Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 34 (23.8.1912)
- Date
- 1912-08-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438380-2438414--3168-2442910- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
- Vilnius 1× ep/1000947
OCR text
Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 34J1 dieser Rede bildeten die Worte unseres hiesigen Rabbiners Dr. Ludwig Lazarus. m Wir ersuchen diejenigen Teilnehmer, welche photographische Aufnahmen des Studententages wünschen, uns ehestens dies mitzuteilen, damit wir die Bilder bestellen und dann expedieren lassen können. Bei größerer Abnahme wird der Preis max. 2 Kronen betragen. Jüd. akad. Ferialverbindung „Gamala“ in Göding. flus dem judifdien Leben. Jüdisches Kunstgewerbe. Jerusalem : Die Kunstgewerbeschule „Bezalel“, die den Zweck verfolgt, die arme jüdisdle Bevölkerung Palästinas zu wirtschaftlich1 produktiver Tätigkeit zu erziehen und ihr Arbeitsgelegenheit zu schaffen, wächst sich bereits zu einem großen industriellen Unternehmen aus und erweitert ständig ihren Absatz auf dem Weltmarkt. Soeben ist im Warenhaus A. Wertheim in Berlin eine neue Sendung von Erzeugnissen des Bezalel eingetroffen. Es befinden sich darunter Kupfer- und Silberfiligranarbeiten, Elfenbeinschnitzereien, sowie Schmuckgegenstände für Synagogen. Bekanntlich fand im verflossenen Winter in der Volkskunstabteilung bei Wertheim eine Ausstellung von Erzeugnissen des Bezalel statt, die außerordentlich großes Interesse gefunden hat. Das Warenhaus Wertheim, das bereits damals einen größeren Posten von Waren vom Bezalel bezogen hat und einen guten Absatz der Erzeugnisse feststellen konnte, hat auch die neue Sendung in fester Rechnung bezogen. Durch die permanenten Sendungen der Bezalel-Erzeugnisse, die nach1 und nach auch bei den Warenhäusern in anderen größeren Städten ausgestellt werden sollen, hofft der Bezalel seinen regulären Absatz immer mehr zu steigern. Sängerfahrt eines „Jüdischen Gesangsvereines“. Der Czernowitzer „Jüdische Gesangsverein veranstaltete eine Sängerfahrt durch die Städte der Bukowina. Der Obmann des Vereines, der Vizebürgermeister von Czernowitz, Landtagsabgeordneter Dr. Weißeiberger nimmt an dieser Fahrt teiL Die Sänger veranstalteten am 10. August ein Konzert im Badeorte Doma- Watra und begaben sich hierauf nach Kimpolung. Ueberall werden die jüdischen Sänger von der Bevölkerung und den offiziellen jüdischen Vertretungskörpern enthusiastisch empfangen. Zum Vortrage gelangen hauptsächlich Lieder jüdischen Inhaltes. Der „Jüdische Gesangsverein“ in Czernowitz trägt durch seine Fahrt viel zur Hebung des ohnehin unter den Juden vorhandenen Interesses für Musik, namentlich für jüdische Musik bei. Sein Unternehmen ist darum auf das lebhafteste zu begrüßen. Jüdische Wahlaussichten für die vierte Duma. In Warschau, wo die Zahl der Wahlmänner 80 beträgt, sind die Juden im Falle solidarischen Vorgehens in der Lage, 43 Wahlmänner nach der ungünstigsten allpolnischen und 50 Wahlmänner nach der Schätzung freiheitlicher Organe durchzubringen. Wenn man in Betracht zieht, daß die Sozialdemokraten sich viel lieber den Juden a&an die reaktionären allpolnischen Chauvinisten anschließen werden, so gilt die Wahl eines fortschrittlichen jüdischen Deputierten in Warschau als sehr wahrscheinlich. Auffallend ist, daß