Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 34 (23.8.1912)
- Date
- 1912-08-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Olmufzer Brief. (Von unserem Korrespondenten.) Bezugnehmend auf den „Troppauer Brief“ in der vorletzten Nummer der „Jüd. Zeitung“ will ich mir gestatten, der jüdischen Oeffentlichkeit eine Berichtigung zur Kenntnis zu bringen, welche für uns mährische Juden nicht ohne Interesse ist In der letzten Nummer des hiesigen „Deutschen Nordmährerblattes“ ist folgendes zu lesen: „Von der deutsch-radikalen Parteileitung in Wien werden wir um Aufnahme nachstehender Erklärung ersucht: In der Nr. 28 des „Deutschen Nordmährerblättes“ erschien ein Artikel unter dem Titel, „Was will die deutschradikale Partei in Olmütz?“, worin einer — wenigstens örtlichen — milderen Auffassung der Judenfrage das Wort geredet wird. Demgegenüber stellt die deutschradikale Reichsparteileitung fest, daß die Bekämpfung des Einflusses"cier Juden im öffentlichen Leben (im Sinne des Linzer Programmes) eine wesentliche und für die Parteizugehörigkeit unumgängliche Forderung des Programmes der Deutschradikalen ist. Der bezügliche Artikel war, wie durch ausdrückliche Erklärung des Verfassers feststeht, nur von diesem als Person, nicht als Aeußerung der deutschradikalen Partei in Olmütz, geschweige denn der Gesamtpartei, geschrieben.! Für die Reichsparteileitung: K. H. Wolf, V. Stransky.“ Selbstverständlich! Die Troppauer „versöhnende“ Versammlung des Herrn R. R. Abgeordneten Sommer ist mißglückt. Die Ansichten unter den Deutschradikalen selbst, sind geteilt — eine muß die richtige sein!? Auch die Ansichten unter den Juden sind geteilt(ü), so veröffentlicht das Organ der Olmützer „Judenliberalen“, das „Mährische Tagblatt“ in Nr. 187 vom 19. August 1912 einen Leitartikel: „Der Antisemitismus der deutschradikalen Partei“, aus welchem ich einige Stellen anführen wilL Da heißt es z. B.: „Die Politik der Unaufrichtigkeit, die seit Jahren von der deutschradikalen Partei gegen- . über dem mährischen Judentume betrieben wird, erfährt durch die zitierte Erklärung der deutschradikalen „Reichsparteileitung“ eine entschiedene Zurechtweisung. Speziell Olmütz ist ein Bezirk, in dem die politische Heuchelei des „ausgeschalteten Antisemitismus die sonderbarsten Blüten treibt. Die Organe derselben Partei, die programmatisch die Bekämpfung des Einflusses der Juden im öffentlichen Leben betreibt, sind gespickt mit Liebesbeteuerungen an die Juden und Inseraten von den Juden, jmd die Herren deutschradikalen Abgeordneten reden einer — „wenigstens örtlichen (!) — milderen Auffassung der Judenfrage“ das Wort. So, durch diese eklatante Unaufrichtigkeit, soll es möglich gemacht werden, dab ausgesprochene und prononcierte AntieS9SSSSSSSSa=S=99eS9SSS9SS9Sa9 Feuilleton. Aussprachen der Juden. Von F. Avenarius, München.*) Wenn wir eine förderliche Aussprache über Juden und Nichtjuden wollten, so schien es erwünscht, zunächst Juden zu hören. Als eine Forderung der Ritterlichkeit: sie fühlen sich durch uns beschwert, und wenn das Umgekehrte für sehr viele Nichtjuden gleichfalls gilt, so sind doch sie in der Minderheit. Weiter: ich meine, wer irgendwie besonnen und haßlos denkt, kann die Tragik nicht leugnen, an der gerade die tüchtigsten Juden unter ,uns leiden, eine Tragik, die an sich schon zu achtungsvoller Behandlung auch die geneigt machen sollte, die ihrerseits aus dem Zusammenwohnen der beiden Völker auch eine Tragik des Deutschtums erwachsen glauben. Wer aber für solche Gründe nichts übrig hat, wird wenigstens den dritten anerkennen: nur wenn unsere jüdischen Mitbürger zuerst sprachen, konnten sie unbefangen sprechen. Ohne das Gefühl voreingenommener Zuhörerschaft, wie unter sich, ganz und gar offenherzig. So kam uns Goldsteins Aufsatz überaus willkommen. Mir sind dann gegen neunzig, größtenteils sehr umfängliche Manuskripte, bis auf ein halbes Dutzend *) Wir geben den im letzten Hefte des Kunstwart enthaltenen Schlußartikel des Herausgebers zu der von ihm herbeigeführten Aussprache mit Juden wieder. semiten, wie z. B. Dr. Gustav B o d i r s k y, im Neutitscheiner Bezirke, auch von den deutschen Juden Mährens in den Reichsrat geschickt werden.