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Jüdische Zeitung · 1912-09-06 · 36 (6.9.1912) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
36 (6.9.1912)
Date
1912-09-06
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 36 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Zur gef. Beaditung! Die „Jüdische Zeitung“ vom 11. September d: J. erscheint als Neujahrsnummer und wird eine eigene Rubrik Neujahrsgratulationen für RoMafdionob 5673 (njpfi EttH) enthalten. Unsere Leser und Gesinnungsgenossen werden zweifellos diese günsiige Gelegenheit benützen, um auf bequeme Weise allen ihren Bekannten und Freunden ihre Glückwünsche darzubieten. Ein Inserat dieser Größe kostet K 3.—, wovon ein Teil dem JNF zufließt. Diese Nummer wird auf Wunsch an drei aufgegebene Adressen grah's versendet. Für die Versendung dieser Nummer an jede weitere Adresse sind je 10 h zu entrichten. Wir ersuchen um umgehende Uebersendung der Aufträge. „Jüdische Zeitung“ Administration, Wien, II., Stefaniestraße 12. Die türfiifihen Kairnnemhlen und Oie Juden. Ein Redakteur des „Jeune Turc“ unternahm es kürzlich, die Stimmung der ottomanischen Juden gegenüber den Neuwahlen zur Kammer zu erforschen. Es zeigte sich, daß drei Strömungen unter den Juden vorhanden sind: eine für das Comite Union et progres, die zweite für die Entente liberale und die dritte für vollkommene Neutralität. Die Parteigänger der Comite-Richtung machten geltend, daß den Jungtürken die Konstitution, die Ordnung der Finanzen, die Reorganisation der Armee und die Hebung des Prestiges des Reiches zu danken wäre. Vom speziell jüdischen Standpunkte aus sei zu berücksichtigen, daß das Comite absolut keinen Antisemitismus gezeigt habe, wie es bei der Entente der Fall war. Die Anhänger der Entente betonten demgegenüber, daß nur einzelne untergeordnete Organe derselben, deren Rolle bald ausgespielt sein würde, Antisemitismus gezeigt hätten. Dafür aber sei die Entente jene Partei, welche die Rechte der Nationalitäten verteidigt und die daher auch der jüdischen Nation die Möglichkeit freier Entwicklung in kultureller Hinsicht geben müsse, indes die Comite-Partei streng türkischnationalistisch gesinnt wäre. Die Fürsprecher der Neutralität meinten, daß die Juden so wenig zahlreich im Staate seien, daß sie sich jeder Parteinahme enthalten müßten, sonst würde die unterlegene Partei, falls die Juden ihr keine Wahlhilfe geleistet hätten; diese dafür verantwortlich machen. Die Juden sollten nur solchen Kandidaten ohne Rücksicht und politisch' wertvolle Erörterungstechnik lernen. Nicht nur, daß wir nicht „Forderungen“ aufstellen dürfen', von denen der ruhig Ueberlegende von vornherein erkennen muß r sie sind nicht durch Evolution, sie sind höchstens durch Revolution zu erfüllen, sie kämen also erst dann einmal, vielleicht, in Frage, wenn alle Versuche der Verständigung fehl schlügen. Daß auf e:ne Beschränkung der -einmal gewährten jüdischen Rechte oder gar eine Aufhebung der Judenemanzipation kein Jude eingehen kann, versteht sich von selbst. Wir können aber auch nicht weiter kommen, wenn wir die Juden als ein gegenüber den Nichtjuden minderwertiges Volk behandeln, denn es versteht sich ja doch von selbst, daß die ihres Judentums stark Bewußten rm innersten Herzen das ihrige so gewiß für das bessere halten, wie wir Nichtjuden innersten Herzens das unsrige. - Für Vergleichsverhandlungen ist die Annahme geboten, daß ihr und unser Volk gleichwertig seien. Und wir sind ja jetzt zwei Parteien im Prozeß... Jede ist überzeugt, daß sie im1 Rechte ist, jede hat auch vielleicht sehr zureichenden Grund, über die andere „böse“ zu sein. Aber beide erkennen auch, daß ein für beide Tei'e annehmbarer Vergleich besser wäre als Dauerprozeß, dessen Kosten hüben und drüben vom Besten zehren und der schließlich doch nur mit einem Urteil enden könnte, aus dem ein neuer Prozeß entstände, wenn nicht noch schlimmeres. Wo'len solche Parte:en verhandeln, so müssen sie die Vorwürfe und Herabsetzungen überhaupt unterlassen, die beleidigen. Da sie nun einmal verschieden fühlen und auf die Parteistellung ihre Stimme geben, welche sich öffentlich verpflichteten, die Interessen der Juden in der Kammer zu verteidigen und natürlich vor allem jenen Kandidaten, die selbst Juden und gute Patrioten wären. Der Ausfall der Wahlen wird zeigen, welche der drei Richtungen