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Jüdische Zeitung · 1912-08-23 · 34 (23.8.1912) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
34 (23.8.1912)
Date
1912-08-23
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr.. 34 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 und. unterstützt und auch vom Landtage der Regierung zur Würdigung abgetreten wurde, wollte die Sache nicht vorwärts kommen. Die Landesregierung arbeitete zwar wiederholt Entwürfe aus, allein der stete Regierungs- und Systemwechsel brachte es mit sich, daß keiner dieser Entwürfe Gesetz wurde, ja nicht einmal zur verfassungsmäßigen Behandlung vor den Landtag kam. Nun hat der königliche Kommissär Cuvaj eine Landes - Gesetzgebungs - Kommission eingesetzt, welcher von kroatisch-slävonischen Juden Vorsteher Dr.j Hugo Spitzer, Abgeordneter Dr. Ludwig Schwarz (Agram) und Bankdirektor Oskar Weißmayer .(Essek) als Mitglieder angehören, und eine der ersten Arbeiten dieser Kommission war die Schaffung eines Gesetzes zur Abschaffung des Judeneides. Der von der Kommission entsendete Ausschuß, dessen Präsident Abgeordneter Domherr Dr. Radicevic und Vizepräsident Kultusvorsteher Dr. Spitzer ist, hat in seiner am 30. Juli abgehaltenen Sitzung die Regierungsvorlag in Verhandlung gezogen und mit einigen Abänderungen angenommen, so daß bei dem zunächst zu erwartenden Zusammentritt des Landtags das Gesetz, mit welchem der Judeneid in Kroatien - Slavonien .abgeschafft werden soll, endlich zur Tat werden wird. r __ Preußische Assimilation. Wieweit die törichte Furcht vor „Pollaken“ und Zionisten in Preußen gediehen ist und zu welchen Schmockereien in den Kultusstuben dies führt, zeigt folgendes Inserat im Hamburger „Israelitischen Familienblatt“ vom 1. August. „Wir suchen für die hohen Festtage einen stimmbegabten Hilfsvorbeter deutsch-national, gegen 150 Mark Honorar etc. Der Vorstand der Synagogen-Gemeinde M-. Löwenstein Neustadt (Ostpreußen).“ Konfessionelle oder nationale Sfbulen. In Angelegenheit der „konfessionellen Schulen“ in Czernowitz erhalten wir von einem Mittelschullehrer folgende Zuschrift: Löbliche Redaktion! Gestatten Sie mir zu dem in Nr. 32 Ihres geschätzten Blattes abgedruckten und zur Diskussion gestellten Artikel „Nationale Schulen“ einige Bemerkungen. Es sei vorerst erwähnt, daß das Motiv zu dem bekannten, im Czernowitzer Stadtschulrate gefaßten Beschlüsse anderswo liegt, als man füglich annehmen würde. Eingeweihte wissen es, dab es sich da um die Schaffung von zwei nichtjüdischen Oberlehrers'tellen handelt. Da dies nun nicht leicht möglich ist — denn in allen Schulen des Stadtsprengels ist der größte Teil der schulbesuchenden Kinder jüdisch —, so greift man Zum Mittel der Separierung* Doch das nur nebenbei. Uns interessiert das Meritorische dieses Beschlusses und dessen Tragweitevom Gesichtspunkte des bewußten Nationaljuden. Und da kann man wohl den vom Verfasser des obgenannten Artikels abgeleiteten Grundsatz: „Jüdische Kinder — Jüdische Schulen“ nicht eindringlich genug betonen. Denn es will uns scheinen, dab einzig auf dieser Basis die Erhaltung des nationalen Bewußtseins „steht“ — um mich eines in unserer Tradition geläufigen Ausdruckes zu bedienen — ja auch das weitere Schicksal des zionistischen Gedankens davon abhängig ist. Beruht doch auf einem vollständig analogen Grundsätze die Taktik, welche alle Nationen Oesterreichs, auch Rumänen und Ruthenen, im Schulwesen befolgen. Es wäre somit von diesem Gesichtspunkte aus die beabsichtigte Separierung nur etwas Wünschenswertes für uns