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Jüdische Zeitung · 1912-09-25 · 38 (25.9.1912) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
38 (25.9.1912)
Date
1912-09-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 38 judenschaft. in diesen Tagen papierener Wichtigkeit vernünftig und taktvoll, das heißt gleichgiltig benommen hat. Ausnahmslos freilich nicht. Einige Exemplare konnten es sich nicht versagen, der Welt iden Beweis zu erbringen, daß noch der Ghettogeist in ihnen steckt, die Knechtseligkeit und geschäftige Angstmeierei. Den Reigen eröffne te Doktor Bloch, .der Leibpublizist der Wiener Kultusgemeinde. In seiner „Oesterreichidiischen Wochenschrift“ beschwor er seine geliebten israelitischen Mitbürger, sich ja. nicht auf der Gasse zu zeigen! Wohl um bei den Christen keinen: Anstoß zu erregen und sie zu Pogromen zu nötigen? Ghettophantasie! Dann fanden sich unter der jüdischen Kaufmannschaft Helden, weiche ihre Firmentäfeln mit päpstlichen Fahnen verdeckten. Diese Wackeren hielten es für selbstverständlich, daß in den eucharistischen Tagen alles Jüdische vogelfrei ist und aus der Oeffentlichkeit verschwinden muß. Sie waren nachher wohl höchst jerstaunt, daß kein einziges ,undekoriertes Haus geplündert wurde. Den Rekord der Selbstdemütigung haben aber die deutsch-liberalen jüdischen Führer geschlagen. Weil an der übrigens ebenso zahmen als ungeschickten, antiklerikalen Gegenaktion auch einige Juden teilgenommen haben, taten sie sich flugs zusammen, konstituierten sich ohne jemand zu fragen als „Vertreter der Wiener Juden“ und versandten an alle Zeitungen eine vom Bezirksrat Back vorgelegte Resolution, in welcher die antiklerikale Gegenaktion feierlich verdammt und dem katholischen Klerus in der erniedrigendsten Weise gehuldigt wurde, alles im Namen jdes „Judentums“. Die begeisterten Fortschrittler als ergebene Knechte des Klerus sind ein erheiternder Anblick gewesen, noch pikannter aber wurde die Sachedädürch, daß sich unter den von ihnen so energisch verdammten Ruhestörern ihr eigener Abgeordneter. und bejubelter Führer Dr. Ofner befand, denn in den so viel verlästerten Josefsblättern paradierte ein Artikel von seiner Hand. Nie hat sich die Lächerlichkeit und Würdelosigkeit der Wiener Liberalen so herrlich offenbart, als da sie lauszogen, 11111 das »bedrohte“ Judentum zu retten, obzwar es nichts zu retten gab. Ein anderes Kapitel bildete die Dreistigkeit, mit welcher diese Leute sich als „Vertreter der Wiener Juden“ aufspielten. Wenn es gilt, Mandate zu ergattern, verstecken sie ihr Judentum und geben sich als echt deutsche Männer aus, wenn es aber gilt, gewissen hohen Herrschaften knechtisch zu huldigen, wird die Fahne des Judentums ausgesteckt und besudelt. fln die Führer des ruihenüdien Volhes in Oesterreidi. Mit großem Interesse verfo’gt-ganz Oesterreich und'das gesittete Europa den Kampf, den die Führer des ruthenischen Volkes um ihre Rechte in Galizien und im Staate führen. Man kann sagen, daß die Mehrzahl der österreichischen Völker mit ihren Sympathien auf Seite der Ruthenensteht. Unter diesen Völkern befindet sich auch das jüdische Volk. Die Gründe, warum die Juden dem Ringen der Ruthenen Sympathie entgegenbringen, liegen klar zutage. Erstens werden die. Juden gleich den Ruthenen in Oesterreidi stiefmütterlich behandelt; zweitens sind die Unterdrücker der Ruthenen, die herrschenden Mächte des polnischen Volkes, auch Unterdrücker der