die Oberhand im ottomanischen Judentum hat. Einen interessanten Vorschlag für die Wahlen macht das jüdisch-nationale Wochenblatt Aurore in Konstantinopel. Dasselbe führt aus, daß jede Nation eine gesetzlich gesicherte Vertretung im Parlamente haben sollte, je nach ihrer Volkszahl und Bedeutung. Dieser Vorschlag läuft, zu Ende gedacht, auf nichts anderes hinaus, als auf nationale Wahlkataster nach der Forderung Renners, wie sie in Mähren schon verwirklicht ist. Es ist interessant, daß die Jüdischnationalen der Türkei genau zu denselben Forderungen der Innenpolitik gelangen, wie jene Oesterreichs. Antisemitismus in Kurorten. Zu den in der vorigen Nummer unseres Blattes geschilderten Vorgängen in Vöslau erhalten wir folgende Zuschrift: „Der von den Juden veranstaltete Ausflug zur Waldandacht war zahlreich besucht, während das unter dem Protektorate des Bezirkshauptmannes Oalatti angekündigte Konzert abgesagt werden mußte. Darüber regte sich die Wiener Reichspost auf und bezeichnete den Ausflug zur Waldandacht mit Recht als ein jüdisches „Trutzfest“, das man unter dem Deckmantel eines Ausfluges veranstaltete, um der Behörde nicht wieder Gelegenheit zu geben, die Veranstaltung aus „prinzipiellen Gründen“ zu verbieten. Nun wurde aber energisch gegen die unbotmäßigen Zionisten vorgegangen. Gegen vier Studenten, die sich am Verteilen von Flugblättern beteiligt hatten, wurde die Strafanzeige wegen unbefugter Kolportage erstattet. Unter denen, die auf Seite der „Reichspost“ gegen die bösen Zionisten eiferten, war auch der hiesige jüdische Gutsbesitzer R. von Guttmann. Er setzte es durch, daß das schon abgesagte Konzert dennoch abgehalten wurde. Und wenn auch nur zirka 100 Personen, fast lauter deutschnationale „Einheimische“ zugegen waren, wenn auch R. v. Guttmann das Defizit decken mußte: die „Reichspost“ triumphierte.. Aber weder das Organ für das christliche Volk, noch sein würdiger Bundesgenosse R. v. Guttmann werden sich ihres „Sieges“ lange freuen können: eine große Anzahl Vöslauer Kurgäste wird zu einem Verein zusammentreten, dessen Hauptaufgabe es im nächsten Sommer sein wird, großzügige Veranstaltungen für nationale Wohlfahrtszwecke zu inszenieren. Dieses Komitee wird seine Tätigkeit auch auf andere, von Juden stark besuchte Orte in der Umgebung ausdehnen. Aus Baden, Weißenbach a. d. Triesting liegen bereits Zustimmungserklärungen vor. Und R. von Galatti wird sich wohl hüten, in Paschamanier mit dem jüdischen Publikum umzuspringen. E. G. also bewerten, wäre auch der Versuch eines Aufrechnens aussichtslos. Auch sind wir, gleich den anderen, zum „Riechen“ veranlagt, unsererseits zum Judenriechen a'so, ist doch sogar dem Antisemiten Richard Wagner sein verehrter Ludwig Geyer eine Weile lang des Judentums suspekt gewesen, weil er nicht wußte, wie gut germanische Geyers es gab und aus wie christlicher Kirchendiener und S*adtpfeiferfami’ie je-er Geyer stammte. Desgleichen müssen wir uns vor dem Verallgemeinern hüten. Ich zum Beisniel davor, daß ich des jetzt so schweigsamen Georg Witkowski menschliche Besonderheiten nicht aus „Rassen- und Glaubenshaß“ den von Goldstein hervorgehobenen „jüdischen Germanisten“ insgemein anrechne. „Keine S->äße in so ernster Sache!“ Nein, ich soreche im Ernst. Es ist alle Zeit so gewesen, daß man nicht ans Judentum der Leute dachte, so lange man bei ihnen nichts Aergerliches sah. daß aber, fand man was, flugs das „da habtihr’s!“ kam. Und wer sich frei davon weiß, der werfe den e-s^en Stein. Es ist auch kein Scherz, wenn ich zum Schlüsse bekenne: ich weiß, daß ich mich mitsamt meinem Kunstwart nun wieder einmal zwischen zwei Stühle gesetzt habe. Falls mir nicht das Benefiz des Beschweigens gewährt .wird, wird man zur Rechten sagen „wie links!“ und zur Linken „wie rechts!“ Beiderseits jedoch: „Hat er etwa gezeigt, wie die Judenfrage sich lösen läßt? Nichts hat er davon gezeigt!“, womit ich mich auch nur einverstanden erklären kann. Nichts habe ich getan, als für unseren Der alte Juöenfrieöhof in der Rossau. Von Dr. M. Berkowicz. Zu den interessantesten und hervorragendsten Denkmälern der Wiener jüdischen Gemeinde gehört unstreitig der alte Judenfriedhof im neunten Wiener Bezirke, im Hofe des jüdischen Versorgungshauses in der Seegasse. Denkt man an ihn, so entrollt sich vor unserem geistigen Auge ein gar trauriges, tränendurchnäßtes Blatt unserer Golusgeschichte, wie sie sich nur allzu oft an verschiedenen Orten abgespielt hat .