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Jüdische Zeitung · 1912-09-11 · 37 (11.9.1912) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
37 (11.9.1912)
Date
1912-09-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Nr. 37 ten, ein harter Schlag. Sie haben so oft den Zionisten triumphierend zugerufen: „Im freien, reichen Amerika ist die Zukunft! Wir brauchen nicht dieses arme, alte, verlotterte Palästina, wo man in jahrelanger Arbeit dem dürren Boden jede Scholle abringen muß!“ Nun hat dieses arme, alte, „unzivilisierte“ Palästina obsiegt! Wie anders klingen doch die Nachrichten von dortj. Viel harte Arbeit und Entbehrungen gibt es, aber wer einmal Fuß gefaßt hat auf der Muttererde, dem gehört sie! Ein reiches, geistiges Leben, eine herrliche? Entfaltung aller Nafionaltugenden, das Wiedererwachen des alten sieghaften Judentums. Amerika war nie ein Judenland, und wird es nie sein. Es gibt nur e i n Judenland, e i n Palästina! Osltar Straub ~ Kandidat für den News9opber Gouoerneurposten. Oskar Strauß, der gewesene Handelsminister unter der Präsidentschaft Roosevelts und nachmalige Gesandte der Vereinigten Staaten in Konstantinopel, ist wie ein Kabeltelegramm aus New- York meldet, einstimmig zum Kandidaten der republikanischen Roosevelt-Partei für den Posten des New Yorker Gouverneurs nominiert worden. Oskar Strauß ist ein aufrechter Jude, der bei jeder Gelegenheit gemeinsam mit dem Bankier Schiff energisch für die Rechte seines Volkes eintritt. Oskar Strauß’ Bruder Nathan Strauß, der vor einigen Monaten Palästina besucht hat, ist vor kurzer Zeit der amerikanisch-zionistischen Organisation beigetreten. "Vom Standpunkte der^ Politik djir Vereinigten Staaten bedeutet die Nomination Strauß’ zum Kandidaten für den Gouverneurposten des Staates New York auf dem Rooseveltticket die größte Ueberraschung und stärkt die Aussichten Roosevelts im Staate New York außerordentlich. Die gesamte Presse ohne Unterschied der Parteirichtung bezeichnet Strauß als idealen Kandidaten. Die Szenen, unter welchen sich seine Nomination abspielte, waren höchst eigenartig. Strauß, der selbst den Vorsitz in der Konvention führte, war im Begriffe, die Abstiminuhg über die Nomination, die zwischen dem Vorsitzenden des Staatskomitees Hotchkins und Roosevelts persönlichem Favorit Prendergast schwankte, an-: zuordnen, als einer der Delegierten auf die Vorsitzendentribüne eilte und dringlich das Wort erbat. Strauß wollte das Wort zunächst nicht erteilen, umso mehr, als der fragliche Delegat ein bekannter Witzbold ist und auch gestern in einem höchst theatralischen Rauhreiterkostüm angezogen kam. Als derselbe laut in die Menge rief, er wolle einen Mann Vorschlägen, dessen Namen Freudentränen in' die Augen aller Bewohner treiben werde, glaubte man erst recht an einen Scherz, und als er nach einer kurzen Pause erklärte, er schlage Oskar Strauß vor, war zunächst die Verblüffung so vollkommen, daß niemand wußte, was tun. Trotz der entschiedenen Ablehnungsversuche seitens Strauß’ packte aber die ganze Versammlung rasch eine wahrhaft stürmische Begeisterung und alle anderen Kandidaten wurden sofort zurückgezogen. Strauß, der vergebens versuchte, im turbulenten Lärm zu Worte zu kommen, wurde einfach durch die einstimmige Nomination überrumpelt. Strauß wurde zweifellos mit Roosevelts Einverständnis vorgeschlagen und hat schon in Anbetracht des starken jüdischen Prozentsatzes der New Yorker Bevölkerung die größten Chancen, erwählt zu werden, wodurch zum erstenmale ein Jude an die Spitze der wichtigsten Staatsverwaltung treten würde. Der Antisemitismus in Ameriba. Tatsachen, wie die einhellige Nomination Oskar Strauß zum Kandidaten für den New- Yorker Gouverneurposten dürfen darüber nicht hinwegtäuschen, daß auch