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Jüdische Zeitung · 1912-08-09 · 32 (9.8.1912) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
32 (9.8.1912)
Date
1912-08-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 32 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 tpoppauep Brief. Vor einigen Wochen fand in Troppau ganz im Geheimen eine Versammlungfstatt, an welcher der Reichsratsabgeordnete Dr. Sommer teilnahm. Gegenstand: Rettung des Deutschtums durch Zusammenschluß der deutschfreiheitlichen Gesinnten. Besucht war die Versammlung auch von etlichen Juden, die „bei allen freiheitlichen Bestrebungen mittun,' und von solchen, die neugierig waren, was da herauskommen wird. Die Deutschradikalen, der allergrößte Teil der Troppauer Bevölkerung, lächelten überlegen und störten die liberalen Bestrebungen der Versammelten nicht einmal durch Ihre Anwesenheit. Und dort gestand Herr Dr. Sommer, daß die seinerzeitige Aufnahme des antisemitischen Programmpunktes der größte Fehler der.Deutschen war; inzwischen habe der jüdischnationale Gedanke soviele Juden dem Deutschtume abspenstig gemacht, unter dem berechtigten Hinweise auf die ablehnende Haltung der Deutschen den Juden gegenüber. Und trauernden iHauptes .saßen die Deutschen mosaischen Glaubens da und Tränen standen in ihren Augen, ob des bitteren Unrechtes ,das ihnen, den Stützen des Deutschtums, von denen, für die sie gekämpft, widerfahren war und gerührt sagte einer: „Was nützt die Erkenntnis? Inzwischen sind 90 Prozent der Juden zionistisch geworden.“ In der Nummer vom 31. Heumond 1912 erzählt die antisemitische „Deutsche Wehr“, wie Abg. Dr. Sommer für seine Idee, das Deutschtum durch die Juden zu retten, die Juden wieder in die Dienste des Deutschtums zu stellen, zu arbeiten beginnt. Es wird ein Artikel seines „Nordmährerblattes“ zitiert, in dem es heißt: ... In allen Reichsrats- und Landtagswahlbezirken, in denen Juden als gemeinsame deutschbürgerliche Bewerber aufgestellt waren, haben die Deutschradikalen dem gemeinsamen Kandidaten ihre Stimmen gegeben, weil sie eben üisziplin zu halten wissen. Leider kann man nun nicht sagen, daß von den Juden Gleiches mit Gleichem vergolten worden wäre.. Zu ihrer Rechtfertigung hört man dann oft sagen, man könne einem Juden nicht zumuten, daß er einen Deutschradikalen, also Antisemiten, wähle. An dem entgegengesetzten Ansinnen finden diese Herren natürlich nichts Sonderbares. Eines freilich muß wieder offen und ehrlich herausgesagt werden; Zionistische Uebergriffe werden an den Radikalen stets entschlossene Gegner finden. Da das deutsche liberale Judentum auf den Aussterbeetat gesetzt ist und auch beim Judentum die Nationalisierung und Radikalisierung immer weitere Fortschritte macht, werden eben, was tatsächlich je länger, je mehr zum Durchbruche kommt, beide, Deutschtum und Judentum, zur Erkenntnis kommen müssen, daß sie in Mähren speziell aufeinander angewiesen sind, wollen sie sich in ihrer bisherigen Stellung behaupten. Nicht wir allein brauchen die Juden, auch sie brauchen uns Deutsche, weil sie einsehen müssen, daß sie in Mähren Vollständig an die Wand gedrückt würden, wenn nur erst das Deutschtum von dem slavischen Gegner niedergerungen wäre... es-gibt doch noch eine Menge Angelegenheiten, in denen Deutschtum und Judentum in treuer Waffenbrüderschaft aus wohlverstandenem, ureigenstem Interesse Zusammenhalten müssen. Wie wir nun {nichts dagegen einzuwenden haben, wenn die Juden ihre nationalen Feste, z. B. Purim, feiern und dabei die ortsfremde, jüdischnationale Studentenschaft begrüßen, so verlangen natürlich auch wir, daß das Judentum keine Einwendungen erhebt, wenn unsere einheimische deutschnationale Studentenschaft mit, sagen wir, mit einem Ferialfeste kommen sollte. Also hoffen wir, daß man den Antisemitismus nicht mehr gegen uns ausspielen wird.