-Vertreibung und Rückkehr, je nach dem Aufflackern frommer Begeisterung in den Herzen von Fürsten und Völkern, oder nach dem 'Bedürfnisse, den leeren Staatssäckel wieder zu füllen und die Bürgerschaft vor der sicheren Verarmung zu retten! Die Geschichte der Vertreibung der Juden aus Wien im Jahre 1670 ist zur Genüge bekannt. Kaum ein halbes Jahrhundert, nachdem man ihnen die Leopoldstadt, die damals „Der untere Werd“ hieß, zu ihrer Ruhe und Sicherheit überlassen hatte, mußten die Juden Haus und Hof verlassen, ihr zur besten Entfaltung gediehenes Gemeinwesen aufgeben und neue Heimatstätten suchen. Und dieser Friedhof hat den Tod seiner Gemeinde angezeigt. Er, als Gemeinde der Toten, hatte mehr Glück als die Gemeinde der lebendigen Wiener Juden, die sich nach verschiedenen Richtungen zerstreuten und aus deren Mitte nur wenige später nach erlaubter Rückkehr die Erneuerung des Gemeindelebens mitmachen konnten. Die pietätvolle Munifizenz der Koppel-Franklschen Erben hatte gegen eine „Satisfaktion“ von 4000 Gulden der Stadt die Verpflichtung abgerungen,v wenigstens der Toten zu schonen und den Friedhot und seine Denkmäler zu schützen, und so war es diesem Friedhof beschieden, nach weniger als zwei Jahrzehnten Zeuge zu sein der neu entstandenen Gemeinde Wien. Sechzehn Jahre nach der Vertreibung durften die genannten freigebigen Beschützer des Friedhofs ihrem im Vertreibungsjahr verstorbenen Vater daselbst ein Grabdenkmal errichten, während sie selbst in Fürth eine neue Heimat gefunden hatten. Diesem Friedhofe ist nun eine abermalige pietätvolle Behandlung zuteil geworden in einem groß angelegten, schön ausgestatteten, von der „Historischen Kommission der israelitischen Kultusgemeinde in Wien“ herausgegebenen Werke, das den Zweck hat, als Band IV der „Q u e 11 e n und Forschungen zur Geschichte der Juden in Deutsch-Oesterreich“ die innere Geschichte der beiden Siedlungen, welche dieser Friedhof gesehen, aus dessen Inschriften zu erschließen.*) Von dem Werke liegt uns der I. Band vor, der sich mit den Inschriften ‘der ersten Siedlung, deren Anfang nicht mit Sicherheit festgestellt werden kann, "bis zur Vertreibung im Jahre 1670 befaßt: der II. Band soll die Inschriften der Grabdenkmäler vom Beginne der zweiten Siedlung behandeln. Schon vor etwa fünf Jahren habe ich in der „Jüdischen Zeitung“ über die gründliche und vortreffliche Forschungsmethode Dr. Wachst e i n s, des Bearbeiters dieser Inschriften, berichtet, als seine Probepublikation unter dem *) Dr. Bernhard Wachstein: „Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien“. Im Aufträge der historischen Kommission der israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Mit 202 Textabbildungen, 15 Tafeln und einem Friedhofsplane. I. Teil: 1540 (1) bis 1670. Wilhelm Braumüller, Wien und Leipzig, 1012. LXIV -)- 502 S. Großoktav. Kreis darauf hingewiesen, wie sich meiner Meinung nach die Vorbereitung der Vorbereitung ach, auch nur anstreben ließe — will sagen: die Vorbereitung einer erwachsener, vernünftiger und vorurteilsloser Männer würdigen, nicht von vornherein zum Auslauf ins Gezänk bestimmten Aussprache. Eine sachliche Erörterung ,die das Entnebeln und Entwirren ruhig, besonnen, unfeindlich, womöglich freundschaftlich versuchte, jenes Entnebeln und Entwirren, das seinerseits erst darüber aufklären würde, wie denn hinter den rosigroten oder dunkelgrauen Schleiern die Dinge eigentlich stehen. Dann erst könnten die Fragen: „was ist weiter zu tun?“, und: „läßt sich ein Dauerfriede erreichen oder nicht?“ einigermaßen unakademisch drankommen. Daß die anderen Deutschen ihren Geistesbesitz immer weitÄ von einer so kleinen Minderheit verwalten ließen, das mutet ihnen doch wohl auch kein Jude zu. Andererseits aber denken wir Nichtjuden durchaus nicht daran, auf dem Wege zum freien Europäertum, das sich mit Deutschtum sehr wohl verträgt, die jüdische Mitarbeit abzuweisen. Wir wollten uns ihrer so gern, und sie könnte sich unserer freuen. Wir wollen uns auch gegenseitig anregeh, nur: wir wollen einander nicht fälschen. So schwierig ein reinliches Scheiden und nach ihm ein Sich-Verbünden oder Verbinden hier ist, möglich ist es wohl noch ohne „Kulturkrach“. Wie lange noch? o o

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