Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 32 (9.8.1912)
- Date
- 1912-08-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 32 großen Entbehrungen nach Palästina gelangt, wo sie äußerst gut aufgenommen wurden. Nach übereinstimmendem Urteil sind diese Juden durch ihre vorzüglichen alt jüdischen Eigenschaften, wie Nüchternheit, Ehrlichkeit, Fleiß und Familiensinn das erwünschteste Kolonisationselement Ihre unglaubliche Bedürfnislosigkeit bietet unbeschadet der Möglichkeit, sie zu einer höheren Kulturstufe zu erziehen, eine Handhabe für die Lösung der national und sozial schwierigen Arbeiterfrage. Der Nationalfonds, der auf allen Gebieten in Palästina wichtige Pionierarbeit leistet, hält sich für Verpflichtet, auch die Lösung der Jemenitenfrage in die Hand zu nehmen. Wie bereits berichtet, hat der Nationalfonds Mittel für die ersten Einwanderer zur Verfügung gestellt, und es sollen 200 Häuser Und Gärten errichtet werden, welche ebenso viele jüdische Familien nicht nur vor dem Untergänge retten, sondern sie in eine nach ihrer Auffassung beglückende Lage bringen wird. Aber der Strom der übrigen Jemeniten nach Palästina aus ihrer Hölle in Südarabien ist, wie aus Palästina berichtet wird, unaufhaltsam. Kommt man ihnen nicht zu Hilfe, so flüchten sie von einer Katastrophe zur andern. Was eine lemenitenfamilie zur Glückseligkeit braucht, ist Häuschen und Garten um etwa 1000 Kronen. Wie lächerlich gering ist doch diese Summe gegenüber den etwa 100 Millionen, welche die bisherige Kolonisierung von zirka 10.000 Juden gekostet hat! Schon raffen sich in einer Reihe von Ländern unsere Gesinnungsgenossen zu einer großen Aktion zugunsten des wiedergefundenen und-bedrohten jüdischen Stammes im fernen Arabien auf. Die Kreise, die diese Frage zieht, dürfen sich nicht auf die Zionisten beschränken, sondern jeder gute Jude muß den Nationalfonds in diesem Falle fördern. Die Zionisten müssen aber allen anderen vorausgehen, und es darf zuverlässig gehofft werden, daß dies besonders in. Oesterreich der Fall sein wird, von wo Ider moderne Zionismus seinen Ausgang genommen hat. Die vipffdiaftlidie Arbeit der Jung; tfirhen. Als die Jungtürken vor vier Jahren -zur Herrschaft gelangten, erwartete man von ihnen, daß sie durch eine vernünftige Reform der Wirtschaftsgesetzgebung, namentlich in Bezug aut lagrarpolitiscke Maßnahmen, das in der Hauptsache auf landwirtschaftliche Produktion basierende Räch zu raschem Fortschreiten bringen würden. Die maßgebenden Politiker der Jungtürken haben die Notwendigkeit einer solchen Reform eingesehen und wiederholt Gesetzentwürfe, die aur eine solche abzielten, verfaßt. Leider ist es ihnen nicht gelungen, irgend etwas von ihren Projekten Zü verwirklichen. Die Nationalitätenfragen, die Wirren in Mazedonien, Albanien, im Hauran und im Yemen, der Krieg, und schließlich die innerpolitischen Kämpfe, haben Regierung und Kammer so in Atem gehalten, daß es zü einer wirtschaftlichen Reformgesetzgebung nicht gekommen ist. Man muß das ebenso im Interesse der Türkei, wie in jenem der türkischen Juden sehr beklagen. Noch immer ist keine Möglichkeit, unanfechtbare Besitztitel für gekaufte und bezahlte Ländereien feu "erwerben, da es kein Grundbuch mit \i .