“ Weiter: „Aus diesem Grunde aber wird eben — in Mähren wenigstens — die deutschradikale antisemitische Partei fallen gelassen werden müssen, weil der Antisemitismus in Mähren (für das Deutschtum eine Totengräberei ist.“ usw. So spricht das „liberale“ Tagblatt. Blättern wir um, so finden wir den 6 spaltenlangen Bericht über die „26. Hauptversammlung des Bundes der Deutschen Nordmährens in Mähr.-Trübau“, eines „Bundes“, der an Antisemitismus dem deutschen Nordmährerblatte nicht nachsteht! Das mährische Tagblatt schließt den Bericht: „Heil dem1 Bunde! Heil Nordmähren und der Feststadt Mähr.-Trübau.“ Eine Seite weiter lesen wir eine Kundmachung der deutschnational-antisemitischen Ferialverbindung „L i b e r t a s“, welche jüdischen Studenten prinzipiell Satisfaktion verweigert. Das ist das „Mährische Tagblatt“! So sieht die „Konsequenz“ der Liberalen aus! Weiterer Kommentar überflüssig! Ti. Zur gef. Beadtfiing! Die „Jüdische Zeitung* vom 11. September d. J. erscheint als Neujahrsnummer und wird eine eigene Rubrik Neujahrsgratulationen für RofdisHaldionoh 56» (TWil ttfiO) enthalten. Unsere Leser und Gesinnungsgenossen werden zweifellos diese günstige Gelegenheit benützen, um auf bequeme Weise allen ihren Bekannten und Freunden ihre Glückwünsche darzubieten. Ein Inserat dieser Größe kostet K 3.—, wovon ein Teil dem JNF zufließt. Diese Nummer wird auf Wunsch an drei aufgegebene Adressen gratis versendet Für die Versendung diesec Nummer an jede weitere Adresse sind je 10 h zu entrichten. Wir ersuchen um umgehende Uebersendung der Aufträge. „Jüdische Zeitung“ Administration, Wien, II., Stefaniestraße 12. von jüdischen Verfassern zugegangen. Machte es diese Zahl ganz unmöglich, auch nur einen großen Teil davon wiederzugeben, so bin ich mir doch bewußt, absichtlich keinen von jüdischer Seite mir mitgeteilten Gedanken unterdrückt zu haben, der meiner Einsicht nach wesentlich oder charakteristisch war. Mir scheint in der Tat: Goldsteins Aufsatz und die zweimal im „Sprechsaal“ aufgenommenen Erwiderungen und Ergänzungen geben ein formen- und farbenreiches Spiegelbild vor allem davon, wie unsere Juden denken. Wo ist ein ähnliches auf knappem Raume zu finden? Betätigen wir den Einsendern unseren Dank durch das Bemühen, sie zu verstehen, und durch ebenso offene Aussprache unserseits. Unserseits — ich möchte von vornherein sagen, wen ich unter den „wir“ verstehe. Diejenigen Schreiber und Leser des Kunstwarts, die sich gleich mir deutschnational fühlen „bis in die Knochen“, aber (ausweislich der Mitarbeit von Juden an unserem Blatte dieses ganze Vierteljahrhundert hindurch:) nicht antisemitisch. Wir wissen, daß es Arbeiten gibt, für welche die Juden besser befähigt sind, denn wir, und glauben, daß wir für andere besser befähigt sind, denn sie, wir hoffen, daß bei ernstem Wollen beiderseits ein friedliches Miteinanderwirken möglich wäre, aber wir sind überzeugt, daß dies auf die jetzige Weise nicht lange mehr geht. So versuchen wir, eine Verständigung zunächst zwischen Führern hüben und drüben vorzubereiten. Versuchen, das, weil wir glauben, daß es versucht werden muß, um schwere Kulturkämpfe zu vermeiden, hoffen aber bei der wachsenden Studententag der niähr.sfdi!es. Eeriat- Mindungen. Am 14. August fand in Göding der diesjährige Studententag der mähr.-schles. Ferialverbindungen statt, der von sämtlichen Ferialverbindungen beschickt war. Das mähr.