Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 36 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr: 36 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 der begabtesten und kenntnisreichsten Journalisten, deren Zahl sich immer mehr verringert, und die einem Geschlechte von gesinnungslosen Schreibjungein Platz machen. Wilhelm Gold-* bäum' entstammte dem ostpreußischen'Ghetto und bewahrte diesem Ghetto in seinen Schritten und Erinnerungen rührende Treue. Für uns Zionisten hat Goldbaum erhöhte Bedeutung dadurch erlangt, daß er neben dem ' abgefallenen Dr; Alexander Minitz das einzige Mitglied der „N. Fr. Pr.“-!Redaktion war, das sich Theodor Herzl anschloß und für dessen Pläne und Bestrebungen volles Verständnis hatte. Goldbaum war' nach Herzls Ausspruche einer der “treuesten“ Ratgeber und Freunde des jungen ' politischen'Zionismus, ln zahlreichen mit „Spektator“ und-„O. Erter“ gefertigten Aufsätzen in den ersten Jahrgängen der „Welt“ bekundete Göldbaum eine aufrechte jüdische Gesinnung und ein tiefes Verständnis für die Notwendigkeit der zionistischen Bewegung: Das Nachlesen der zionistischen Aufsätze Wilhelm Goldbaums bereitet noch heute großes Vergnügen und man freut sich über die Mannhaftigkeit, mit welcher der' Verstorbene gegen Assimilante'npolitik und Protestrabbinertum zu Felde zog. Goldbaum war in den letzten Jahren kränklich und hielt sich vom öffentlichen Leben fern. Seine Gesinnungen' hater — was bei'seinem aufrechten Charakter nicht zu bezweifeln ist — nicht geändert,* aber als bescheidener, dem lauten Treiben abholder Mensch trat er nie hervor, so daß er' schier vergessen wurde. Doch verdient der Verstorbene, und sei es nur wegen seines innigen Freundschaftsbundes mit Theodor Herzl in zionistischen Kreisen ehrenvolles und dankbares Angedenken. Nationale Nötigung unö nationaler Stumpfsinn; Nationale Nötigung und nationaler Stumpfsinn. (Zeitgemäße Betrachtungen.) Von Dr. Max Rosenfeld (Drohobycz). II. Zum Glück werden in der Statistik auch die Konfessionen berücksichtigt und so sind wir auch bezüglich der Juden im Besitze der wichtigsten Daten. Das Zahlenverhältnis der drei Galizien bewohnenden Nationen ist folgendes: 3,731.861 Polen, 3,379.616 Ruthenen und 871.906 Juden. Dies der wahre Sachverhalt. Offiziell läuten die Zahlen anders: 4,672.500 Polen, 3,208.092 Ruthenen, 0.0 Juden, 90.114 Deutsche, der , Rest entfällt auf andere Nationen. Ja, es werden sogar 44 Serbokroaten sorgfältig registriert, Um den Angaben den Anschein peinlichster Genauigkeit zu geben. Mannigfache Bemerkungen und viele Betrachtungen lassen sich da an die trockenen Ziffern knüpfen. Zunächst die Tatsache des Kräfteverhältnisses zwischen Herrennation und Ruthenen: „die Zahlen wissen von einem intensiveren Wachstum der polnischen Sprache, als das der Gesamtbevölkerung“ zu melden. „Dagegen steht das Zuwachsprozent der ruthenischen Sprache in ihren beiden eigentlichen Geltungsgebieten tief unter jenem der Gesamtbevölkerung“. Diese Bemerkungen der k. k. Statistischen Zentralkommission sind besonders beachtenswert. Erklärlich wird die Tatsache dadurch, daß wir die Gesamtzahl der Juden den Polen zugezählt finden. Dabei ist folgendes interessant: Bekanntlich wurde das Bekenntnis der Juden in den Konskriptionsbögen geändert, gestrichen und es sollte diejenige Sprache angegeben werden, welche von der Majorität der Bezirksbevölkerung gesprochen wird. So