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Jüdische Zeitung · 1912-09-25 · 38 (25.9.1912) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
38 (25.9.1912)
Date
1912-09-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 38 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 ich hier an dieser Stehe die vollständige Haltlosigkeit der Bauerschen Hauptgedanken bezüglich der nationalen Assimilation der Juden wie auch über den „Kapitalismus und die Juden“ und über vieles andere nachweisen; ich behalte mir das für meine größere Arbeit vor. Allein hier muß betont werden, daß die jüdischen Massen allen diesen „Gesetzen“ trotzen werden, wenn sie zum Bewußtsein der eigenen politischen und bürgerlichen Macht gelangen werden. Ich glaube nicht nur an das „Erwachen“ von Nationen, sondern auch an die Möglichkeit des Weckens von solchen und bin fern von materialistischem Fatalismus, der aus Bauers Gesetzen (insbesondere in Bezug auf die Juden!) überall hervorlugt. Wir behaupten — gegen den Widerspruch aller — daß die Juden im Osten Oesterreichs eine stattliche potentielle Macht besitzen. Diese gebundene Energie 'muß natürlich zur Entladung; gebracht werden. Freilich gehört dazu viel Zeit, und, wie ungern man auch prophezeien mag, behaupte ich, daß die Dauer auf eine Generation zu veranschlagen ist. Diese allerdings kühne Hypothese ist ein Resultat des Studiums der jüdischen und allgemeinen nationalen Frage in Oesterreich.' Die Juden repräsentieren eine Größe im mathematischen Sinn durch ihre Zahl, eine wirtschaftliche durch ihre Funktion im Getriebe der Wirtschaft und eine politische. Diese letzte allerdings in oben geschildertem Sinne; sie treten bisher stets alieno nomine auf, als Kommissionäre fremder Ware. Sie sind nicht sie, sie sind eine kryptonyme politische Masse. Sie sollen aber von n:m an auf eigene Rechnung und Gefahr handeln und dabei nur eigen* Interessen verteidigen, sonst werden sie nie aus der politischen Ohnmacht und wirtschaftlichen Degenerierung, die zur Katastrophe führen kann, hinauskommen. '• : Die Entwicklung der österreichischen Nationen zeigt jedoch ein eigenartiges Gesicht. Wir. verweisen darauf, daß nicht alle Nationen einer gleichen Behandlung seitens des Staates teilhaftig werden. Die tiefe Ursache der Bevorzugung der einen und Ignorierung der Forderungen der anderen Nation des Staates liegt wie immer nur in der S+aatsrai?on: Insöferne die h a t i o n a 1 e Frage in einem Lande auch zu einer internationalen werden kann und daraus Gefahren für die Großmacht entstehen können oder nicht, insoferne wird die Regierung in Wien milder oder härter. Speziell -werden die Grenznationen mit irredentistischen Aspirationen besser behandelt. Und da sind zum Unglück die meisten Fragen auch internationale. So werden die Italiener sub specie der Politik zu Italien behandelt, während die Polen immer an die Staatsschüssel gesetzt werden, damit .sie nicht über die Grenze zu schielen Kleines Feuilleton. Die heutigen Marannen in Portugal. Von Professor Dr. Slousch. In einem Bericht aus Portugal beschäftigt sich Dr. Slousch mit den in Portugal noch lebenden Marannen. Er schreibt: Was ist aus den Marannen in Spanien und Portugal geworden? Das ist eine der Fragen, die mich bei meiner letzten Reise durch die pyrenäische Ha'binsel beschäftigte. Ich konnte nicht gut glauben, daß die zahlreichen Zwangschristen selbst in einem so großen Lande wie Spanien, wo die Marannen in vielen Städten ein Drittel der Einwohner aiismachen, untergegangen seien. Noch weniger wollte ich es glauben, daß das siedende jüdische- Blut sich ohnewei*#res mit dem der nhlegmatischen, kühlen, portugiesischen, halb arabischen Volksmassen vermischt hätte. Ich nahm vielmehr immer an, daß es wie das Oel aut dem Wasser stets auf der Oberfläche bleiben müßte; Wir dürfen nicht vergessen, daß in Portugal die Marannen ein Sechstel der Gesamtbevölkerung des Landes betrugen , daß es noch im achtzehnten Jahrhundert jüdische Märtyrer der Jnqiiisirion gegeben hat und daß viele Marannen nach Holland und der Türkei zogen, und dort wieder öffent'ich zum1 Juden turne .zurücktraten. So konnte ich -es niemals