Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 36 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 36. heit irgend welche Erfolge erringen. Das müßte verhindert werden, denn auch die Ruthenen beginnen die Juden für sich zu reklamieren. In der Tat hatten die Polen den Mift, die Einführung des Katasters nicht aut nat ionaler, sondern kon f essioneller Basis zu verlangen! Man erinnere sich an die Haltung der Polen und der Regierung bei der Landtagswahlreform in der Bukowina. Jüdischer Kataster — dgs war konfessionelle Unterscheidung und sollte nicht zugelassen werden. Nun wird die Konfession doch hervorgekehrt, ifin die Macht zu erweitern oder zu begründen. Das (ist nationale Nötigung in schärfster Form — aber keineswegs nationale Assimilation. Sind diese Tatsachen Bauer bekannt? Ich glaube nicht, denn sonst könnte dieser Gesetzgeber der nationalen Assimilation nicht einfach den Satz hinstellen, solchen Minderheiten, zu denen er auch die jüdischen zählt: ,.werden wir keine Minderheitsschulen bewilligen.“ Das wurde skrupellos im Sinne der Marx’schen Methode niedergeschrieben! Sozialistisch ist es zwar nich+, glatt über die Minderheiten hinwegzugehen, doch das ist schon so Eigenart des Bauer’schen Gewissens, Tatsächlich ist aber seine Behauptung, wie viele andere, total falsch und willkürlich. Erstens kann man diejüdischen Minderheiten nicht so einfach mit den Deutschen in der französischen Schweiz in einen Topf werfen, denn die Verhältnisse liegen bei den Juden absolut und relativ anders. Zunächst muß Bauer wissen und sich gut im Gedächtnis behalten, daß Gilizien im polnischen Gebiet 24 Bezirke mP einer jüdischen Minderheit von 30 bis 50 Prozent und 96 Bezirke mit einer Minorität von 10 bis 30 Prozent aufweist. In Ostgalizien sind die Siedlungsverhältnisse noch günstiger. Dort gibt es 91 Städte und S+ädchen mit vorwiegend jüdischer Bevölkerung, außerdem sind 9 Städte, welche zu den 30 größeren Städten gehören, mit einer Majorität von 50.1 bis 72 Prozent Juden. Nicht außer Acht zu lassen sind die beiden Hauptstädte Lemberg mit 57.387 (27.8), Krakau mit 32.380 (21 Prozent) luden. Solche Minoritäten können und dürfen nicht ignoriert werden. Um solche Minoritäten zu chaUen, bedarf es nicht eines Widerstandes gegen den „Naturprozeß ihrer Assimilation“. Denn man spürt in Galizien diesen „Naturprozeß“, Herr Bauer! Hingegen wäre eine Aufklärung dieser Minoritäten und ihre zielbewußte Organisation imstande, sie in jeder Hinsicht zu kräftigen. Im nachfolgenden werden wir das ausführlicher erörtern. (Schlüßartikel folgt.) Konfessionelle Säulen in Czernowitz. - Der seinerzeit gefaßte Beschluß des Czernowitzer Stadtschulrates, welchen wir entsprechend gewürdigt haben, wurde von der Bukowinaer Landesregierung aufgehoben. Der Czernowitzer Stadtschulrat ließ aber den behördlichen Bescheid Bescheid sein und versuchte via facti das zu erreichen, was ihm via legis verboten wurde. Der Stadtschulrat hat nämlich an die Schulleitung in der Siebenbürgerstraße und in der Bahnhofstraße einen Erlaß gerichtet, in welchem er eine willkürliche, eigenmächtige Schulsprengeleinteilung vornahm, welche die Konfessionalisierung der Schulen involviert. In diesem Erlasse wurde nämlich verfügt: im leisesten Gerüche des Antisemitismus steht.