sollte es sein! Was ist nun mit den Hunderttausenden Juden geschehen,' welche in Ostgalizien wohnen? Warum wurden diese nicht den Ruthenen zugezählt? Antwort: immer geben die herrschenden Machtverhältnisse den Ausschlag. Und diese sind auch hier maßgebend gewesen. Die Regierung weiß die gehauen Daten, aber sie will das Gleichgewicht nicht stören. Auf diese Weise wird das Unrecht verewigt. Denn uns“ kümmern doch nicht die Tatsachen der Entwicklung - der polnischen- und ruthenischen Sprache, sondern das höchst moralische Faktum, daß sämtliche Juden ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen zufolge der offiziellen Statistik Polen sind. Wenn ich nicht im Namen der unzähligen Juden reden kann', darf ich doch im eigenen Namen dagegen protestieren, daß man mein ei ge n e s Bekenntnis abgeändert hat und mich ials Polen bezeichnet, trotzdem Sch „jüdisch“ als Umgangssprache angegeben habe. — Zur Erhärtung dessen, was oben gesagt wurde, nämlich daß die Herrennation sich alles erlauben darf, seien folgende Tatsachen angeführt, die wir der 'Publikation der Statistischen Zentralkommission entnehmen: Wir wählen zwei Städte, Brody und Drohobycz, um das Verhältnis der Nationalitäten kraß zu schildern: 1890: Brody deutsch 13.00, polnisch' 25.43, ruthenischöl .55; Drohobycz deutsch 17.04, polnisch 13.83, ruthenisch 69.12. 1900: Brody deutsch 6.44. polnisch 31.09,: ruthenisch 62.47; Drohobycz deutsch 8.69, -politisch 22.36, ruthenisch 68.71. 1910: Brody deutsch 2.48, polnisch 37.77, ruthenisch 59.55; Drohobych deutsch 1.96, polnisch 41.32, ruthenisch 56.68 Prozent. Die .Zahlen reden eine sehr deutliche Sprache. Während 1890 in diesen beiden Städten die deutsche Umgangssprache 13.00 bezw. 17.04 Prozent aufweist, fallen diese Zahlen auf genau unter die Hälfte, um 1910 den Nadir zu erreichen mit 2.48 bezw. 1.96 Prozent. Man setze einfach die Verluste auf das Konto der polnischen Umgangssprache auf die „Haben“-Seite, und man wird die doppelte Buchführung der k. k. Verwaltungsbeamten haben. Man braucht doch nicht erst zu erwähnen, daß unter der Rubrik „deutsche Umgangssprache“ die Juden zu finden sind, denn nur ein fast nicht in Betracht kommender Bruchteil entfällt auf die arischen Deutschen. Trotz aller Machinationen haben die Ruthenen in beiden genannten Städten immer noch die absolute Majorität, wir fragen also: wa~um wurden die annullierten jüdischen. Bekenntnisse in punkto Umgangssprache nicht eher auf das ruthenische Konto gesetzt, warum gerade dem Konto des Herrenvolkes zugeschrieben? Hier schweigt die Geschichte, — das Wort hat die Politik! Sie muß parteiisch sein, und zwar muß sie es auf Kosten der Juden sein. Die nüchterne Gewalt kann nirgends zynischer zum Vorschein kommen als hier. Die polnischen Machthaber sind natürlich die unmittelbaren Aktoren des Schauspieles und arrangieren das Stück con amore. Für alles haben sie entweder einerr historischen Titel, oder gar eine neue soziologische Theorie ad usum ihrer Macht. Selbst die polnischen Parteien glauben von den Juden vollständige politische Hörigkeit mit Selbstverständlichkeit verlangen zu dürfen. Natürlich ohne Recht auf Gegenleistung. Wie weit der Mut — um sich euphemistisch auszudrücken — reicht, zeigt die polnische Literatur und die Tagespresse. ln seinem Buche „Galicya“ hat z. B. Franz Bujak*) eine ganze Theorie aufgestellt, wie die Juden entjudet werden sollen und die Methode; erfunden, auf