öffentlichem Glauben“ gibt, noch immer ist juristischen Personen der Erwerb von Grund und Boden versagt, noch immer erfordert jeder private Bodenkauf eine Bestätigung von der Regierung und fehlt ein Hypothekenrecht. Auch an der Höhe und dem Eintreibungsmodus der Zehnten hat sich nichts geändert Solange aber die Agrargesetzgebung nicht reformiert wird, gibt es in der Türkei kein wirtschaftliches Fortschreiten. Die Maxime, die bisher geherrscht hat, durch alle möglichen Erschwerungen zu verhindern, daß Ausländer türkischen Grundbesitz erwerben, — und nur aus dieser Absicht ist die widersinnige Bodengesetzgebung erklärbar — kann zwar vielleicht aus politischen Gründen ein Schimmer von Rechtfestigung verliehen werden, genießen doch die Ausländer in der Türkei Sonderrechte — aber ein Festhalten an dieser mittelalterlichen Gesetz - gebung hätte den Ruin des Landes zur Folge. Denn ohne eine Agrarreform wird die Verarmung der Bauern weiter zunehmen, keinesfalls werden die Steuereingänge wachsen. Die Türkei braucht aber Geld, viel Geld, um auch nur die notwendigsten Ausgaben für die Modernisiesierung des Staates bestreiten zu können. Zollerhöhung Und Vermehrung des Steuerdruckes waren die Mittel, mit denen in den letzten Jahren mehr Geld für den Staat beschafft wurde. Aber durch diese zwei Maßnahmen ist nur wieder die Bevölkerung schwer belastet worden, was sich in der Folge bitter rächen wird. Das türkische Reich, welches eine größere Ausdehnung hat, als Deutschland und Oesterreich zusammen genommen, aber nur den fünften Teil der Bevölkerung dieser Reiche aufweist, hätte Boden genug, um seine Einwohnerschaft reichlich zu ernähren und auch noch einen großen Einwanderungsstrom aufzunehmen. Die Türkei würde daher bei einer vernünftigen Reform' der Bodengesetzgebung ein wirtschaftliches Aufblühen erfahren, das allein ihm die Mittel verschaffen könnte, die es auch militärisch und politisch stark machen würde. Werden die neuen Machthaber in Konstantinopel dies einsehen, so kann man erwarten, daß sie in raschem Tempo die nötigen Reformen durchführen werden. Von ihnen hängt für die Türkei mehr ab, als von den größeren oder geringeren Konzessionen an Albaner und Araber, ja, selbst von einem etwaigen Verluste von Tri- . polis. . Nationale Sdiulen.*) (Eine Anregung.) Die letzten Ereignisse im Czernowitzer Ortschulrate haben uns wieder gezeigt, was uns allen nottut, haben uns wieder gelehrt, was wir in unserer Verblendung nie merken wollten, dab unsere Kinder in den christlichen, interkonfessionellen Schulen nur ein geduldetes Dasein fristen. Sie haben uns den besten Beweis erbracht, dab man hüben und drüben wieder Judenschulen haben will, sie wollen uns merken lassen, daß jüdische Kinder die nationale und konfessionelle Erziehung der nichtjüdischen Schüler hindern, daß sie einfach nicht hineingehören — und wir sollten ihnen eigentlich für diesen Fingerzeig dankbar sein. Nur durch die Parole ,-,das tschechische Kind in die tschechische Schule“, ist das tschechische Volk gewachsen, in der einzig richtigen Anschauung, daß die Jugenderziehung, die Jugendeindrücke für die fernere Entwicklung des Menschen bestimmend sind, und das Renegatentum vieler ist nur durch die fremde Schule zu erklären, in der das Kind mit der fremden Sprache zugleich seinen Geist und seine Gesittung angenommen hat. Und um wie viel ■ mehr erst das jüdische Kind, das mit einer unjüdischen Sprache auch;die Anschauungen Uno Gebräuche einer fremden Religion durch die Lesebücher und verschiedenen im christlichen Geiste gehaltenen Schulaufsätze einge¬ *) Der Autor, ein Lehrer, hofft, daß diese Anregung eine freie Diskussion hervorrufen wird. sogen hat. Man muß es der Zähigkeit der Rasse und dem gesunden atavistischen jüdischen Instinkt unserer Jugend zuschreiben,, daß im Laufe der Jahre sich nicht noch schlimmere Folgen eingestellt haben. Denn schlimm genug sind sie schon: die fremdnalionalen Schulen liefertt-üns die Massen von Täuflingen, die aus lächerlichem