Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 35 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 35 mit verhaltenem Ingrim'm um’ die Erlaubnis eines Lichtbildervortarges, Bedaabends und Tanzkränzchens ein, sicher, daß gegen diese bisher von keiner Behörde verbotenen,, harmlosen Veranstaltungen die Behörden nichts einzuwenden haben würden. Das Komitee hatte sich auch darin geirrt. Ein ganzer Rattenschwanz von Intriguen ward sichtbar — der Bürgermeister verweigerte die Schließung des Parks, da dieser kontraktlich nur dreimal jährlich dem Publikum entzogen werden dürfe, der Pächter des Kursalons wollte plötzlich' von der Vermietung seines Saales nichts mehr wissen und schließlich langte auch' von der Bezirkshauptmannschaft eine negative Antwort herab. Eine Deputation von Kurgästen, die die Gründe dieses seltsamen Verhaltens erfahren wollte, versuchte vergeblich beim gestrengen Herrn Bezirkshauptmann vorzukomtnen, der „dringend“ beschäftigt war, und erhielt nach langem Warten von einem Beamten die sehr interessante Mitteilung, der Herr Bezirkshauptmann sei „prinzipiell gegen jede jüdische Veranstaltung in Vöslau“. Und drei Tage vor dem vom Komitee angesetzten Termin prangten an allen Straßenecken große, auffallende Plakate, die ein offizielles Gartenfest unter dem Ehrenpräsidium des Herrn Bezirkshauptmann am ebendemselben Tage in ebendemselben Kurpark, der plötzlich doch ein viertes Mal geschlossen werden durfte, ankündigte. Ob dieses unerhörten Vorgehens geriet das jüdische Publikum in starke Erregung. Das Komitee ließ sofort Flugzettel drucken, in denen es gegen diese rücksichtslose antisemitische Behandlung entschieden Protest einlegte und die jüdischen Kurgäste aufgefordert wurden, das Fest nicht zu besuchen und statt dessen sich' an einem Ausflug Zur Waldahdacht ’ mit nachfolgender Unterhaltung zu beteiligen. Die Holelleslanl J. fiylli tm Wien, ll., StefaniejtraBe Nr. 14. Telephon interurban 13702. 70 modernst eingerichtete Zimmer von K 2.80 aufwärts, ln nnmittelb. Nähe des Nord* u. Nordwestbahnhofes, 5 Minuten vom Stadtzentrum. BADEN bei Wien, Antonsg. 13, Franzensstr. 34. Telephon interurban 217. 400 Personen fassend schöner Naturgarten. Elektrisch beleuchtet. Große Veranden und Säle vis-ä-vis dem Kurpark. Große Speisesäle zur Abhaltung von Hochzeitsdiners und anderen festlichen Veranstaltungen. Pension nach Uebereinkommen. Exquisite Küche und Keller Goldstein hat vollkommen recht, wenn er sagt: „Das hatten die Christen, als1 sie den Parias in ihrer Mitte einen Anteil an der europäischen Kultur gewähren, nicht erwartet und nicht gewollt“, „sie begannen sich zu wehren, sie begannen wieder uns fremd zu werden, sie begannen uns im Tempel ihrer Kultur als eine Gefahr zu betrachten“. So entwickelte sich der heimliche soziale Widerstand der Gesellschaft Der Offizierstand und große Teile der Beamtenschaft wurden den Juden nur immer mehr verversdilossen, der Zugang Szu anderen Kreisen wesentlich erschwert Dieser Ausschluß an sich wird jedem mit vollem Rechte unsinnig erscheinen, weil sich imzweifelhaft auch unter den Juden tüchtige Offiziere und Verwaltungsbeamte finden ließen. Es liegt hier ein verschleierter Akt nationaler Notwehr vor, um dem übermäßigen Einfluß auf den anderen Gebieten, wo’s noch anging, entgegenzubauen. Deshalb bleibt der Akt doch häßlich und falsch, schon weil die Taufe an jüdischem Wesen nicht nur nichts ändert, sondern, vorteilshalber vorgenommen, eine ungünstige Auslöse besorgt, eine „Prämiierung der Charakterlosigkeit“, jedenfalls der Schwäche- So kam auch in christliche Kreise den Juden gegenüber ein System hier freilich sehr durchsichtiger Verschleierung. Der „Kavalier“ nimmt keine Juden in seinen Klub — macht nichts, wie im Simplizissimus der Leutnant die Kommerzieriratstochter tröstet: „Herr Papa sieht ja doch abends die janzen Mitglieder bei sich“, und seine Tochter heiratet man, wenn sie sich nur „schmaddern“ läßt. „Wasser