welche Weise man sich die Juden dienstbar machen'kann. Der Verfasser wiii den jüdischen Panzer einfach zerstören, damit die ethnische Masse der Juden gänzlich aufgehe. Dies sei möglich durch Anwendung folgender fünf Mittel der Assimilation: Erstens solf hier die Reduktion der Bedeutung der jüdischen Religion erfolgen. Derselbe Verfasser, welcher in demselben Buche seinen Konnationalen geraten“ hat, im Osten Galiziens polnische Kirchen- ,zu tauen, um dortselbst den polnischen Einfluß zu erhalten, ist in Bezug auf die Juden' freisinnig- Das ad maiorem polonici domini gloriam! Zweitens soll die- Desintegration der- Juden-,; durch Förderung ihrer wirtschaftlichen Differenzierung, beeinflußt werden; drittens folgt die kulturelle- Assimilation, viertensein neuen Gewaltstöß: Vernichtung der Kahals, fünftens wirtschaftliches Zusammenleben mit den- Juden. Schließlich konstruiert er noch dazu die Theorie des kulturellen Druckes, kraft welcher die Juden sich assimilieren werden, sonst werden sie auswandern. „Diese Emigration wäre die - Lösung,-, denn unser Zweck ist, daß es im Lande--keine1 Juden als Juden gäbe“. Dies die Ausführungen des gelehrten Herrn Bujak. Ihm sekundiert die polnische Tagespresse alle Schattierungen, welche Zeter und Mordiö schreit, wenn die Juden Rechte fordern. Krasser kann z. B. nicht geredet werden, als in Bobrzynskis Leiborgan, in der „Gazeta wieezoma“. Anr 5. Februar d. J. schrieb dieses Blatt im Leitartikel bei Betonung der Wichtigkeit eines nationalen Katasters für die Landtagswahf folgendes: „Wir haben mit den ruthenisch-zionistischen Bündnissen, mit dem Ausspielen der Juden gegen uns bei den Wahlen, und überhaupt im ganzen politischen Leben Ostgaliziens genug traurige Erfahrungen gemacht. Der Kataster macht nicht nur solche Bündnisse unmöglich, sondern zwingt die Juden ihr Verhältnis zu uns definitiv zu ordnen.“ Die Polen sollen somit auf Kosten der Juden ihren Einfluß dauernd befestigen durch Schaffung eines nationalen Katasters. Hier kommt aber der schwache Punkt: wenn ein polnischer und ein ruthenischer Kataster geschaffen werden, können sich doch die Ju’den überlegen, in welches Lager sie eigentlichzu gehen haben. Sie könnten ber dieser Gelegen- *) Band I., Seite 99 ff. Lemberg 1908. Rvis für Einjahrig-Freiwillige. Telefon: Stelle 6 von 3455. Witkowsfci & Nacht ML Ms Ws Witwe empfiehlt sämtliche Uniformierungs- und. Ausrüstungs-Sorten für das k. k. Militär-, Staats- und Eisenbahnbeamte, sowie für Einjährig-Freiwillige aller Branchen. Große Auswahl in Couleurbändera. Neuansehafungen werden in kürzester Zeit effektuiert. s Feuilleton. Aussprachen der Juden. Von F. Avenarius, München.*) (Schluß.) Verschleierungen — wir mögen an die Judentrage herankommen, von welcher Seite wir wollen .was wir immer wieder als die unerläßliche Vorbedingung einer irgendwie dauerhaften Verständigung mit dem Judentum treffen, das ist die Herstellung klarer Zustände. Der Kampf gegen das Verschleiern auf beiden Seiten ist es, zu' dem sich nach unserer Meinung die weitsichtigen unter den Führeren hüben und drüben zu allererst vereinigen sollten. Vorläufig fehlt sogar die Vorbedingung für diese Vorbedingung: die Möglichkeit , offen, sachlich und ruhig an weit hörbarer Stelle auch mit dem Gegner zu sprechen. Sie fehlt so gänzlich, daß wir glauben:' praktisch wichtiger als alle Theorie ist zunächst das energische Oeffnen solcher