Juden und die wirkliche Durchführung derselben eine Wohltat für die jüdischen Kinder. Nun wird man aber fragen: Warum1 die Auflehnung der jüdischen Öffentlichkeit gegen diesen Beschluß? Die Antwort liegt nahe. Ni'cht etwa, weil der vielgenannte Beschluß des Czernowitzer Stadtrates an und für sich gesetzwidrig i s t, sondern Weil der Jude in einer Separierung, auch wenn sie lauteren Absichten entspränge, eine Zurücksetzung, ein „Verstoßen“ als eines Minderwärtigen zu sehen gewöhnt ist. E r fürchtet, — vielleicht nicht mit Unrecht — es könnten die so geschaffenen judenreinen Volksschulen die besten Pflanzstättten für den Antisemitismus werden, wo der arische Lehrer nunmehr ganz ungehindert den bösen Keim in die junge Seele seines Zöglings legen könnte. Vernimmt man ja in der Bukowina auch jetzt des öfteren von der sonderbaren Erziehungsmethode, wobei sich Lehrer in nicht judenreinen Klassen im Jüdeln und Antisemitein gefallen. Ja, der „kluge“ Jude versetzt sich sogar in eine um ein Menschenalter spätere Zeit, wo jüdische Stellenbewerber, ausgerüstet mit Zeugnissen — nicht etwa einer kaiserlich-königlichen Mittelschule — sondern einer „jüdischen“ an die Tür des Hofrates X klopfen werden, um sich von ihm eine Versorgung zu erbitten. Da werden diese Zeugnisse gewiß eine Empfehlung mehr für diesen jungen Mann sein — —! Kurz, für jene Allzuklugen bedeutet die „jüdische Schule“ nichts Geringeres, als eine Bedrohung der Existenz der heranreifenden, jüdischen Jugend. Nun denn; solange das Furchtgefühl unser bester Berater sein wird, hat auch jedes Nationalbewußtsein aufgehört. Nationale Güter fallen nicht in den Schoß, sie müssen errungen, erkämpft werden. Die Achtung bleibt dann nicht aus. Man muß eben den Mut haben, jüdische Schulen zu schaffen; die Jünglinge, die aus ihnen hervorgehen werden, werden sich ihre Stellung im Leben schon zu erkämpfen wissen; es w i r d ihnen nicht schwerer fallen als jetzt, trotzdem sie fast durchwegs in kaiserlich-königlichen Schulen studiert haben. Es ist recht merkwürdig, wie die Juden in Bezug aut das Schulwesen das Beispiel der Nationen, unter welchen sie leben, völlig mißachten. Bei den Rumänen und Ruthenen — um aut Bukowinas Verhältnisse hinzuweisen — ruht das Schwergewicht der nationalen Arbeit im Schulwesen. Ueber Nacht entstehen allerorten nationale Volks- und Mittelschulen und die Frage der ruthenischen Universität hat gar manchem österreichischen Minister Sorge gemacht. Nur der Jude ist so paradox. Er verlangt Nationalbewußtsein ohne Erziehung, ohne nationale Schule. Freilich, wir sind nationalbewußt, weil glücklicherweise der Weckruf erscholl, als wir im empfänglichen Jünglingsalter standen. Es ist aber keine müßige Frage, wie es sonst um das jüdische Nationalbewußtsein bestellt gewesen wäre. Man soll auch darüber nachdenken, wie es darum bei der heutigen jüngeren Generation bestellt sein wird. Macht sich doch schon jetzt eine gewisse Interessenlosigkeit gegenüber jüdischen, kulturllen Fragen deutlich bemerkbar. Daher die Belebungsversuche seitens der Zionistischen Zentralorganisation. Wenn es also ein Mittel gibt, unser in den letzten zwei Dezenien erstarktes Stammesbewußtsein zu erhalten und zu fördern, so ist es die nationale, die jüdische Schule. Und wir halten einen ernsten Versuch — freilich darf er nicht vom Czernowitzer Stadtschulrate, sondern soll von einer jüdischen Organisation ausgehen — sie ins Leben zu rufen, für eine bedeutende national-kulturelle Leistung. Ueber die innere Organisation der jüdischen Schule läßt sich natürlich viel disputieren. Für die Aufnahme dieser Bemerkungen bestens dankend Iwri. Heues von der Jewish bads Brigad.