Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 31 (2.8.1912)
- Date
- 1912-08-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3t JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 In Prag werden jetzt die Verhandlungen betreffend den deutsch-tschechischen Ausgleich geführt. Die Anzahl der strittigen Punkte ist nach vielen Fährnissen auf drei Punkte reduziert worden, welche alle die Zweisprachigkeit Prags betreffen. Die Deutschen wollen dieses Postulat unter keiner Bedingung fallen lassen und stützen ihre- Forderung hauptsächlich darauf, daß in Prag 20.000 Deutsche leben. Nun sind aber von diesen 20.000 Deutschen ungefähr 13.000 Juden, welche durch ihre Betriebsamkeit und ihre Intelligenz im wirtschaftlichen Leben der böhmischen Landeshauptstadt eine große Rolle spielen. Und dieselben deutschradikalen, antisemitischen Abgeordneten Deutsch - Böhmens, welche im Parlamente für die Resolution Schmid und gegen den Antrag Smeral gestimmt haben, erheben jetzt auf Kosten der Juden deutschnationale Ansprüche. Diese den Juden gegenüber in Böhmen praktizierte Methode steht nicht vereinzelt da. In Galizien läßt sich dasselbe Schauspiel wahrnehmen. Die Polen zwangen die Juden, sich zum Polentum zu bekennen, und erlangten dann, gestützt auf die durch die erzwungene Zuzählung der Juden zur polnischen Nation erreichte Majorität im Lande die Alleinherrschaft in Galizien. Aber gleich den Deutschen betreiben auch die Polen eine die Juden schädigende antisemitische Politik. In Böhmen und Galizien sind die Folgen für die Juden dieselben. In Böhmen entlädt sich der Haß der Tschechen, in Galizien der der Ruthenen gegen die mißbrauchten Juden. Dieser Parallelismus in den politischen Erscheinungen im Westen und Osten Oesterreichs beruht auf demselben Mißstande: nämlich auf der Tatsache, daß die Juden nicht die Gleichberechtigung als Nation haben. Und dieses Recht ist zweifellos die Voraussetzung einer großzügigen im Dienste des jüdischen Volkes zu leistenden Arbeit. Die Erreichung dieses Rechtes muß darum von einer bewußten jüdischen Politik in ganz Oesterreich angestrebt werden. Wer aber kann für dieses Ziel besser ar- Feuillefon. Äifoeivönrte Mmqll'lHIIIMnB Für gesunde u.kranke Kinder sowie Magenleidende. Verhütet «.beseitigt Brechdurchfall. Diarrhoe. Darmkalarrh. Preis per Dose K 1.80,erhältlich in jeder DropipoHi Kindermehl Die Ethik des Judentums.*) Vor dreizehn Jahren erschien der erste Band dieses sicherlich verdienstvollen Werkes; es war der Versuch, die Sittenlehre des Judentums zu zu systematisieren, ihren „eigentlichen inneren Denkgehalt zu erforschen, ihn aus der Hülle der Denkfortn herauszuwickeln und in einer geistigallgemeinen, gleichsam menschheitlichen Form festzuhalten“, Zugleich „mit der theoretischen Begründung der jüdischen Sittenlehre“. Die Einzigartigkeit des Versuches hat Lazarus immer wieder mit Recht hervorgehoben, im ersten Bande sowohl, wie auch im zweiten, der uns nun vorliegt und der eigentlich nur eine Zusammenstellung der Nachlaßpapiere des Verfassers durch zwei Autoritäten auf diesem Gebiete, der Professoren -Winter und W üji s che, sein soll. Der ungeteilte Beifall,-den iTazarus für seine Jahrzehnte währenden Bemühungen empfing, bewies, wie erwünscht und notwendig die Arbeit war, so daß die vereinzelten tadelnden Stimmen kaum gehört wurden und dann durch die Anhänger des Verfassers sofort widerlegt schienen, wie etwa Schürer durch Kunze. Heute, nach so vielen Jahren, angesichts des zweiten Bandes, der uns in Lazarus Arbeitsart schauen läßt, treten uns die Fehler fort und fort vor Augen. Schon der Standpunkt, von *) „Die Ethik des Judentums“, dargestellt von Prof. Dr. M.. Lazarus, 2. Band, Frankfurt a. M. bei J. Kauffmann, 1911. beiten: Eine Reichsorganisation der österreichischen Juden oder