allein tuts freilich nicht“, ironisiert man, macht aber doch auch die soziale Gleichstellung von der Taufe abhängig. „Verschleierung“ ebenso auf der anderen Seite. Schon in den Namen nach dem bekannten Rezept, wie aus Mosos Pinkeles aus Warschau über Herrn Aktion hatte einen glänzenden Erfolg. Das Fest mußte im letzten Augenblick abgesagt werden und das Geld für die bereits gelösten Karten retourniert werden. Der Vizebürgermeister ließ sich herbei, sich zu entschuldigen und gab die feierliche Versicherung ab, einer künftig geplanten jüdischen Veranstaltung das größte Entgegenkommen zu beweisen. Der Erfolg den die Agitation des Komitees hatte, bewies, daß das jüdische Publikum der Kurorte nicht mehr gewillt ist, rohe antisemitische Uebergriffe mit demütigen Bücklingen zu akzeptieren, und hat das geschlossene, einheitliche und mannhafte Vorgehen allerorten achtungsvollen Eindruck gemacht. Jakob Landau. Befdiuldigt. Die Angaben des „Semi-Gotha, des historisch-genealogischen Taschenbuches des gesamten Adels jüdischen Ursprunges“, haben manchen hochwohlgeborenen Herrn aus dem Häuschen gebracht. In allen Zeitungen wimmelt es von Zuschriften solcher dem Judentum zugezählter Adeliger, welche den „Vorwurf“, sie hätten etwas mit dem Judentum gemein, in mehr oder minder geschickter Weise zu entkräften' versuchen. Aus diesen Zuschriften läßt sich erst ermessen, welche Summe von Haß und Verachtung die verschiedentlichen hohen Herrschaften für das Judentum übrig haben. Der Semi-Gotha hat förmlich in ein Wespennest gestochen und die verzweifelten Anstrengungen der „betroffenen“ Blaublütler wirken geradezu tragikomisch. Wenn man aber überlegt, daß diese Herren trotz Konstitution und moderner Anschauungen über ungeheure Machtmittel verfügen, so vergeht einem Juden das Lachen. Denn man kommt wieder einmal zur Erkenntnis, daß der Judenhaß nicht „ein Gespenst aus dem Mittelalter“, sondern leibhaftige Wirklichkeit ist. . Unter den erwähnten Zuschriften befanden sich aber einige, welche zur schärfsten Abwehr herausfordern. So veröffentlichte die „Zeit“ eine Zuschrift eines gewissen Hofrates Doktor Eugen Zsigmondy, welcher dm Namen seines Klienten, des betyarischen Grafen Moritz Wasserstrahl aus Frankfurt Monsieur Maurice de Lafontaine aus Paris wird, und bei den Geistesbesitzverwaltern vor allem auf dem' Wege der Pseudonyme, die nach und nach bürgerliche Namen werden. Verschleierung durch die Art des Sich-Gebens, Verschleierung durch Verheimlichen der Verbindungen, Verschleierung durch Reden und Schweigen. „O rühret, rühret nicht daran“, an die Judenfrage. Oeffentlich’, heißt das, denn unter sich betreibt man’s hüben und drüben desto munterer. Wieviel wird an Würdelosigkeit dabei auf beiden Seiden gepflegt! Es gibt ja kein gräulicheres Gegenbeispiel zu einer wahrhaftigen Ausdruckskultur, als das gegenwärtige Verhältnis von Juden und Nichtjudentum in Deutschland. Was ist die Aufgabe? Das Endziel können die, in deren Namen ich spreche, nie und nimmer dort sehen, wo es den Antisemiten erscheint. Schon deshalb nicht, weil wir glauben, daß nicht ein Volkstum allein, und sei es das beste, auf allen Gebieten die Höchstleistung der menschlichen Gesamtkultur entwickeln kann ,wenn auch jedes Volkstum zu ihr nichts wertvolleres beizutragen vermag, als sein Eigenes. Uns stellt sich demnach die Aufgabe so: die Arbeit von Juden und Nichtjuden derart zu organisieren, daß beide - ihre, der menschlichen Gemeinschaft nützlichen Vorzüge höchstmöglich entwickeln können, während sie sich gegenseitig mindestmöglich hemmen. Für unser Blatt jedoch' liegt eine große Gruppe von Erscheinungen, die hier mitwirken, jenseits des Arbeitskreises, vielleicht die größte und wichtigste von allen: die, welche aus dem Kapitalismus entstanden sind. Dem käme ja nicht einmal eine Rassenpolitik an den Leibi Andererseits sind ihm im Judentum selber die bis jetzt erfolgreichsten Feinde erwachsen, man Corny-Charel, erklärte, daß