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Jüdische Zeitung · 1912-07-26 · 30 (26.7.1912) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
30 (26.7.1912)
Date
1912-07-26
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 oder in die Heimat zurückkehren können, um einem weiteren Trupp Platz zu machen. Wir gedenken auf diese Weise alljährlich bis zu 6000 Mann die Mittel zur Auswanderung zu beschaffen. Daß sie in Amerika, mit einem Zeugnis der deutschen Gruben versehen, sofort lohnende Arbeit finden, ist wohl zweifellos. Anmerkung der Redaktion. Wir bringen die vorstehenden Aeußerungen zu diesem hochwichtigen Thema, ohne jedoch den Optimismus der beiden Herren vollauf teilen zu können. Die Zuvorkommenheit der preußischen Regierung und der Opfermut der Grubenbesitzer gegenüber armen jüdischen Arbeitern aus dem Osten sind jedenfalls mit größter Vorsicht zu akzeptieren. Ob die Ausführungen Theilh a b e r s in allen Punkten zutreffen, mag dahin gestellt bleiben, jedenfalls muß es unter allen Umständen verhütet werden, daß jüdische Arbeiter, Lohndrücker und Streikbrecher wei den, weil das den Judenhaß in Arbeiterkreisen wecken könnte, die heute noch der Judenfrage ziemlich objektiv gegenüberstehen. Rus dem jüdifdien Leben. Neue Judenausweisungen in Rußland. Petersb urg. In verschiedenen Gouvernements sind gegenwärtig umfangreiche Judenausweisungen an der Tagesordnung. Aus den Dörfern im Kreise Telsh, Gouvernement Kowno, wurden neuerdings 130 jüdische Familien ausgewiesen. Gegen die jüdischen Bewohner des Dorfes Alexandrowsk im Gouvernement Wilna schwebt ein Ausweisungsverfahren. Im Gouvernement Jekaterinoslaw erhielten mehrere hundert jüdische Familien kurzfristige Ausweisungsbefehle. Sie haben sich telegraphisch an den Ministerpräsidenten Kokowzew mit der Bitte um Hinausschiebung des Ausweisungstermines gewandt. Der Erfolg des Gesuches 4t jedoch sehr fraglich. Häuserbau in Kafr-Saba. Pethach Tikwah: In der benachbarten jüdischen Kolonie Kafr-Saba wird am 15. Ab (29. Juli) d. J. die Grundsteinlegung von 12 neuen Häusern festlich begangen werden. Die Verwaltung der Kolonie bemühte sich schon seit längerer Zeit um die Erlangung der Bauerlaubnis, die endlich dieser Tage aus Konstantinopel eingetroffen ist. Der Bau der neuen Häuser dürfte von überaus günstiger Wirkung für die Entwicklung der jungen Kolonie sein, in der es hisher an geeigneten Wohnräumen für die Bodenbesitzer und Landarbeiter fehlte. Sämtliche Bauarbeiten werden von jüdischen Arbeitskräften ausgeführt werden, ln Kafr-Saba werden hauptsächlich Mandeln gepflanzt, da der dortige Boden sich für diese Kultur besonders eignet. Interessant ist, daß auch einige junge Leute aus Chalukakreisen in Jerusalem, z. T. Jeschibajünger, kleine Mandelpflanzungen in Kafr-Saba besitzen, und die Absicht haben, sich mit der Zeit dauernd in der Kolonie als Pflanzer niederzulassen. Organisation der jüdischen Mittelschullehrer in Palästina. Jaffa. Eine Anzahl von Lehreren der. hebräischen Gymnasien in Jaffa und Jerusalem, des jüdischen Lehrer- und Rabbinerseminars sowie der höheren Handelsschule in Jerusalem haben einen Aufruf versandt, in dem sämtliche Lehrer an den höheren jüdischen Schulen Palästinas aufgefordert werden, eine Fachorganisation der jüdischen Mittelschullehrer zu begründen. Die neue Organisation soll eine den Bedürfnissen der verschiedenen Mittelschultypen angepaßten allgemeinen Lehrplan entwerfen, die