Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 35 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 den dann weiter sorgen!) Um dies zu erwirken, müßte ich Bauer nach Galizien einladen, denn aus Büchern lernt man zwar sehr viel, aber man verdirbt sich die Sehkraft und Bauer würde besser machen, wenn er statt Zeitungen und andres Zeug zu lesen, uns lieber leibhaftig anschaute. Dann glaube ich, würde er keine Einteilung machen, in Land- und Stadtjuden, welche 'Bezeichnung nur sein Gesetz der Assimilation (Gesetz Nr. III.), welche seiner Wissen!- schaftlichkeit wirklich keine Ehre macht. (In parahthesi: die Landjuden sind bis auf den heutigen Tag die Träger der alten, gut jüdischen Tradition und wollen fast von moderner Kultur nichts wissen. Ist das Assimilation, Herr Bauer?) Nein! Die Stadt- und Landjuden sind wirtschaftlich hörig: sie {müssen gehorchen. Kaum wird es aber möglich, die- Massen wirtschaftlich relativ unabhängig, zu machen, ist es aus mit dieser Assimilation und die Minderheit ist gerettet, noch ehe sich Bauer umschaut. Alles genau, wie es der historische Materialismus will, denn die wirtschaftlichen Momente sind in letzter Instanz bestimmend. Bis dahin wird das Uebergewicht der einen Nation über die andere durch die Juden bewerkstelligt, daher das Wettrennen, um die Judenschaft und sämtliche Parteien buhlen um die Gunst der jüdischen Massen, was ihnen nicht gelingt, so lange sie noch nicht die Macht haben. Die Regierung steht nur abseits und mißt nur das Kräfteverhältnis der Nationen, ihre Sympathien sind so lange auf Seiten der herrschenden Nation, so lange sie außer ihr noch Macht besitzt und unterstützt sie moralisch und materiell. Moralisch dadurch, daß sie zu ihren Gunsten 1. Gesetze interpretiert, 2. solche erläßt, oder 3. auszuführen unterläßt. Ad 1 z. B. wird stets der Art. XIX des Staatgrundgesetzes zu Ungunsten der Juden interpretiert; ad 2 werden Gesetze geschmiedet, die die Juden schädigen (Schänker-, Hausiereretc. Gesetze); ad 3 die sträfliche Lässigkeit der Verwaltungsorgane bei den Wahlen, Materiell wird die Nation durch allerhand Liebesgaben, Bonifikationen, Konzessionen beschenkt. Alles, wenn die Nation ein Träger der Regierung ist. Dann ist jede nationale Nötigung erlaubt. (Genau so meinte Altmeister, weiland Nicolo Macchiavelli, der Florentiner!) So lange die Nötigung eine bloß mittelbare ist, wenn sie durch Einfluß-Macht allein geschieht, geht sie noch an. Anders, wenn klipp und klar erklärt wird: Du mußt. Damals haben wir es mit einem. Zwang. zu tun, dessen Wirkung zu mindest bedenklich ist. Einen solchen unerhörten Zwang üben Regierung und herrschende Wirtsvölker auf die Eeuilleton. Aussprachen der Juden. Von F. A v e n a r i u s, München.*) (Fortsetzung). Ich für meinen Teil glaube, daß unsere Antisemiten die Gebiete, auf denen jüdischer und nichtjüdischer Geist kollidieren müssen, viel größer annehmen, als sie sind. In Handel und Industrie, bei der wissenschaftlichen Tatsachenermittelung und praktischen Tatsachenbenützung (z. B. durch Arzt, Chemiker, Ingenieur) sowie auf weiten Feldern des praktischen Lebens können sie und wir nicht nur neben-, sondern auch mitsammen in Frieden und Nutzen .arbeiten und einander helfen. Vielleicht ist es letzten Endes nur eine Org.anisationsfrage, ob wir das auch auf den Gebieten können, wo Unwägbarkeiten der Phantasie und des Gefühls mitwirken, die sich jenach der Volksart nicht nur verschieden färben, sondern gestalten.. Aber diese Gebiete scheinen mir wieder von jenen unterschätzt, die hier fundamentale Unterschiede im Wesen der beiden Völker überhaupt bestreiten. Die Verschiedenheiten können sich vom scheinbar Kleinsten bis zum Größten zeigen, von der Geste des Schauspielers, dem Pinselstrich des Malers, dem Tremolo des Musikers, dem Tonfall des Redners bis zu der Weltanschauung, welche die Lebensführung bestimmt. Und sie zeigen sich in allen Künsten und in aller Kritik der Juden für *) Wir geben den im letzten Hefte