Sprechplätze. Denn wo wären sie? Die Parlamente sind keine, da ihre Redner als Wortführer von Parteien reden ,die auch „in Judensachen“ im wesentlichen, wenn nicht durch Programme, so mindestens durch' Traditionen gebunden sind. *) Wir geben den im letzten .Hefte des Kunstwart enthaltenen Schlußartikel des Herausgebers zu der von ihm herbeigeführten Aussprache mit Juden wieder. Aehnliches gilt von den großen Zeitungen, wie verschieden sie unter sich sein mögen. Organe vorgestimmter Parteien sind gleich den liberalen, den Zeitungen der Konservation und des Zentrums- Und doch kann man in den ausgesprochenen judenfeind'ichen und judenfreundlichen Blättern immer noch eher sprechen: die „sanften“ Blätter, vor allem die vom Generalanzeiger-Typ, verstummen vor Schreck, wenn die Judenfrage erwähnt wird. Entweder die eine oder die andere Abonnenten- oder gait Inserentengruppe könnte ja verletzt werden. .,Quie*a non movere!“ — wenn auch das„auieta“ nur für die Zeitungstechnik gitt, nicht für das Leben. So schweigen sie nicht bloß von den Schutz- und Trutzbewegungen der Judenschaft in ihrem Verhältnis zu den Christen, nein, auch von den großen und wichtigen völkischen und ethischen internen Bewegungen im Judentum, die ihm auch in Christenaugen nur zur Ehre gereichen können. Die Frage, die ein deutscher Denker noch jüngst' als die wichtigste Frage der gesamten Kultur bezeichnet hat, die mindestens eine der allerwichtigsten Fragen der deutschen Kultur ist, „darf“ außerhalb einseitig urtei’ender Parteileute nicht „angeschnitten“ werden. Die Spannung im Kessel wächst fortwährend, und man sieht das sicherste Mittel gegen Explosionen im Wegnehmen der Afarmpteiten und im Verstopfen der Sicherheitsventile. Nun schreibt Goidstein in seinem Kunstwartbeitrage im Anschluß an die Behauptung von der jüdischen Verwaltung deutschen Geistes einen sehr merkwürdigen Satz. Wer von ihr, meint er „nichts weiß und nichts wissen will; ist die Mehrzahl der Juden selber. Sie merken' nichts von der Rolle, die wir im deutschen Kultur-' leben spielen, und wachen ängstlich darüber, daßauch die anderen nichts merken.“ Hier stimmt etwas mit der Logik nicht, denn wovon ich nicht will, daß man’s merkt, das weiß ich eben. Aeußerungen wie d;ese sprechen nicht dafür, daß die Antisemiten ganz unrecht haben,' wenn sie die Juden an der Nebelbrauerei stark beteiligt halten. Wollen sie beweisen, daß sie das nicht sind, so bitten wir sie also zunächst um Offenheit ihrerseits. Es spricht wirklichnicht für solche, daß in der gesamten Tagespresse, so \veit sie unter jüdischem Einfluß steht, der Go'dsteinsche Kunstwartaufsatz vo'lkommen ignoriert worden ist, während gleichzeitig mehr als achtzig Einsendungen jüdischer Verfasser bewiesen, welche Wichtigkeit man ihm in ihren Kreisen beimaß. , Da wir bei Wünschen unsererseits an das Judentum sind: wir beschweren uns ferner über Mangel an Duldsamkei' gegen abweichende Meinungen seitens der jüdischen Presse, weil ohne sie keine Erörterung fruchtbar werden kann. In einer Abhandlung über den „Sombart-Rummel“ meinte das Organ der „Alliance israelite“ jetzt eben erst: Der Jude ließe sich leidigerweise von Christen eher etwas sagen, als von Stammesgenossen —, eine Aeußerung, die vielleicht anfechtbar ist, aber hier nicht erörtert werden soll. Dann fuhr es fort: Es gebe docheinen Fall, wo es sofort damit vorbei sei: „nämlich, wenn der betreffende Christ auch nur