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Jüdische Zeitung · 1912-08-02 · 31 (2.8.1912) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
31 (2.8.1912)
Date
1912-08-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 eigene Nation ist den ottomanischen Juden dringend zu raten. Die türkische Krise mag welchen Verlauf immer nehmen, die Juden haben nichts zu. fürchten, wenn sie durch eine innerhalb ihres Volkes zu leistende Wirtschafts- und Kulturarbeit erstarken werden. Es gilt, alle Kräfte auf diese innere Arbeit zu konzentrieren, dann braucht den türkischen Juden vor der Zukunft nicht bange zu sein. Die Auswanderung aus Palästina. Nirgends kommt die heuchlerische Verlogenheit einer gewissen Assimilantenpresse so zum Ausdruck, wie in ihrer Haltung zur jüdischen Palästinaarbeit. Erst wurde diese als lächerlicher Wahnwitz bekämpft oder besser gesagt, verspottet, dann aber, als die Ausstrahlungen der wachsenden jüdischen Siedlung in Palästina immer stärker wurden, trat plötzlich ein Umschwung ein, und dieselben Blätter, die früher Palästina als eine Sandwüste verschrieen hatten, nahmen die jüdischen Institutionen, die trotz ihres bisherigen heftigsten Widerstandes immer besser gediehen, unter ihren Schutz und geberdeten sich auf einmal so, als ob s i e das Verdienst an ihrem Dasein hätten, ja, sie nahmen sogar die Miene von gründlichen Kennern der Palästinaarbeit an und erteilten den Zionisten Ratschläge und Zensuren. Aber der destruktive Charakter der assimilatorischen Journalistik erlaubt es nicht, sich an einer jüdischen Schöpfung restlos zu freuen,, und als die Auswanderung aus Palästina durch verschiedene Ursachen größer wurde als normal, vergossen die Assimilantenblätter wahre Krokodilstränen darüber, daß durch diese Emigration das so schöne Werk der sonst von ihnen beschimpften und verleumdeten Zionisten in Palästina gefährdet sei. Es ist klar, was mit dieser erbärmlichen Heuchelei beabsichtigt ist. Unter der Maske; des betrübten Freundes will das Assimilantenblatt zu verstehen geben, daß alle Bemühungen der Zionisten, Juden in Palästina anzusiedeln, vergeblich seien, da die Juden wieder massenhaft auswandern. Es tut not, solchem Beginnen entgegenzutreten und die Dinge so darzustellen, wie sie sind. Es ist richtig, daß es momentan eine jüdische Auswanderung aus Palästina gibt. Aber diese stammt aus den Kreisen der Jerusalemer Chalukajuden und ist hauptsächlich verursacht durch den Zusammenbruch einiger Wohltätigkeitsanstalten. Es gehört ein starkes Stück „Chuzpah“ dazu, dafür die Zionisten und die zionistische Palästinaarbeit verantwortlich zu machen. Die Zionisten haben seit 20 Jahren das System der Chaluka aufs schärfste kritisiert und unablässig Reformen verlangt, freilich, ohne etwas »auszurichten. Sie haben aber nicht nur protestiert, sondern sie haben gleichzeitig eine neue Art von jüdischer Ansiedlung ins Werk gesetzt: eine solche, die nicht auf Schnorrerei, sondern auf produktive Arbeit basiert ist. Sie haben z. B. den Bezalel in Jerusalem gegründet, der heute schon über 600 Arbeiter beschäftigt, deren Zahl sich stetig vermehrt u. a. m. In Palästina pflegt man vom alten und vom neuen Jischub zu sprechen. Wie sehr sich der neue, zionistische Jischub ausdehnt, das ist nur zu bekannt, als daß wir darüber viel Worte verlieren müßten. In Jaffa gab es z. B. 1880 100, 1912 10.000 Juden, also in 32 Jahren eine Vermehrung auf das Hundertfache! Freilich gibt es auch Auswanderungen aus dem neuen Jischub, aber