des Kunstwart enthaltenen Schlußartikel des Herausgebers . zu der von: ihm herbeigeführten Aussprache mit Juden wieder. Juden aus. Diese Kulturdokumente müssen der Geschichte überliefert werden. Noch sind die Ereignisse bei der letzten Volkszählung 1910 nicht vergessen worden, denn die Wirkungen sind nicht vorbei. Damals war der Erlaß des galizischen Statthalters deutlich gegen die Juden gerichtet. Er durfte sich den Ton erlauben, kraft der Tradition des polnischen Herrn, der den Diener anspricht. Fraglich ist nur, was er ausgerichtet hat. Vorher waren zwei Entscheidungen des Reichsgerichtes, die Juden seien keine Nation, ergangen und dann kam Bobrzyniskis Ukas. Trotzdem haben hunderttausende Juden, ungeachtet aller Chikanen — wie zugestanden wurde — „j ü d i s c h“ als ihre Umgangssprache angegeben. Sie wurden bestraft und ihr Bekenntnis ignoriert. So handeln nicht Leute, die der nationalen Verderbnis geweiht sind. Ihr Ausspruch lautete anders als der der römischen Gladiatoren; aus dem Konskriptionsbogen vernahm man den Ausspruch: Vivi te salutant! Es ist ein bewußtes Eingreifen in den Prozeß seitens der Juden und dies wird von Bauer verurteilt und er tadeft seine galizischen Genossen, die Separatisten, welche der Assimilation den Krieg erklärt haben, Bauer will eben nicht sehen, daß es keine natürliche Assimilation ist, welche auf die galizischen und bukowinaer Juden einwirkt, sondern die bewußte, politische Assimilation, welche keine Wurzeln schlagen kann. Wenn wir jedoch die Ziffern, welche die statistische Zentralkommission herausgegeben hat, genau prüfen, werden wir sehen, daß die offizielle Statistik noch immer von einer jüdischen Nationalität, bezw. von einer jüdischen Umgangssprache nichts wissen will; sie erwähnt nicht einmal, daß die Angaben bezgl. der jüdischen Sprache in so und so vielen Bogen durchgestrichen wurden. Wir wollen nur wissen, ob die Juden Galiziens gerecht verteilt wurden unter beide Nationen des Landes. Man wird das annähernd durch ein Vergleichen des Verfahrens angegeben können. Die statistische Kommission, weche fern von Politik ist, kann nicht umhin zu bemerken — dies ist sonst nirgends geschehen — „daß eine objektive Feststellung der Sprachenverhältnisse um so fraglicher ist, als die Volkszählungsvorschrift für die Ausübung des Staatsaufsichtsrechtes in dieser Frage nicht hinreichend Vorsorge getroffen hat.“ „Angesichts der geschilderten Sachlage kommt manchen Resultaten der Volkszählung über die Umgangssprache nur ein relativer Wert zu.“ (S. 59, 1. Spalte.) Nun zu den Ziffern selbst! (Schluß folgt.). feinfühlige Nichtjuden als Fremdheiten. Ist es uns anderen zu verdenken, wenn wir hier von der „Verwaltung“ unseres „geistigen Besitzes“ durch jüdischen Geist ein Eindringen fremden und also für unsere Kulturpflege unechten Volksfühlens befürchten? Wir tun das manchmal sogar da, wo die betreffenden jüdischen Verwalter der besten Absicht und des besten Glaubens sein mögen, gerade dem nationalen Fühlen ihres Wirtvolkes zu dienen. Denn es wird nicht allzu häufig sein, daß sie das können. Beruht doch der außerordentliche Wert des Judentums in der Kultur gerade auf ihrem Anregen durch Fremdes, in ihrem Wirken als „Sauerteig“. Gott bewahr uns davor, auf den Kultur-Sauerteig verzichten zu wollen.; Aber mehr Sauerteig als Brotteig, das geht nicht! Nicht nur neben, sondern vor dem Fremden muß das uns Heimische, das uns Volksmäßige, das m unseren Tiefen Ursprüngliche stark gehalten werden, sonst kommt heraus, was in Japan herauskommt, wenn man nicht bloß all das Europäische in die Zivilisation herüberholt, sondern auch die Kultur, die Kunst europäisieren will. Wie kann der eine fremden Stammes und fremder Geschichte für die hundert anderen zum Pfleger ihrer Eigenwerte berufen sein? Den tatsächlich erreichten Zustand kann der leidenschaftliche Antisemit nicht viel anders schildern, als der begeisterte Jude Goldstein im Anschluß an den vorhin zitierten Satz. „Niemand bezweifelt im Ernst