nach Bekanntwerden dieser' tatsächlichen Verhältnisse sich alle Zeitungen, auch die antisemitisch-allpolnischen, eines judenfreundlichen Tones befleißigen, denn es gilt ja, nach alter polnischer Manier, die Judenstimmen für einen polnisch-nationalen Kandidaten zu bekommen. In Odessa ist die Lage ungeklärt. Die Juden haben gegen das kadettische Wahlkomitee beschlossen, in der zweiten Wahlkurie eine jüdische Kandidatur aufzustellen. Im übrigen tobt ein Kampf wegen des Kandidaten. Der Berufenste und allgemein jals Würdigster betrachtete Mandatsbewerber ist unser Gg. Schabotinsky, gegen welchen sich jedoch seitens der Sozialdemokraten und Liberalen eine starke Opposition geltend macht. In Wilna beträgt die Zahl der Jüdischen Wähler in der I. Kurie 1138 und in der II. Kurie 4252. Die Zahl der christlichen Wähler beträgt in der ersten Kurie 738, in der zweiten 3755, Der Erfolg einet*, jüdischen Kandidatur gilt als gesichert. In der letzten Zeit ist bei der russischen Regierung, der Plan aufgetaucht, eine nationale, jüdische Wahlkurie zu schaffen und dieser fünf Deputierte zu konzedieren. Der „Judeneid“ in Kroatien. Es sek: Im Jahre 1897 leitete der Vorsieh r der Essek-Oberstädter Kultusgemeinde, Herr Dr. Hugo Spitzer, eine Aktion ein, um die Eliminierung des besonderen Judeneides aus dem Prozeßverfahren im Wege der Gesetzgebung zu erwirken. Trotzdem seine an den Landtag der Königreiche Kroatien-Slavonien und Dalmation gerichtete, erschöpfend motivierte Petition von allen Kultusgemeinden des Landes gutgeheißen iw Kalel-Restauront J. Mi -w Wien, II., SfelaniesfraBe Nr. 14. Telephon interurban 13702. 70 modemst eingerichtete Zimmer von K 2.80 aufwärts. In unmittelb. Nähe des Nordu. Nordwestbahnhofes, 5 Minuten vom Stadtzentrum. BADEN bei Wien, Antonsg. 13, Franzensstr. 34. Telephon interurban 217. 400 Personen fassend schöner Naturgarten. Elektrisch beleuchtet. Große Veranden und Säle vis-ä-vis dem Kurpark. Große Speisesäle zur Abhaltung von Hochzeitsdiners und anderen festlichen Veranstaltungen. Pension nach Uebereinkommen. Exquisite Küche und Keller an der Universität und bei der Behörde angemeldet werden. Ueber Antrag des Gg. Reiss (Gamala) wurde weiters folgende Resolution beschlossen: Der Arbeitsausschuß wird beauftragt, sich mit den zionistischen Korporationen anderer Hochschulstädte ins Einvernehmen zu setzen, um eine Annäherung der Ferialverbindungen an diese Korporationen zu ermöglichen. Den letzten Punkt der Tagesordnung bildeten Eventualia. Auf Anregung des Herrn Dr. G l'ü c k 1 i c h: übersandte der Studententag der neugegründeten jüdischen Studentenkorporation in Konstantinopel ein Begrüßungsschreiben.- Weiters wurde folgende Resolution vom Gg. 'Wachsberg (Hessiana) beantragt und von der Versammlung angenommen: 1. Das Präsidium des Arbeitsausschusses wirjd beauftragt sich mit dem Hochschulaussdiusse der jüdischen Studentenschaft in Wien in Verbindung zu setzen, um eine gedeihliche^ gemeinsame Arbeit zu ermöglichen. 