Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 37 (11.9.1912)
- Date
- 1912-09-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seii6 2 , . JÖDISCHE. ZEITUNG .. , Nr. 37 überall majorisiert und vergewaltigt werden. Man denke sidi nur, daß ein noch größerer Tal der Staatsgewalt als heute in den Landesausschüssen und -autonomen Gemeinden in die Hände der deutschen oder tschechischen Nationalen und Christlichsozialen gelegt' werden würde! Dann bewahrheitete es sich wieder einmal, daß wir Juden nicht anders können, (als stets für Freiheit und Selbstbestimmung der Völker einzutreten, immer, aber die Zeche dafür bezahlen! So ginge es uns wieder bei der nationalen Autonomie nach Renn erschein Schema. Wollten wir daher dasselbe aus bloßer Freude an der Genialität der Konzeption vertreten, so würden wir in den von uns grundsätzlich' verurteilten Fehler der Assimilationspolitiker verfallen und statt ■ Realpolitik ideologisch orientierte Politik betreiben, die schließlich den Juden schaden müßte. Wenn Renner übrigens die nationalen Minoritäten in gemischten Kreisen dadurch vor Vergewaltigung durch die Majoritäten geschützt glaubt,, daß Gegenseitigkeit geübt werden müsse, daß1 zum Beispiel, wenn die 85°/o Deutschen Wiens die 5% Tschechen unterdrückten, die böhmische Nationsgemeinschaft etwa mit Repressalien gegen die deutsche Minorität in Prag antworten könnte und vice versa, so haben die Juden, da sie überall in der Minorität sind, solche Waften nicht. Zweitens — und diese Gefahr dünkt mich nicht minder arg — drohte den Juden auch noch die Prozentnorm. Es ist einleuchtend, daß es z. B. den 85% Deutschen in Wien einfallen könnte, das Prinzip der verhältnismäßigen nationalen Vertretung, den „nationalen Schlüssel“ auch aur die freien Berufe anzuwenden und etwa zu statuieren, daß 85% der Advokaten, Aerzte usw. in Wien der deutschen Nationsgemeinschaft angehören müßten. Wenn auch die jüdische Nationsgemeinsdiaft gegenübet dem heutigen Zustand das Recht hätte, zu verlangen, daß 10% der Magistrats- und sonstigen Wiener Beamten Juden sein müssen, wenn sie auch ferner in ihrer eigenen Verwaltung und in ihren Schulen usw.- eine große Anzahl von Beamten- und Lehrerstellen an Juden zu vergeben hätte, so ist es doch sehr fraglich, ob damit die Nachteile einer! Ausdehnung der Prozentnorm aut freie ‘Berufe paralysiert würden. Davon ganz abgesehen dab das Recht auf Anstellung von z. B. 10% der öffentlichen Beamten Wiens in der Praxis dadurch illusorisch gemacht werden kann, daß man den jüdischen Beamten das Leben verleiden und das Avancement erschweren würde. Angesichts dieser Gefahren müssen Vor- und Nachteile der nationalen Autonomie nach Rennersdietn Schema (das im Osten auch Vorteile für die Juden hätte, während in diesem Artikel vor allem die Zustände in Westösterreich ins Auge gefaßt werden) nochmals genau erwogen werden, namentlich aber Kautelen gegen die Prozentnorm und gegen die Vergewaltigung der jüdischen Minoritäten verlangt werden, bevor die Jüdische Nationalpartei sich auf diese Form der nationalen Autonomie programmatisch testlegt. Die nationale Autonomie ist übrigens für Oesterreich eine Sache ziemlich ferner Zukunft Für die praktisch-politische Gegenwartsarbeit der Jüdischnationalen sind näherliegende Zielpunkte aulzustellen, da es sonst. unmöglich ist, auch nur die nächsten Schritte, die über eine bloße Nationalisierungsagitation hinaus gemacht werden müssen, zu tun. Die Nationalisierungsarbeit ist gewiß eine Sache, welche unermüdlich weitergeführt werden inuß. Aber man stelle sich einmal