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Jüdische Zeitung · 1912-08-30 · 35 (30.8.1912) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
35 (30.8.1912)
Date
1912-08-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 35 konferenz -unterbreitet werden soll, wird davon Zeugnis ablegen. An erster Stelle der Notwendigkeiten steht heute die Aktion für die Jemenitenwohnungen. Die Teilnehmer der Jahreskonferenz werden für diese wichtige Frage gewiß das nötige "Verständnis zeigen und nach ihrer Heimkehr die größten Anstrengungen machen, um die notwendigen Mittel für diese Aktion aufzubringen. Auf der Jahreskonferenz wird auch die Entscheidung fallen, wo der nächste Kongreß tagen soll. Seit Jahren vertritt die österreichische Landsmannschaft die Ansicht, daß es verfehlt ist, den Kongreß so weit von allen jüdischen Zentren zu veranstalten, wie es bisher der Fall war. Acht Kongresse haben in Basel, einer im Haag und einer in London stattgefunden. Wie viel wirksamer und erfolgreicher hätten sie sein können, wenn sie etwa in Wien, Budapest, Krakau, Lemberg oder selbst Posen abgehalten worden wären. Der Kongreß ist das Bedeutenste, was wir in der Diaspora besitzen. Dem Eindruck eines Kongresses kann sich niemand entziehen, der einem solchen beigewohnt hat. Welch großartige Demonstration wäre etwa die Abhaltung des Kongresses in Wien! Aber nicht nur die Wirkung nach aussen wäre eine gewaltigere, auch die innere Zusammensetzung des Kongresses könnte eine angemessenere sein. Die Beschickung seitens der jüdischen Zentren wäre eine viel stärkere und es ist wahrlich wichtiger, daß Rußland und Galizien jauf einem Kongreß stärker vertreten sind, als etwa England und Frankreich. Gewiß sind es eine Reihe schwerwiegender Gründe, d ie schließlich den Ausschlag für die Wahl des Kongreßortes geben. Wir sind aber sicher, daß die Erwägungen, welche für eine Abhaltung des Kongresses in einem mehr östlich gelegenen jüdischen Zentrum, bei den Verhandlungen der Jahreskonferenz in ihrer vollen Bedeutung Würdigung finden werden und hoffen, daß es möglich sein wird, den 11. Kongreß in Oesterreich abzuhalten. nationale Nötigung und nationaler Stumpfsinn. (Zeitgemäße Betrachtungen.) Von Dr. Max Rosenfeld (Drohobycz). I. Der sozialdemokratische- Theoretiker Otto Bauer hat in seinem längeren Aufsatze (Märzheft 1912des „Kampf“) die „Gesetze“ der nationalen Assimilation haarscharf und natürlich mit absoluter Giltigkeit und mit einer sofortigen Vollzugsklausel ohne Signatur, aus eigener Wissensvollkommenheit publiziert. Es ist nicht unsere Absicht, diese jüngsten Gesetze fünf Monate nach ihrer Promulgierung an dieser Stelle einer eingeheneden Kritik zu unterziehen; was wir tun können, ist, einfach nach altem mittelalterlichen Brauche für eine Remonstration gegen die Gesetze, insofern sie die Juden betreffen, zu agitieren. Denn, das eine ist sicher, daß der genannte Gesetzgeber manchmal, wo Tatsachen fehlen, sich seine Theorie hinzukonstruiert, und dann meint, wenn in der Wirklichkeit das Rad anders rollt: — „desto schlimmer, daß es so ist, und nicht wie ich es mir denke.