Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 30 (26.7.1912)
- Date
- 1912-07-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 30 markt! Das allerchristlichste Spanien buhlt um die ..Gunst der Juden. Der Erfolg dieses spanischen Versuches ist abzuwarten. Es ist zumindest zweifelhaft ob sie durch Judengunst das zurückerobern werden, was sie im Laufe der Jahrhunderte durch Untüchtigkeit verloren haben. Ferien und Ferialarbeit. Die allgemeine politische und wirtschaftliche Lage im heurigen Sommer ist keineswegs darnach angetan, sich lange Ferien zu gönnen, sondern bietet vielmehr einen ernsten Anlaß zu emsiger Ferialarbeit. Vor allem müssen die Beschlüsse der „P o 1 itischen Konferenz“ durchgeführt, der Ausbau unserer Organisation ungesäumt in Angriff genommen werden und in weiterer. Linie der allgemeine österreichisch - jüdische Parteitag ehestens stattfinden. Bei dieser Arbeit rechnen wir auch auf die Mitwirkung unserer akademischen jüdischen Jugend, die anläßlich Ihres :am .15. August in G o eding zusammentretenden Studententages Gelegenheit haben wird, über ihre Stellung innerhalb der „Jüdischen Moderne“ sich klar zu werden. Die Studentenschaft, die Vertreterin der kommenden Gneration hat die Aufgabe, in den großen Zeit-und Streitfragen den Standpunkt der Entwicklung, den wahrhaft fortschrittlichen Standpunkt im guten Sinne des Wortes (nicht parteipolitisch genommen) zu vertreten. Die österreichische Studentenschaft im allgemeinen und die zionistische insbesonders ist aber im Laufe der Jahre immer taehr ko nservativ geworden und hat mit der notwendigerweise vor sich gegangenen Evolution des Zionismus sich nur teilweise parallel weiter entwickelt. Mag man nun der Meinung sein, daß die jüdisch-nationale Studentenschaft schon während ihrer Studentenzeit oder erst wenn sie hinaustritt ins Lehen, sich politisch betätigen soll; in beiden Fällen muß sie ausgerüstet sein mit dem nötigen Wissen, um ihre Aufgaben als moderne Juden, moderne Oesterreicher und moderne Kulturmenschen zu erfüllen. Und hier komme ich zu einem äußerst kritischen Punkte in dem'Gedankenleben eines Teiles unserer zionistischen Studentenschaft. Er glaubt für sein Volk tätig sein zu können, auch wenn er abstrahiert von dessen täglichen Bedürfnissen und iwenn er den engen Causalnexus ignoriert, der zwischen der Nationalitätenfrage, sowie dem sozialen Problem und der Judenfrage besteht. Wer aber hat denn die Aufgabe, diese Zusammengehörigkeit stets im Auge zu behalten, an dem Ausbaue der theoretischen Grundlage unserer Bewegung und in späterer Zeit an 'deren praktischer Arbeit in erster Linie mitzuwirken? In erster Linie unsere Jugend, sowie die aus ihr hervorgegangenen Intellektuellen. Zu diesem Zwecke muß in sämtlichen j ü dis ch-aka d em is ch en Vereinen und Verbindungen unsere Jugenderziehung ganz anders als bis nun beschaffen sein. Hier wird der Studententag Wandlung schatten müssen. Er wird vorläufig allerdings nur dieselbe innerhalb der mährisch-schlesischen Ferialverbindungen anzubahnen in der Lage sein; aber wenn dies gelänge, wäre es ein schöner Anfang! Die Vereine und Verbindungen dürfen sich nie als Selbstzweck, sondern immer nur als Glieder der großen gesamtjüdischen Renaissancebewegung betrachten und unter diesem Gesichtspunkte müssen alle kleinlichen Streitigkeiten in den Hintergrund treten, müssen die Vorträge, die Prüfungen und die