“ Anders gesagt: wen ich nur im leisesten Verdacht habe, mein Gegner zu sein, aut den höre ich nicht, von dem lerne ich also auch nichts — eine Auffassung, die der unter uns vertretenen Forderung, den Gegner zu begreifen und vom Gegner zu lernen, schnurgerade entgegenläuft. Wer so denkt, kommt aber auch leicht in Gefahr, einen -.leisesten Geruch“ zu spüren, wo er nicht ist. Wie stark das Feind-Wittern bei jeder Bemängelung manche noch befangen macht, das bezeugt gerade wieder di“ Umwendinsr im Verhalten gegen Sombart, seit man erkannte, daß er doch nicht nur Bewunderer des Judentums ist. Er mag sich zu Aeußerungen versteigern wie: daß die Juden bei ganz freiem Wettbewerb bald Inhaber fast aller Katheder sein werden, da sie ja viel gescheiter seien als die Nichtjuden, er mag sie als Führer und Träger der kappa'istisdien Kultur bewundern, er mag selbst 'die- Erfolge des deutschen Handels und andere deutsche Erfolge wesentlich ihnen zuschreiben, ja. er mag behaupten, sie vor allem hätten den großen .ethischen’ Ton ins Menschhei+skonzert gebracht, trotzdem: er hat auch Ungüns+ires über sie gesagt, hat dabei durch den Ton ihnen gegenüber nicht immer eitel Respekt verra+en — also ist er, trotz „kurzer Augenblicke der Erleuchtung“, ein Feind, dem man nicht zuhören soll. Diese iüdische Uebe-e*np'ind!ichkeT ist durch die geschichtliche Entwicklung durchaus erklärlich, sie lebt ja auch nur in einem Teile des Judentums, und sittlich betrachtet ist dieser- Teil kaum der schlechteste, ist er jeden¬ 1. Daß der westlich der Kuczurmarerstraße gelegene Stadtteil samt der rechten Häuserreihe dieser Straße selbst von dem Schulsprengel Siebenbürgerstraße abgetrennt und dem Schulsprengel Altgasse zugeschlagen; 2. der jenseits des Klokuczkabaches gelegene Stadtteil (Brückenstraße und ein Stück der Wassergasse) von dem Schulsprengel Bahnhofstraße abgetrennt und dem Schulsprengel Klokuczka angegliedert wird. Das ist ein jesuitischer Kniff. Die hezeichneten Straßen weisen nämlich eine starke jüdische Bevölkerung auf, deren Kinder bis jetzt die Schulen in der Siebenbürgerstraße und Bahnhofstraße besuchten. Nun sollen sie diese Schulen nicht besuchen dürfen, sondern in den Schulen Altgasse und Klokuczka konzentriert werden. Die Schulen Siebenbürgerstraße und Bahnhofstraße aber sollen den christlichen Kindern reserviert bleiben. Das ist ein Trick des Stadtschulrates, um sein Ziel doch zu erreichen. Er macht einfach die Entscheidung des Landest Schulrates illusorisch und versucht in geradezu zynisch-naiver Weise das Gesetz zu umgehen. Die Leitung des Bukowinaer „Jüdischen Nationalvereines“ richtete auf Grund dieses^ Streiches des Stadtschulrates an die Czernowitzer Juden folgenden Aufruf: „Der Stadtschulrat hat die Leiter der Schulen in der Siebenbürgerstraße und Bahnhofstraße beauftragt, jüdische Kinder, die laut der beste- : henden Schulsprengeleinteilung zu diesen Schulen gehören, nicht einschreiben zu lassen, sondern sie in die Altgasse oder in die Schule Klokuczka zu schicken. Dies ist ungesetzlich. Die jüdischen Eltern, die in der Kuczurmarerstraße und in den umliegenden Straßen wohnen, sollen daher ihre Kinder in der Schule Siebenbürgerstraße und diejenigen, die in der Brückenstraße und n den umliegenden Straßen wohnen,, in der Schule Bahnhofstraße einschreiben. Sollten die dortigen Schulleiter die Einschreibung nicht vornehmen wollen, dann sollen sie ihre Kinder bis auf weiteres überhaupt nicht ein- . schreiben. In keinem Falle aber sollen die jüdischen Eltern ihre Kinder in Schulen schicken, die nicht in ihrem Schulsprengel liegen. Jene Eltern aber, deren Kinder in die Siebenbürgerstraße gehören, die sie aber infolge der Weisung des Stadtschulrates in der Altgasse einschreiben ließen, mögen dieselben sofort ausschulen. Dasselbe gilt für die Eltern, welche in der Brückenstraße wohnen und gezwungen werden, ihre Kinder in Klokuczka einzuschreiben.