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Jüdische Zeitung · 1912-07-19 · 29 (19.7.1912) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
29 (19.7.1912)
Date
1912-07-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 jüdische Zeitung Nr. 29 Argentinien nicht gewachsen, Sie betrug nach den Angaben der „Ica“ im Jahre 1911 6378 gegen 6581 im Vorjahre. Die Zahl der nach England einwandernden Juden ist schwer festzustellen, da die amtliche Statistik die Einwanderer nur nach den Herkunftsländern rubriziert Wir sind ganz auf Schätzungen angewiesen, die noch dadurch erschwert werden, daß ein groeßr Teil der nach England Wandernden von englischen Häfen aus nach anderen überseeischen Ländern sich begiebt. Von Hamburg und Bremen gingen ca. 5000 Personen nach Großbritanien. Mehr als, diese Zahl dürfte die gesamte jüdische Einwanderung nicht erreicht haben, zumal auch hier die Absicht, die Bestimmungen des Aliens-Act möglichst auszunützen, um die Einwanderung, zu erschweren, auf die Einwanderung drückt und, wie gesagt, ein sehr großer Teil der Einwanderer von England aus außereuropäische Länder aufsucht Nach Galveston wanderten im Jahre 1909 316, im Jahre 1910 566 und im Jahre 1911 703 Personen ein. Die schlechten Zeiten in Amerika drückten sich besonders darin aus, daß im Jahre 1911 die Rückwanderung, die bereits 1910 sehr stark eingesetzt hatte, sich außerordentlich vermehrte. Hier zeigt sich noch deutlicher als bei der Auswanderung, daß die Wanderbewegung der Juden nicht ausschließlich durch ökonomische Ursachen hervorgerufen wird. Während die allgemeine Rückwanderung 45 Prozent der Einwanderung betrug, während also fast die Hälfte der Einwanderer, die nach den Vereinigten Staaten hinströmten, das Lahd wieder verließ, ist die jüdische Rückwanderung trotz der Not der Zeit Ziemlich stetig geblieben. Sie betrug nur 8,1 Prozent 6734 Personen. Dazu kamen noch 1452 Personen, denen, wie oben schon mitgeteilt, die Landung verweigert wurde oder die nach der Landung ausgewiesen wurden (im Jahre 1911 waren es von den letzteren 175 Personen). In tabellarischer Uebersicht stellt sich die Rückwanderung im Kalenderjahr 1911 wie folgt dar: Freiwillige Von der Land. Aus Amerika Monat Rückwand. znrückgew. ansgewiesen allgem. jüd. msges. darunt. Juden insges. darunt. Juden Januar 19014 403 2218 327 220 ii Fekruar 16007 365 1408 136 240 19 März 10385 707 1794 85 261 13 April 20130 214 2299 70 234 23 Mai 25556 636 1479 45 202 11 Juni 29683 674 1145 65 211 13 Juli 40749 1084 1105 78 191 19 August 31 915 797 1133 113 175 16 Sept 29630 570 1044 121 183 11 Oktober 30728 469 947 67 195 15 Nov. 45804 523 1025 85 153 9 Diez. 42822 292 1228 85 159 15 Insges. 352423 6734 16852 1277 2424 175 % im Verhältnis zur Einwanderung: Freiwill. Rückwanderung allgemeine 45%, jäd. 8,1% Von der Landung zurückgewiesen insges. 2,15%. darunter Juden 1,5% Aus Amerika ausgewiesen insgesammt 0,3%, darunter Juden 0,2%. serung der hiesigen jüdischen Verhältnisse, wo Taufe und Mischehen in Blüte stehen, und Assimilation und Renegatentum in aller Form zu finden sind, ln günstigen materiellen Verhältnissen, ohne antisemitischen Druck und als Mitkämpfer im italienisch-liberalen Lager gerne gesellen, zum Teil im Vordertreffen des andersnationalen Radikalismus kämpfend, haben sich die hiesigen Juden zum großen Teile einer beispiellosen Entjudung ergeben, die den ganzen Nachwuchs dezimieren müßte, wenn ihr nicht beizeiten Einhalt geschieht Und wie bisher überall, so beginnt auch hier sich die Erscheinung bemerkbar zu machen, daß die systematische Assimilation mit der erstrebten Vermischung des Rassencharakters auch den allgemeinen Menschencharakter zu benagen beginnt, der nach der geschichtlichen Vergangenheit, wenigstens der Autochthonen, eine größere menschliche Geschlossenheit erwarten lassen könnte. Zudem wird der Block der heimischen Assi- -milanten verstärkt durch assimilatorische