“ Doch ich bin Bauer für eines dankbar: — für den Ausdruck „Nationale Nötigung“, mache ihm leine tiefe Veiheiigung und gehe nun weiter, diese Nötigung in Bezug auf die Juden nachzuwieisen. In der Tat vollzieht sich nirgends und bei keinem Volke ein derartiger Zwang von oben und unten in nationalen Dingen, wie wenn les sich um die Juden handelt. Da werden alle wissenschaftlichen, kulturellen, ethischen Momente einfach ignoriert und an ihre Stelle tritt die kühle Staatsraison und das nationale Machtinteresse der Majoritätsnation des im österreichischen Reichsrate vertretenen Kronlandes. Die Wandlung, welche die Juden in nationalen Dingen im Laufe der Existenz des österreichischen Kaisertums, durchzumachen hat, ist interessant und würde sogar dicht einer komischen Seite entbehren, wenn die Sache nicht furchtbar ernst wäre. Noch im Jahre 1846 wurden die Juden in der Konskription als besonderer Volksstamm angeführt und so konnte Ficker 1869 angeben,1) daß diesseits der Leitha 3.3 Prozent Juden zu unterscheiden wären. Im Jahre 1880 durfte erst die große Wandlung kommen, als man bei der1 Nationalitätsaufnahme die "(unglückselige) Umgangssprache eingeführt hat Da wurde den Juden bloß die Wahl zwischen den acht in der Ministerialverordnung aufgezählten Sprachen frei überlassen. Der Vorgang war keineswegs ein willkürlicher Akt' einer unklugen Regierung, er entsprach vielmehr den geänderten, politischen Verhältnissen, er war ein Ausdruck der Staats- (raison der obersten Gewalthüter. Es war schon nach dem Pakt mit den Pole n in Galizien, wo die Juden von den Polen sine benefido inventarii übernommen wurden. Die Polen wußten, daß der Pakt für sie ein Aktivum ist und . übernahmen die Geschäfte im Lande. Und auf einmal änderten sich die Verhältnisse in diesem nahen Asien vollständig: Noch im’ Jahre 1869 durfte Ficker angeben, in Galizien gäbe es 50 bis 51 Prozent Ruthenen, 1880 sank diese Ziffer urplötzlich, ohne Ursache auf 42 bis 43 Prozent, während der Zuwachs des polnischen Elementes seit jener Zeit von 47 auf 52 Prozent gestiegen ist. Des Rätsels Lösung suche man nicht in der Aenderung der statistishecn Methode, die Verhältnisse der Nationalitäten zu erfassen, Vielmehr in der veränderten politischen „Methode“. Die Rechnung wird bald stimmen, wenn aufmerksam’ gemacht wird, — daß den Rechenfehler — die Juden ausmachten. Die Summe wird nun richtig, wenn man nicht vergißt, seit 1880 die Juden den Polen zuzuzählen. 1869 durften noch Juden als selbstständige Zahl figurieren, Ruthenen waren noch Bundesgenossen der Zentralregierung, während die Polen im Schmollwinkel saßen. Als die Macht auf die Polen übergegangen ist, ist sie natürlich auch mit allen Servituten, darunter mit dem der Nutznießung der Juden in p o I i t i c i s übergegangen und, so galt für die damaligen Gewaltigen, die Stanczvken (die polnische konservative Partei), der Grundsatz, cuius regio-eius natio, was den Juden klar begreiflich gemacht wurde. Hatten die Juden früher dem Willen der Regierung gehorchend sich deutsch gebärdet, so waren sie später doch nicht in der Lage sich den Nationen des Landes Eu nähern und gaben bei der Konskription stets ein willkürliches Bekenntnis ab. Dabei war die Madht der Herrennation, welche einen dämonischen Einfluß auf die wirtschaftlich rückständigen Juden ausgeUbt hat. Die tatsächlich Entrechteten „sprachen“ die Sprache der Herren, aber räumlich und zeitlich so lange und so weit die Macht reichte. Diesen, bis auf den heutigen Tag dauernden Zustand, daß die Juden national sind mit der Grenze _ des Einflusses einer Nation (oder sollen wir das Gesetz nennen?) nennen wir die Demarkationslinie der jüdischen Assimilation. *) Vrgl. Fr. Neumann: Nation u. Volk, Leipzig, 1888. 5. 