Bibliotheken in den einzelnen jßtudentenvereinen eLn,(m oderneres Gepräge erhalten als bisher. Es darf nicht Vorkommen, daß es einen großen Prozentsatz von Studenten gibt, der die ganze Entwicklung des Zionismus verschlafen und z. B. keine Ahnung vom Inhalte des Krakauer Programmes hat, sich aber einbilden, die Kenntnis des zionistischen A-B-C-Buches genüge! Eine gründlichere Ausbildung unserer Jugend ist unentbehrlich, wenn wir für die Agitation zweckentsprechende „alte Herren“ haben wollen, ja wenn unsere Bewegung überhaupt in Oesterreich fortschreiten soll. Darum frisch an die — diesbezügliche Ferialarbeit! Die „flguöas Jisroel“ am Sdieidewege. Es ist viel rascher gekommen, als wir es vermutet hatten. Wieder einmal wiederholt sich vor unsern Augen die uralte Geschichte vom Turmbau zu Babel und der — Sprachenverwirrung dortselbst. Wiedereinmal hatten sie sich versammelt, zu Pfingsten in Kattowitz, und beschlossen, unverzüglich an den Bau zu schreiten. Gigantisch, himmelwärts strebend sollte er sein, und um sich und in sich alle einen, die „orthodox“, „gesetzestreu“ sind, alle ohne Unterschied. So hörte man es in Kattowitz, man sah es, glaubte es zumindest zu sehen. Denn man sah tatsächlich konservative Juden aus vielen Ländern und vielen Lagern. Auch aus dem Unsrigen. Ja, diese waren die wahrhaftig begeisterten. Als sie das neue Gebilde — wenn auch vorläufig nur mit einigen losen Strichen gezeichnet — vor sich sahen, da rieben sie sich freudig erstaunt die Augen, und dachten: „Das ist ja Bein von unserem Beine, Fleisch von unserem Fleische und es ist nicht gut, wenn der Mensch allein ist.“ Und sie waren bereit, mit dieser neuen Organisation ein enges Bündnis zu schließen, die ja anscheinend so gut zionistisch ist, im besten Sinne des Wortes, zionistisch im’ Sinne eines Alljudentums, eines Judentums, in welchem es für alle Raum gibt, die an der Erhaltung des positiven Judentums mitarbeiten wollen. Wir Außenstehende aber sahen es anders, weil wir — als Außenstehende — mehr sahen. Wir sahen schon bei der Grundsteinlegung des himmelhohen Turmes den Beginn der Sprachenverwirrung. Neben denen, die von Sammlung und Einheit sprachen, sahen wir Andere, denen das Gegenteil vor Augen schwebte. Schon gegen den Namen regte sich eine scharfe und bedeutende Opposition, die es schon im Namen ausgedrückt sehen wollte, daß 'die neue Organisation keine Agudas Jisroel — kein Bund Israels, keine Vereinigung mit alljüdischem Charakter — sondern ausschließlich eine orthodoxe Organisation, sein wird, die nur orthodoxe Mitglieder orthodoxer Gemeinden umfassen soll. Dann aber hörten wir eine Stimme, bei deren Klange wir zusammenschauerten, denn sie klang wie aus einem Grabe. Es war die Stimme eines Ketzerriechers und Ketzerrichters, der gegen die Ketzer den Arm der weltlichen Obrigkeit anruft. Rabbi Breuer aus Frankfurt a. M. verwahrte die neue Organisation vor allem dagegen, daß sie eine zionistische sei. Wem Sinn und Zweck dieser anscheinend überflüssigen Verwahrung nicht sofort einleuchtete, dem mußte ein Licht aufgehen, als der gegenüber den Zionisten so stolz abweisende Herr mit einenmale gar demütig wurde. Sein Hochmut galt uns, seine Demuth unseren — des jüdischen Volkes — Feinden. Ihnen, den Mächten, die unseres Volkes Söhne und Töchter entrechten, jeder Lebensmöglichkeit und oft des Lebens selbst berauben, rief dieser rechtgläubige Seelenhirt