glauben, daß die Marannen vollständig in der Bevölkerung Portuga's aufgegangen seien, und als ich nach Lissabon kam, konnte ich mich überzeugen, dab meine brauchen. Und wer Augen hat um zu schauen, der sehe, mit welchem. Hochdruck die Regierung gerade jetzt bei gespanntem Verhältnis! mit dem russischen Nachbar an dem polnischruthenischen Ausgleich arbeitet. Vor Tschechen allein hat die Regierung Respekt, weit die Tschechen Macht haben und das allein imponiert den Herren in Wien. Die jüdische Frage ist keine internationale Frage in dem Sinne, daß derentwillen internationale Komplikationen entstehen könnten, die Juden haben also ein Atout weniger. Dagegen können die Juden leicht herüberschwenken und der Regierung Sorge bereiten, so wenn sie alle auf einmal erklären, sie unterstützen diese oder jene Nation und stärken so eine oder die andere nationale Machtposition, je nach Willkür. Mit solchen Folgen muß doch die Wiener Regierung rechnen, wenn sie nicht just unvernünftige Politik bis zur Absurdität treiben will. Denn lange kann man doch einer Million Menschen in Galizien und Bukowina eine fremdnationale Interessenpolitik nicht aufdrängen. Wenn die Juden immer noch nicht daran denken, auf eigenen Füßen stehen zu dürfen oder zu können, so liegt diese seltsame Erscheinung schließlich auch in ihrer bisherigen Erziehung, richtiger in dem Mangel an politischer und bürgerlicher Erziehung, was wir in der Aufschrift als nationalen Stumpfsinn bezeichneten. Die Geschichte der Juden rechtfertigt zum Teil diesen Stumpfsinn. Es ist faist erstaunlich, wie gering ihr politischer Sinn ist, wie ihnen das politische und nationale Empfinden für fernere Fragen — die nicht vor der Nase liegen — abgeht. Eine Kette vermeidlicher Fehler wurde begangen, welche unheilvolle Folgen herbeiführten. Um außerhalb Galizien ein Beispiel zu holen: In der Bukowina, in diesem am meisten nach Osten hinausgerückten Lande, waren sie zuerst Germanisatoren des rumänischen und ruthenischen Landes. Als die meisten Vertreter der Intelligenz haben sie es zustande gebracht, daß die deutsche Sprache die offizielle Amtssprache des Landes wurde. In den Neunzigerjahren suchte sie Anschluß an die Rumänen, und das Bündnis wurde mit Exzessen, Plünderungen des jüdischen Gutes beschlossen. Schließlich begannen sie mit den Ruthenen zu liebäugeln, wobei ihre Politik derart stumpfsinnig war, daß auch die Koalition schließlich mit der Befestigung der ruthenischen Position im Lande ihr Ende hatte. Die jüdischen Notabein mit ihrer unheilvollen Politik sind größtenteils daran Schuld. Die Massen sind nun schon mündig und werden hoffentlich bald selbständig zu Worte kommen. Sie brauchen ein positives Aktionsprogramm, und das wird gefunden werden. "Wir glauben an die große Kraft, welche in diesen namenlosen Kolonien im Osten steckt, an den Opfermut und an Kenntnis der Geschichte der Juden und ihrer Psychologie mich nicht im Stiche gelassen habe. Es war an einem Abend. Wir saßen am Tische des Ge’ehrten P. S. Ich befand mich in Gesellschaft des Hausherrn, eines jungen Diplomaten, ferner eines älteren einflußreichen Po- ’i ikers, de-, ein hervorragend gebildeter Mann, zu den Mitbegründern und Beschützern der jungen portugiesischen Renub’ik gehört. Es kam die Sprache aut einen bekannten Gelehrten und Künstler namens Cardosa. Plötzlich höre ich. wie der Hausherr ganz unschuldig die Bemerkung. macht: .,Er ist auch Jude!“ .Jude?“ fragte ich, , und woher stammt er?“ „Woher sollte er denn stammen?. Egehört einer alten portugiesischen Ade'sfan-i ie an.“ „Und worin besteht sein Judentum?“ fnig icn nun. „Oh, mein Herr, er ist eigent'ich Christ; oder richtiger gesagtem Freidenker, genau wie ich. aber er gehört einer neuchrist'ichen Familie an.“ Es .war mir nun klar, dab unter den sogenannten Neüchristen die Familien der einstigen Marannen zu verstehen seien. Aber ich stellte mich unwissend und frug den Gastgeber: „Sagen Sie mir, ich bitte, ich weiß, daß ich es mit einem Manne von freiem Geiste und hoher Bildung zu tun habe, 'wie kommt es nun. daß Sie selbst zugeben, daß der Mann, von dem hier die Rede ist, Christ und Mitglied einer al+en ade'igen Familie'ist, und dennoch machen Sie bei der e-sten besten Gelegenheit beinahe unbewußt rnd aus purer Gewohnheit einen Unterschied zwischen ihm und den übrigen Portugiesen .indem Sie einfach erklären, dab der Betreffende Jude sei. Ich möchte doch gerne wissen. worin dieser Unterschied eigentlich besteht?