“ Man mag sich prinzipiell zur Frage derKonfessionalisienmg — eigentlich Nationalisierung , — der Volksschule in Czernowitz verhalten wie i man will, gegenüber dem eigenmächtigen, von ■ Judenhaß eingegebenen Vorgehen des Stadti schulrates ist rücksichtsloser Kampf und energischer Widerstand am Platze. Einer telegraphischen Me'dung zufolge ist durch ein Uebereinkommen der jüdischen und deutschen Parteiführer der Streit in der Weise beigelegt, daß drei deutsche Volksschulen jüdische und zwei Schulen christliche Oberlehrer erhalten sollen. Damit entfällt aber auch die Ursache des Sciulstreites. falls erfreulicher, als der würdelose. Aber eine . erkenntnisfördernde Aussprache mit ihm ist sehr ' erschwert. . Uebrigens, in unserem Kreise wäre so'che Reaktion erst recht nicht am Ort, denn wir gebi'.deten Nichtjuden vom Kunstwart haben bewiesen, daß wir uns unsererseits sehr viel ge- ' fallen lassen, um den anderen zu 'hören, zu verstehen. Wenn ein Nichtjude die Behauptung wagen wollte: „Das jüdische Volk läßt seinen ■ gesamten geistigen Besitz von Nichtjuden verwalten“ — ich frage unsere jüdischen Leser,; Hand auf’s Herz: würde man dann in ihren ’ 'Kreisen nicht ohne weiteres über die empörende Beleidung aufbrausen oder wehklagen? Unsere Leser haben das ruhig hingenommen, weil. sie an dem guten Glauben Goldsterns nicht zweife'ten und meinten: wer auf jede Bemängelung seines persönlichen oder vö!kisch°n Wesens r wie eine Neürasthenische im gefährlichen Alter mit Tränen, oder Geschrei antwortet, der mag sich einen Hausaltar der Verehreung bauen, es : bleibt dann sein privater. — Die. in. deren Namen; ich spreche, hielten es ferner für ersprießlich, wenn man bei Auseinandersetzungen zwischen Juden und Nichtjuden nicht immer wieder auf „Rassenhaß“ oder gar „Glaubenshaß“ zurücki käme. Darf wirk'ich ein gebildeter Jude heu+- I zu+age in Deutschland auch nur beim antisemitii sehen Pöbel noch von Glaubenshaß reden, geschweige beim deutschen Gebildeten? Und in j den Kreisen unserer gebildeten Nichtjuden noch : von Rassen-Haß, von wirklichem Passen-Haß, nicht bloß von einer .Rassen-Antipathie. die sich; durch persönliche Eigenschaften von Fall zu Fall bemberger Brief. (Von unserem Berichterstatter.) Montag den 2. September begann in Drohobyez die für 6 Tage anberaumte Gemeinderatswahl aus dem dritten Wahlkörper. Alle oppositionellen Parteien haben sich vereinigt, um die Herrschaft des fluchbeladenen und verabscheuungswürdigen Jankel Feuerstein zu brechen. Von zionistischer Seite wurden als Mandatsbewerber die Gesinnungsgenossen Dr. M. Pachtmann und Feiwel Lauterbach aufgestellt, welche zusammen mit den anderen oppositionellen Kandidaten eine fieberhafte Agitation entfalten. Die Gegenseite arbeitet mit ihren bekannten Mitteln. Feuersteins berüchtigte Zuhä'.tergarde waltet ihres Amtes. Ueberdies wurden „Sicherheitsvorkehrungen umfas - sendster Art“ getroffen, wie Jankel Feuerstein an die Wiener Zeitungen telegraphieren ließ. Ueber den Ausgang der Wahlen werden wir berichten. * * * Die russophile Agitation in Galizien hat in gewissen Bezirken einen ungeahnten Umfapg angenommen. Der „rollende russische Rubel“ wirkt Wunder. Ganze Gemeinden sind zur orthodoxen russischen Kirche übertreten und fast in jedem größeren ruthenischen Dorfe treiben verdächtige Gestalten ihr Unwesen. 