das stammt daher, daß die zionistische Arbeit noch viel zu wenig Unterstützung findet, so daß cs nicht möglich ist, allen Einwanderern Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Eine kleine Aus- JÜDISCHE ZEITUNG Wanderung ist aber in jedem Lande eine normale Ersdieinung. Wo Freizügigkeit herrscht, da fluktuiert die Bevölkerung in der Richtung der lockendsten Lebensbedingungen. Es soll aber zugegeben werden, daß die Auswanderung von aus dem alten Jischub stammenden jüngeren Elementen momentan infolger mancher Ursachen, '.eie der Krise einiger Wohltätigkeitsanstalten, der Lebensmittelteuerung, die keine spezifisch palästinensische Erscheinung ist, etc. größer ist, als normal. Dieser Auswanderung zu steuern, könnte nur durch Schaffung von Arbeitsgelegenheiten geschehen, und die Assimilantenblätter, die so religiös tun und den Chalukajuden Jerusalems sehr nahe stehen, sollten, anstatt Krokodilstränen zu vergießen, lieber dafür Stimmung machen, daß die Chaluka reformiert werde, so daß ihre Gelder zur Produktivmachung der Jerusalemer Judenschaft und nicht zu Almosen verwendet werden. Um die zionistische Arbeit brauchen die Assimilantenblätter sich keine Sorge zu machen. Gerade heuer ist die Zahl der einwandernden Juden nach Palästina bisher rund dreimal so groß gewesen als die Auswanderung. Die Einwanderung bringt junge produktive Elemente. Deshalb vvächst der neue Jischub in Palästina ■unaufhaltsam und er ist kräftig genug, auch die heuchlerische Fürsorge der Assimilantenblätter zu überdauern. flrflfllllfl l Großes Sommerfest in tlllllllllg« Dornbach am Sonntag, den 4. August 1912. Näheres Seite 6. Wie man weffeuropäifdie Kultur verbreitet. Wiener Großjuden als Zivilisat o r e n! Eine tragische Posse. Die türkische Regierung hat zwölf junge Leute nach Wien' gesendet, um sie europäische Erziehung genießen und mit den österreichischen Verhältnissen vertraut machen zu lassen. Die jungen Leute sollen späterhin im kommerziellen Auslandsdienste der Türkei verwendet werden. Eine lobenswerte Idee. Und ebenso lobenswert ist es; daß sich die Wiener Handelskammer erbötig machte, für die vollständige Erziehung der jungen Türken zu sorgen. Selbstverständlich nahm die Pforte den liebenswürdigen Antrag ,an, und die zwölf jungen Leute, elf Mohammedaner und ein Christ, wurden den Herren von der Handelskammer anvertraut. Diese suchten vor allem einen Erzieher und Berater für die Zöglinge aus. Man möchte nun meinen, daß unter allen pädagogischen Kapazitäten Umschau gehalten wurde, denn in diesem Falle kann man wirklich sagen, daß der Beste für diesen Zweck gerade gut genug ist. Aber ,es kam anders. Die Herren suchten nicht lange, sondern übergaben, die jungen Türken dem pensionierten Hauptmann Oppel zur „Erziehung“ und „Zivilisierung“. Hauptmann Oppel ist christlichsozial, er ist der Organisator der berüchtigten Wiener Knabenhorte, von deren Verrohung schon so viel geschrieben wurde, gegen die von vielen Seiten die schwersten Anklagen erhoben wurden und die heute als „unerfreulichstes Wahrzeichen Wiens“ allgemein anerkannt werden. Diesem Manne wurden die Gäste anvertraut.