fachliche Weiterbildung der Mittelschullehrer durch Veranstaltung von Ferienkursen, Lehrertagen und Diskussionsabenden fördern, geeignete Lehrmittel schaffen usw. Auch die Lehrerschaft der demnächst zu begründenden Realschule in Haifa sowie späterhin des Technikums soll in die neue Organisation einbezogen werden. Von der Auswanderung russischer Juden nach Palästina. Odessa. Wie das Informationsbureau des hiesigen Palästinakomitees mitteilt, sind durch seine Vermittlung im Juni d. J. 300 jüdische Emigranten nach Palästina' ausgewandert, und zwar 169 männliche und 131 weibliche Personen. Von den Auswanderern waren 73 noch nicht ls Jahre alt, 99 befanden sich im Alter von 15 bis 30, 77 im Alter von 30—50 und 51 im Alter von mehr als 50 Jahren. Als Reisezweck bezeichneten 35 Personen die Erlangung landwirtschaftlicher Beschäftigung, 25 die Niederlassung als Kolonisten, 26 verschiedene Studien. 104 Besuch ihrer Angehörigen, 36 unternahmen die Fahrt als Vergnügungsreisende und Touristen. 84 Auswanderer stammen aus Südrußland, 60 aus Littauen, 90 aus Polen, 7 aus Buchara, 4 aus dem Kaukasus und 14 aus den inneren Gouvernements. Eröffnung eines jüdischen Lehrerinnenseminars in Jaffa. Odessa. Das hiesige Palästinakomitee der Chowewe-Zion hat in seiner letzten Sitzung beschlossen, Anfang Marcheschwan (Mitte Oktober) d. J. die erste Klasse eines vierstufigen Lehrerinnen-Seminars in Jaffa zu eröffnen. In die neue Anstalt werden Absolventinnen der höheren hebräischen Mädchenschule (Beth-Sepher Lebanoth) in Jaffa sowie entsprechend vorgebildete Mädchen aus anderen Schulanstalten aufgenommen werden. Die .Zahl der Schülerinnen m den einzelnen Klassen soll nicht mehr als 40 betragen. Das Schulgeld ist auf 100 Frcs. jährlich festgesetzt worden. Das Palästinakomitee bewilligte für den Bau der Anstalt 20.000 Frcs., für Möbel und Lehrmittel der ersten Klasse 1850 Frcs., für Lehrgehälter, Anstellung eines Sekretärs, Einrichtung einer Schulbücherei usw. 10.000 Frcs. Vortrag des Bürgermeisters von New-York in einer nationaljüdischen Schule. New York. Jüngst besuchte der Bürgermeister der Stadt New York, Mr. Gaynor, die nationaljüdische Schule in Madison Street und äußerte sich hochbefriedigt über die Leistungen der Anstalt. Die Leitung der Schule richtete nun an Mr. Gaynor, der ein gründlicher Kenner der Bibel ist, die Bitte, in den Schulräumen einen Vortrag über die Propheten Israels zu halten, dessen Reinertrag der Anstalt gewidmet sein soll. Mr. Gaynor erklärte sich mit Vergnügen bereit, dieser Einladung demnächst Folge zu 1 eisten. Rn Herrn Nikolaus Ritter v. tiassilho. Es ist wirklich bitter, so verkannt zu werden, wie Sie. Die „Jüdische Zeitung“ will es nicht haben, daß die Interessen der jüdischen Wählerschaft durch Sie gut gewahrt werden! Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß ich als Kenner der Verhältnisse behaupten, daß Sie sich die jüdischen „Interessen“ sehr zu Herzen nehmen. Insoweit nämlich, als es sich um die Interessen der vielen Wechsel handelt, welche sie an jüdische Geldgeber zu zahlen haben oder schuldig bleiben. Vor einiger Zeit glaubte man, daß mit der Sanierung der Raiffeisenkasse auch Ihre" Privatkasse saniert worden sei, und zwar durch die große Provision, welche Sie für die Vermittlung der Sanierung durch Ihren Freund Anhauch von der Anglobank und Länderbank erhalten haben. Man sieht, daß sich Ihr Patriotismus, edler Ritter, gut bezahlt. Aber