in Amerika ein unerbittlicher Antisemitismus — allerdings kein politischer — zu Hause ist. Das „Frankfurter Israelitische Familienblatt“ schreibt über diesem Antisemitismus folgendermaßen: „In Europa gibt es fast kein Land, wo der Antisemitismus nicht mit auf jenen ökonomischen Motiven beruht, die die Assimilation als die ausschließlichen ansieht. Das einzige Land, ■ in! dem dies nicht der Fall ist, ist Nordamerika. Und so wurde bei der Erörterung des Probtems fast stets Amerika als das wichtigste Beispie? herangezogen. Aus diesen Erwägungen heraus! verdient nun eine Aeußerung Hermann Strucks, der soeben eine längere Reise in Amerika beendet hat, lebhaftes Interesse. Hermann Struck will konstatieren, daß es in Amerika nicht nur einen Antisemitismus gebe, sondern daß dieses sogar viel stärker und krasser sei als in Europa. Wegen dieser Aeußerung wurde er von der amerikanischen Presse lebhaft angegriffen, und es ward ihm entgegengehalten, daß er auf Grund eines kurzen Besuches in Amerika gar nicht in der. Lage sei, eine solche Behauptung aufzustellen. Daraufhin hat jedoch Prof. Gottheil, der bekannte Gelehrte, ein gründlicher Kenner Amerikas, in einem Interview sein vollstes Einverständnis mit Strucks Behauptung erklärt und sie durch eine Anzahl Beispiele noch' bestätigt. Und aus dem, was diese beiden Persönlichkeiten ausführen, geht mit Evidenz hervor, daß in Amerika ein Antisemitismus krassester Art existiert. A1T die ökonomischen Ur> Sachen fallen aber dort fort. Das äußert sich in der Tatsache, daß die niederen Schichten des Volkes viel weniger vom Antisemitismus befallen sind, als gerade die höheren', und daß atirh die niederen Schichten der jüdischen Bevölkerung viel weniger unter demselben zu leiden haben als gerade die höheren. Der Antisemitismus in Amerika ist fast ausschließlich gesellschaftlicher Natur. Darum macht er sich nach! außen so wenig bemerkbar, daß man meinen könnte. Amerika sei von diesem Uebef frei. Innerhalb der amerikanischen Gesellschaften jedoch ist er viel stärker als bei uns. Es gibt ganze Bäder, in denen Juden keine Wohnungen mieten können, große, vornehme Hotels, die völlig judenrein sind, ja große Schuten, die nur von der Aristokratie besucht werden, in denen kein fude Aufnahme findet. Und all das ohne irgendwelche ökonomische Ursachen, die ja für di“st» Millionärkreise der amerikanischen Gesellschaft gar. nicht existieren,, sondern einzig und aus — aus, ja, man such welche Gründe man auch will, man wird, keinen finden als die instinktive Abneigung gegen die Juden. Wer nun noch, nach diesem eklatanten Beweis, daran! zweifelt, daß es eine solche instinktive Abneigung gibt, dem ist nicht zu helfen; der will nicht sehen. Für alle klar Sehenden aber steht es fest, daß die letzte Ursache des Antisemitismus nicht temporäre, ökonomische oder no’i+ische Ursachen sind, sondern eine instink- +ive An+inatie des Nichtjuden gegen den luden, Hie ihrerseits wieder in unserer anormalen Lage ihre Ursache hat. Die Beseitigung dieser anormalen Lage ist darum auch das alleinige Mittel zur Beseitigung des Antisemitismus.“ Ho ein Hille dort ist ein Heg. Im ..Wschöd“. dem offiziellen Organe des zionistischen Zentralkomitees in Galizien, erscheint jetzt eine Artikelserie von Gg. Dr. Leon Reich unter dem Titel „Galizische Landes- oder österreichisch Politik“. Gg. Dr. Reich beschäftigte sich in seinen Aufsätzen mit der Frage der Vereinigung der jüdisch-nationalenOrganisationen Oesterreichs. Bekanntlich hat die letzte politische Konferenz in Wien nach reiflicher Ueberfe<nmg Beschlüsse gefaßt, welche die Vereinigung aller iüdisch-nationalen Organisationen verlangen und die Einberufung eines allgemeinen österreichischen Parteitages fordern. Gg. Reich bespricht diese Beschlüsse und