Juden; drittens hat das ruthenische Volk als erstes in Oesterreich dem Kampf der Juden um die Freiheit der jüdischen Nation Verständnis entgegengebracht; viertes .siedeln mehr als eine halbe Million Juden inmitten des ruthenischen Volkes und tausendfache Beziehungen, namentlich poli Usch-wirtschaftliche, gebieten gegenseitige Rücksichtnahme. Kein Wunder, wenn die erwähnten Gründe mehrfach ein“ Zusammengehen des nationalbewußten Teiles des jüdischen Volkes mit den Ruthenen bewirkt haben! Und zur Steuer der Wahrheit sei es erklärt, daß sich die Ruthenen namentlich in der;Zeit des Kampfes um die Wahlretorm für den Reichsrat und der ersten Wahlen aut Grund des allgemeinen Wahlrechtes als zuverlässige Freunde erwiesen haben. Der Dank seitens der Jüdisch-Nationalen blieb nicht aus. ln vielen Gemeinden Ostgaliziens erlangten die Ruthenen mit Hilfe der Juden Anteil an der Gemeindeverwaltung. Namentlich waren aber die Juden in Westeuropa unablässig tätig, den Ruthenen die Sympathien des gebildeten Europa züzuwenden. Es sei nur daran erinnert, daß es. lau ler Zionisten waren, welche Europa die Kenntnis des großen ruthenischen Dichters Taras Sdhewtschenko vermittelten, daß es hauptsächlich Juden waren, welche in Wiener und Berliner Zeitungenfür die in Galizien unterdrückten Ruthenen Stimmung und darauf aufmerksam machten, daß die Ruthenen als Grenzvolk gegen Rußland besonders gerechte Würdigung verdienen. Es sei auch daran erinnert, daß es fast nur Juden waren, welche die öffentliche Meinung aut dem Wege der Presse und im Parlament für die Forderung nach einer ruthenischen Universität zu gewinnen suchten. Nunmehr liegen die Verhältnisse derart, daß die öffentliche Meinung und die Zentralregierung den Wünschen der Ruthenen erhöhte Aufmerksamkeit schenken. Vor unseren Augen vollzieht sich der geschichtlich denkwürdige Prozeß der Emanzipation des ruthenischen Volkes von der Vormundschaft der polnischen Herren. Und es sei erklärt, daß nach den Ruthenen die Juden die größte Freude über diese Wandlung empfinden. Manche- Erscheinungen und Vorkommnisse der letzten Zeit sind geeignet, diese Freude zu trüben und in ihr Gegenteil zu verwandeln. Wie es Freunden ziemt* sei davon in voller Oeffentlichkeit die Rede! 1 Für jeden Einsichtigen ist es, wenn auch die große Presse davon wenig zu melden weiß, klar, daß der Schwerpunkt der jetzt in Angelegenheit der ruthenischen Universität und der Landtagswahlreform für Galizien' schwebenden Verhandlungen ,- in der Judenfrage Galiziens liegt. Die Polen .wehren sich gegen den Standort Lemberg für die ruthenische Universität, weil sie befürchten, daß die jüdischen Studenten aus der bestehenden polnischen Universität einen Exodus in die zu begründende ruthenische unternehmen und durch ihre verhältnismäßig große Zahl die ruthenische Universität zur größeren, an Hörer reicheren, herrschenden - machen könnten. Weiters sträuben sich die Polen gegen die Einführung des nationalen' Katasters, namentlich aber einmandatiger Landtagswahlkreise in Ostgalizien; sie fürchten , die- Frage der-jüdischen-Nationalität aufzurollen und durch das numerische Uebergewicht der Juden über die Polen in vielen einmandatigen „polnischen“ Wahlkreisen Ostgaliziens eine große Anzahl von Mandaten zu verlieren. Man übertreibt nicht, wenn man behauptet, daß im Hintergründe .aller polnisch-ruthenisdien Verhandlungen für die Polen in erster Hinsicht die Judengefa'hr lauert und die