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Jüdische Zeitung · 1912-09-25 · 38 (25.9.1912) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
38 (25.9.1912)
Date
1912-09-25
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 klerikalen Artikel sogar von einem Christen geschrieben werden. Aber der rote Schmock hilft dabei doch wacker mit! Kann er nicht gegen den Klerikalismus der Christlichsozialen losziehen, so ist er doch gerade gut genug, um den antisemitischen Teil des Blattes zu besorgen, der umso nötiger ist, als sonst der Eindruck entstehen könnte, daß der Kampf gegen die Christlichsozialen auch ein Kampf gegen den Antisemitismus ist. Niemals strotzten die Seiten der „Arbeiter-Zeitung" so sehr von diesem, als gerade jetzt, wo Schmock sich auf dieses ihm ureigenste Gebiet zurückziehen kann. Nehmen wir eine beliebige Nummer aus der Eucharistenzeit zur Hand! Etwa 250 vom 12. September: Gleich auf Seite 3 ein wütender Ausfall gegen Abg. Sommer, der den Antisemitismus verraten will, was die „Arbeiter - Zeitung“ „Radikale Grundsatzlosigkeit“ nennt Diese Radikalen: „während die einen Antisemitismus vorsch win de ln, strengt sich der andere an, den Juden Komplimente zu machen.“ Und Sommer wird ganz im Stile des „Deutschen Volksblatt“ ob seiner verwerflichen Judenfreundlichkeit Rabbi Sommer genannt. Auf Seite 4 finden wir eine noch gemeinere Denunziation, die wirklich verdiente, in den „Kikeriki“ aufgenommen zu werden. Unter „Christlicher Wegweiser“ erzählt die „Arbeiter-Zeitung“, daß im geschäftlichen Wegweiser der Reichspost eine Firma stehe (der Name ist genannt), die an den israelitischen Feiertagen gesperrt haben! Es ist ja reizend, wie besorgt die „Arbeiter - Zei - tung“ ist, daß das „Kauft nur bei Christen“ durchgeführt werde. — Auf Seite 6 finden wir weiters eine Notiz über die „Jüdischen Eucharistie r “, die in launiger Weise den liberalen Blättern vorwirft, daß, sie das „Mysterium“ mit dem „langen Tag“ verwechseln. Gleich danach eine Notiz über die „Jüdische Reichspost“, womit das „N. Wr. Tagblatt“ gemeint ist. In der Gerichtssaalrubrik finden wir den schönen Titel: „Dje Hausjuden des Deutschen V-oJksblattes“. Unter dem Blatt steht Dr. Adler. als Verleger ujid -Herausgeber, Friedrich. A u st er 1 iiz als „Chefredakteur“; Dieser Friedrich Austerlitz hat die Stirne gehabt, in der Leopoldstadt um jüdische Stimmen zu werben und er hat auch solche in größerer Anzahl erhalten. So tief ist die Selbstverachhirig der Juden schon gesunken! In absehbarer Zeit wird die jüdische Leopoldstadt diesen ärgsten aller jüdischen Antisemiten in das Parlament entsenden,' wenn nicht doch durch die unermüdliche Agitation des Jüdischen Volksvereines die Fahne des nationalen Gedankens zum Siege geführt werden wird! und mit ihm über diese Frage, zu sprechen Dieser Mann empfing midi (mit einer bitteren Klage über die Juden, die es kiidit verstehen wollen, mit welcher Anhänglichkeit er an dem Zustandekommen des Angolagesetzes mitgearbeitet hat Er warf den Juden Unverständnis vor, die das Gute nicht akzeptieren wollen. Seiner Meinung nach ist Ango’a für eine jüdische, sowie für eine allgemeine Kolonisation sehr geeignet Ich konnte mich nun nicht ' länger zurückhälten und warf die Frage ein: „Ich möchte doch gerne wissen, .weshalb Sie sich so sehr für das Projekt einsetzen utid immer von den Vorderen . sprechen, welche eine.'AhgoIakolonisation für die Juden hätte, deren Wesen Sie ja gar nicht kennen und nicht Verstehen.“ Der Gelehrte erhob sich von seinem Sitze und antwortete heftig; „Wie können Sie sagen, daß ich die Juden nicht kenne und nicht verstehe. Sie wissen ganz gut, daß ich, wenn ich auch in erster Reihe Portugiese bin. aber doch selbst auch Jude bin. Wohl kein Religionsjude, aber immerhin Rasseniude. Ich stamme von den Marannen ab.