nach Reverenzen vor der Parteitreue und den achtunggebietenden Motiven der westösterreichischen Gesinnungsgenossen kommt er zu Schlüssen, welche die gewünschte Vereinigung wegen „der Verschiedenartigkeit (odrebnosc) der Verhältnisse in Galizien und in Westösterreich als nicht „zweckentsprechend (niedorzecznq) erachten. Vorerst; wird ausgeführt, daß die „Wiener Gesinnungsgenossen“ seinerzeit gegen eine Scheidung der zionistischen und politischen Landesarbeit in Galizien aufgetreten sind, nunmehr jedoch einen Anschluß an den nur landespolitischen Nationalverein verlangen. Weiters wird betont, daß die eigentümlichen Verhältnisse in den einzelnen Ländern eine eigenartige Taktik gebieterisch verlangen. Schließlich wird gesagt, daß eine Konzentrierung nur insoferne möglich wäre, wenn sie sich auf Errichtung eines gemeinsamen politischen Parteibüros, ähnlich dem leider eingegangenen Sekretariat des „Jüdischen Klubs“ beschränken würde. Hiebei wird zugestanden, daß eine derartige Konzentration tatsächlich auf „der Entwicklungslinie einer selbständigen Judenpolitik liege.“ Das die Ausführungen des Gg. Reich, der sich offenbar — aus dem Tone seiner Aufsätze geht es hervor — bemüht hat, in unvoreingenommener Weise die Frage zu besprechen. Es sei ohneweiters zugestanden, daß die Vereinigung aller jüdisch-nationalen Organisationen, soll sie allen Teilen der österreichischen ludenheit nützen, keine mechanische Zusammenlegung der einzelnen Organisationen sein darf. Es ist ferner nicht zu leugnen, daß die Verhältnisse in den einzelnen Provinzen verschieden; liegen. Auch das ist richtig, daß die strennei Auseinanderhaftung politischer und zionistischer Organisationen nicht nach unserem Geschmacke ist und daß wir se'bst eine Konsolidierung beider einander bedingenden Arbeitsgebiete wünschen. Unverrückbar aber ist unsere Ueberzeunung, daß die Politik der österreichischen Juden in ihrer letzten Konsequenz eine allgemeine Reichspolitik sein m n ß und wir verlangen die Vereinigung nicht auf Grund der nartikuH-en taktischen Provinzinteressen. sondern gerade im Hinblick auf altgemeine jüdisch'* Postipi+e, deren Verwirklichung wir für alle "ster-öi'-S-chen Juden erstreben. Es ist zweifellos,’ daß in dieser gemeinsamen Organisation diese partikulären Bedü-fmsse, insofern eie dem Gesam+interesse der österreichischen ludenschaft ni-ht widersprechen, Berücksichtigung finden müssen und werden. Wir betrachten aber alle diese Bedürfnisse als Fragen zweiter O^Hnun". welche bei gutem Willen — der muß allerdings vorhanden sein! — gelöst werden können. Die Idee der jüdischen Gemeinsamkeit ist un«, nnd soll allen Juden so viel wert sein, daß wir uns gern im Interesse der gesamten ludenschaft Zurückha'tung in manchen Angelegenheiten anferlegen wollen. Der Schluß, als ob die Vereinigungen der Organisationen die Unterdrückung irgend eines Teiles der österreichischen Zionisten bezweckt, ist ilfoval. Wir sind vielmehr überzeugt, daß die gleichmäßige Behandlung der verschiedenen Interessen den stärksten Kitt für die gemeinsame Organisation ahgeben wird. Denn klinp und klar sei es gesagt: die Wünsche und Bedürfnisse, Nöte und Kämpfe der galizischen Juden sind kein Monopol galizischer Landespolitik, sondern auch unsere ureigenste Angelegenheit. Nostra res agitur. Das englische Sprichwort: „Where is a will, there is n wav“ (wo ein Wille, dort ist ein Weg!l gilt auch hier. Alle Schwierigkeiten schmelzen angesichts eines ehrlichen Willens in Nichts zusammen; im Falle schlechten Willens! iedoch türmen sie sich zu unübersteigbaren Hindernissen auf! . W. Avis Iüf EinjäbFig-Ereiwaiige. DOPPEL-MALZ* Austria-Brauerei Wien-Neudorf. Telefon: Stelle 6 von 3455. Witkowski & Nacht Nodit. 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