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Jüdische Zeitung · 1912-08-02 · 31 (2.8.1912) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
31 (2.8.1912)
Date
1912-08-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 31 sehe Zeitung“ gelangen, kund. Die Subskription, welche den Bestellern bis zum 15. August bedeutende Preisermäßigung sicherte, hat einen ganz bedeutenden Umfang angenommen. Sie wird am 15. August definitiv geschlossen. Nachdem es sich gezeigt hat, daß ganz besonders im Auslande eine rege Nachfrage herrscht, ist der Verlag bereits daran geschritten, in allen Ländern Vertretungen einzurichten. Die geschmackvollen und übersichtlichen, illustrierten Prospekte des Verlages werden bereits seit einigen Tagen ausgegeben. Die olympifdien Spiele. Eine Unterredung mit Juda Makltabi. Er war es, der sie begann. Ich hatte die Berichte über die beendeten Spiele gelesen und mit Schmerz unter den Völkern, die dort um den Preis gerungen hatten, das unserige vermißt. Das darf nicht mehr geschehen, sagte idi mir, denn im Kampfe um Ehre und Zukunft unseres Volkes können die olympischen Spiele .... Olympische Spiele? Staunen lag in dieser Frage und — Zorn. Ich blickte nicht auf und wußte dennoch, wer der Fragende war. Er war es, dessen Leben dem Kampfe gewidmet war, dem Kampfe für Ehre und Zukunft seines — unseres — Volkes, dem Kampfe gegen — den Olymp, der an Stelle des Sinai treten sollte, der Oriechlinge Führer, der Hohepriester Jason, hatte angesichts des Tempels zu Jerusalem ein Gymnasion — eine Uebungsstätte für sportliche Spiele — errichtet, um durch die griechischen Spiele die Jugend heranzulocken und ihnen die jüdische Seele zu nehmen, alles Jüdische in ihnen zu töten, und sein Nachfolger M e n e 1 a o s hatte bereits jüdische Männer zu den Festspielen entsendet mit Opfergeschenken für den Olympier, dem die Feste geweiht waren. Wir aber denken wieder an olympische Spiele und wollen an ihnen als Vertreter unseres Volkes teilnehmen. All das lag in der Frage, in der Frage Juda Makkabis, in seinem Blicke, den ich. auf mir ruhen fühlte. Ich aber schlug vor diesem-Blicke den ..meinen;njcht ^nieder. „Nein Herr“.— sprach ich — „kein Verratist es mehr, an -diesen Spielen teilzunehmen, sondern Pflicht, Ehrenpflicht. Denn keinem Götzen dienen sie, sondern gekämpft wird um das, was uns das Höchste ist, um die Ehre und um — das Leben. Dort erweist es sich, ob in einem Volke tioch Lebenskraft steckt, ob es nicht bereits dem Siechtum verfallen ist.“ So sprach ich zu ihm. Aus diesen Augen war der Zorn gewichen, und ganz glückselig blickten sie mich an. „So unruhigt natürlicherweise am stärksten, wenn man bedenkt, daß über die Entstehungsweise der jüdischen Sittenlehre kein Wort, weder in der Einleitung noch später verloren wird. Und dodi hätten dann Lazarus vielleicht doch etwas gesehen, was dem sonst merkwürdigen scharfen Auge des Völkerpsychologen, dem bewundernswerten Freunde Steinthals, völlig entgangen ist und wofür erst Martin B u b e r im Nachwort zu den „Gleichnissen des Tschuang Tse“ das treffende Wort geprägt hat: ich meine „die Lehre“. Wir definieren sie als das Notwendige, das da verwirklicht wird im wahrhaften Leben. Und von dieser Seite aus werden wir allein dem Judentum, der jüdischen Religion und der jüdischen Ethik beikommen können. Denn wir dürfen die Schöpfung der jüdischen Urzeit noch nicht als Religion oder Ethik ansprechen, wohl aber als Lehre im Sinne Bubers, als eine große, schwere Forderung an sich selbst: die Verwirklichung seiner selbst. Wir haben es noch nicht mit einer Fülle von Geboten und Verboten zu tun, wir stehen noch nicht einer Vielheit von Ansprüchen an unser Dasein gegenüber; es gibt nur ein Gebot: dp sollst Du selbst sein, es gibt nur ein Verbot: es ist dir untersagt, ein Anderer als Du selbst zu sein; es gibt nur einen Anspruch an uns, den wir selbst stellen: du sollst dich wahr machen, du sollst dein sein leben, unbeeinflußt und unbedingt. Erst die Zeiten mit minderer schöpferischer Energie verstehen diese einzige Forderung nicht mehr und lösen sie auch in eine Unzahl von kleinen Forderungen, deren Gesamtheit wir Ethik gibt es also keine Hellenischen unter euch, keinen, dem alles Fremde so hoch und schön und alles Eigene niedrig und häßlich erscheint?