Verhandlungen beeinflußt. - Wie verhalten sich nun die Ruthenen? Diese Frage ist es, welche in uns berechtigte Besorgnisse aufkommen läßt. Die Ruthenen tun so, als ob sie von der Existenz der Juden nichts wissen würden. Sie verlangen einen ruthenischen Wählbarster und überliefern "die Juden der polnischen Willkür, obwohl sie doch wissen -sollten, daß sie dadurch die Herrschaft der Polen in- Ostga'izien, welche sich hauptsächlich auf den mißbrauchten Juden stützt, verewigen helfen. Die nächste Folge eines derartigen Zustandes müßte furchtbarer Haß der Ruthenen gegen-'die in ihrer Mitte als Keil lebenden, die polnische Herrschaft tragenden Juden sein! Die RuthenCn lassen die Juden „schuldig werden und überliefern dann die armen Schächer der Pein.“ Es gewinnt somit den Anschein, daß die Ruthenen "im Kampf um ihre Freiheit die Juden als den Preis betrachten, mit dem sie die Polen entschädige i. Daß dieser Schein allzu begründet ist, wird auch nicht durch die Meldung entkräftet, daß die Ruthenen die Ueberlassung der in ihrer Mitte siedelnden Juden für den ruthenischen Kataster verlangen. Denn uns erscheint diese Forderung der Ruthenen, sofern die RicnUgke’t der Meldung sich tatsächlich bestätigen sollte, vielmehr ein deutlicher Wink an die - Adresse der Polen, daß die Ruthenen 'noch einen Pfeil im Köcher haben, den sie nicht verschießen werden, wenn man ihre Forderungen erfüllt. Denn die Ruthenen wissen, daß die Mehrzahl der galizischen Juden nicht geneigt ist, sich als Objekt eines über ihre Köpfe und gegen sie abgeschlossenen Rechtsgeschäftes behandeln .zu lassen. Wir erwarten seitens der ruthenischen Führer eine offene, unzweideutige Antwort, die geeignet wäre, unsere Besorgnisse zu zerstreuen. Wir hoffen, daß die Antwort für uns günstig lauten wird, denn wir vermögen -es nicht zu glauben, daß ein vorläufig noch unterdrücktes, am Anfänge seines Aufstieges zur Freiheit sich befindendes Volk wie die .Ruthenen, gegen ein anderes um seine Freiheit ringendes, erst vor kurzem verbündetes Volk, die scheußlichen Praktiken und jesuitischen Methoden verwenden soll, unter denen es erst vor kurzem gelitten hat. Wir vermögen nicht zu glauben, daß ein Volk' mit noch nicht vernarbten Striemen sich schon anschick 1, selbst die Peitsche der Unterdrückung zu schwingen! W. Nationale Nötigung und nationaler Stumpfsinn. (Zeitgemäße Betrachtungen.) Von Dr. Max Rosenfeld, (Drohöbycz). - III. Wir wollen nicht leugnen, daß die ' Sicdlungsverhältnisse der Juden in Galizien und in der Bukowina keinesfalls ihren nationalen Interessen abträglich sind, doch glauben wir, daß die Verhältnisse nicht derart im Argen liegen, daß ein reiches nationales Leben in Ostgalizien und in der Bukowina nicht möglich wäre. Im Gegenteil, die Entwicklung der letzten, zehn Jahre zeigt, daß die jüdischen Massen nicht daran denken, auf dem' Wege eines Naturprozesses sich aufsaugen zulassen, der nur in Wien bei rotbengalischer Beleuchtung von Bauer gesehen wird. Es würde zu weit' führen, wollte ■ ™ AiroewanrreNahrungilllll uiHliUB für gesunde u. kranke Kinder sowie Magenleidende. Verhütet äbeseitigf Brechdurchfall. Diarrhoe. Darmkafarrh. Preis per Dose K1.80.erhälHicli in jeder Drog.u.Apotli NIEDERLÄNDISCHE WIEN, I., ASPERNPLATZ 1 Im eigenen Palais. — Ders'n&eries Kapital zirka 380 Millionen. — Prämienreserue zirka 113 Millionen.—Billigste Prämien und kulanteste Bedingungen. 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