-In Gars, wo Oppel und seine Zöglinge zum Sommeraufenthalt weilen, ergab sich nun Gelegenheit, das Erziehungswerk zu beobachten. Unter anderem erzählten die jungen türkischen Gäste ihren Bekannten, daß ihnen fortwährend über Juden vorgeschimpft werde. Als sie es wagten, gemeinsam mit jüdischen Sommergästen sportliche yNr. 31 Spiele zu pflegen, wurden sie von ihrem Erzieher mit Vorwürfen bedacht und es wurde -ihnen bedeutet, daß man mit Juden nicht zu verkehren hat, was einen von ihnen zur Frage veranlaßte, ob denn die Juden in Europa keine Menschen seien? — Inwieweit die .Herren von der Handelskammer sich durch Bestellung O p p e 1 s als Erzieher versündigt haben, brauchen wir nicht weiter zu besprechen. Ihr Vorgehen ist einfach skandalös und schädigt das Ansehen Oesterreichs im höchsten Grade. Aber vom .jüdischen Standpunkte aus müssen wir bemerken, daß ihr Vorgehen niederträchtig ist. In der Wiener Handelskammer sind die Großjuden, Kornelius Spitzer und Konsorten, maßgebend. Wie dürfen sich diese Leute in ihrer Angst vor den Christlichsozialen so weit vergessen, daß sie ihnen anvertraute Gäste einem bekannten christlichsozialen Antisemiten überliefern, daß sie förmlichen Ex portvon Antisemitismus nach dem O ri e n t betreiben? Oft wurde den Zionisten zum Vorwurf gemacht, daß sie den Großjuderi zu hart an den Leib rücken. Der geschilderte Vorgang zeigt, daß bisher viel zu milde Worte bei der Charakterisierung dieser Elemente verwendet wurden. Reifiispoliiiii oder Prouinzeigenftrödelei. (Brief aus Galizien.) y Die politische Konferenz der westösterreichischen Zionisten hat mit Nachdruck die Wiedervereinigung der einzelnen zionistischen Organisationen Oesterreichs zu einer Reichsorgänisation gefordert und mit Stimmeneinhelligkeit diesbezügliche Beschlüsse gefaßt. Nunmehr liegt seitens der galizischen Partei im „W s c h 6 d“ eine Aeußerung vor, welche die Notwendigkeit und die innere Berechtigung einer jüdischen Reichspolitik anerkennt und sich mit dem Vorschläge, einen allgemeinen österreichischen Parteitag einzuberufen, im Prinzipe einverstanden erklärt. Die Entscheidung in dieser Frage wird, was die zionistische Partei Galiziens betrifft, dem galizischen Parteiräte überlassen,'"allPclessen najdister Sitzung die Frage der Reichsorganisation gemäß einem früher gefaßten Beschlüsse einen Punkt der Tagesordnung bildet. ' . In dem im „Wschöd“ erschienenen Artikel wird aber auch darauf verwiesen, daß gewisse Angelegenheiten unbedingt den einzelnen Landesorganisationen zur Behandlung und Durchführung zugewiesen bleiben müssen. Dieser Standpunkt ist wohl von niemandem als unberechtigt betrachtet worden. Es handelt sich nur darum, was man in einzelnen Fällen als ausgesprochene Lokalangelegenheiten zu betrachten hat, was jedoch trotz Gegenbehauptungen dennoch allgemeine prinzipielle Bedeutung besitzt und in seinen Wirkungen weit über den Rahmen der lokalen Parteiinteressen hinausgeht. Immerhin ist es lebhaft zu begrüßen, daß seitens der galizischen Parteileitung der dezidierte Wille kundgegeben wird, sich mit allen österreichischen Gesinnungsgenossen an einen Tisch zu setzen, um über die Frage der gemeinsamen Organisation zu beraten. Es ist kein Zweifel, daß diese Beratungen von Erfolg gekrönt sein werden, wenn der gute Wille anhält und die Ueberzeugung, daß die zionistische Organisation um alle Juden ein festes Band zu schlingen, Ost und West im Judentum zu vereinigen, berufen ist, feste Wurzeln geschlagen hat. Gerade die Ereignisse der letzten Zeit belehrten;, daß die Grundlinien der Judenpolitik sowohl in West wie auch in Ost dieselben sein müssen, da hier und dort dieselben Erscheinungen zutage treten. Am flagrantesten beweist dies folgendes Ereignis: NIEDERLÄNDISCHE LEBENS -VERSICHERUNGS - GESELLSCHAFT WIEN, I», ASPERNPLATZ 1. 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