“ Ich zögerte mit der Antwort, um diese frohen Augen nicht zu trüben. Ich mußte aber be - kennen: „Nein, Herr, so glücklich ist dein Volk nicht. Die Bibel berichtet uns, daß die Söhne Korachs nicht gestorben sind. Es sind auch die Hellenisten nicht ausgestorben. Nur ihr Name ist verschwunden, weil der Moloch, dem unser Volks tum geopfert werden soll, jetzt nicht mehr das Hellenentum ist. Wir nennen die Verächter unseres Volkstums . . . die Assimilanten. Wie einst die Propheten, wie dann du -und die Deinen, so führen auch wir einen unaufhörlichen Kampf gegen diese Götzendiener unter uns, und gleich dem großen Eiferer Elfah am Berge Karmel stehen auch wir, oft einer gegen Hunderte von ihnen. Wir führen ihn nach innen und außen gleich dir, denn an Stelle des einen Antiochus sind mehrere getreten, die unser Volk minderwertig nennen, ihm jede Daseinsberechtigung absprechen, die den Namen Juda als Schimpfwort gebrauchen. Und viele der Unseren . . Als wollte er es verhindern, daß ich eine so fürchterliche Anklage erhebe, unterbrach er mich: „Gibt es denn unter euch keine hervorragenden Männer, die durch ihre Leistungen die Anderen zwingen, den Namen des Volkes mit Ehren zu nennen?“ „Solcher Männer und solcher Leistungen gibt es unter uns nicht wenige. Und die Männer — wenn es schon nicht zu umgehen ist — werden auch anerkannt und gerühmt. Herolde verkünden ihren Namen, ihren Lebenslauf, verkünden in ihrem Eifer auch so vieles, was sie verschweigen könnten, verschweigen hingegen nur eines, welchem Volke der berühmte Mann entstammt, wenn dieses Volk das jüdische ist. So erfährt man nichts von jüdischen Helden und Talenten, nichts von jüdischem Idealismus, und verschreit uns als geistig und moralisch minderwertig.“ „Die Herolde aber, dürfen sie das verschweigen; dürfen sie ein Volk totschweigen?“ „Sie dürfen es, Herr, dürfen es bei unserem Volke, weil dieses Volk nicht besteht. Es gibt kein jüdisches Volk.“ — Bei diesen Worten mußte ich aufblicken, so scharf hatten die Augen Juda Makkabis mich angeblickt, fragend und staunend. „Ja, wenn es kein jüdisches Volk gibt, was zum . . . (das Wort ist mir entgangen, es dürfte aber mit dem deutschen ,Teufel' gleichbedeutend sein) seid dann ihr?“ „Wir, Herr, sind nur noch mosaischer Konfession.“ „Mosaischer Konfession?“ Langsam; mechanisch sprach er diese Worte, sie verständnislos zergliedernd. Dann nennen. Gerade dem Judentum aber haftet das Kennzeichen der Lehre für immerwährende Zeiten an: es verlangt ein Tun, kein Glauben und Betrachten wie das Christentum oder der Buddhismus. Darum hat sich das Judentum nicht zu einer Methaphysik oder Weltanschauung entwickelt, die man bekennen muß, um Jude zu sein, sondern ist in den unfruchtbaren Zeiten des Mittelalters zum Zeremonialgesetz verkümmert und einer bis ins winzigste Detail gehenden Regelung des menschlichen Daseins. Dem gläubigen Juden war der ganze Komplex der biblischen Sittengesetze auf einmal da, ihre Vielheit gottgesandt, er sieht in ihnen nicht Trümmer einer einheitlichen ganzen Lehre. Im bedeutet „kädosch“ heilig, vollkommen, einer, der Gebote und Verbote beachtet; uns heißt kadosch heilig, vollkommen, einer, der sich verwirklicht im wahrhaften Leben. Die kühne Scheidung Bubers in „Lehre“ und „Gesetz“ läßt uns trotz unserer geringen Kenntnis 'der jüdischen Urzeit doch besser Wesen und Prinzip des Judentums erfassen, während Lazarus zur Systematisierung der jüdischen Sittlichkeit Kants kategorischen Imperativ nötig hat. L. Levys Kritik „je crois bien que si M. Lazarus n’avait pas lu Kant ces explications n’auraient pas ete les memes“ (ich glaube, wenn Lazarus nicht Kant gelesen hätte, würde seine Darstellung ganz anders aussehen), findet ihre zureichende Begründung bei Lazarus selbst, wenn er meint, es handle sich in der Ethik immer „um