\ Meine Familie hatte in einer amerikanischen Kolonie viel zu leiden und wurde dem Judentum entfremdet. Ich' habe wohl heute gar keine Beziehungen zur jüdischen Religion. Aber ich habe ein starkes Mitgefühl mit dem großen jüdischen Volke geerbt, und das lebt stark in mir. Und ich bin nicht der einzige; ein Drittel der Portugiesen in Brasilien befindet sich in derselben Lage wie ich. Ich würde vielleicht dies noch stärker betonen,: aber mdir als alles ärgert es mich, daß gerade die wahren Juden, denen ich begegne, zum Beispiel gerade Herr (er nannte einen in Lissabon, lebenden russischen Juden), mit Verachtung von uns sprechen, JÜDISCHE ZEITUNG Merger Brief. (Von unserem Berichterstatter.) Vorige Woche fanden in Brody Gemeinderatswahlen statt, welche der zionistischen Partei einen schönen Erfolg brachten. Im dritten Wahlkörper wurde Gg. Dr. G I a s b e r g und im zweiten Wahlkörper Gg. Paul Brat gewählt. Wenn auch die zwei Mandate nicht Im Wege des Kampfes, sondern im Wege eines aus örtlichen Umständen gerechtfertigten Kompromisses erworben wurden, so muß die Tatsache, daß die herrschende, über alle Machtmittel verfügende Partei, sich zu einem Zugeständnis an die Zionisten bequemen mußte, als Erfolg betrachtet werden. Umsomehr, als angeblich anläßlich1 der Reichsratswahlen 1911 Abg. Kolischer eine erdrückende Majorität von tausenden Stimmen erhielt und zum Abgeordneten der Stadt proklamiert wurde. Mit dieser erdrückenden Majorität des Abg. Kolischer kann es nicht weit her sein, wenn seine Parteigänger den Zionisten Mandate konzedieren müssen. Die angekündigte (Konferenz der galizischen akademischen Jugend fand Mitte September in Drohobycz statt. Es wurde beschlossen, einen Ve'band der Hochschuljugend zu begründen und einem Exekutivkomitee die Ausgestaltung dieser Organisation zu überlassen. ' * * \ Die Landtagswahlreform ist noch nicht perfekt und die Aussichten auf ein baldiges Uebereinkommen sind sehr gering. Immerhin brachten die letzten Verhandlungen eine gewisse Abwechs-- lung: die streitenden Parteien — Polen und Ruthenen — kamen darauf, daß in Galizien auch Juden leben und nicht ohne weiteres übergangen werden können;- Allerdings war von den Juden nur insofern die' Rede, - als man in ihnen ein Tei’ungsobjekt erblickte. Die sogenannten jüdischen Abgeordneten im ga’iz’schen Landtage haben bis jetzt geschwiegen.- Diese ehrvergessenen. würdelosen Maridatsträger gehen achtlos an den Verhandlungen vorbei. Leider hat’ auch die jüdische Masse bis jetzt wenig Interesse für die Land^agswahlreform bekundet, obwohl diese das wichtigste politische Ereignis für das gesamte Land und die darin wohnenden Völker darste’lt. Eine erfreuliche Ausnahme bilden die Poale-Zi'on, welche in der letzten Zeit mit einer regen Versammlungstätigkeit eingesetzt haben, ln den meisten größeren Städten des Landes fanden massenhaft besuchte Volksversammlungen statt, welche stürmisch die Berücksichtigung der jüdischen Forderungen verlangten. Die in diesen Versammlungen gefaßten Resolutionen wurden die wir selbst nach' 400 Jahren noch uns als Kinder des jüdischen Volkes fühlen.“ Ich habe den Gelehrten beruhigt. Keiner unter uns Juden, der die jüdische Geschichte genau kennt, verachtet die imglücklichen Marannen, die wegen ihrer treuen Anhänglichkeit zum Judentum so viel peMtten haben und nicht wie die landläufigen Täuflinge zu behandeln sind. Ich' empfahl ihm das Studium de1jüdischen Geschichte. in wecher er nahezu hundert Seiten finden wird, die von den Leiden der Marannen erzählen. Und ich fügte noch hinzu: „Wenn die jüdischen Geschichtsschreiber de*- letzten Gene-a'ion aufgehört hab,en, Berichte über die Märannen. zu bringen, so. seid Ihr daran schuld, und nicht wir. Man hört nichts mehr, von Euch, noch weniger, fühlt man, daß in Euch noch iener verborgene jüdische Funke lebt, von dem Ihr spreche*. Vielleicht wird das Angolaprojekt .Euer schlummerndes Gefühl erwecken, vielleicht wird es dem jüdischen Volke viele wichtige und, wie es scheint, nicht ganz verlorene Kräfte zurückführen! . . .