2. Der Studententag legt es den einzelnen Präsides ans Herz, in ihren Korporationen dahin zu wirken, daß ihre Mifglieder den jüdischen Turnvereinen in Wien und in der Provinz beitreten. Im Verlaufe der weiteren Debatte wurden Anregungen betreffend die Veranstaltung einer Palästinareise jüdischer Studenten und Herstellung von studentischen Dedikationsartikeln durch den Bezalel gebracht. Zum Schlüsse dankte der Vorsitzende den erschienenen Delegierten und Gästen für ihr Erscheinen und der Ferialverbindung Gamala für die Vorbereitung des Studententages, der mit der Absingung der „Hatikwah“ geschlossen wurde. . Im Anschluß an den Studententag veranstaltete die Gamala am Mittwoch', d. 14. VIII. d. J. eine Festkneipe, an der nach den ernsten und eifrigen Beratungen d. Studentages, die Vertreter aller mähr. Korporationen teilnahmen. Der offizielle Teil war mit begeisterten Reden ausgefüllt, unter denen ein kurze, aber stimmungsvolle Ansprache unseres verehrten Obmannes, des mähr.-schles. D. K. Rabbiner Dr. Friedmann, besondern Beifall fand. Der offizielle Teil verlief in äußerst angeregter Stimmung * Die Festkneipe hatte auch einen bemerkenswerten materiellen Erfolg .aufzuweisen, es wurden für den Gamalah-Garte n 38 Oelbäume gespendet Am nächsten Tage beendete die Gamalah ihr 20-semestriges Stiftungsfest mit einem großen Festkommerse. Von nah und fern Waren die alten Herrn der Verbindung herbeigeeilt um den 20-semestrigen Bestand ihres Werkes zu feiern. Die Bürger unserer Stadt hatten sich beinahe vollzählig eingefunden, unter anderem die Vertretung der israelitischen Kultusgemeinde und Sr. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. Ludwig Lazarus. Der Erstchargierte eröffnete den Kommers. Dann ergriff unser A, H. ing. Rudolf Sternlicht das Wort zur Festrede. In großen Zügen entwarf er ein Bild von dem Entstehen unserer Couleur, von den Kämpfen, die er als Gründungsbursch' gegen Assimilation und Ignorantentum zu führen hatte. Nach ihm hielt der Obmann des mähr.-schles. D. K. Dr. Friedmann die Tendenzrede. So klar und eindringlich hatte noch niemand die Verpflichtung, mit ganzem' Herzenl Zionist zu sein, dargestellt! Eine Ergänzung ja Macht. Deshalb, meinen wir, müßte ein gerecht denkender Jude den Angehörigen eines Wirtsvolkes ohne Entrüstung nach fühlen können, daß sie in der ungeheuren Güteranhäufung in jüdischen Händen Gründe zu schwerer Besorgnis um ihr Volkstum finden. Wer 6ich in diese Dinge vertieft, dem wachsen sie ja zu immer größeren iMaßen aus. Ich gehe mit Sombart nicht zusammen, aber er ist doch wahrhaftig alles andere eher, als ein reaktionärer Herr, er ist nicht nur ein moderner, sondern nach mancher Leute Ansicht ein hypermoderner. Wenn einer wie er dazu kommt, das Judenproblem „das größte Problem der Menschheit“ zu nennen, „von dessen Lösung der letzte unter uns auf das empfindlichste berührt wird“, so sollte das denen zu denken geben, die meinen, hier sei alles im behaglichsten Stand. Haben wir eben ■ Erscheinungen berührt, die in das besondere Gebiet dieser Zeitschrift wie gewaltige Gebirge von jenseits der Grenzen hereinblicken, so rückt in das Zentrum unserer besonderen Arbeit jene Behauptung Goldsteins, die er selbst in den Brennpunkt stellt: „Wir Juden verwalten den geistigen Besitz eines Volkes, das uns die Berechtigung und die Fähigkeit dazu abspricht“ Man vergegenwärtige sich, was das heißt: auf mehr als hundert Nichtjuden kommt ein Jude, und dieser eine fremden Stammes verwaltet den geistigen Besitz der anderen fünfhundert. Was sind wir Nichtjuden, falls das ganz wahr ist: des Gängelns, Päppelns und d£r Erziehung durch andere