Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 37 (11.9.1912)
- Date
- 1912-09-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 37 „Palästina im Bild“ vor der Berliner Jahresbonferenz. Den Teilnehmern der Jahreskonferenz in Berlin wurde das vom Verlage „Jüdische Zeitung“ herausgegebene Illustrationswerk „Palästina im Bild“ in Form einer in den Beratungsräumen arrangierten Ausstellung vorgeführt. Die Delegierten, die fast insgesamt das Land Palästina aus eigener Anschauung kennen, bezeichneten die Albums, Wandbilder und Mapepnblätter als das Schönste und Anschaulichste, was je auf diesem Gebiete geleistet wurde. Der Vorsitzende Dr. Hantke, Mitglied des E. A. C., nahm Gelegenheit, im Plenum auf den hervorragenden propagandistischen und künstlerischen Wert der Palästinabilder der „Jüdischen Zeitung“ hinzuweisen. Insbesondere die ausländischen Konferenzteilnehmer nahmen größere Bestellungen vor und drückten den Wunsch nach Errichtung von Vertretungen in ihren Ländern aus, da sie sich von der agitatorischen Wirkung der Sammlung das Beste versprechen. Dienstag, am 3. September, wurde im Beratungssaale den Delegierten und Gästen das Werk in Form von Lichtbildern vorgeführt, die mit stürmischem Beifall aufgenommen wurden. Unter dem Eindrücke der Vorführung trat das Direktorium des Jüdischen Nationalfonds an die Vertreter der „Jüdischen Zeitung“ mit dem Vorschläge heran, dem Jüdischen Nationalfonds das Vorführungsrecht für Deutschland und andere ausländische Staaten zu überlassen. Die bezüglichen Verhandlungen sind im Züge. Auch die Vertreter der österreichischen Provinzorganisationen traten mit gleichen Anträgen bezüglich ihrer Bezirke an den Verlag heran. Die Wiener Bevölkerung wird in den nächsten Wochen Gelegenheit haben, das Werk gründlich kennen zu lernen, da in einem der größten Säle Wiens die Vorführung der kompletten Lichtbilder serie in Verbindung mit einem instruktiven Vorträge stattfinden wird. Von der Sitzung des zionistifiben Zentralkomitees. Am zweiten. Tage der Beratungen erstattete. Dr. Bodenheimer (Köln) einen Bericht über die Tätigkeit des jüdischen National-Fonds. Er teilte mit, daß das Vermögen des National-Fonds drei Millionen Mark überschritten habe, und daß die Einnahmen ständig wachsen. Podlischewsky (Warschau) sprach über die Bedeutung der Palästina-Arbeit, Oowen (London) über die Jerusalemer Kunstgewerbeschule Bezalel und die Aufgaben der zionistischen Organisation in England, Dr. Halpern (Hamburg) betonte die Notwendigkeit, die Privatinitiative in Palästna anzuregen. In der Nachmittagssitzung berichtete Dr. Hantke (Berlin) über Organisation, Propaganda und Finanzen. Er hob hervor, daß eine ausgedehnte agitatorische Tätigkeit unumgänglich nötig sei, und daß für politische und kulturelle Aufgaben größere Mittel als bisher bereitgestellt werden müßten. Die Finanzlage sei günstig, und es werde gelingen, die Ausgaben des abgeschlossenen Rechnungsjahres aus den laufenden Einnahmen zu decken. An das Refarat Dr. Hantkes schließt sich die Budgetdebatte, zu der zunächst Herr Wolffsohn (Köln) 'spricht. -Das Budget wird in Höhe von 193.000 Mark genehmigt und dem Engeren Aktions-KOomitee Entlastung erteilt. Für das abgelaufene Rechnungsjahr baianderen Einnahmen und Ausgaben, so daß die für den Bankkredit - geleisteten Garantien nicht in Anspruch genommen werden. Für das neue Rechnungsjahr stellt die Jüdische Kolonialbank (London) gegen eine persönliche Garantie von, 15 Zionisten einen Kredit von 100.000 Mark zur Verfügung. Am letzten Sitzungstage erstattete Dr. Schemarja Lewin (Berlin) sein Referat über die kulturelle Tätigkeit in Palästina. Er würdigte insbesondere die Leistungen des Hebräischen Lehrerverbandes, namentlich die von diesem Verbände eingerichteten Ferienkurse. Zum Schluß verlas er unter lebhafter Aufmerksamkeit ein Schreiben von Herrn Feldstein (Warschau), in dem derselbe die Schaffung eines Instituts, für hebräische Sprache und hebräisches Schulwesen in Palästina vorschlägt und für diesen Zweck den Betrag von 40.000 Frcs., sowie 2000 Frcs. für die Vorarbeiten spendet. — Diese Mitteilimg rief stürmische Beifallskundgebungen hervor, und der