'Charakteristisch und gefährlich ist die Methode der russonhilen Propaganda. Der Angelpunkt des russophi'en Programmes ist der Judenpogrom. Nachdem die räuberischen und blutdürstigen Instinkte ' der nPhemschen Analphabeten bis zum Paroxysmus aufgepePscht wurden, ist alsdann derUeber- ■ tritt zum Russentum und zur orthodoxen Kirche nur eine na+ür'iche Folge dieses Zustandes. Die Behö-den schauen diesem Treiben und der Po-; gromagPation untätig zu. Sollten sie am Ende aus polnisch-nationa’en Gründen es gern sehen,; wenn faktisierte ruthenische Bauernmassen Judenblut vergießen, damit sie dann Argumente ' gegen den „jüdischen im Bunde mit den Ru- : the-en stehenden Separatismus“ ins Treffen füh-; ren können? In Anbetracht der teuflischen Logik und Taktik des «ra'iz’schen Schachzizentums wäre ein derartiges Vorgehen nur landesüblich.! •A"A"A“A"A"A"A">'"A"A"A"A"A"iL"A"ir :“«« Ml-Hiron! J. Gilt no Wien, II., Stefanieitraße Nr. 14. TeleDhon interurban 13702. 70 mod<*rn«t eingerichtete Zimmer von K 2.80 aufwärts. In unmittelb. Nähe des Nordu. Nordwestbahnhofes, 5 Minuten vom Stadtzentrum. ‘BADEN bei Wien, Antonsg. 13. Franzensstr.34. 4 Telephon interurban 217. 400 Personpn fassend schöner Naturearten. Elektrisch beleuchtet. Große Veranden und Säle vis-ä-vis dem Kurpark. Große Speisesäle zur Ahhnttnn? von Hochzeitsdiners und anderen festlichen Veranstaltungen. Pension nach Upberelnkommen. Exauistte Köche und Keller 0000000000000000 überwinden ließe? Wä-e die gemeinsame Arbeit an tausend Stellen, wä^en dj» jüdischen Offiziersehen möglich, wenn es einen Rassenhaß gegen die. Juden auch nur in den konservativsten Sch'ch+en gäbe? Trotzdem kommt man u"S; roch oft genug mit Rassenhaß und Glaubenshaß, - be*ont in sich den „Deutschen mosaischen Glaubens“. statt den „jüdischen Deutschen“, und Überhebt sich der ernsthaften Erörterung über unser Verhältnis zueinander indem man Andersdenkende ohne weiteres a's mPte’aPer'ich'e Menschen zu entwerten sucht. Wir bedauern schließ-, lieh die Neigung. Männer, die aus ehrlicher Sorge um ihr Volkstum tatsächlich Antisemiten geworden sind, wie wir nicht. wir bedauern: dab man keine Scheu trägt, sie frischweg als Narren hinzuste'l“n. Man ve-snottet sie mit einer ' Miene weit ü'-e-’e^ene-i hePeren Weltmanntums, als könnte sie ja unmöglich.iemand ernst nehmen ' — aber wer glaubt denn dieser Miene? Selbstsolche Entgleisungen sind höchst erklärlich aus; der höchst erklärlichen Beteiligung und Beunruhigung der Gemüter, doppelt, weil es an un- ■ ertreu'ichen Erscheinungen aut der nichtjüdischen 1 Seite ja auch nicht fehlt. Aber sie kommen; durchaus niclP nur bei der Polemik im geistigen : UrPerr und MPtelstande vor; zumal mit dem „G'aubens-“ und „Rassenhaß“ wagten noch heute ' gelegentlich sogar jüdische Universitätsprofessoren auf. Und gerade dadurch beleidigen, reizen : und helfen sie ihrerseits die „Schmach des Jahr- : hunderts“ auszubrieten. 1 Aber das sei gern zugestanden: auch wir Nichtjuden müssen in manchem ein sachliche