Gruppen böhmischer, deutscher, ungarischer und anderer Nationalitätschwärmer, die sich dann oft durchs Konnubium mit den Eingeborenen mischen. Der Erfahrung gemäß ist der Einfluß von mütterlicher Seite in Sprache und Erziehung entscheidend und sie finden hier oft Kinder guter galizischer, ungarischer oder böhmischer Juden, die noch mit Müh und Not den schweren Kampf mit dem italienischen Wort kämpfen, unter den Heißspornen des italienischen.Nationalgedankens. All das soll sich nun, langsam versteht sich, zum besseren ändern. Zwar hat es hier immer zur Umkehr mahnende Stimmen gegeben, aber ihr Wort hatte das Schicksal des Rufers in der Wüste. fcemberger Brief. (Von unserem Berichterstatter.) Wir haben im Monate März über einen sonderbaren Gerichtsfall in Ropczyce berichtet. Eine jüdische Frau rief den Sedziszower Arzt Dr. Gurka, einen bekannten Antisemiten, zu einer jüdischen Wöchnerin. Dr. Gurka ohrfeigte die Frau, warf sie aus seiner Wohnung hinaus und meinte, daß der Schaden nicht groß sein wird, wenn die Wöchnerin sterben sollte. Die Frau klagte Dr. Gurka. In Ropczyce fand die Verhandlung statt, welche mit der Freisprechung Gurkas endigte. Hingegen wurde die Frau wegen Ueberfalles angeklagt und von Seite der Rzeszower Staatsanwaltschaft gegen sie die Untersuchung geführt. Wegen dieses skandalösen Vorfalles überreichte Abg. Breiter eine Interpellation an den Justizminister, welche auch den gewünschten Erfolg hatte. Es fand eine neuerliche Verhandlung statt, und Dr. Gurka wurde zu einerFreiheitsstrafe verurteilt. So hat denn die Interpellation des Abg. Breiter — die jüdischen Abgeordneten aus dem Polen- Iklub wollten sich der armen Frau nicht annehmen — die Schurkerei des Ropczycer Bezirksrichters zunichte gemacht. * * ln der galizischen Presse tobt ein Kampf wegen der unter Patronanz der westjüdischen Hilfsgesellschaften gegründeten „Selbsthilfe“, welche vor einigen Tagen in Frankfurt am Main eine Sitzung abgehalten hat. Das „Slowo polskLe“ erblickt in der Selbsthilfe eine zionistische Aktion und erhebt gegen die Assimilanten Löwenstein und Horowitz schwere Vorwürfe wegen ihrer im Interesse nur eines Teiles der polnischen Gesellschaft (lies: Juden) gelegenen Mitarbeit in dieser Organisation. Hierbei ernennt das „Slowo polskie“ .die „Allianz“ und die „Ica“ taxfrei zu zionistischen Gesellschaften. Die Assimilanten wissen sich nicht zu helfen. Dr. Löwenstein und Dr. Diamand traten aus dem Ausschuß der Selbsthilfe aüSj, und in dem unter der Redaktion des berüchtigten Merwin stehenden Regierungs-r und Assimilantenblatte „Gazeta wieczorna“ wird Stein und Bein geschworen, daß „Allianz“ und „Ica“ assimilatorisch sind. Die Ursache der ganzen Fehde ist die Zugehörigkeit der Zionisten Dr. Thon und Direktor Eisler zum Ausschuß der Selbsthilfe, DOPPEL-MALZ BIER. Austria-Brauerei Wien-Neudorf. ISiUi Unverdrossen schafft nun seit Jahren schon unser bewährter Freund und Gesinnungsgenosse Rabbiner Dante A. Lattes, dessen wahrhaft uneigennütziges Wirken erst jüngst in diesen Blättern gewürdigt war (siehe d. Feuilleton v. Batö: „£>. ital. Juden“). Seinen „Corriere Israelitico“ ließ er zur Feier der Tempelweihe als Spezialnummer erscheinen. In dem interessanten Hefte (Nr. 2 vom 27. Juni 1912), das mit photographischen Aufnahmen geziert ist, wird der Bau, seine Geschichte und seine künstlerische Bedeutung für die Stadt von den Erbauern und von bekannten Triester Kunstkennern und Literaten behandelt. Am interessantesten für uns jedoch ist der Artikel des Herausgebers über die „Bedeutung des Tempels“, der in prächtigen, eindringlichen Worten immer vom hohen. Standpunkte des universellsten und lebendigsten Judentums, die historische, nationale und moralische Bedeutung der jüdischen Synagoge behandelt und in dem Satze gipfelt, daß man nun Juden schaffen müsse, nachdem man eine Synagoge geschaffen habe. Der hiesige Vizerabbiner Dr. J. Zoller scheint sich das