Ehrgeiz, aus nationaler Verkennung und Leichtsinn das Judentum Von sich werfen. Was kettet das deutsche Kind an sein Volk? Seine Sprache, seine Geschichte, seine Gebräuche und Feste. Ueberall steht das jüdische Kind mit leeren' Händen da, während es aus eigenem. Volkstum viele Schätze für Seele und Geist schöpfen könnte. Das Haus kann oft aus eigenem Unvermögen der unverstandenen Erziehung des Kindes in der Schule kein Gegengewicht geben und so ist dem jüdischen Kinde sein eigenes Volkstum ein leerer Begriff. In Wirklichkeit sind ja in Wien eine Menge „Judenschulen“, in denen alles, nur kein jüdischer Geist herrscht. Die „Freie Schule“ und eine Menge von Privatschulen, die zwar auf einen judenreinen Lehrkörner achten, Schulen, in deren Kuratorien zwar die maßgebenden Kreise nichts von Juden hö-en können, deren Kinder •aber ihnen das Mate-is1 zn ihren Schu'en liefern, die sie sonst sperren müßten, — helfen ihren Ruhm mitzubegründen. Die Freie Schule U’H ihre Tendenzen hoch in Ehren, aber für ri°n h^wi^en i>Hph ist sie ein zweischneidiges Schwe^: dj» Freie Schule ist als ein Bollwerk gegen den ka+holischen Klerikalismus entstanden und mag als solches seine Berechtigung fü*- den Deutschen haben. Der Jude hat dabei nichts zu suchen, für die nationale Erziehung des jüdischen Kindes wird hier ebensowenig getan Wie in den anderen Schulen. Ein allgemein verwaschenes Humänitätsideal genügt auch dem forschenden jüdischen Kinde nicht, denn mit klaren Augen sieht es die Kämofe um!sich und 'muß sich für den brutalen Lebenskampf rüsten: und die Waffen sind ihm sein Volkstum, seine Geschichte und dessen Ideale. Natürlich ist die nationa'e Schule im Golus ein Surrogat, aber besser ein Surrogat, als das sichere Gift. Auf das Milieu, aut den .Geist¬ und die Umgebung kommt es an: alle bewußten Juden mögen nach bekanntem Muster zu einer großen „Jüdischen Elternvereinig u n g“ zusammentreten, zur Errichtung und Erhaltung von jüdischen Schulen,' mit nationaler Erziehung, vorderhand zur Errichtung einer Koedukationsvolksschule. Der II. Bezirk dürfte wohl der geeignetste sein, denn hier fordern die Mißstände dringende Abwehr. Das was in Deutschland an mehreren Orten, was in der Schweiz, in Bulgarien, in Amerika möglich ist, muß auch in Wien bei so großer nationaler Opferwilligkeit möglich sein. Drum hinaus aus den nichtjüdischen Schulvereinen zur eigenen nationalen Sache. Zur Gründung eines JüdischenSchul- Vereines, nach der Devise unserer Gegner: Dem jüdischen Kinde — die jüdische Schule. Wien, im August 1912. Hamore. ■wa Hotel-Restaurant J. Gi “nw Wien, II., StelaniestraBe Nr. 14. Telephon interurban 13702. 70 modernst eingerichtete Zimmer von K 2.80 aufwärts. In nnmittelb. Nähe des Nordu. Nordwestbahnhofes, 5 Minuten vom Stadtzentrum. BADEN bei Wien, Antonsg. 13, Franzensstr. 34. Telephon interurban 217. 400 Personen fassend schöner Naturgarten. Elektrisch beleuchtet. Große Veranden und Säle vis-ä-vls dem Kurpark. Große Speisesäle zur Abhaltung von Hochzeitsdiners und anderen festlichen Veranstaltungen. Pension nach Ueberelnkommen. Exquisite Küche und Keller NIEDERLÄNDISCHE LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLSCHAFT WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. Im eigenen Palais.—Versilbertes Kapital zirka 380 Millionen. — Prämienreserue zirka 113 Millionen. — Billigste Prämien unO kulanteste BaOingnngen. Engagiert Jederzeit tüditige, leistungsfähige Hgenten gegen hohe Bezüge. floskOafte erteilt Oie BeneralagentsAaft Wien, I., flspernplatz 1 (Beiter: DaoiO Nebenzahl). Für Ostgalizien u. Bultouina: SubOirehtion Mbl Taubes, Hemberg.