diese Vermutung war insofern nicht richtig, als in neuester Zeit, sowohl in Czernowitz als in Wien, häufig Ihre Akzepte zum Kauf angetragen wurden, Diskontosatz natürlich nach Belieben. Sie gelten mit Recht als der Meister der politischen Kuppelei in Oesterreich und wissen mehr als jeder andere zu schätzen, was es heißt, eine gute Presse zu haben. Durch Ihre Erfolge in Provisionsgeschäften und als Schadichen für alle politischen Schmutzereien kühn gemacht, haben Sie es in letzter Zeit verstanden, verschiedene Wiener Tageblätter mit Ihrer Person zu beschäftigen und für sich Reklame zu machen. Wer die Gesinnungslosigkeit und die Unwissenheit unserer Tagespresse kennt, wird sich darüber nicht wundern. Ebensowenig, daß in dem Leiborgan des Rabbi Bloch Ihre Reden Aufnahme finden. Daß dieses Blatt einem Nikolaus Wassilko sympathisch ist, liegt ja auf der Hand. Wir besitzen leider in Oesterreich eine Presse, welche so korrupt oder einfältig ist, daß man es Ihnen nicht verargen darf, ■wenn Sie alle Blätter und alle Politiker für käuflich halten. Manche durch Zuwendung materieller Vorteile, manche , durch Liebenswürdigkeit. Aber es gibt immerhin in unserem lieben Oesterreich, diesem gesegneten Lande der Korruption ein paar ehrliche Blätter, darunter die „Jüdische Zeitung“. Sie haben aber offenbar gedacht, sich bei der „Jüdischen Zeitung“ Sympathie zu erwerben, wenn Sie, der mächtige Mann, sich herablassen, derselben einen eigenhändigen Brief zu schreiben. Aber diesmal irren Sie sich, edler Freiherr. Die „Jüdische Zeitung“ ist nicht käuflich. Am 5. August 1911 richtete ich an Sie ein offenes Schreiben in den „Döblinger Nachrichten“, worin ich Fragen an Sie stellte, darunter eine, woher Sie die Mittel nehmen, als Grandseigneur zu leben. Auf diese Frage haben Sie, sonst so schreib- und redeselig, bis heute keine Antwort gegeben. Insolange Sie nun nicht in der Lage sind, auf diese Fragen eine befriedigende und erschöpfende Antwort zu erteilen, muß ich Ihnen erklären, daß man in Kreisen, wo man noch aut gesellschaftliche und politische Reinheit Wert legt, nicht mit Ihnen verkehren kann. Ihre Macht und Ihr Einfluß wirken nur auf Hintertreppen. Und solange ein gesetz- und gesinnungsloses Regime, wie das des vormaligen Landespräsidenten Bleyleben in der Bukowina herrschte und für unerhörte Wahlbetrügereien seine Bezirkshauptleute zu Ihrer Verfügung standen, da waren Sie der große Mann. Jetzt ist es allerdings mit Ihrer Ihrer Herrlichkeit aus, weil ein charaktervoller Mann dort die Regierung repräsentiert, der Ihnen zwar höflich, aber bestimmt die Türe gewiesen hat. Deshalb haben Sie auch den bekannten Schwindel mit der ruthenischen Obstruktion im Parlament inszeniert, angeblich um eine ruthenische Universität zu erlangen. Jedenfalls empfinden Sie das Bedürfnis, an derselben eine Professur zu erlangen für die Wissenschaft der politischen Kuppelei. Ich weiß zwar nicht ganz genau, ob Sie ordentlich ruthenisch sprechen können, denn als ich das Vergnügen hatte, Sie kennen zu lernen, da waren Sie noch Jungrumäne; über Nacht sind Sie auch Ukrainer geworden:, und ich zweifle nicht daran, daß Sie ebenso auch Chinese werden, wenn etwas dabei herausschaut, damit Sie Ihren sybaritischen Neigungen Genüge tun können. Was Sie und Ihre Mithelfer dem ruthenischen Volke angetan haben, darüber gibt die Interpellation des Abgeordneten Gregorowic im Abgeordnetenhause genügend Auskunft. Und nun