-schles. D. K. war durch seinen Rabbiner, Herrn Rabbiner Dr. Friedmann, das west-österr. Z. K. durch seinen Sekretär, Herrn Dr. Gl ück 1 ich, der Nationalverein und das i. ö. D. K. durch Herrn Dr. Kadi sch vertreten. Nach dem Rechenschaftsberichte des Vorsitzenden Präses des Arbeitsausschusses, Herrn phil. Goldberger (Massada), wurde das Bureau des Studententages gewählt, und zwar: zum Vorsitzenden Herr phil. Goldberger (Massada), zu Vizepräsidenten Herr J. U. C. Wechsberg (Hessiana) und Herr ing. Gold mann (Gamala), zu Schriftführern Herr jur. F einer (Emunah) und Herr jur. Winter (Achiwah). In drei Referaten wurden die wichtigsten, die jüdische Studentenschaft tangierenden Fragen erörtert. Herr Dr. Teller (Gamala) sprach über die „nationale Erziehung der jüdischen Studentenschaft“ und fand allgemeines Interesse. Daran schloß sich das Referat des Gg. Dr. Wechsberg (Emunah) über „die Aufgaben des zionistischen Studenten“. Die von ihm aufgestellten Postulate fanden Ausdruck in folgenden angenommenen Resolutionen: 1. Der mähr.-schles. Studententag empfiehlt die Abhaltung von Seminarien für Zionistika, jüdische Geschichte, Literatur, hebräische Sprache und (über Zusatzantrag des Herrn Dr. Kadisch) Politik. 2. Der mähr.-schles. Studententag erblickt in der Erziehung zur Disziplin einen wichtigen Faktor für das Gedeihen der zionistischen Bewegung und für die Lösung des Gegensatzes zwischen Jahres- und Ferialverbindüngen. Int Anschlüsse daran sprach Herr Dr. Kadisch über „die politische Betätigung des jüdischen Studenten“. Der Referent verlangt insbesondere eine erhöhte Ausbildung auf allen Gebieten der Politik. An diese Debatte anschließend begrüßte Herr Dr. Friedmann den Studententag in äußerst schmeichelhaften Worten und setzte sich für einen regen Gedankenaustausch zwistdien D. K. und der Studentenschaft ein. Insbesondere wünscht er, daß die innere Ausbildung des jüdischen Studenten und die Verinnerlichung des Zionismus die vornehmste Aufgabe der Studentenschaft werden müsse. Zu diesem Zwecke regte er wöchentliche Zusamsammenkünfte an, bei denen in zwangloser Form aktuelle Ereignisse vom zionistischen Standpunkte aus besprochen werden sollen. In der Nachmittagssitzung wurde die Reformierung der Organisation des Ferialverbandes beraten. Das Referat darüber erstattete Gg. Goldmann (Gamala). Er brachte Vorschläge über eine neue straffere Organisation. Nach einer längeren Debatte, die sich auch mit dem Ausgleiche der Gegensätze zwischen Jahres¬ und Ferialverbindüngen beschäftigte, wurde folgende Resolution (über Antrag des Gg. Wechsberg, Hessiana) angenommen: 1. Präsidialkonferenzen sind von nun ab eine ständige Institution und treten am ersten Samstag eines jeden Monats zusammen. 2. Der Verband der mähr.-schles. Ferialverbindungen soll als ständige Institution in Wien Erregung der Geister nicht auf baldigen breiten Erfolg. Um nun zunächst vom Tatbestand zu reden: wir sind gleich so vielen Juden davon überzeugt, daß die Abneigung gegen das Judentum in den letzten Jahrzehnten gewachsen ist. Die antisemitischen Parteien haben sich verkleinert, weil der Masse ihre Programme je länger je mehr unausführbar erschienen, aber der Antisemitismus gedieh. Er ist in allen Parteien da, auch in der Sozialdemokratie. Von seinen mannigfaltigen Ursachen sei zunächst die augenfälligste berührt: der inr Verhältnis zur Volkszahl unverhältnismäßig große Geldreichtum der westeuropäischen Judenschaft. Wenn Nichtiuden sich darüber aufhalten, daß die guten Plätze im Theater, die luxuriösesten Kleider, die teuersten Wohnungen vorzugsweise Juden gehören oder daß etwa, wie ich jüngst behaupten hörte, die Luxuszüge von Berlin zur Riviera so gut wie ausschließlich von Juden besetzt seien, so mag man verächtlich von Neid sprechen: man hat ein Recht dazu, es ist meistens welcher dabei. Er wird auch nicht dadurch entschuldigt, daß ein Teil der reichen Juden ihr Geld in einer Weise verwenden, die das ästhetische Empfinden der Nichtjuden verletzt. Mag aber Neid dabei sein, er ist nicht das einzige, was hier wirkt. Bei den Besseren kommt zunächst das Gefühl einer großen Ungerechtigkeit dazu — freilich, es macht sie selber ungerecht: man hält für die Folgen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung diejenigen verantwortlich, die durch die Schuld unserer Vorfahren zur einseitigen Ausnutzung dieser ‘Wirtschaftsordnung gezüchtet worden sind. Aber nun: Geld ist