft stünde.“ Dieser famose Satz zeigt von einem solchen profunden Verständnis dieser Frage, wie etwa der berühmte Ausspruch des Wiener Allianz-Sekretärs: ,,Die jüdische Auswanderung aus Rußland ist weder ungewöhnlich noch beunruhigend.“ Herr Levi unterschiebt in dem zitierten Ausspruch den hebräischen Renaissancebestrebungen das Motiv, daß sie der Religion aufhelfen wollen. Herr ■ Ben Jehuda, der erste Pionier der hebräischen Sprache in Palästina, wird sich ein bißchen verwundern, wenn er diesen Ausspruch lesen wird, war er doch, als er nach. Jerusalem kam, wegen seiner fanatischen Irreligiosität dort der bestgehaßteste Mann. Oder was werden die orthodoxen Gegner der hebräischen Gymnasien, welche nach ihnen die Pflanzstätten der Irreliösität sind, zu dieser Erkenntnis Herrn Levis sagen? Nein, Herr Levi, Sie haben mit ihrem spöttischen Nachsatz völlig Recht, die Religiosität steht in keinem direkten Zusammenhang mit der hebräischen Wissenschaft. Aber um diese Weisheit triumphierend als Eigenbau leuchten zu lassen, mußten Sie eben die gegenteilige Meinung den Pionieren der hebräischen Renaissance unterschieben. Hören wir weiter: Die Alliance hat sich trotz ihrer höheren Einsicht dennoch bewogen; gefühlt, den Wünschen nach besserem Hebräisch- Unterricht zu entsprechen und entlieh zu diesem1 Ende sogar fden bösen Zionisten ihre Lehrmethode des Hebräischen. Aber sicher sei, daß jene, welche den Wunsch nach mehr Hebräisch haben, häufig nur Einflüsterungen solcher Leute Gehör schenken, welche das Hebräische nicht als bloß nötig zum besseren Verständnis der religiösen Bücher halten, sondern — man höre und schaudere! — sie zur Muttersprache zwecks Wiederherstellung eines jüdischen Volkes . machen - wollen. Solche Redewendungen sind echteste „Muttersprache“ der' Alliance. Die heroischen Anstrengungen, der geknechteten jüdischen Nation werden von dieser israelitischen Notabelngesell-- schaft wie ein Schlechter Streich böser .Buben behandelt und die alte Gouvernante „Alliance“ beeilt sich, durch den Mund ihres Inspektors zu 'versichern, daß sie solchen Plänen fernstehe und es nicht verstehe, ihre Schulen zu Herden des jüdischen Nationalismus zu machen. „Vielleicht“ — meint .Herr Levi naiv und unschuldig, — vielleicht ist es diese Haltung, die ihr die in den letzten Jahren heftiger gewordenen Angriffe einträgt. „Vielleicht“, sagt Herr Levi, weicher als Inspektor der. Alliance prüfen sollte, ob die von den Kritikern behaupteten Mängel der Allianceschulen wirklich bestehen, die betreffenden Kritiken anscheinend nicht einmal gelesen hat, denn sonst wüßte er bestimmt, welches ihr Inhalt ist und müßte sich nicht mit einem „Vielleicht“ begnügen. Wir empfehlen Herrn Levi, doch einmal die von uns kürzlich zitierte vernichtende Kritik, die der Historiker Phillipsohn, ein Nichzionist, über das Werk der Alliance gefällt hat, nachzulesen. Die Frage Philipsohns, wieso die Juden des Orients und Afrikas trotz der 50 jährigen Tätigkeit der Alliance im gleichen Elend lebten, wie je zuvor, harrt trotz der „Inspektionsreise“ Levis und seiner „Gauserie“ noch immer der_ Beantwortung. Wenn allgemein angenommen wird, daß der (Hauptfehler, den die Alliance begeht, darin besteht, daß die Kinder in den Schulen französisch erzogen und damit völlig ihrem Milieu entfremdet werden, auf dieses daher auch nicht weiter einwirken können, so hat Levi von diesem Vorwurf irgend etwas „läuten“ gehört, er . scheint aber nicht recht zu wissen, was. .. Er verteidigt „das Lehren dieser Sprache“ mit idealen und praktischen Gründen, aber es handelt sich gar nicht um „das Lehren dieser Sprache“ (l’enseiigutment de cette langue), sondern um „Unterrichten in dieser Sprache“. Herr Levi drückt sich, wie dies noch jedesmal die Wortführer von der Alliance taten, um1 diesen fundamentalen Unterschied herum. Auch in. unseren Realschulen wird — die französische Sprache im Sprachunterricht gelehrt „ aber die Unterrichtssprache ist nicht französisch! Kein Mensch wird etwas dagegen' haben, daß die orientalischen Juden französisch lernen, wogegen wir aber Einsprache erheben, ist, daß jüdische Kinder in Palästina durchaus französisch unterrichtet werden. Der Bericht, der unter anderem auch die Auswanderung;der .Zöglinge der Jaffaer landwirtschaftlichen Schule nachweist (von 14 Absolventen blieben nur 5 landwirtschaftlich in Palästina tätig!) reiht sich würdig seinen Vorgängern an. Die Neufifitheinep Wahl. Getragen von der stramm antisemitischen Gesinnung der deutschen Wählerschaft und in der Stichwahl vom „deutschen Freisinn“ Mährens unterstützt, hat die deutschradikale Kandidatur in Neutitschein gesiegt. Der Ausgang war für Einsichtige nicht zweifelhaft; obwohl die „Neue Energie überwindet alte Schwierigkeiten. Eine noch nicht bewusst ansgenutzte Energiequelle ist das im Kaffee enthaltene Koffein. Es ist ein. Freund des Mensdhen, denn es regt seine gute Laune, seine Phantasie, sein Gedächtnis und seine Tatkraft mächtig an. Aber nur richtig gerösteter Kaffee zeigt keine üblen Nachwirkungen. Richtig gerösteten und immer frischen Kaffee kauft ' man bei Julius MEINL, Kaffee-Import Gegründet 1862. \T Uh H D T X Mn I C rUP lebens-versicherungs - Gesellschaft IN lLULKLAlNDloLnL wien, i„ aspernplatz i. Im eigenen Palais.—Uersidieptes Kapital zirka 380 filillionen. — Pramianreserue zirka 113 Millionen. — Billigste Prämien und kulanteste Badingungen. 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