Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 30 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 30 Die Rückwirkungen des Krieges gegen Ende des Jahres, sowie die auch Palästina nicht verschonende Choleraepidemie brachten neue Unruhe in das Land Ein Schwerer Unglücksfall im Dorfe Meron bei Safed — der Einsturz eines Dachgeländers am Lag Baomer bei einem Volksfest zu Ehren des R. Schimeon ben Jochai — versetzte viele Familien in Trauer. Der Hilfsverein der Deutschen Juden überwies für die Hinterbliebenen Witwen und Waisen telegraphisch 1000 Frcs. Rühmliche Erwähnung verdient die menschenfreundliche Haltung des Kaimakams Hussein Effendi el Hadab in Safed bei dem Rettungswerk und später bei dem Hilfswerk für die Witwen und Waisen. Dieser Kaixnakam leistet sehr viel für Safed — er hat sich audi u. a. um das Zustandekommen der Wasserleitung in Safed verdient gemacht Audi für die kulturelle Entwicklung interessiert sich dieser aufgeklärte Beamte. Sehr beachtenswert ist seine Erklärung — ein neuer Beweis, wie richtig das vom Hilfsverein der Deutschen Juden vertretene Schulprogramm bezgl. der Landessprachen ist — daß er bedauerlicher Weise nicht imstande sei, die Juden — wegen ihrer Nichtkenntnis von Türkisch und Arabisch — als Gerichtsfunktionäre anzustellen. Nach Mitteilungen, die durch die Presse gingen, soll es bei der Klagemauer in Jerusalem zu starken Störungen der althergebrachten gottesdienstlichen Uebungen der Juden gekommen sein. Die Berichte darüber geben kein ganz zutreffendes Bild von der Lage der Dinge. Da von diesen Darstellungen auf eine judenfeindliche Haltung der Bevölkerung falsche Rückschlüsse gezogen sind, und eine Richtigstellung daher von Bedeutung ist — die einschlägigen Verhältnisse auch kulturhistorisches Interesse bieten — wollen wir ganz kurz den Sachverhalt darlegen; Den- Ausgangspunkt Von Streitigkeiten bildete die Verengerung der Passage an der Klagemauer durch Bänke und eine Scheidewand für männliche und weibliche andächtige Juden. Die Häuser in der nächsten Umgebung der Klagemauer sind „Wakuf“ für die westafrikanischen Mohammedaner, welche in diesem Viertel wohnen.. Der Raum vpr der Klagemauer, etwa 6—7 Meter breit, da, wo die Juden beten, ist gleichzeitig eine Passage •für die Bewohner der umliegenden Häuser. In der Wakufurkunde für die Häuser der westafrikanischen Mohammedaner ist bemerkt, daß die Passage zugleich den Juden als Betraum dienen muß, und dieses Vorrecht wird auch heute Von keiner Seite beanstandet Infolge eines Protestes der Westafrikaner bei der Wakufbehörde (Behörde für Stiftungsgut), den diese an die Idara (Landtag) leitete — alles ohne Wissen der maßgebenden Personen unter den Juden, die event eine Verständigung mit den Westafrikanem resp. den Behörden leicht hätte herbeiführen können — entschied die Idara, daß den Juden wohl das Recht zusteht, an der Klagemauer zu beten, nicht aber ein .solches, durch Aufstellen von Wänden und Bänken den Durchgang zu behindern. Die Angelegenheit ist in weiterem Instanzengange an die Zentralregierung gelangt, und der Pascha von Jerusalem, an den sich eine jüdische Deputation gewandt hatte, hat derselben eine definitive Entscheidung noc hfnicht übermitteln können. Der Hilfsveren unterhält resp. subventioniert folgende Anstalten r Jerusalem. 