vor, man ■ hätte schon alle. Juden Oesterreichs nationalisiert — welche praktische Politik sollen sie dann machen? Mit anderen Worten: Zu welchem österreichisch-politischen Endzweck nationalisierten wir die. Juden? Damit, daß jüdisch-nationale Abgeordnete gewählt werden, ist noch. wenig getan. Man muß ihnen■’ 'auch ein ' positives, durchführbares Programm in-’die Hand geben, nicht eines, das nur mit. einem in der Ferne liegenden und überdies-;in'seinen-Umrissen. noch nebelhaften Endziel arbeitet. - Welches kann dieses Gegenwartsprogramm sein? Natürlich kein neues, aus den Wolken ge-- fallenes, sondern eines, das’ sich organisch aus dem Hauptprogramm ergibt. -Ja, man kann sagen,-* daß' das-politische Gegenwartsprogj-arnm; schon da ist, von uns vertreten, daß schon-lange dafür gekämpft wird; es fehlt nur die theoretische Klarheit, was man eigentlich damit will. Dieses Gegenwartsprogramm . ist meiner Ansicht nach gegeben in der- Verbindung der Postulate des nationalen Katasters und des Reichsbundes der zu Volksgemeinden ausgebauten Kultusge-, memden.3) Mit der Durchsetzung dieser beiden Postulate wären beinahe alle Vorteile, wegen welcher wir eine national-kulturelle Autonomie anstreben, erreicht,, ohne daß Nachteile entstehen könnten, wie aus dem Rennerschen Schema der Autonomie. Dies geht aus folgender Erwägung hervor: Der jüdische Kataster käme einer öffentlichrechtlichen Anerkennung und Zusammenfassung der jüdischen Nation gleich und sicherte den Juden eine angemessene Vertretung in Landtag und Parlament. Die Kultusgemeinden, die aut Grund des allgemeinen Wahlrechtes alle Juden umfassen würden,4) stellten in ihrer Verbindung ungefähr das vor, was die nationalen Rechtspersönlichkeiten im Rennerschen Schema bedeuten. Sie haben ja heute schon die Steuerhoheit, können- Schulen, Spitäler usw. errichten und tun dies ja auch. Wenn durch das allgemeine Wahlrecht in den Kultusstuben die großbourgeoisen, assi-; milatorischen Elemente die Führung verlieren würden und sie an die nationaldemokratischen Kreise abgeben müßten, dann würden die Gemeinden auch tatsächlich solche nationale Arbeit leisten, wie wir sie von der nationalen Autonomie erwarten. Die ' Frage von *-Ev L; O. -in Nr. 34derj, „Selbstwehr“, was die Nationaljuden Böhmens angesichts des Ausgleichs verlangen sollen,- ist nach diesem Programm leicht zu beantworten: den jüdischen Kataster und mit ihm die verhältnismäßige Vertretung der Juden in den verschiedenen leitenden Körperschaften des Landes. Wird ein Wahlrecht gegeben werden, das nach Steuerleistungen abgestuft ist, so werden die Juden (bei jüdischem Kataster) sogar eine größere Vertretung .erhalten können, ,als ihrer Volkszahl entspricht. Daß durch den eigenen Kataster die Juden aus den Kämpfen zwischen Deutschen und Tschechen herausgenommen werden und welche Vorteile daraus resultieren, ist schon so oft wiederholt worden, daß ich nicht nochmals darauf zurückkommen will. Aus den angestellten programmatischen Erwägungen geht ferner hervor, welche. Bedeutung dem Kampfe umdie Gewinnung der Kultusgemeinden, resp. um -ihre Nationalisierung- und Demokratisierung im Rahmen der .nationaljüdischen Bestrebungen zukommt. Diese Organe der Selbstverwaltung, welche die Juden schon besitzen, brauchten nur ausgebaut und mit dem richtigen Geiste erfüllt zu werden, dann werden sie Großes für das' jüdische Volk leisten. In wenigen Wochen wird wieder, einmal die Kampagne anläßlich der Wiener Kultuswahlen geführt werden, bei. der es sich; um die Gewinnung der größten und ausschlaggebendsten Gemeinde Oesterreichs