Vorsitzende Dr. Hantke sprach Herrn Feldstein den Dank’ der Versammlung für seine hochherzige Stiftung aus. Zur Durchführung der nötigen Vorarbeiten wurde ein Ausschuß eingesetzt, bestehend aus den Herren Sokolow, Dr. Lewin, Feldstein, Zlatopolsky und Dr. Klee als juristischem Beirat. Eemberger Brief. (Von unserem Berichterstatter:) Der mit Spannung erwartete Ausgang der Drohobyczer. Gemeinderatswahlen endete mit einem vollständigen Erfolge der sogenannten Feuerstein-Partei. An dieser Tatsache läßt sich nicht rütteln. Aus der Zahl - der Stimmberechtigten und der abgegebenen Stimmen läßt sich aber unschwer erkennen, daß Feuerstein nur darum gesiegt hat, Weil die ihm entgegenstehenden Gruppen nicht vertrauenerweckend sind und die gegen ihn geübte Taktik nicht richtig ist. Von 5400 im dritten Wahlkörper Stimmberechtigten stimmten 2130, das sind kaum' volle 40 ProzenL Von den abgegebenen Stimmen entfielen aut die Feuerstein-pruppe 1370 Stimmen, das sind nicht volle 24 Prozent der stimmberechtigten Wähler. Feuerstein hat also nur einen Sieg über seine Gegner errungen; das Vertrauen der Drohobyczer Wähler hat er ebensowenig wie die opositionelle zionistisch-Bozialistisch-unabhängige Liste erlangt. Denn das Vertrauen dieser Wählermassen erwirbt man nicht durch taktische Finessen und, nicht durch Vermittlung von Kliquen, sondern durch prinzipielle, unausgesetzte politische Arbeit. Wie hätten die Wählermassen in Drohobycz 'der vereinigten Opposition glauben sollen,** itf> deren Mitte'sich ausgesprochene Antisemiten befanden? Zusammenfassend sei ausdrücklich erklärt: in Drohobycz kämpfte Klique gegen Klique und nicht Programm, gegen Programm. Und in diesem Klüngelkampfe, der die breiten Massen kühl ließ bis ans Herz hinan, blieb Feuerstein, dank seiner erprobten Gaunerei, dank seinen brutalen Methoden und mit Hilfe eines glänzenden Wahlschwindelsystems, das besonders mit Wahlvollmachten operierte, Sieger. Das Vertrauen der jüdischen Massen, genießt aber das Ungeheuer Feuerstein nicht. Sein fluchbeladener Name flößt Abscheu und Haß, aber kein Vertrauen ein. Er selbst empfindet das, denn er vermeidet es ängstlich, mit dem Volke zusammenzükommen, und als er in einem Badeorte bei Nennung seines Namens gefragt wurde, ob er aus Drohobycz sei, leugnete er das, blaß werdend, entschieden ab. Das Kainsmal des Brudermordes ist von seiner Stirne nicht gelöscht und nicht einmal der „Sieg“ bei den letzten Gemeinderatswahlen ist imstande, das Scheusal von Drohobycz in einen Vertrauensmann des Volkes zu verwandeln. Die Zionisten von Drohobycz können jedoch aus der Niederlage die alte Lehre ziehen, daß sich alle Schuld auf Erden rächt. Im Juni 1911 den Kampf bis aufs Messer führen, im No-i vember dem Gegner widerstandslos das Feld räumen; im September 1912 wieder in den Kampf ziehen — die Logik einer solchen Taktik begreifen Wählermassen nicht. Und da sie nicht begriffen, blieben sie zu Hause. * * F Die polnische Presse; auch diejenige, deren Parteirichtung Juden einschließt, exzedjert wiederum. Jeder Tag bringt Aufsätze über die „jüdische Gefahr“. Zuerst war es der Jammer über die jüdische Wahlmännermajorität in Warschau, dann der drohende Verlust der polnischen Hegemonie in den ostgalizischen Städten. Angesichts dieser antisemitischen Ausbrüche, die von der gesamten polnischen;: Gesellschaft gebilligt werden, erkennt man erst, wie niederträchtig die jüdisch-polnische Assimilation ist. Denn hätte sie Ehre, Menschenehre — nicht Judenstolz, das wäre zuviel verlangt — im Leibe, sie würde der polnischen Politik die Gefolgschaft kündigen. Die deutschen Kasinojüngel in Prag sind imVer*. gleiche zu Löwenstein oder Kolischer ehrfurchtheischende Gestalten! m Der Direktor der galizischen Landesbank, die famose Exzellenz Z g o r s k i geht. Manche sagen wegen Krankheit, manche wegen Unfähigkeit. Die Zweiten dürften Recht haben, denn schließlich ist zur Führung einer galizischen Landesbank stramme antisemitische Gesinnung, wie sie Herr Zgorski betätigte, wohl nötig, zureichend aber ist sie nicht. Und darum geht Zgorski. Zum Leidwesen vieler galizischen Schlachzizen, welche in seinem erprobten Antisemitismus vollgiltigen