3 Kindergärten des Hilfsvereines der Deutschen Juden; Kindergärtnerinnenkursus des Hilfsvereines der Deutschen Juden; Mädchenschule des Hilfsvereines der Deutschen Juden; Lämelschule des Hilfsvereines der Deutschen Juden; Lehrerseminar des Hilfsvereines der Deutschen Juden; Handelsrealschule des Hilfsvereines der Deutschen Juden; Abendschule Moriah; Talmud Thoria der Grunsiner; Cheder Thora der Aschkenasim; Rabbinerkursus des des Hilfsvereines der Deutschen Juden; Jüdisches Mädchenheim; Jüdische Zentralbibliothek; Augenklinik des palästinensischen Hilfsvereines Lemaan Zion. Jaffa. 3 Kindergärten des Hilfsvereines der Deutschen Juden; Knabenschule des Hilfsvereines der Deutschen Juden; Hospital Schare - Zion. Haifa. Kindergarten des Hilfsvereines der Deutschen Juden; Mittelschule des Hilfsvereines der Deutschen Juden. Safed. Kindergarten des Hilfevereines der Deutschen Juden. "^^^Mbewährte Nahrung für gesunde u.kranke Kinder sowie Magenleidende. Verfiiitö iLbesedigt Brechdurchfall. Oiarrhoe.Darmkafarrh. Preis per Dose K 1.80;erhälHich in jeder Drog.uApaHi Beirut Kindergarten des Hilfsvereines der Deutschen Juden. Tiberias. Kindergarten des Hilfsvereines der Deutschen Juden. Hebron. Talmud Thora-Schule für Knaben und Mädchen. Rechowoth (Kolonie). Kindergarten; Schule für Knaben und Mädchen. Katrah (Kolonie). Schule für Knaben und Mädchen. Zum1 April 1912 kommt noch eine Knabenschule des Hilfsvereines der Deutschen Juden in Safed, wie oben erwähnt, hinzu. Juden in preuftifdien Bergwerften. Wir erhalten in dieser Angelegenheit folgende Zuschrift: Die „Jüdische Zeitung“ brachte in Nr. 27 ohne jeden Kommentar einen Artikel des Gg. Dr. Theilhaber, den dieser in der Berliner „Welt am Montag“ veröffentlicht hatte. Die Aktiengesellschaft für Bergbau- und Eisenhüttenbetrieb in Preussisch-Schlesien hat sich nämlich über Anregung mehrerer einflußreicher Stammesgenossen entschlossen, jüdische Arbeiter aus Rußland, Galizien oder auch aus Deutschland als Hilfsarbeiter zu beschäftigen. Es sollen den Arbeitern eigene Wohnräume zur Verfügung gestellt werden; ebenso ist es ihnen gestattet am Sabbat und jüdischen Festtagen zu feiern und auch für rituelle Verköstigung gesorgt. Gegen diese Bestrebungen wendet sich nun Herr Dr. Teilhaber, indem er seinen Bedenken Ausdruck gibt, wie sich diese ausländischen Arbeiter im Falle eines Streikes verhalten würden und er apelliert schließlich an die christliche deutsche Arbeiterschaft, „gegen diesen Menschenhandel Front zu machen.“ Zur Orientierung der Leser muß bemerkt werden, daß die „Welt am Montag“ ein sehr verbreitetes Montagsblatt ist und von mindestens 200.000 Personen (meist Nichtjuden) gelesen wird. Ist es richtig, die deutschen Arbeiter aufzufordern gegen die Einwanderung hungernder jüdischer Arbeiter Stellung zu nehmen? Ich glaube, daß Herr Dr. Theilhaber mit seinen Aeußerungen in dieser Frage etwas zu weit gegangen ist. Wenn die Arbeiter aus Lodz und Balut, die heute buchstäblich verhungern müssen, Beschäftigung finden, ohne ihr Judentum opfern zu müssen, so sollte dies jeder Jude, ohne Unterschied der