*) Von Alfred Burin- London. Ein alter Turner sucht, wohin er auch kommen mag, gern Verbindung mit turnerischen oder ähnlichen Organisationen. So ging es auch mir. Von einer jüdischen Turnbewegung in England, deren Aufgabe die Körperpflege ist, haben wir zwar in den Spalten der „Jüdischen Turnzeitung“ nicht allzuviel gehört, immerhin soviel, um zu wissen, daß es überhaupt etwas derartiges gibt. Ich wandte mich daher an die „Jewish Lads’ Brigade“ und begab mich eines Tages in das „Headquarter“ 20 Bucklesbury, London EC., das mitten in der City gelegene Office. Ich fand eine Organisation vor, welche die größte Beachtung aller verdient, die in der jüdischen Jugendbewegung stehen. Der Chieff Staff Officer, Mr. Ernest M. Hallenstein, empfing mich. Er kannte unsere „Jüdische Turnerschaft“ sehr gut und erklärte sich gern bereit, mir die Grundzüge der Jewish Lads-Bewegung auseinanderzusetzen und mich durch die verschiedenen Uebungsstätten geleiten zu lassen. Eigenartig waren die Ursachen, die zur Gründung dieser Organisation führten. In Schottland war es, wo die Geistlichkeit Vor zirka 20 Jahren den Grundstein für die wohlbekannte Scoutsbewegung legte, einesteils, um der Jugend, die nicht, wie in anderen Ländern, durch die allgemeine Wehrpflicht gebunden ist, Stätten der körperlichen Ausbildung zu schaffen und zum Wohle des Staates eine kräftige Jugend zu erziehen, andererseits aber — und das war wohl der Hauptgrund — um der Kirche eine „guard of honour“ zu geben. Auf diese Bewegung wurde der bekannte Oberst Goldschmid aufmerksam. Er erkannte sofort den Wert einer derart straffen Organisation für die jüdische Jugend, die verwahrlost in den Ghettis der großen englischen Städte, insbesondere dem Londoner Bastend, einer allgemeinen körperlichen Degeneration verfiel. Er gründete die Jewish Lads’ Brigade, wohlgemerkt nur für die *) Wir entnehmen diese interessanten Ausführungen unserem Bruderorgan „Jüdische Turnerzeitung, Berlin“. armen Juden. Jedes Nationalbewußtsein lag ihm fern, nicht den Wohlhabenden des Westends, die vermöge ihres Besitzes in einem der vielen Sportklubs Betätigung finden können, sondern den Armen des Eastends wollte er helfen, jenen, die aus der russischen Hölle entwichen sind und hier in den Brutstätten der Schwindsucht hausen. Es war somit eine rein philantropische Tat, für die Oberst Goldschmid den Dank der Juden verdient. Auf meine Frage, wie die J. L. B. zum Zionismus stehe, entgegnete Mr. Hallenstein: „Gar nicht. Der Zionismus ist hier, namentlich bei den Wohlhabenden, von denen wir abhängig sind, nicht sehr angesehen. Wir bringen derartige Fragen überhaupt nicht zur Sprache, da sie nicht in unser Programm gehören. Unsere Aufgabe ist lediglich, diesen Jungen körperlichen Drill beizubringen zu ihrem eigenen Wohle und um aus ihnen brauchbare Mitglieder des englischen Staates zu machen. Wir bringen auch religiöse Fragen nicht in unsere Bewegung. Am Freitag Abend und an Feiertagen finden keinerlei Uebungen statt, und beziehen wir im Sommer auf dem Lande unser „Camp“, so beschränkt sich unsere Tätigkeit in religiöser Hinsicht auf kurze Andachten morgens und abends. Jede unserer Kompagnien hat ihren „Captain“, der bei besonderen Gelegenheiten in Funktion tritt. Sonst haben wir zuweilen noch Synagogen-Paraden, die bei größeren Anlässen in den Synagogen gestellt werden. Die religiöse Erziehung überlassen wir der Synagoge und dem Elternhause.