“ " Am selben Abend besuchte ich mit einem Bekannten ein Konzert. Ich sah dort viele Damen in - feinen, modernen Toiletten. Ich betrachtete ihre edlen jüdischen Gesichtszüge, blickte in ihre glänzenden, fast wie leidend rührenden züchtigen -Augen und sah ihre matten melancholischen Gesichter; da vergaß ich ganz, daß ich mich in Lissabon inmitten einer katho'iscben Gesellschaft befinde, glaubte einen Moment lang! auf einem jüdischen Ba'le in Warschau oder noch richtiger Smyrna zu sein.' Was bedeutet das?. Nr. 38 den Obmännern des polnischen und ruthenischen Land'agsklubs, sowie den Abgeordneten der betreffenden Städte zur Kenntnis gebracht. . * Die Agitation des Gg. Dr. Zipper für das hebräische Gymnasium zeitigte bereits schöne Erfolge. Bis jetzt sind 35.000 Kronen gesammelt worden. Dr. Zipper wird in den nächsten Tagen weitere Versammlungen zugunsten des Jerusalemer Gymnasiums abhalten. Bus dem judiirfien Beben. Zur Kiewer Knabenmordaffäre. Die Komödie der „erneuten Untersuchung“ naht ihrem1 Ende. Man hat freilich im Laufe dieser Untersuchung sehr interessante Details an den Tag gefördert. So hat z. B. Frau Diakonowa, die Hauptzeugin Brasul-Bruschköwskys, die bekanntlich Rudsinsky, den Bruder der Tschebirjak, und Latyschew als die Mörder des Knaben Juschtschinsky bezeichnete, diese dunklen Ehrenmänner erkannt. Untersuchungsrichter Maschkewitsch ließ die Diakonowa nach dem Gefängnis kommen, wo sie Rudsinsky, der dort irgendein Verbrechen abbüßt, unter elf Sträflingen sofort erkannte. Dieselbe Probe wurde mit Latyschew im Kerker gemacht, und Frau Diakonowa erkannte ihn unter fünfzehn anderen: Trotzdem diese Tatsach“ in Gerichtskreisen großen Eindruck machte, sollte man sich doch bald überzeugen, daß alles beim alten bleiben dürfte. Sehr verblüffend wirkte die Tatsache, daß- Fürst Karaiew und der Student Malachin, die zu den wichtigsten Zeugen Brasul-Brusch - kowskys gehören, kurz darauf wegen angeblicher anarchistischer Umtriebe verhaftet wurden. Die überzeugenden Aussagen Brasul-Bruschkowskvs und Krassowskys hatten den Verteidiger Beilis’, Rechtsanwalt Grusenberg. zu einem neuen Versuch zu Gunsten seines Klienten ermutigt. Vor kurzem richtete er an Untersuchungsrichter Maschkewitsch ein . Gesuch um Haftentlassung Beilis’ gegen Kaution. Dieses Gesuch wurde nun abschlägig beschießen. Das arme Onfer des bösen Ritualmordwahns wird voraussichtlich noch lange im Gefängnis, schmachten. Wie die gut unterrichtete ..Novvoie Wremja“ zu melden weiß, sollen die Verhandlungen gegen B"i>is im’ Laufe des Jahres 1912 .nicht mehr s+attfinden. Es hat auch keine Eile -.damit. Vorläufig ist ia die Affäre ein trefflicher f‘Bissen für unsere Patrioten. Namentlich wird iw Hofel-flestourant1 Gi "•ws ÄÄÄA”A‘‘A‘Ä‘A‘ÄÄ‘A‘A‘ÄÄÄ:A Wien, II., SfelanieitraOe Nr. 14. Telenhnn intprurban 13702. 70 mnifcm'f eingerichtete Zimmer von K 2.80 aufwärts. In unmitteib. Nähe des Nordn. Nordwestbahnhofes, 5 Minuten . vom Stadtzentrum. BADEN bei Wien, Antonsg. 13. 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Die Juden hatten keinen Grund, sich der Rangerhöhung ihrer vormaligen Religionsgenossinzu freuen. Sie war eine fanatische Christin geworden' und tat nichts.. Judenverfolgungen zu verhüten. I'm! Jahre 1352 beschloß eine angeblich. zur Verteidigung des GlauKp-s ahuehaltenes National-Konzil die Austreibung der Ketzer und Juden.. . Diese hatten in Tirnowo seit 1295.ein eigenes Viertel bewohnt. Man klagte sie der' Verachtung ’ des orthodoxen Glaubens an. drei Juden wurden’ wegen Blasnhemie zum Tode verurteilt, kamen aber auf Intervention der Königin durch des Königs Gnade mi+ geringere" Strafen davon. 'Die jüdische Gemeinde von Tirnowo. von deren- Friedhof noch Reste vorhanden sind! löste sich auf. ihre Mitglieder zerstreuten sich,. und bis z”r-Stunde haben sich Juden nicht wieder in Tirnowo niedergelassen, obwohl längst die Herrschaft des Landes, von den Stäv'eh'an die Türkei übergegangen ist. /Diese Tatsache ist' um’. so bemerkenswerter, : als aridere Städte des. bulgarischen Reiches; größere jüdische-' Gemeinden haben.

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