Parteistellung begrüßen, nicht aber zu bekritteln suchen. Gewiß wäre es uns Zionisten sympathischer, wenn gewisse wohlhabende Juden ihre materielle und moralische Unterstützung dem Zionismus angedeihen ließen, aber schließlich kann man doch Niemandem vorschreiben, in welcher Weise er sich gemeinnützig betätigen soll. Als Vorstandsmitglied einer jüdischen Handlungsgehilfen-Organisation kann ich es nur mit Freude begrüßen, wenn es Männer, wie Stadtrat Wiener in Kattowitz u. a. gelingt, armen Juden nicht durch Almosen, sondern durch Schaffung von Arbeitsgelegenheit zu helfen. Daß damit die Judenfrage nicht gelöst Wird, ist selbstverständlich. Jedenfalls scheint mir der Plan realisierbar, da gegenwärtig ein Mangel an Hilfsarbeitern im Bergbau herrscht und schließlich, falls einmal ein Streik ausbrechen sollte, die Juden ohnedies mitfeiern müßten. Kommt Zeit, kommt Rat. Es ist nicht notwendig, sich jetzt schon darüber den Kopf zu zerbrechen. Schlimmer als im Reiche des Zaren wird es den jüdischen Arbeitern fn Preussisch-Schlesien gewiß jnicht gehen. Es ist auch möglich, daß nach einigen Jahren diese Arbeiter kleine Ersparnisse machen, nach Erez Israel auswandern und durch andere jüdische Arbeiter ersetzt werden. Jedenfalls handelt es sich hier um ein Werk, dessen Durchführung gerade uns Zionisten nur nützen kann, da, abgesehen von der Rettung tausender arbeitender Juden, das Märchen von der angeblichen Feigheit und Arbeitsscheue der Juden gründlich zerstört, also den Assimilanten eines ihrer beliebtesten Argumente gegen den Zionismus genommen wird. B. Grünhut. * - * Ueber das gleiche Thema schreibt Kommerzialrat Siegfried Wiener (Kattowitz) im Hamburger „Isr. Familieblatt“: Die Sorgen des Herrn Dr. Theilhaber wegen Streik usw. sind doch eigentlich die Sorgen der Sozialdemokraten. Wenn diese nichts darin finden, so braucht Herr Dr. Theilhaber wirklich kein Obersozialdemokrat zu sein. Tatsächlich Sind die oberschlesischen Arbeiter sehr zufrieden damit, da die jüdischen Arbeiter zunächst nur als Hilfsarbeiter ange^- nommen werden. Nun Zur Streikgefahr. Wenn man als Streik das plötzliche, ungesetzliche, weil ohne Einhaltung der Kündigungsfrist erfolgte Einstellen der Arbeit bezeichnet, so ist es allerdings wahr, daß wir zu ungesetzlichen Maßnahmen unsere Hand nicht bieten werden und daß die ausländischen Arbeiter tatsächlich Gefahr laufen, b e i ungesetzlichem Verhalten mit den behörden in Konflikt zu geraten. Das ist dann auch ganz in Ordnung. Handelt es sich aber um eine gesetzmäßige Einstellung der Arbeit, also unter Einhaltung der vierzehntägigen Kündigungsfrist, iso wird ihnen die Behörde kein Haar krümmen. Seit 25 Jahren war in Oberschlesien kein Streik. Das liegt daran, daß noch nicht 30 Prozent der oberschlesischen Arbeiter organisiert sind, somit also über 70 Prozent keine Streikunterstützung erhalten. Ein Streik in Ober- Schlesien ist daher in hohem Maße unwahrscheinlich. Bricht aber wirklich ein Streik aus, so streiken vor allen Dingen die gelernten Arbeiter, die Häuer. Wenn diese streiken, so ist die Arbeit der Hilfarbeiter damit erledigt. Diese feiern und müssen von der Grube bezahlt werden. Außerdem haben wir noch keinen Streik