Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 30 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2438141-2438380-2438410--3123-2442861- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Aleppo 1× ep/1047811
OCR text
Nr. 30 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 sitze zu bekämpfen mit der Glut der Begeisterung für echtes, unverwässertes Judentum. Von Chibbath Zion — von Liebe zu Zion — beseelt gründete er „Esra“ die deutsche Zentrale der „Chowewe Zion“, der „Zionsfreunde“ und die Richtung des von ihm begründeten Organes war nie ein „orthodoxe“, sie war eine gutjüdische. Ein Sohn dieses Hildesheimer begab sich nun jüngst nach Frankfurt a. M. um dort über die Agudas Iisroel, in seinem Sinne — im Sinne eines Hildesheimer — zu sprechen. Er stellte die neue Gründung so dar, und wie sie ihrem Namen nach sein sollte, als eine alljüdische oder gesamtjüdische Organisation, die alle Anhänger des überlieferten unverfälschten Judentums umfassen soll. Ihm trat nun der eigentliche Spiritus rector der neuen Organisation, Ra'bbi Breuer entgegen, um mit aller Schärfe als Ziel und Zweck der Ag. Isr. den Kampf hinzustellen, den Kampf gegen die „Alliance“ und gegen den jüdischen Nation a 1 i s mu s, gegen den Zionismus. Wer in der Versammlung Recht behielt, wissen wir nicht. Denn das in Frankfurt a. M. erscheinende „Zentralorgan“ der Orthodoxie und der „Agudas Iisroel“, das über die Versammlungen aller zu gründenden Ortsgruppen berichtet, verweist uns bezüglich der Versammlung in Frankfurt a. M. auf die Berichte der Frankfurter Tagesblätter. Aus diesen Berichten und aus dem Schweigen des „Israelit“ ist zu entnehmen, daß es sich hier nicht darum handelt, wer im Rechte ist und wer Recht behält, ob Breuer oder Hildesheimer, sondern es handelt sich um die Frage der Agudas selbst. Um die Frage Sein oder Nichtsein. Um die Frage, ob sie das sein wird ,was allein ihr ein Recht geben würde auf den Namen „Agudas Iisroel“, einen Bund Israels, oder ob sie sich dazu ausgestalten wird, wozu Rabbi Breuer sie machen will, zur Kampf Organisation der Orthodoxen nach dem Ebenbilde des Schöpfers, Rabbi Breuers, zur Organisation der „ecclesia militans“ im Judentum. „Das Judentum wird zionistisch sein, oder es wird nicht sein“ sagen wir mit Meister Nordau. Die „Agudas Iisroel“ wird antizionistisch sein, oder sie wird nicht sein, sagt Breuer. Die Agudas steht am Scheidewege. Die Entscheidung muß bald fallen. Als Weltkinder wollen wir nicht unter die Propheten gehen, und enthalten uns jeder Vorhersage. Eines aber wissen wir: Es muß und wird innerhalb der Anhänger der neuen Gründung bald zu einer reinlichen Scheidung kommen zwischen denen, die nur Juden sind, und denen, die nur „orthodox“ sein wollen. f. Rfllfllll fl V Großes Sommerfest in illlllllliy« Dornbach am Sonntag, den 4. August 1912. Näheres Seite 6. Lemberger Brief. (Von unserem Berichterstatter.) Durch die Annullierung der Lemberger Ge* meinderatswahlen sieht sich die Lemberger Judenschaft veranlaßt1, zu den Neuwahlen Stellung zu nehmen. Bei den letzten Wahlen wurde die Zahl der jüdischen Gemeinderäte im Lemberger Gemeinderat verringert. Besonders waren es zwei Kandidaten, welche allseits Ablehnung fanden: der berüchtigte Dr. Löwenstein und der diesem geistesverwandte Dr. Hermann Feldstein. In richtiger Erkenntnis, daß die Lemberger Judenschaft nur geschändet wäre, wenn Löwenstein als ihr Vertreter im Gemeinderat figurieren würde, wurde sein Name von den meisten Juden in der Kandidatenliste gestrichen. Der Erfolg blieb nicht aus. Löwenstein und sein engerer Anhang fielen durch. Nun bewerben sich dieselben Leute neuerdings um das Vertrauen der jüdischen Wählerschaft. Die zionistische Partei hat ihren Standpunkt diesen Geschäftspolitikern gegenüber nicht geändert. Nach wie vor treten sie gegen diese Leute auf. Wohl hat sich weder eine deutliche Parteigruppierung vollzogen, noch ist die einzuschlagende Taktik festgestellt. Eines aber ist schon jetzt jedem bewußten Juden klar: mit Löwenstein und