Ersatz für finanzielle und banktechnische Fähigkeiten erblicken! Ros Rem jüOiidien taten. Die letzte Volkszählung in Oesterreich vom Jahre 1910. Die Zahl der Juden in der österreichischen Reichshälfte ist von 1900 bis 1910 von 1,224.899 -auf 1,313.687, also um 88.788 gestiegen.. Die weitaus überwiegende Mehrheit wohnt in Galizien und jin der Bukowina, nämlich 871.895 (1900 : 811.371), bezw: 102.919 (1900: 96.150), zusammen also in diesen beiden östlichen Provinzen 974.814 gegen 911.521 vor zehn Jahren, so daß die Zunahme hier allein rund 63.000 .Köpfe beträgt. Von Westösterreich' stellt sich1 Niederösterreich an der Spitze mit 184.779 Juden gegen bloß 157.278 im' Jahre 1900; die Zunahme beträgt also rund 27.000. Dann kommen Böhmen mit 85.826 (1910 : 92.745, demnach 7000 weniger), Mähren mit 41.158 (1900 : 44.745, also weniger um 3000) ,und Schlesien mit 13.112 Juden gegen 11.988 im Jahre 1900. Im weiten Abstand folgen Triest mit 5498' (1900:' 4954), Steiermark 2885 (2283) Tirol 1624 (1008), Ober-; Österreich 1215 (1280), Istrien 677 (285), Dalmatien 523 (334), Kärnten 341 (212), Görz und Gradiska 338 (295), Salzburg 285 (199), Krain 146 (145) und Vorarlberg 126 (117), Absolut genommen sind also, vom Osten abgesehen, in Niederösterreich die meisten, in Vorarlberg die wenigsten Juden. Nach dem Prozentsatz ist die Reihenfolge: Bukowina 12.86 Prozent, Galizien 10.86 Prozent, Niederösterreich 5.23 Prozent, Schlesien 1.77 Prozent, Mähren 1.57 Prozent, Böhmen 1.27 Prozent, Steiermark 0.2 Prozent, Tirol und Istrien je 0.17 Prozent, Oberösterreich 0.14 Prozent, Salzburg und Görz-Gradiska je 0.13 Prozent, Kärnten und Vorarlberg je 0.09 Prozent, Dalmatien 0.08 Prozent und Krain 0.03 Prozent. Die Juden haben in 14 von den 17 Provinzen zu- und nur in 3 in Böhmen, Mähren und Oberösterreich abgenommen. Taufbewegung in Rußland. Unter dem furchtbaren Drucke des behördlichen und wirtschaftlichen Antisemitismus hal! die Taufbewegung in Rußland ieine große Verbreitung angenommen. In allen jüdischen Zeitungen wird diese traurige Erscheinung besprochen und namentlich auf «den Unterschied zwischen der westjüdischen und der ostjüdischen ‘.Taufseuche hingewiesen. Während, wie ein angesehenes Blatt ausführt, der westliche Tauf- Jude in vielen Fällen nur schlechter Jude ist, sind die Tauf Juden (des Ostens feige und schlecht Menschen. Die jüdische Oeffentlichkeit reagiert auf die Taufseuche iii leidenschaftlicher Weise. Viele Gemeinden erlassen Proteste gegen die überhandnehmende Taufgefahr und fordern die Juden auf, gegen die Täuflinge den Boykott zu [verhängen. Die Wiener Kultusgemeinde sollte sich an diesen russischjüdischen Gemeinden ein Beispiel nehmen, denn trotz der erwähnten Meinung der russisch-jüdischen Zeitung sind auch die westjüdischen Täuflinge nicht nur unwissende Juden, sondern zumeist feige Ueberläufer, schlechte Menschen und streberische Karrierenjäger, die keine Schonung verdienen. Von* «ungarischen Judentum. Die im' Februar dieses Jahres angebahnte Verständigung zwischen dem neologen und orthodoxen Judentum in Ungarn hat bis jetzt noch keine Früchte getragen. Der Vorkämpfer für die Vereinigung der beiden Lager, Dr. Klein aus Szabatka, unternimmt jetzt eine energische Aktion, um den Gedanken der Vereinigung im ungarischen Judentum populär zu machen. Zu diesem Zwecke hielt er in der Gemeinde Szatmar eine große Versammlung ab, in welcher folgende Resolution einstimmig gefaßt -wurde: „Die am' 25. August 1912 in Szatmar abgahaltene Volksversammlung nimmt den einhellig gefaßten Beschluß der im1 Interesse der einheitr liehen Autonomie in Budapest am 20. Februar I. J. abgehaltenen Landeskonferenz gutheißend zur Kenntnis und hält «es* für notwendig und erwünscht, daß die eingeleitete Bewegung fortgesetzt, die einheitliche Autonomie dringend verwirklicht und in deren Rahmen eine solche Organisation geschaffen werde, welche allen Schattierungen der Ungarländischen Judenheit die unberührte Beibehaltung und Entwicklung ihrer Inistitutionen und Prinzipien sichert.“ Im Interesse der Konsolidierung der Judenheit, ist zu wünschen, daß die Bestrebungen » Dr. Kleins den gewünschten [Erfolg zeitigen.