Provinzorganisationen, welche gerade wegen lokaler Fragen die -''Richtlinien einer großzügigen Politik aus den Augen verlieren und wegen tausend taktischer Notwendigkeiten an die Prinzipien vergessen? Wir haben die Antwort auf diese Frage schon längst gegeben. Wir hatten dabei hauptsächlich die gemeinsamen Interessen der österreichischen Judenheit im Auge. Wir glaubenj, daß auch die Antworten der übrigen zionistischen Organisationen in Oesterreich mit unserer gleichlautend sein müssen, wenn bei ihnen das Verständnis für die politischen Bedürfnisse der österreichischen Judenheit einen gewissen Reifegrad erlangt hat. Der Eall Ehrenpreis. Als erste jüdische Zeitung haben wir den bulgarischen Zionisten Raum gewährt, ihre Beschwerden gegen den Oberrabbiner von Bulgarien, Dr. Ehrenpreis, vor der jüdischen Oeffentlichkeit vorzubringen. Loyalerweise gestanden wir Herrn Dr. Ehrenpreis das Recht zu, sich zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen zu äußern. Mittlerweile nahm sich unser Zentralorgan „Die Welt“ der Angelegenheit an und veröffentlichte vor einigen Wochen sowohl eine Zuschrift des Dr. Ehrenpreis wie auch eine Entgegnung der bulgarischen Zionisten, wobei „Die Welt“ gleich uns das Bestreben zeigte, die Angelegenheit vorerst rein informatorisch ohne Fällung eines eigenen Urteiles zu behandeln. Als Antwort auf die Artikel in der „Welt“ erschienen nun in dem spaniolischen Organe „Luz“, einer Zeitung, die dem Doktor Ehrenpreis nahe steht, Artikel, die sowohl die bulgarischen Zionisten wie auch das zionistische Aktionskomitee scharf angriffen. Aber auch in anderen jüdischen Zeitungen fand der Streit zwischen der zionistischen Organisation Bulgariens und Herrn Dr. Ehrenpreis ein Echo. So veröffentlichte die in Konstantinopel erscheinende Zeitung „Aurore“, welche über die Verhältnisse innerhalb der orientalischen Judenschaft am besten informiert ist, einen Leitartikel, welcher sich mit der leidigen Affäre! Dr. Ehrenpreis4 befaßte und den bulgarischen Zionisten in allen Punkten Recht gab. Vor einigen Tagen schickte uns Dr. Ehrenpreis aus Galizien, wo er sich gegenwärtig aufhält, eine Zuschrift, die sich mit seiner in der „Welt“ erschienenen^ Zuschrift deckt. Da nach den übereinstimmenden Urteilen der „Aurore“ dem aus Lazarus das Judentum zu verstehen trachtet, ist zu subjektiv gefärbt, als daß eine objektive Systematisierung des vorhandenen und zu bearbeitenden Materials der jüdischen Sittenlehre möglich wäre; er nimmt die Ethik des Judentums als gläubiger, frommer Jude. Es soll damit nicht gesagt sein, daß die Orthodoxie des Verfassers an sich das Hindernis bilde, vielmehr meine ich, daß der religiöse Jude zu sehr die Kontinuität sieht, zu wenig die Entwicklung des Judentums. Die Religion ist für ihn etwas Gegebenes, Festes, nicht etwas Gewordenes. Und weil für ihn die Sittlichkeit des Judentums doch nur — man möchte sagen — irdisch-menschliche Seite der Religion sein kann, wird er der historischen Bedingtheit der entstehenden Sittenlehre und ihrer Weiterbildung nicht gerecht werden können. Man übersieht gerade beim Judentum die Ungeschichtlichkeit in der Darstellung der Sittenlehre, weil die talmudischen und rabbinischen Schriften den Aufbau an der Ethik der Bibel weiterzuführen scheinen, indem die Worte und Gedanken der Bibel mit Hilfe der 32 logischen Regeln der Lehrhäuser mit jeder eigentlichen geistigen Arbeit irgend einer späteren Zeit verflochten werden. Dazu ist aber zu bemarken, daß eine sittliche Forderung etwa der talmudischen Zeit nicht logisch herausgesponnen ist aus einer Vorschrift der Bibel, sondern der überaus starke Konservatismus des jüdischen Volkes sich erst beruhigt zu fühlen schien, wenn das betreffende Gesetz als Auslegung einer biblischen Stelle gelten dürfte. Erinnern wir hier an den zu