“ - die ungebrochene nationale Energie, welche so lange gebunden waren. Solange die jüdische Nation stumm war und nur die paar Plutokraten das Wort führten, solange war das Volk nicht auf. der geschichtlichen Bühne, aber mit dem Erwachen dieses Löwen werden allerhand jüdische Schlachzizen und andere Vampyre am Volksorganismus verschwinden. Das muß eben eine Generation dauern und wir müssen das ruhig abwarten. Die junge Generation muß eine bürgerliche Erziehung genießen, wir meinen: sie muß die bürgerlichen Rechte zu werten verstehen. Diese Schule wird genügen, um endlich einen Typus ehrlich jüdischer Politiker zu schaffen, welcher niemandem zum Trutz und nur sich zum Heil eigene Politik ohne Expansion, aber auch ohne Bedrückung der Anderen ruhig treiben und nur darauf bedacht sein wird, den nationalen Hort — das eigene nationale Dasein — treu zu erhalten und zu pflegen. Für die nationale Bewegung der Juden in Oesterreich gibt es außer materiellen Bedingungen auch massenpsychologische Momente, welche stark die Bewegung begünstigen. Wenn nun die Juden den Wert allerhand politischer Institutionen zu schätzen beginnen werden und einsehen, welche Bedeutung für sie die Beteiligung an dem politischen Leben hat — dann wird ihre Stellung eine andere. Es wird dann seitens der Regierung gewiß eine andere Theorie erdacht werden und eine andere Taktik eingeschlagen werden. Der politische Tastsinn der Juden muß sich bessern mit dem Wachsen ihres Interesses für politische Fragen. Welches politische Aktionsprogramm einzuschlagen wäre, darüber ein anderesmal. Roter Rntifemitismus beim Eadiaiiltens Kongreß Der Eucharistenkongreß fand die „Arbeiterzeitung“ natürlich bis an die Zähne gerüstet als antiklerikale Avantgarde. Gewitzigt durch die Erfahrung, versicherte das Blatt, daß seine anti- Huts für Einiäbrig-FreiwDIise. Telefon: Stelle 6 von 3455. Witkowski ft Nacht Mi. Mus Mfs WIm empfiehlt sämtliche Uniformierungsamt Ausrüstungs-Sorten für das k. k. Militär-, Staats- und Eisenbahnbeamte, sowie für Einjährig-Freiwillige aller Branchen. Große Auswahl in Couleurbändern. Neuanschaffungen werden in kürzester Zeit effektuiert. Der Gefragte waf durch diese Frage sichtlich in Verlegenheit und antwortete dann: „Ich hatte niemals die Absicht, die Neuchristen zu beleidigen. Mich würde es auch nicht stören, wenn sie offiziell wieder Juden würden. Wir hier in Portugal haben die Zeiten, der schrecklichen Inquisi'ionsmorde bereits überwunden. Wir bieten alles auf, um die Erinnerung an diesen Schandfleck zu verwischen. Aber Tatsache ist es doch, daß wir unter uns zahlreiche neuchristliche Familien haben, die in manchen Städten die Mehrzahl der Bewohner ausmachen und ich weiß es aus eigener Erfahrung, daß sie in manchen Städten noch vor dreißig Jahren manche jüdische Sitten hielten und jüdische Gebete verrichteten. Sie verschwägern sich auch nur miteinander. Manchmal mollen sie sich nicht mit den Christen verschwägern und. ein andermal wieder wollen die reichen Christlichen Fämi'ien ihre Tochter nicht einem „Juden“ geben. Aber im allgemeinen sind diese Portugiesen, wie wir selbst tüchtige, fähige Menschen, diese sich bereits assimiliert haben, sich für Christen halten, aber dabei genau wissen, daß sie von Juden abstammen.“ Bei dieser Gelegenheit bestätigte Herr B. S. auch, daß es ganze portugiesische Inseln gebe, deren sämtliche europäische Einwohner von Marannen abstammen. Diese sind sich auch dessen bewußt und' ergreifen gerne jede Gelegenheit, arnie Juden, die auf die Insel kommen, tatkräftig zu unterstützen. Diese Unterredung gab mir viel zu denken, und ich beschloß, einen bekannten Gelehrten und Kolonialpoli'.iker, der auch in dem itoistischen Angolaprojekt eine sehr wichtige, öffentlich noch nicht bekannte' Rolle gespielt hat, zu besuchen

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