“ Diese Logik, dieser Scharfsinn! Und doch! Wie ganz anders sprechen die Deutschen heute zu den Juden! Ist auch nur mit einem Worte gesagt, daß die Juden zu den Deutschen gehören? Der Artikel spricht vom Judentum und und Deutschtum, wie von 2 Lagern, die vereint kämpfen sollen als Verbündete — nicht als Einheit! Ja, man spricht sogar von unseren nationalen Festen, die taan uns gnädigst feiern läßt. Nun, ihr Deutsche, israelitischer Konfession, das Deutschtum kommt euch entgegen! Ihr werdet aus praktischen Gründen, im „ureigensten Interesse“ zum Kampfe mit dem Deutschtume für den Sieg des Deutschtumes aufgefordert. Das will man euch gestatten. Hebt sich nicht euer deutsches Nationalgefühl bei soviel Ehre? Könnt ihr euch der scharfen Logik der Worte verschließen, daß ihr Antisemiten nicht wählen wollt, aber verlanget, daß die Antisemiten euch eure Stimmen geben! Ihr habt sie zu wählen, sonst werden euch die vielen Tausende deutschradikaler Stimmen nicht mehr gegeben! Dr. Sommer .weiß, zu welchen Juden er spricht und es ist beschämend, daß er noch damit rechnen kann, daß solche Ungeheuerlichkeiten bei Juden Anklang finden. Es ist ein Glück, daß er „frei und offen“ heraussagt, daß zionistische Uebergriffe an den Radikalen stets entschlossene Gegner finden werden; wir können doch nur lachen. Mit Recht weist die „Deutsche Wehr“ darauf hin, daß Dr. Sommer die Wiener Stichwahlparole, daß die Deutschradikalen mit den Christlichsozialen Zusammengehen, guthieß, die damit begründet wurde, daß die beiden Parteien den Antisemitismus gemeinsam haben. Wo bleibt die Konsequenz und Disziplin des Herrn Abg. Dr. Sommer? Nachdem in dem Artikel den Juden soviel Schmeichelndes gesagt worden, kann er ruhig damit enden: jetzt möge niemand mehr den deutschradikälten Antisemitismus verwerfen. Hiemit ist der Antisemitismus feierlich bestatte. Der Zionismus muß sich hüten; er hat an Dr. Sommer einen gefährlichen Totengräber! Dr. Lr. r Berthold Perutz. TeplitZ'Sdiönau - ein juöenreinep Ruport. Unter diesem Titel schreibt unser Bruderblatt „Selbstwehr“, Prag, in Nr. 31 folgendes: In Nr. 60 der „Deutsch-sozialen Blätter“ vom 27. Juli 1912 lesen wir in der Rubrik „Judenreine Bade-, Kur- Und Erholungsorte“ folgende Stelle: Teplitz-Schönau, Deutschböhmen. (Radium- und Thermalbad, Auskunft erteilt der deutsche Ortsrat.)“ Wir können nicht annehmen, daß diese Notiz ohne Wissen des „Deutschen Ortsrates“ von Teplitz, der sich zur Auskunft und Vermittlung erbietet, in das Blatt gekommen ist, und so ist sie ein schöner Beitrag zu dessen Lügenpolitik. Daß der deutsche „Volksrat“ für Böhmen, für den israelitische Jünglinge so gern agitieren und sammeln, mitsamt den verschiedenen „Ortsräten“, die sich je nach Bedarf geberden, extrem antisemitisch sind, wußten wir längst und weiß jeder, wenn auch mancher israelitische Anhänger dieser famosen „Ratgeber“ es nicht gern eingesteht; aber daß der deutsche Ortsrat von Teplitz seine Volksgenossen im Reiche mit einer so plumpen und bewußten Lüge täuscht und beschwindelt, daß er sie unter der Vorspiegelung falscher Tatsachen in ein „Judennest“ lockt, das ist wohl, wenigstens unseres Wissens, ein Novum. Selbstverständlich ist Teplitz-Schönau nicht „judenrein“, sondern eine der größten jüdischen Gemeinden Böhmens mit im ehr als 600 jüdischen Familien; auch unter den Kurgästen befindet sich wohl ein ziemlich hoher Prozentsatz Juden. Das weiß jeder Mensch in Böhmen und der deutsche Ortsrat von Teplitz hat es auch gewußt. Aber der Antisemitismus ist ihm nicht einmal zum Beschwindeln seiner eigenen Volksgenossen zu schlecht. Den Juden von Teplitz aber möchten wir empfehlen, diesen ihre Existenz leugnenden Ratgeber im Auge zu behalten. Denn so lächerlich und ob seiner Dummheit amüsant der ganze Schwindel eigentlich ist, eines steht fest: Hier