gehabt, der vier Wochen gedauert hätte, und für eine 30 Pfennig-Fahrkarte sind die Leute in ihrer Heimat auf russischem oder galizischem Boden, wo sie das Ende des Streiks abwarten können. Brauchen wir uns wirklich den Kopf jetzt zu zerbrechen, was im Streikfalle geschehen soll? Wir werden uns dann schon in Berlin Rat holen. Es ist auch unzutreffend, daß die Regierung die Einwanderung jüdischer Arbeiter begünstigt. Das genaue Gegenteil ist richtig. Die Regierung "macht zur Zeit allerhand Schwierigkeiten, die wir allerdings zu überwinden hoffen. Tatsächlich bringen auch die Gruben Opfer, indem sie die Leute von der Arbeit am Sabbat befreien und sie dafür am Sabbat abends Nachtschicht machen lassen, indem sie ferner den. Leuten besondere Wohnhäuser zur Verfügung stellen und in diesen nicht nur Schlafzimmer, sondern auch Speiseräume, ferner Räume, in welchen die Arbeiter nach der Arbeit sich durch Lektüre, die wir ihnen zur Verfügung stellen, erholen (die Leute verlangen iu. jadie Jüdische Geschichte von Graetz) und in welchen sie auch ihre gemeinsamen Gebete verrichten. Wir haben jetzt schon einen Stamm arbeitswilliger Leute auf den Gruben untergebracht. Die Leute sind glücklich, daß sie sich und ihre Familien auf anständige, ehrliche Weise ernähren können. Am frühen Morgen 4i/3 Uhr verrichten die Leute ihr gemeinsames Gebet mit Minjan, bevor sie in die Grube einfahren, und am Abend ebenso. Dazu werden die Leute von uns nicht etwa genötigt, sondern sie tun es so, wie sie es von Hause gewöhnt sind. Es sind auch jüdische Kantinen eingerichtet, wo die Leute sich in zuverlässiger Weise ihre Nahrungsmittel beschaffen können. Manche verdienen schon bis 4.50 Mark täglich (in Akkord); sie können mit der Zeit bis 6 Mark steigen. An unserer Unterstützungskasse in Kattowitz haben wir die Einrichtung getroffen, daß ein Beamter von uns anwesend ist, der den arbeitskräftigen Wanderarmen anstatt Almosen Arbeit zuweist. Das hat schon zur Folge gehabt, daß Arbeitsscheue Kattowitz in weitem Bogen umgehen. Wir haben auch das Problem gelöst, trotz der Sabbatfeier und der Sonntagsruhe den Leuten sechs Tage in der Woche Arbeit zu schaffen. Im übrigen sind die Leute natürlich in Krankheitsfällen versorgt, wie die anderen Arbeiter, bei Betriebsunfällen und im Todesfälle haben sie resp. ihre Angehörigen genau dieselben Ansprüche an die Berufsgenossenschaft (Knappschaft) wie die deutschen Arbeiter. Die Leute werden mit der Zeit in' der Lage sein, nicht nur für sich und ihre Angehörigen zu sorgen, sondern auch einige hundert Mark im Jahre zu sparen, mit denen sie nach Belieben am Ende des Jahres in das Land der Freiheit auswaridern n»s ÜHtaM J. Olllll ira Wien, II., StelanieitraBe Nr. 14. Telephon interurban 13702. 70 modemst eingerichtete Zimmer von K 2.80 aufwärts. In unmittelb. Nähe des Nordu. Nordwestbahnhofes, 5 Minuten vom Stadtzentrum. BADEN bei Wien, Antonsg. 13, Franzensstr. 34. Telephon interurban 217. 400 Personen fassend schöner Naturgarten. Elektrisch beleuchtet. GroQe Veranden und Säle vis-ä-vis dem Kurpark. GroBe Speisesäle zur Abhaltung von Hochzeitsdiners und anderen festlichen Veranstaltungen. 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