handelt. Hoffen wir, daß die Bedeutung dieser .Aktion innerhalb der zionistischen Organisation allüberall erkannt werden, sö daß es diesmal an Unterstützung nicht fehlen wird. Die Gewinnung der Wiener Kul- : tusstuhei'.seitens' der nationalgesinnten. Juden ist eine Angelegenheit von zentraler Bedeutung nicht .nur für das''Portschreiten der Zionisierung, son- . dern auch’ für eine wirksame Zusammenfassung . una einen inneren Aufschwung der österreichi- ' sehen Juden. ' r) Erfreulicherweise ist 'eine gröbere theoretische Arbeit von Dr. Rosenfeld in Vorbereitung. '; ’ - s) Rud. Springer (Karl Regner) : . Der Kampf der österreichischen Nationen um den >Staat I. Wien, Deuticke 1902. Kurze-'; Zusammenfassung bei Otto Bauer:. Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie. Wien, Brand, 1907. 3) Vgl. auch Dr. Max Rosenfeld in der „Heimkehr“. 4j Vgl. Dr. Max Rosenfeld in der „Heimkehr“. Im Lande der Ereiheit. Millionen Juden haben in Amerika eine Zuflucht gefunden, daher wird es auch in der überschwänglichsten Weise als gelobtes Land gepriesen.' Allerdings erheben sich schon seit geraumer Zeit Stimmen, welche gegendieses uneingeschränkte Lob protestieren. Doch was sie gegen Amerika als' Judenland bisher vorzubringen wußten, kam gegenüber den Vorteilen, welche die Fahrt über den Ozean den armen, halbverhungerten Emigranten brachte, nicht in Betracht. Sie erzählten von der Atmosphäre voll Unkultur, in welcher die Individuen demoralisiert, verroht und entjudei werden. Die Antwort: ,(Amerika gibt Brot und Freiheit“, übertönte; aber alle Klagen. — Langsam kommen aber die Schwarzseher zur Geltung. Aus dem jüdischen Amerika dringen Unheilskunden zu uns, die man auf die Dauer nicht wird ignorieren können.' Die Zuwanderung und Konzentrierung der Juden hat ein früher unbekanntes Massenelend gezeitigjj und, Was früher unmöglich schien, einen - A n t isemitismus gezeitigt, der nach den Aussagen einwandfreier Beobachter, den europäischen bereits übertreffen soll. 'Im neuen ‘klassischen Lande des Rassenhasses — diesen Namen hat sich Amerika durch „seine scheußlichen blutigen Negerhetzen redlich verdient — wird -der Antisemitismus unausbleiblich die schrecklichstein) formen ahnehmen. Aber — so poradox dasi auch klingt — dies alles sind kleine Uebel im Vergleiche zu einer bisher nirgends beobachteten Erscheinung: das Leben in Amerika entjudet die Juden und verdirbt ihren Charakter. In den entsetzlichen Kriminalgeschichten, die jetzt in New-York enthülltwerden, wimmeltj es von jüdischen Namen. Da gibt es Mädchenhändler, bestochene Polizisten, Raubmörder, Spiel wirte und Totschläger. Die bisherige Kri-' minalstatistik der Juden wird' zuschanden ge-; macht und wir sehen Juden Verbrechen verüben, die bisher dem1 jüdischen' Vdlkscharakter als! völlig fremd galten. Im Lande, das heute den größten Korruptionsherd bildet, wo sich Bigotterie mit himmelschreienster Verderbtheit paart, wo alles käuflich ist, im1 Lande der modernen Unkultur und Bestialität, im „freien“ Amerika, ist trotz der besten materiellen Vorbedingungen, das Judentum von einer entsetzlichen Krankheit befallen worden. Für die Neunmalweisen, ‘die in der Auswanderung nach Amerika eine „Lösung“ erblick- Altbewährte Nahrung'miiHHii für gesunde u.kranke Kinder sowie Magenleidende. Verhütet ».beseitigt BrechdürchfeÜ. DißrrhoB.ÖarmHfffarrh. Preis per Dose K 1.80,erhältlich in jeder Orog.u.Apofti t Kindermehl MirnüDI X \mlCr» 14 u lebens-versicherungs-Gesellschaft WltULKLAlNUIovrlll wien, i., aspernplatz 1. 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