seinesgleichen kann und darf es kein Zusammengehen geben. Das Leibblatt Löwensteins schlägt zwar Töne von jüdischer Solidarität an und fordert im Namen der Wahrung des jüdischen Besitzstandes die Unterstützung des assimilatorischen Kandidaten. Zwischen Wolf und Lamm aber gibt es keine Solidarität, und es ist nur allzu begreiflich, wenn sich die Judenschaft sträubt, eine Solidarität mit Dr. Löwenstein, der zu den ärgsten Schädlingen des galizischen Juden gehört, anzuerkennen. # * * Wir haben lange Zeit keinen Anlaß gehabt, uns mit der polnischen Sozialdemokratie zu befassen. In Galizien existiert sie fast nur am Papiere. Ihr Organ, der „Glos“, mußte sein Erscheinen einstellen, ihre Grundsätze, die sie nie ernst vertrat, Versanken spurlos im Abgrunde des mit dem Statthalter geschlossenen Bündnisses. Die Abgeordneten der . polnischen Sozialdemokratie führten ein beschauliches, untätiges Dasein. Es war kein Anlaß, sich mit der polnischen Sozialdemokratie zu beschäftigen, höchstens daß man sich über ihre Haltung anläßlich der Wahlagnoszierungen im österreichischen Parlamente empörte. Vor einigen Tagen kam der Führer der polnischen Sozialdemokratie, Abgeordneter Diamand, nach Stanislau, um einen Rechenschaftsbericht über die Tätigkeit des polnischen sozialdemokratischen Klubs; zu erstatten. Bei dieser Gelegenheit wurde er aber wegen der Haltung bei den Wahlagnoszierungen interpelliert und speziell darum befragt, warum er nicht zur Agnoszierung der Wahl des Abgeordneten Rauch Stellung genommen habe. Abgeordneter Diamand antwortete, daß er mit Rauch, welcher gegen einen Zionisten gewählt wurde, zufrieden wäre, und daß es die Pflicht aller polnischen Sozialdemokraten sei, die Zionisten, die ärgsten Feinde des Polentums, welche alles Polnische aus Galizien verdrängen wollen, zu bekämpfen. So sprach der Vertreter des Lemberger Juden - Viertels, der Obmann der jüdischen Sektion der polnischen Sozialdemokratie. Die Niedertracht eines Löwenstein wird von einem sogenannten Sozialdemokraten überboten. Weitere Kommentare sind überflüssig. * * * Vor einigen Wochen konnten wir von einem glänzenden Siege der Tarnopoler Zionisten bei den Gemeinderatswahlen berichten. Da die Polen einen Protest einbrachten, wurde eine Kommission der Statthalterei nach Tarnopol delegiert, welche nach vorgenommener Untersuchung zur Ueberzeugung gelangte, daß die polnischen Mandate auf unrechtmäßige Weise erlangt wurden. Auf Grund dieses Erkenntnisses wurden die Mandate aus dem dritten Wahlkörper annulliert und für den 29. Juli Neuwahlen ausgeschrieben. Es ist zu hoffen, daß den Zionisten der im Vormonate errungene Wahlerfolg durch die Neuwahlen nicht geraubt werden wird. Bus Palästina und Syrien*). Das Jahr 1911 war ein bewegtes für Palästina; es hat viel Schlimmes gebracht, namentlich für Jerusalem, doch sind auch manche Fortschritte zu verzeichnen. Das für das Gedeihen und die Erschließung des Landes so wichtige Eisenbahnnetz erfährt eine Erweiterung. *) Dem soeben erschienenen Berichte des Hilfsvereines der Deutschen Juden, über dessen diesjährige, am 14. April 1912 stattgefundene Generalversammlung wir seinerzeit berichtet haben, entnehmen wir folgende auf Palästina bezügliche Ausführungen. Es freut uns, an dieser Stelle neuerdings konstatieren zu können, daß sich der Geist, von dem sich der Hilfsverein in seinen Arbeiten leiten läßt, wohltuend von den Tendenzen anderer jüdischer Hilfsgesellschaften abhebt. Namentlich äußert sich die modernere jüdische Auffassung des Hilfsvereines der Deutschen Juden in seinem palästinensischen SchulwerKe, dessen Ausbau gerade uns Zionisten eminent wichtig erscheint.