war wieder einmal der Wunsch der Vater des Gedankens. Es kann nicht oft genug angenagelt werden, daß es in Teplitz noch Juden gibt, die es über sich bringen, ja als Ehre ansehen, neben diesen antisemitischen und lügenhaften Elementen — etwa im Deutschen Schulyerein — zu sitzen. Die deutschen Männer gehen uns schließlich nichts an. Sollen sie sich ihre' Heldentaten mit ihrem Gewissen ausmachen. Aber die Juden gehen uns an, und wir müssen dafür sorgen, daß jeder Jude, der überhaupt noch etwas auf seine persönliche Ehre hält, von diesen Leuten abrückt. Hoffentlich wird diese neue Lehre dazu beitragen, den Teplitzer „deutschliberalen“ Israeliten ein Loch in ihre dicke Haut zu bohren.“ Man schreibt uns aus Teplitz: Mittwoch, den 24. Juli ac. fand das Leichenbegängnis des sei. Herrn Berthold Perutz statt, an dem sich staatliche und kommunale Behörden und zionistische Corporationen nebst den Verwandten und Freunden des Verblichenen zahlreich beteiligten. Die Judenschaft hat mit dem Heimgegangenen einen schweren Verlust erlitten. Es war einer der ganz wenigen Juden, die trotz ihrer Position und ihrer Wohlhabenheit nicht ihr Judentum verleugnen zu müssen glauben, um eine sozial geachtete Stellung in der Gesellschaft einnehmen zu müssen. Berthold Perutz bekannte sich stets mit Stolz und Offenheit zu seinem Judentum und unvergessen ist es, wie er das jahrelang innegehabte Amt als Schatzmeister des Deutschen Schulvereines niederlegte, als dieser antisemitische Allüren annahm. Ein Mann von der Gesinnung Berthold Perutz’ mußte notgedrungen zum Zionismus kommen. Und er war ihm ein treuer, begeisterter und opferwilliger Anhänger. Persönlich war der Verblichene bei Freund und Gegner hoch geschätzt und geehrt. Seine unvergleichliche Vornehmheit, sein offenes und gerades Wesen, sein Wohltätigkeitssinn und seine Bescheidenheit machten seine Persönlichkeit zu einer allgemein beliebten und geliebten. Die Trauer um Berthold Perutz ist deshalb in unserer Stadt eine allgemeine. Sein Andenken wird nicht vergessen werden. * . Aus Anlaß des Ablebens ihres Gatten, des Herrn Berthold Perutz spendete Frau Elisabeth Perutz dem Jüdischen Volksverein „Zion“ in Teplitz-Schönau K 300.—. Für den Berthold Perutz-OelbauInga rten in Palästina sind schon über 90 Bäume gestiftet worden. Antisemitismus im fieien Rmeiitm. Bekanntlich haben die jüdischen Wanderer die noch in Scharen von Hunderttausenden nach Amerika emigrieren, dort keine besondere Besserung ihrer Lage erfahren. Wenn auch einzelne zu Reichtum gelangten, so lebt das Gros in den elendsten Verhältnissen von der „Schwitz“- industrie, und die Soziologen Amerikas erkennen an, daß von allen einwandemden Nationen, die Juden am schlechtesten gestellt sind. „Die Zuständ ein der Newyorker jüdischen Gemeinde sind schlimmer, als die in Russiseh-Polen“ sagt Roib Hunter in seinem Buch : „Das Elend der Neuen Welt“. Die Ideologen Unter den Assimilanten, welche Amerika als jdas Land [der Freiheit“ {und „Gleichheit“ und den Antisemitismus als eine reaktionäre Erscheinung ansehen, wiegten sich lange Zeit in der Illusion, daß es in Amerika keinen Antisemitismus geben könne. Die Nachrichten, die seit einigen Jahren aus den Vereinigten Staaten herüberdrangen, könnten sie eines besseren belehren, wenn sich diese verbohrten Ideologen belehren lassen wollten. Der gesellschaftliche Antisemitismus nimmt in Amerika erschreckend zu und den Fall des Obersten Garrard konnten nicht einmal die judenliberalen Blätter totschweigen. Dieser Oberst hat bekanntlich einem gut qualifizierten Juden die Beförderung zum Offizier verweigern wollen, mit der offenen Begründung, daß er auf Grund seiner langjährigen Erfahrungen wisse, „daß 'Juden von sehr wenigen Körper- Preisper Dose K 1.80,erhältlich in jeder Orog.o.Aponi

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