der „ehrenrührige Vorwurf“ des Semi- Gotha, welcher den Grafen „beschuldigte“ jüdischen Ursprunges' zu sein, jeder Grundlage entbehre. Und die „Zeit“ druckte diese famose. Zuschrift ohne Kommentar ab! Den jüdischen Redakteuren der „Zeit“ hat der Mut gefehlt, hinzuzufügen, daß dem Judentum der ehrenrührige Vorwurf gemacht wurde, daß Graf Corny-Charel jüdischen Ursprunges sei, daß die Zuschrift des Herrn Hofrates beweise, daß diese „Beschuldigung“ des Judentums, Gott sei Dank, jeder Grundlage entbehre, daß sich glücklicherweise kein Tropf lein guten jüdischen Blutes in die Adern dieses frechen Sprößlings irgend einer verrotteten Raubrittersippe verirrt hat. bem&erger Brief. (Von unserem Korrespondenten.) Geradezu sensationell wirken die in den letzten Tagen veröffentlichten Enthüllungen über die Wirtschaft in den galizischen Banken und Sparkassen, welche unter der Verwaltung von Schachzizen stehen. Diese Enthüllungen haben auch in der Wiener Presseein- Echo gefunden und in Galizien ist die steuerzahlende und ausgebeutete Bevölkerung darüber sehr erfreut, die Schachzizen .aber sind empört über die „Verleumdung“ des Heimatlandes, vor Europa. Selbstverständlich wird diese „Uebeltat“ aut das Konto der Jandesverräterischen Zionisten gesetzt. Die Wirtschaft der größeren galizischen Geldinstitute, welche sich der liebenswürdigen Förderung durch1 die jüdischen Direktoren der Wiener Großbanken erfreuen, ist aber trotz des energischen Dementis der verschiedenen Direktoren geradezu unverschämt. Zur Illustrierung der nachfolgenden Angaben sei vorangeschickt, daß die galizischen Juden 80 Prozent der gesamten Steuern Galiziens zahlen. .Wenn also dieTandesgarantie für die Landesbanken und Sparkassen irgendwelche Bedeutung hat, so ist das nur auf Grund der jüdischen Steuergelder. Die galizische Landesbank, welche unter der Leitung des Herrenhausmitgliedes Exzellenz Z g o r s k i steht, scheint sich aber um1 diese Tatsache nicht zu kümmern. Denn. 120 polnische Genossenschaften genießeneinen Kredit von 15 Millionen, 64 ruthenische Genossenschaften einen Kredit von 2 Millionen und 800, sage achthundert, jüdische Genossenschaften einen Kredit von 750.000 Kronen. Das heißt je eine polnische Genossenschaft genießt einen Kredenke an die Sozialdemokratie, ihre Begründer und ihre Führer. Mit dem Niedergange des Kapitalismus ginge an hunderttausend Stellen die Vorherrschaft des Judentums von selber zurück. Immerhin könnten hier einige kaum anfechtbare Maßregeln mithelfen. Beispielsweise: die Verstaatlichung des Annoncenwesens, die zugleich eine Staatseinnahme gäbe und die Bevorzugung von gepachteten Liebkindzeitungen auf Kosten der Inserenten sowohl wie der Sachlichkeit verhindern würde. Es ist kein sehr rühmlicher Anblick, wie der Staat um diese Aufgabe herumgeht, weil ihm vor dem ideal angetönten Geschäfts - Wehgesange der Zeitungen grauset. Uebrigens hätten ja von den Zeitungen selbst nur die davon /zu fürchten, die mit faulen Ködern im Trüben fischen. Begrenzen wir unsere Aussprache, s’o ist die weitere Frage die: was wünschen die Juden1 selber? In ihren Kreisen bilden sich zwei große Hauptgruppen. „Wahrt und stärkt euer Judentum!“ fordern die einen, ,,geht im Nichtiudentum auf!“ die anderen. Ratschläge nach der einen oder anderen Richtung zu äußern, wäre für uns Nichtjuden ebenso anmaßend wie zwecklos. Es wäre beleidigend, nach der einen oder andern Seite hin „Vorteile“ zu verheißen. Und schon deshalb zwecklos, weil es ja gar nicht Frage des Willens ist, ob einer sein Volkstum ablegen kann. Wir stehen wartend dem gegenüber, was drüben werden mag. Und könnten wohl ,wenn sich nur anderes änderte, gleich gut mit beiden Hauptparteien im Judentum leben. Den Wert eines rassigen, seiner selbst bewußten Judentums geringzuschätzen, das schiene mir nach all den Werten, die es gebildet hat, eine nahezu erstaunliche Dummheit. Wir achten den Zionismus durchaus, sind aber fern davon,