- Es wird mit dem Bau der Eisenbahnlinie Haifa—Jerusalem begonnen, die 40 Kilometer die Geleise der Bahn Haifa—Damaskus benutzen und von Aphule aus nach Jerusalem abzweigen soll. Zunächst von lokaler Bedeutung, ist die neue Strecke Haifa—Jerusalem, wenn die Bagdadbahn bis Aleppo gebaut ist, eine weitere wichtige Verlängerung der Bahnverbindung zwischen Europa und Asien — speziell auch Jerusalem — und ein weiteres Verbindungsglied zwischen Europa-Asien und Afrika. Die Verwirklichung der Linie Jerusalem resp. Jaffa—Port Said ist damit wieder einen Schritt näher gerückt. Die Sicherheitsverhältnisse ließen auch im Jahre 1911 — namentlich in den galiläischen Kolonien — viel zu wünschen übrig. Es ist anzuerkennen, daß auf Intervention des Großrabbinats die Zentralregierung einen besonderen Gendarmeriedienst in Palästina eingerichtet hat, dessen Wirkungen bei den vielen unruhigen, der Kultur noch nicht genügend gewonnenen Elementen allerdings erst allmählich völlig zur Geltung kommen werden. Uebergriffe von einzelnen höheren Beamten gegen Juden kamen vor. Es ist bedauerlich, daß Funktionäre in einflußreicher Stellung in Palästina wie in anderen Teilen des Reiches die Prinzipien der neuen Aera verletzen, aber es sind glücklicherweise in Palästina nur Einzelfälle. Sehr bemerkenswert — und ein hochinteressantes Dokument insbesondere zur jüdisch-palästinensischen Zeitgeschichte — ist der Bericht, der dem türkischen Ministerium für Landwirtschaft, Bergbau und Forstwesen von seinem Departementsvorsteher Theologos Pawlos über die Gegend um Hebron, Jerusalem, Jaffa, Gaza usw. eingereicht worden ist, und in dem er u. a-. die Aufforstung speziell durch jüdische Landwirte angelegentlich empfiehlt Von seinen Ausführungen, die zugleich ein interessantes Licht auf die unwirtschaftliche Bodenkultur der Fellachenbevölkerung werfen, sei das Nachstehende wiedergegeben: „Wie ich Ihnen in meinen früheren Berichten darzulegen mir erlaubt habe, besteht ein großer Teil des Sandschaks aus Kalkbergen, und Weinbau wechselt mit Oliven- und Feigenkultur. Getreidebau ist dagegen sehr beschränkt. Das Volk, das seinen wahren Vorteil nicht kennt, sich nicht, von den zahlreichen Vorteilen dieser Pflanzungen eine bessere Zukunft erhoffend, zu gedulden weiß, zieht eine winzige augenblickliche Befriedigung vor; sie rottet hundertjährige Bäume aus, um sie als Brennmaterial so gut wie möglich zu Geld Zu machen, um sich das tägliche Brot zu verschaffen oder den Fiskus zu bezahlen. Eure Exzellenz wird die Stagnation der fiskalischen Einnahmen infolge des Abholzens dieser Bäume und des wirtschaftlichen Niederganges des Landes anerkennen . . . Auf einer Reise, die Wir in Begleitung Seiner Exzellenz des Herrn Gouverneurs nach Jaffa gemacht haben, haben wir Dünen gesehen, die sich über tausende von Dunam erstreckten. Diese Dünen können von den jüdischen Kolonisten der Umgegend mit Bäumen bepflanzt werden, wenn die Regierung ihnen die Konzession dazu verleiht. Wenn die Beforstung dieser Dünen durch die erfahrenen jüdischen Landwirte methodisch und mit Nutzen erfolgt, wird die Bewegung dieser Wanderdünen, die die benachbarten landwirtschaftlichen Bezirke verschlingen, aufhören, wird die Fieberatmosphäre dieser Gegenden verbessert und der ganze Sandschak mit Brennmaterial versehen werden. Ich erlaube mir also zu empfehlen, diesen Kolonisten durch das zuständige Ministerium das Recht zur Beholzung dieser Dünen verleihen zu lassen.“ — Ueber Jerusalem brach zu Anfang des Jahres 1911 eine schwere Krisis infolge des Zusammenbruches einer Anzahl Wohlfahrtsinstitute etc. herein. Es handelte sich um zwei Altersheime, ein Asyl für Obdachlose und eine Jeschiwah, die viele hunderte von Insassen hatten. Die Wirkungen dieser finanziellen Katastrophe führten nicht nur eine ernste Notlage der unmittelbar Betroffenen herbei, sondern zogen weite Kreise der Bevölkerung, die von den Anstalten ausgegebene Kassenscheine gekauft hatten, oder mit ihnen in Geschäftsverbindung gestanden hatten, in Mitleidenschaft. Es entstand eine ökonomische Krisis, die noch durch den überaus strengen Winter und die infolgedessen eingetretene Lebensmittelteuerung verschärft wurde, so daß infolge Arbeitslosigkeit eine starke Ab- resp. Auswanderung Platz griff. Die Intervention von auswärts konnte dem Notstand nur zum Teile begegnen, hingegen läßt eine Veränderung in dem Verwaltungssystem eine Besserung der Zustände erwarten.