eine vom Menr sehen unabhängige objektive Norm, welcher gegenüber sich der Mensch ebenso gebunden fühlt, aber stellte sich eine Wirkung ein, die ich mit meinen Worten wahrlich nicht hatte erzielen £ . wollen. Juda Makkabi lachte. Nein — man verzeihe mir den Ausdruck — er brüllte vor Lachen. „Mosaische Konfession“ hörte ich ihn immer wieder sagen, und so oft er diese Worte aussprach, begann aufs neue das Lachen. Jetzt war es an mir, in Zorn zu geraten. „Herr,“ sprach ich ernst und eindringlich, „ich scherze nicht. Glaubst du mir nicht, begib dich an eine unserer Hochschulen oder irgendwo hin, wo Vertreter verschiedener Völker sich zusammenfinden, und du wirst keine Aufnahme finden, bis du dein Volkstum .verleugnest und dich nicht als Syrer oder Griechen mosaischer Konfession ausgibst.“ „Und was sagen euere hervorragenden Männer, euere gewählten Führer, euere Reichen und Mächtigen dazu. Treten sie nicht mit all ihrem Einflüsse dagegen auf, treten sie nicht ein für das Recht, für den Namen ihres Volkes?“ „Sie sind es gerade, Herr, die mosaischer Konfession sein wollen.“ „Wohl aus besonderer Anhänglichkeit gerade an das Konfessionelle, Religiöse im Judentum; das ihnen besonders nahe geht.“ „Herr, nichts am Judentume ist ihnenj so fremd und so ferne, wie die Konfession. Sie glauben nichts und halten nichts vom Glauben. Das überlassen sie ihren Rabbinern, die — nach ihrer Meinung — ja dafür bezahlt werden. Ihren Einfluß verwenden sie aber dazu, um die drohende Gefahr der Anerkennung eines jüdischen Volkes, einer jüdischen Nation abzuwenden. Darum nützen uns nichts die Verdienste unserer wirklich Großen und Tüchtigen, weil sie Opfergeschenke sind an den Altären anderer Völker. Darum muß der Name Jude ein Schimpfname bleiben, weil er nicht der (gesetzliche Nanre eines Volkes sein darf. Darum hätte man uns 'von den olympischen Spielen zurückgewiesen, wenn wir dort erschienen wären, um als Juden für die Ehre des jüdischen Namens, des jüdischen Volkes zu kämpfen. Man hätte uns zu- Wien, II., SfefaniestraBe Nr. 14. Telephon interurban 13702. 70 modemst eingerichtete Zimmer von K 2.80 aufwärts. In unmittelb. Nähe des Nordu. Nordwestbahnhofes, 5 Minuten vom Stadtzentrum. BADEN bei Wien, Antonsg. 13, Franzensstr. 34. Telephon interurban 217. 400 Personen fassend schöner Naturgarten. Elektrisch beleuchtet. Große Veranden und Säle vls-ä-vis dem Kurpark. Große Speisesäle zur Abhaltung von Hochzeitsdiners und anderen festlichen Veranstaltungen. Pension hach Uebereinkommen. Exquisite Küche und Keller wie er sich im Denken den logischen, im Rechnen den mathematischen Gesetzen gegenüber gebunden weiß.“ (VI. 90.). Aber Lazarus darf doch nicht ohne nähere Erörterung einfach dekretieren, daß der Grundgedanke der Kantischen Ethik, daß wir ein unabhängiges, von aller Erfahrung gültiges, angeborenes Sittengesetz in uns tragen, auch der Grundgedanke der jüdischen Ethik sei, denn wenn auch eine Menge von" Aussprüchen und Lehrsätzen auf seiner Seite stehen, lassen sich vielleicht ebenso viele dagegen anführen. Mit dem gleichen Recht kann man nach Hegel die Sittlichkeit als Betätigung des objektiven Geistes, den das Judentum Gott nennt, bezeichnen. Man wird eben Lazarus doch vorwerfen müssen, dab er die Ethik des Judentums ganz einseitig in die moderne Denkform und Redeweise einpressen wollte. Doch ist er wieder nicht konsequent genug, wichtige Fragen der modernen Ethik, die den lesenden Laien vor allem interessieren, wie etwa die Stellung des Individuums zur Gesellschaft, vom jüdischen Standpunkt aus zu beantworten. Trotz allem wollen wir Lazarus* monumentales Werk nicht ohne herzlichen Dank für den Verfasser aus der Hand legen, denn es läßt uns die reine Hoheit und Strenge der sittlichen Anschauungen unseres Volkes erfühlen, es zeigt uns, wie groß unsere Väter waren, da sie so Großes von sich gefordert. Und voller Bangheit schweift manchmal bei der Lektüre das Denken auf unsere jüdische Gegenwart, und wir messen und richten. Willy Stein.

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