87. Wir werden es unten beweisen, daß es bei Juden in Galizien keine Assimilation im Bauerschen Sinne schlechtweg gibt, wie 'es Bauer wissen will. Es gibt nur eine sogenannte politische Assimilation, die aus dem Interesse des Momentes und de'S Ort'es her au s bestimmt wird, ohne daß dabei eine wirtschaftliche und soziale Assimilation vor sich ging'e. Die Demarkationslinie ließe sich fast ‘auf der Nationalitätenkarte scharf aufzeichnen, weil sie mit dem ziffernmäßigen, ferner wissenschaftlichen und schließlich politischen Einflüsse der Nationen läuft. Vornehmlich jedoch — speziell für Galizien — ist diese Einschränkung zu machen — wichtig ist der anerkannte politische Einfluß. — So lange und so weit der Einfluß der Verwaltungsbehörden reicht — reicht der polnische Einfluß, weil die k. k. Verwaltung vorderhand den polnischen Einfluß zu schützen berufen ist — so lange der Ausgleich mit den Ruthenen noch in der Theorie besteht. Die Praxis der galizischen 'R. k. Verwaltungsbehörden zu schildern, scheint uns ein eitles Ding zu sein; sie ist notorisch und sprichwörtlich geworden. Ihr Einfluß ist auf Niemanden größer, als auf die Tudensdhaft (kerniger Ausdruck der österr. Kodifikation). Warum? Schuld daran sind vor allem die arg,eßjtwirtschaftlichen Verhältnisse der Juden, ■welche so eigenartig sind, daß die Verwaltungsorgane eines schönen Frühmorgens durch einen oaarzeiligen Bescheid buchstäblich Hunderte und Tausende von Existenzen an den Bettelstab bringen können. Nirgends kann man einen so schlagenden Beweis für die Reform' der k. k’. österreichischen Verwaltung gewinnen, als in Galizien. Da verschließt die Behörde regelmäßig ein Auge, wenn sie eine Ungesetzlichkeit sieht, da gewährt sie ungerechterweise Konzessionen, verklausuriert sie (ach! die Rabulisten!), lüm auf einmalgerecht zu werden, beide Augen zu öffnen, feinfühlig zu interpretieren, wenn die Verordnung des k. k. Ministeriums, oder der k. k. Statthalterei kundtut, daß Wahlen zum Rteichsrat oder zum Landtag vor der Tür sind. Der Jude (der immer gescheit ist) weiß eine Arznei für die 'Schmerzen der Organe: er bezahlt für alles mit seinem nationalen Bekenntnis. Damit aber der Repräsentant der k. k. Regierung nicht zu feilschen braucht, verständigt er sich mit dem Repräsentanten der Jüdenschaft, der ihm' alle Juden „liefert“ für einen gemäßigten Preis in verschiedenen Werten von einer Auszeichnung bis [zur Konzession irgend welcher Art. Die jüdischen Gewaltigen wenden alle Mittel an (weil das Auge der Verwaltung nicht mehr wacht) und das Element der herrschenden Nation ist gestärkt. Sonst wird gedroht. Auch ein probates Mittel. Aber wo steckt die Assimilation? Bauer sieht (ja hellseherisch), daß die Juden zu den' Minoritäten ersten Grades (er schematisiert nämlich), gehören,' welche verurteilt sind, aufgesaugt zu werden. Bislang ich noch da bin, und nicht verschlungen werde, darf ich mir erlauben zu bitten, Bauer soll sein Urteil aufschieben. Einfach ein Moratorium geben. (Für ein Jahrhundert wenigstens; unsere Enkel wer- EEEEEEEEEEESEHI für gesunde u.kranke Kinder sowie Magenleidende. Verhütet u.beseitigt Brechdurchfall. Diarrhoe. Darmkafarrü. Preis per Dose K 1.80,erhältlich in jeder Drog.u.ApoHi Altbewährte Nahrung■ Ali IIMI Kindermehl. TWT117 D ¥ ÄlVTrMCr*l-IT7 LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLSCHAFT ri IlilJXlKLrAiNIJloV/llli WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. 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