mühsam zu bearbeitende Feld archivalisch-historischer Studien zu seinem Arbeitsgebiete erwählen zu wollen. Es ' ist sicher, daß auf diesem Gebiete, dem sich in jüngster Zeit die jungen jüdischen „Pro Coltura“- Vereine Italiens zuzuwenden begannen, noch manche Schätze zu heben sind und daß in den Archiven mancher alten jüdischen (und nichtjüdischen) Gemeinde Italiens noch viel unbenutztes Material zu finden sein wird. Die kleineren Arbeiten Dr. Zollers, die mit viel Sorgfalt und Sachkenntnis gearbeitet sind, werwelcher Umstand die Polen in Wut versetzt, da es nach ihrer Meinung für den Polen Horowitz unschicklich ist, mit den Zionisten an einem Tisch zu sitzen. Die „Gazeta wieczorna“ versichert nun die Oeffentlichkeit, daß man die Zionisten aus der „Selbsthilfe“ drängen werde. Diese Erklärung steht aber zu der Erklärung des Schmelke Horowitz in Frankfurt, welcher dort den Erfolg der „Selbsthilfe“ von der Mitarbeit der Zionisten,-die — nach seinen Worten — über alle lebendigen Kräfte des Judentums verfügen, abhängig machte, im Widerspruche. Wie man sieht, ist die Affäre nur ein Ausfluß der assimilatorischen Zwitterstellung und Programmlosigkeit. Die Horowitz, Löwenstein etc. sind so in ihren Lügen und Heucheleien verstrickt, daß sie keinen Ausweg finden. Natürlicherweise hat die „Selbsthilfe“ unter solchen Umständen keine Aussicht, irgendwelche Arbeit zu leiste^. Denn die besten Pläne nützen nichts, wenn korrupten und verkommenen Menschen die Durchführung anvertraut ist. * * * Der Krakauer „unabhängige“ Jude Doktor Groß, welcher in der vorigen Parläriientskadenz Wilder war und nunmehr im Polenklüb sitzt, ist ein interessanter Mensch. In Wien stimmte er mit dem gesamten Pölenklub für' das Wehrgesetz und die anderen das Volk belastenden Vorlagen, in Krakau aber führt er in seinem j,Tygodnik“ eine scharfe und in seinem jüdischen Blättchen eine geradezu anarchistische Sprache. Das nennt man ein geriebener Politiker sein. In der Judengasse von Krakau ist er jüdisch-national, in seiner polnischen Zeitung ist er oppositioneller, mit den Polen kooperierender, unabhängiger Jude, in Wien aber ist - er Regierungslakai. Dabei ist Dr. Groß noch einer der besseren Polenklubsisraeliten. Wie sehen erst Löwenstein, Rauch und Kolischer aus?' PapteisNachrichfen. Mitteilungen des Palästina-Informationsbureau. Wien, IX. Türkenstr. 9. Infolge des geänderten Planes^ einer Palästinafahrt mit den Dampfern des Oesterr. Lloyd und infolge der neuen vergrößerten Ermäßigungen, die unser Bureau dank der Zuvorkom- ■uw Hntel-Restaorif J. Bi-nrs Wien, II., StelaniesträBe Nr. 14. Telephon Interurban 13702. 70 moderast eingerichtete Zimmer von K 2.80 aufwärts. In nnmittelb. Nähe des Nordu. Nordwestbahnhofes, 5-jyiinuten vom Stadtzentrum. BADEN bei Wien, Antonsg. 13, Franzenssfr. 34. Telephon interurban 217. ” 400 Personen fassend schöner Naturgarten.- Elektrisch beleuchtet. Große Veranden und Säle vis-ä-vis dem Kurpark:. 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Hier findet die in diesem Punkte lückenhafte Darstellung bei Graetz auf Grund aufgefundener Dokumente eine Ergänzung.; Für den Herbst sind verschiedene Veranstaltungen geplant. Prof. Chajes geht daran, hier zunächst eine Toynbeehalle mit angeschlossenen Lehrkursen (auch Hebräisch) zu schaffen, wobei ihm alle Nationalgesinnten gewiß freudig mithelfen werden. Ganz besonders hofft der unter so schwierigen Verhältnissen tätige zionistische Circolo auf Förderung seiner Arbeit durch den Eifer und die eminenten Fähigkeiten des neuen Großrabbiners. Nebst einigen großangelegten Vorträgen ist für die kommende Saison die Veranstaltung einer Bezalelausstell ung geplant, die neben dem sicher erhofften materiellen wohl auch einen moralischen Erfolg bringen wird.- Wenn von jüdischer Arbeit die Rede ist, darf zuletzt auch die Tätigkeit des Palästina-Emigranten- Ko mite es

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