An- und der zionistischen Organisation in Bulgarien Herr Dr. Ehrenpreis durch sein Verhalten Anlaß zu berechtigten Vorwürfen gegen ihn gab, fühlen wir uns nicht mehr veranlaßt, seine Zuschrift zu veröffentlichen. Wir meinen, daß die Affäre nunmehr vor ein Parteigericht gehört und nicht mehr in einer Zeitungspolemik ihre Lösung finden kann. Wenn Dr. Ehrenpreis, wie er uns in seiner Zuschrift erklärt, sich noch immer als Zionist fühlt und der zionistischen Weltorganisation angehört, so wird er wohl keinen Anstand nehmen* die Streitfrage vor einem zionistischen Parteigericht untersuchen und schlichten zu lassen. Dann erst, wenn das Parteigericht seine Entscheidung getroffen haben wird, werden zionistische Zeitungen und Organisationen eine definitive Stellung zum Talle Ehrenpreis nehmen können. Bis dahin müssen wir es uns versagen, in der Oeffentlichkeit diese Angelegenheit breitzutreten, weil dadurch der Fall nicht aufgeklärt wird, und es nicht im Interesse der zionistischen Organisation liegen kann, durch langwierige Diskussion den Streitfall in Schwebe zu belassen. Palästina int Bill ln wenigen Tagen wird die große Arbeit, welche der Verlag „Jüdische Zeitung“ auf sich genommen hat, beendet sein und das Prachtwerk „Palästina im Bild“ wird der Oeffentlichkeit übergeben werden. Der Verlag hat den Vertretern aller bedeutenden zionistischen Behörden und großen jüdischen Institutionen Gelegenheit gegeben, die Proben der Bildwerke zu besichtigen. Das einstimmige Urteil lautet dahin, daß in künstlerischer Hinsicht dieses Werk unerreicht dasteht und das im Dienste der Propaganda für Palästina und die zionistische Idee, „Palästina im Bild“ unentbehrlich sein wird, ln der vergangenen Woche führte Gesinnungsgenosse Dr. Leo Kann, der Schöpfer von „Palästina im Bild44, in den Räumen des Photoklubs dessen Vizepräsident er ist, das Werk in Form von Lichtbildern vor. Mit Rücksicht auf den beschränkten Raum konnten nur wenige, an leitender Stelle stehende Parteifreunde beigezogen werden. Die Präzision und Lebendigkeit der Bilder lösten einen überwältigenden Eindruck aus. ln den ersten Herbsttagen werden auch die Lichtbilder der großen Oeffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Das Interesse für „Palästina im Bild“ gibt sich in einer Fülle von Zuschriften, Anfragen und Vormerkungen, welche täglich an die „Jüdifang der talmudischen Epoche herrschenden Brauch, Streitfragen im Lehrhaus einfach so zu lösen, daß ein Lehrer erklärte, er habe dies von seinem Lehrer so empfangen; damit war die Entscheidung gegeben. . Die Kontinuität und Einheitlichkeit der jüdischen Sittenlehre soll nicht geleugnet werden, im Gegenteil, sie tritt erst dann klar zu Tage, wenn das Prinzip der jüdischen Ethik auch durch die verschiedensten Lebensbestimmungen der verschiedenen Zeiten hindurchscheint und Richtung gibt; man halte nur das triebhaft-urwüchsige Lebensgefühl der biblischen Zeit gegen den Intellektualismus des Talmuds. Nicht zufällig ist ist die Tatsache, daß von den großen mittelalterlichen Ethikern eigentlich nur Maimonides und Saadja Gaon zitiert werden, aber eines Bachja ibn Pakuda, eines Jehuda Hachosid, des Schulchan Aruch oder wenigstens der antitalmudischen Schriften des Leon de Modena nicht einmal Erwähnung geschieht; und doch sind sie mehr als bloße Epigonen, die nur frühere Epochen zusammenfassen und beerben; von der Sittenlehre der Kabbalah und des Chassidismus ganz zu schweigen. Lazarus’ Strenggläubigkeit allein macht auch das nebenbei vollständig unwissenschaftliche Verfahren erklärlich, von widersprechenden Entscheidungen nur die anzuTuhren, welche zu seinen Anschauungen paßt, oft ohne die Existenz einer anderen Entscheidung zu verraten. Die Ungeschichtlichkeit und damit Unwissenschaftlichkeit dieser „Ethik des Judentums“ be-