“ Wie ich hörte, beschränkt sich hierauf die ganze jüdische Tätigkeit der Brigade. Weder hier noch in den jüdischen Boys Clubs ist etwas von „jüdischer“ Erziehung zu merken oder auch nur von einer Anknüpfung an die Vergangenheit unseres Volkes. Diese Jugend wüßte kaum, daß sie in einer jüdischen Organisation ist, wenn nicht der Name jüdisch wäre. Gegenwärtiger Brigade-Kommandant ist Colonel Sir Frederic L. Nathan. Ein großer Stab von Beamten überwacht sorgfältig die Brigade, und Headquarters Staff, Headquarters Committer und Brigade Council haben die Leitung. Dem Brigade Council gehören, u. a. an: Sir Rufus Isaacs, der General-Staatsanwalt, erst kürzlich vom König ins Ministerium berufen, Mr. Gustave Tuck, Chef der bekannten Chromofirma und andere prominente Persönlichkeiten, die aber wohl nur den Namen hergeben. Eine große Zahl von Legaten, jährlichen und einmaligen Beträgen bewirkt, daß das Jahresbudget eine Höhe von 2000 Pfund Sterling erreicht. Die Beihilfen seitens der Lads selbst sind sehr gering, da es sich ja hauptsächlich um ganz arme Burschen handelt; teilweise zahlen sie nichts. 1 Penny pro Woche ist ihr Durchschnittsbeitrag. Die Jewish Lads’ Brigade besteht aus zwei Regimentern, dem Londoner und dem Provinz- Regiment. Das Londoner Regiment hat 14 Kompagnien und ein Musikkorps, die hauptsächlich im Eastend ihre Uebungsstätten haben. Das Provinz-Regiment hat Kompagnien in Manchester, Liverpool, Birmingham, Dublin und Glasgow. Ein Colonel an der Spitze jedes Regiments, ein Captain bei jeder Compagnie und eine ganze Anzahl von Leutnants, Adjutanten etc. bilden die Leitung. Die unteren Chargen, Sergeanten etc., werden von den älteren Lads bekleidet, die bei guter Führung befördert werden. Im allgemeinen werden nur junge Leute von 14 bis 18 Jahren aufgenommen. Sämtliche Mitglieder haben einheitliche Tracht, die Offiziere und Unteroffiziere alle möglichen Abzeichen, kurzweg, die Einrichtung der Brigade ist ganz nach militärischem Muster vorgenommen worden und entspricht dem englischen Geschmack. Es ist nämlich bei der persönlichen Freiheitsliebe des Engländers und seiner Abneigung gegen die allgemeine Wehrpflicht merkwürdig, wie bei allen Jugendorganisationen die Gradeinteilung der Mannschaften, die Betonung militärischer Gepflogenheiten, Drill, Uniform, Aufzüge und Paraden mit Fahnen und Musik das Wesentliche bilden. Das Hauptereignis des Jahres ist das Beziehen des Lagers auf dem Lande. Jeden Sommer werden für acht bis zehn Tage die Lads hinausgeführt, um bei echt militärischem Lagerleben die Probe abzulegen, daß Disziplin, Ordnung und Reinlichkeit auch wirklich vorhanden sind. Es ist in dieser Zeitung des öfteren über das Lagerleben der Lads berichtet worden, so daß ich mir Näheres für heute ersparen kann. Mr. Arthur Solomon, Major und Adjutant des Londoner Regiments hatte die Liebenswürdigkeit, mich durch verschiedene Londoner Uebungsstätten zu führen. Die Uebungen finden in den einzelnen Kompagnien an ein bis zwei Abenden der Woche statt. Die größte Londoner Kompagnie ist die Free School Company, die in der jüdischen Freischule untergebracht ist und etwa 200 Mitglieder hat. In einem größeren Saale exerziert der Sergeant etwa 20 bis 30 Burschen; er übt Freiübungen: leichte Arm- und Beinübungen, die nach militärischem Muster unzählige Male wiederholt werden. In einem anderen Saale, schon mehr Turnhalle, übt eine andere Abteilung am Barren leichte Aufgaben und so fort bis auf die Kleinsten, die im Hofe der Schule die ersten Griffe am Gewehr „kloppen“.

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