zur Haltung gegenüber der jüdischen Wählerschaft. Als im April 1911 das Ab- ’ordnetenhaus aufgelöst wurde, da hielten Sie in Wien mit Bienerth, Geßmann und Genossen eine Konferenz, worin beraten wurde, wie die Reichsratsmandate in der Bukowina der herrschenden christlichsozialen Partei zugeführt werden sollen. In Czernowitz-West wollte man die jüdischen Wähler fangen, damit sie für den wackeren Skedel mit den 17 Ehrenworten stimmen und versprach ihnen dagegen das „jüdische“ Mandat in den drei Städten. Es war jedoch von vornherein ausgemacht, daß die Juden um dieses Mandat beschwindelt werden sollten. Das läßt sich aktenmäßig nachweisen. Die Juden in Czernowitz fielen nicht auf diesen niederträchtigen Betrug hinein und die Wähler in den drei Städten auch nicht. Wenn auch das Mandat in den drei Städten durch die Amtsverbrechen gestohlen wurde, so ändert dies nichts an der Tatsache, daß die immense Majorität der Wähler, und zwar nicht bloß die jüdischen, sondern alle, welche noch ein Herz für Ehrlichkeit im politischen Leben besitzen, mir ihre Stimme gaben und mich wie einen Befreier begrüßten. Das hat sich seither nicht geändert durch die schmachvolle Abstimmung im Abgeordnetenhause, welche Sie inszeniert haben, um jenen unerhörten Wahirechtsraub zu sanktionieren. Ich spreche kühn die Behauptung aus, daß jeder Abgeordnete, welcher für die Agnoszierung dieser Wahl gestimmt hat, eine ehrlose Handlung begangen hat. Das schmachvollste war aber die Abstimmung der ruthenischen Abgeordneten, welche Ihrem Rufe folgten und welche damit eine unsägliche Felonie an ihrem eigenen Volke begangen haben. Mit diesen Herren werde ich ein anderesmal abrechnen, und ich hoffe es noch zu erleben, daß Herr Kost-Lewicky und sein Gefolge den wohlverdienten Lohn für ihren Verrat an der Sache des Volkes erhalten werden. In meinem offenen Briefe habe ich Ihnen versprochen, daß ich mich bemühen werde, Ihren schädlichen Einfluß zu beseitigen, und es dürfte mir nicht zu viel Mühe machen. Es geniert mich garnicht, daß einige ehrsüchtige oder naive Bankdirektoren, welche Sie gar nicht kennen, Ihnen Verwaltungsratsstellen verschafft haben. Diesen Herren werde ich noch Rede stehen müssen. Ich kenne die Quellen Ihrer Kraft und auch die Stelle, wo Sie sterblich sind, und Ihre Verdienste um die jüdische Wählerschaft und um das ganze öffentliche Leben werden bald nach Gebühr gewürdigt werden. Lucian Brunner. VepeinsnadiFiditen. Wien. (Herzl-Klub.) Dienstag, den 30. Juli 1912, präzise Uhr abends im Vereinslokale, II. Stefaniestraße 12, Vortrag des Herrn cand. m e d. Gersuni über „Der Zionismus als sozial-ethische Bewegun g.“ Gäste herzlichst willkommen! Wien. (Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler.) Samstag, den 20. Juli fand die Promotion unserer A. H. Fritz Oberländer und Otto Sonnenmark, zu Doktoren der Rechte statt. Wien. (Vereinigung jüd. Hochschüler aus den südslawischen Ländern „Bar Giora“. Den Gg. wird bekanntgegeben, daß die Abhaltung des VI zionistischen Kongresses der jüdischen Hochschüler in Belgrad leider unterbleiben muß und zwar mit Rücksicht auf den Beschluß der dortigen Gesinnungsgenossen die sich gegen einen zionistischen Kongreß äußerten, da das Terrain noch nicht genügend vorbereitet ist. Von diesem Beschlüsse setzen die Ausschüsse der Vereinigungen „Bar Giora, Esperanza und Judea“ sämtliche Gg. in Kenntnis.

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