bedürftige Kinder, gedankenlahme Weltfremde, verschwärmte Ideologen, Willensschwachmatiker oder schlechtweg Troddeln? Goldstein hat vollkommen recht wenn er selbst jene „Tatsache“ „ungeheuerlich“ nennt. Ist sie eine Tatsache? Es ist möglich, daß Goldstein übertreibend stilisiert. Aber das wissen alle jüdischen und nichtjüdischen Kenner unserer Zustände, die sich nichts vormachen oder vormachen lassen: der jüdishec Einfluß im deutschen Geistesleben ist nicht nur in Theater und Konzert, er ist in Kunst und Wissenschaft überhaupt, er ist durch' die „Stimme der öffentlichen Meinung“, die Presse in unserm' gesamten Kulturleben ganz unverhältnismäßig größer, als den Menschen - zahlen: 60 Zehntausend und 65 Millionen entspräche. Wenn jüdische Beurteiler selbst, wie Goldstein, in ihrer Auffassung noch viel weiter gehen, dürfen wir zum mindesten das unterm consensus so ziemlich omnium als Grundlage unserer Aussprache annehmen. Nun ist die weitere Frage: haben die Juden diese ihre Vormachtstellung ihrer besseren Befähigung für die betreffenden Aemter und nichts anderm zu danken? Die meisten jüdischen Schriftsteller — wenn ich ihn recht verstehe, auch Goldstein — scheinen dieser Meinung, auch Sombart Ich meinerseits glaube: sogehviß unter heutigen Verhältnissen der Jude vor dem1 gleichbefähigten Nichtjuden benachteiligt ist, wenn er Beamter oder Offizier werden will, so gewiß ist er aus Gründen ganz anderer Art sehr bevorzugt, wenn er sich einem von irgendwelchem obrigkeitlichem Einfluß freien Berufe widmet. Zunächst: Geld haben, wie oben besprochen, im Durchschnitt die west - europäischen Juden mehr, und Geld unterstützt ja auf das allerwesentlichste alle Möglichkeiten des Vorwärtskommens in freien Berufen. Weiter: Unter den Juden, die keines haben, werden viele unterstützt durch die jüdische Hilfsbereitschaft, den jüdischen Familiensinn, das jüdische Rassengemeinschaftsgefühl. Auch der Juden Geschäftstüchtigkeit, ihre Betriebsamkeit, ihre Anpassungsfähigkeit stärken den jüdischen Bewerber hier. Wir vermeiden alle Bewertungen, weil die Berufung auf solche Eigenschaften, die an sich neutral oder schätzenswert sind, vollkommen genügt, um1 die Vorherrschaft der Juden in der Kulturarbeit auch dann zu erklären, wenn man sie nicht für höher begabt dafür hält als die Nichtjuden. Denn die erwähnten Eigenschaften, die den jüdischen Kulturarbeiter in diesem Be- Berufe fördern, bedeuten trotzdem fast immer au ß er b eruf 1 i ch e Werte. Der unbemittelte, unbetriebsame, schwerfällige Mensch ohne Rückhalt an Familie oder Freundschaft kann ja bekanntlich trotzdem ein besserer Geistesarbeiter sein, als der wohlangepaßte und gewandte, der ihn beim Wettbewerbe um Einfluß besiegt hat. Denken unsre jüdischen Mitbürger nun: und mögt ihr Nichtjuden meinen, es seien unsre zu viel an unsre Kultur-Arbeiter-Posten gekommen, so hättet ihr doch keinen Grund, mit der Art der Ausübung unserer Kulturverwaltung unzufrieden zu sein — so beurteilen sie diese Verwalterschaft eben aus ihrem Volksgefühl und Volksdenken heraus. Zwar gaben wir schon zu, daß der Jude für viele Gebiete ganz sicher ebenso gut oder besser als im Durchschnitt der nichtjüdische Deutsche befähigt ist, meistens zum Beispiel dort, wo die von Sombart hervorgehobene „Gescheitheit“ den Ausschlag gibt. (Fortsetzung folgt.)