zu: Also kein Kampf gegen Entrechtung und Bedrückung, aber Kampf mit allen Mitteln, selbst denen der Denunziation, wie wir, wie Rabbi Breuer und die Seinen. „Herr, wir sind nicht wie jene, die sich über erlittene Unbill beklagen, die in Zeitungen und von der Tribüne den Protest gegen das Unrecht und die Unmenschlichkeit laut in die Welt rufen. Wir wollen demütig alles hinnehmen, was Ihr über uns verfüget, wir wollen die Hand küssen, die uns schlägt, den Fuß lecken, der uns tritt. Denn wir — d. h. nur wir — sind die treuen, unerschütterlich treuen Patrioten.“ Groß war die Entrüstung — als die jüdischnationale Zeitung in Wien, die schamlos genug ist, alles nackt und unverhüllt mit dem wahren Worte zu bezeichnen, den salbungsvollen Redner als Denunzianten bezeichnete und in der ganzen Gründung ein Werk dieses oder dieser Denunzianten, eine Manifestation der ecclesia militans im Judentum erblickte. Das konnten und wollten die Gutgläubigen und Rechtgläubigen unter uns doch nicht glauben. Wir andern aber begnügten uns damit, daß wir Zweifel hegten, Zweifel an dem Gelingen des großgedachten Werkes. Wir erinnerten uns daran, wie viele von den Mitbegründern dieser Organisation mit — wie sie sagten — Millionen von Anhängern längst in unser Lager einschwänken wollten, wenn wir ihnen nur die eine kleine Konzession machen, daß -wir in unser Baseler Programm drei Worte, nur drei Worte, aufnehmen. Die Worte „ auf religiöser Grundlage“. Wir haben dieses verlockende Anerbieten abgelehnt, nicht aus Mißachtung für die Religion, sondern aus Achtung vor ihr. Denn die religiöse Grundlage, auf der sich auch unr die Vertreter des „religiösen“ Judentumsi, etwa die Vertreter der Berliner Reform und der Berliner Orthodoxie, der „Orthodoxie“ Berlins und Frankfurts, von Beiz und — Sadagora zusammenfinden konnten, konnte nur ein Schlagwort, eine leere Phrase sein. Dazu stand uns „Gottlosen“ die Religion zu hoch. Wir waren und sind dessen gewiß, in der internationalen Idee die feste Grundlage gefunden zu haben, auf der alle sich zu gemeinsamem Wirken am gemeinsamen Werke zusammenfinden können, alle die sich einer wirklichen Agudas Iisroel, einem wirklich gesamtjüdischen Bunde anschließen wollen. Und ihnen,, den zu Pfingsten in Kattowitz Versammelten, sollte es gelingen dasselbe Werk auf einer ganz anderen, von uns als täuschend und schwankend erkannten Grundlage, auf der der „Orthodoxie“ aufzuführen? Nein, dachten wir uns. „Ja“, riefen jubelnd die aus Kattowitz heimgekehrten. Und in Jubelstimmung ging man daran, nach bewährt zionistischem Muster überall Ortsgruppen zu gründen. Ueberall, natürlich auch in — Rom, d. h. Frankfurt a. M. Das aber hätte man lieber lassen sollen. Denn es ist nicht gut, den Löwen in seiner Höhle aufzusuchen. Wer es dennoch wagte, war ein Herr Dr. Hildesheimer aus Berlin. Ein Name von gutem Klange. Ein Sohn jenes Rabbi Hildesheimer, der den Mut besessen hatte, sich während der Hochflut der Assimilation mitten in die schäumende Flut zu stürzen, um zu retten, was noch zu retten ist. Er hatte es gewagt, sich nach der Hochburg der Assimilation, nach Berlin, zu begeben, um sie dort an ihrem Haupt- I Meinl Maltin- Kakao Ersetzt die Flelsebaahrtmg Kräftigt den Organismus Ist außerordentlich billig LEBENS-VERSICHERUNGS-GESELLSCHAFT WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. 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