die Macht, die die Juden in der Presse besitzen. Namentlich die Kritik ist, wenigstens in den Hauptstädten und ihren einflußreichsten Zeitungen, geradezu im Begriff, jüdisches Monopol zu werden. Ebenso bekannt ist das Vorherrschen des jüdischen Elementes im Theater: fast sämtliche Berliner Theaterdirektoren sind Juden, ein großer, vielleicht der größte Antisemitismus in Kurorten. Zu den Kurorten, deren Gäste sich vornehmlich aus jüdischen Kreisen rekru- :ieren, gehören unstreitig Baden und Vöslau. Trotzdem machen die Ortsbewohner aus ihrer antisemitischen Gesinnung kein Hehl. Aber erst in den letzten verflossenen Wochen kam zu diesen Einzelfällen, die eine wesentliche Verminderung der Frequenz schon in diesem Jahre herbeigeführt haben, ein krasser, geradezu unglaublicher Fall behördlichen Antisemitismus hinzu, der in allen heftige Erregung und Entrüstung auslöste. Aus Kurgästen Badens und Vöslaus hatte sich ein Komitee gebildet, das leinen Bonbonstag mit anschließendem Gartenfest veranstalten wollte. Das Reinertragnis war jüdischnationalen Instituten und der Armenkasse der beiden Gemeinden zugedacht. Der Bezirkshauptmann Dr. Hans Ritter von Galat ti, an den die Anmeldung der Veranstaltung gerichtet wurde, hatte jedoch den traurigen Mut, eine abschlägige Antwort mit der Begründung zu erteilen, daß er zugunsten einseitiger konfessioneller Zwecke nichts bewilligen könne. Während der Ertrag des im Mai stattgefundenen grossen Wiener Blumentages fast zur Gänze christlichen, klerikalen Vereinen und nur ein Tausendstel jüdischen Instituten zufloß, während die Behörden von Sauerbrunn und Weidlingau- Hadersdorf, wo unsere Gesinnungsgenossen zugunsten des jüdischen Nationalfonds, des Wiener jüdischen Studentenheimes und der mensa academica judaica Blumentage arrangierten, ohneweiters die Erlaubnis gewährten, zeigte sich der Bezirkshauptmann der genannten Orte den fortgesetzten Bemühungen, die Freigabe der geplanten Veranstaltung zu erwirken, unzugänglich. Das Komitee, das doch den Sommer nicht vorübergehen lassen wollte, ohne in diesen so judenreichen Orten eine Veranstaltung durchzusetzen, reichte mm DOPPEIr malz- Austria-Brauerei Wten»Neudorf. Teil der Schauspieler desgleichen, und daß ohne jüdisches Publikum ein Theater- und Konzertleben irf Deutschland so gut wie unmöglich wäre, wird immer wieder gerühmt oder beklagt. Eine ganz neue Erscheinung ist, daß auch die deutsche Literaturwissenschaft im Begriff scheint, in jüdische Hände überzugehen, und es ist, je nach dem Standpunkt, komisch oder tragisch, die Mitglieder der „germanischen“ Seminare unserer Universitäten zu überblicken. (Ich selbst habe dazu gehört.) Wie viele Juden endlich es unter den „deutschen Dichtern“ gibt, weiß so manch ein Hüter deutscher Kunst zu seinem Zorne.“ Mit oder ohne Zorn, wissen tun wiFs in der Tat. Auch in der bildenden Kunst ist zwar nicht durch die Produktion, wohl aber durch die Kritik und den Kunsthandel die jüdische Beteiligung außerordentlich groß. Wohl denn, man bedenke immer wieder dreierlei. Erstens: diese Kulturpflege gibt sich durchaus, als wäre sie die allgemeine deutsche aller fortschrittlich Gesinnten. Zweitens: wir dagegen finden einen großen Teil ihrer Urteile, ihrer Bestrebungen uns fremd, wir finden sie sehr oft wurzellocker, nouveautesüchtig, ohne Sinn für Werte, die uns wesentlicher sind, als die Lieblingswerte dieser anderen Kulturverwalter — und sehen nun doch sie auf unsere Kunst, auf unser Volk an tausend Enden wirken. Und dabei sind wir, drittens, wie sich aus dem vorhin Gesagten ergibt, davon überzeugt: daß nicht etwa bessere künstlerische und wissenschaftliche Befähigungen den Juden diese Vormachtstellung verschafft haben. Sondern sehr großen Teils die Einrichtungen des Kapitalismus, sowie Reichtum, Betriebsamkeit, gegenseitige Förderung und jene anderen, größtenteils durchaus achtbaren, aber doch für diese eigentliche Kulturarbeit „außersachlichen“ Eigenschaften. Sollten wir etwa damit zufrieden sein?