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Jüdische Zeitung · 1912-07-19 · 29 (19.7.1912) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
29 (19.7.1912)
Date
1912-07-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 29 JÜDISCHE, ZEITUNG Seite 3 kämpf) der Oesterreicher Ing. Edniund Bernhard, der unter 44 Bewerbern die achte Stelle behauptete, ein Jude und — was wir mit Befriedigung feststellen — organisierter Zionist. Ing. Bernhard ist Mitglied der Wiener „Kadimah“ und zählt zu den erfolgreichsten österreichischen Sportsleuten. Namentlich im Schwimmen und Schießen gilt er als erstklassiger Sportsmann. Eine ZuEdirift Oes Herrn Uassilbo. Vom Landtags- und Reichsratsabgeordneten Nikolaj von Wassilko, dem Führer der Bukowinaer Ruthenen, erhielten wir im Anschluß an unsere fn der vorigen Nummer enthaltenen Ausführungen eine Zuschrift. Wir haben weder Interesse noch Lust, mit Herrn von Wassilko eine Privatkorrespondenz zu führen und übergeben daher seine Zuschrift der Oeffentlichkeit. Selbstverständlich nehmen wir nicht ein Wort dessen zurück, was wir über Herrn von Wassilko geschrieben haben. Seine Zuschrift ist für uns nur ein Beweis, daß wir ins Schwarze getroffen haben. Wir verstehen wohl, daß es Herrn Wassilko unangenehm wäre, daß den im Westen Oesterreichs wohnenden Juden, zu denen er die besten und für ihn förderlichsten Beziehungen zu unterhalten sich bemüht, nichts davon bekannt werde, was er in der Bukowina macht. Herr von Wassilko, der seinen Aufstieg in erster Linie den Juden verdankt, hat vielfach bewiesen, daß er den Juden wenig Dank weiß. Wir erinnern an seine berüchtigte vom Geist eines strengen wirtschaftlichen Antisemitismus getragenen Ausführungen im Bukowinaer Landtag, wir verweisen auf sein Leiborgan „Bukowinaer Post“, das oft in Ton und Tendenz dem „Deutschen Volksblatt“ gleicht. Wir geben nur dem Wunsche Ausdruck, daß wir von unserem „Freunde“ Wassilko verschont bleiben. Gegen den Gegner Wassilko werden wir uns schon zu wehren wissen. Nachstehend seine Zuschrift: „An‘ di&J'Recfäk'ti6ri'‘der Jüdischen 'Zeifürig'j Wien. Mir liegt die Nummer Ihres Blattes vom 12.. d. M. vor. Habe ich schon seit längerer Zeit in Ihrem Blatte eine gehässige Tendenz gegen mich bemerkt, deren Quelle mir schon aus dem Stile, in welchem' selbe zum Ausdruck gebracht wird, keineswegs unbekannt ist, so ersehe ich aus der oben zitierten Nummer, daß nach Ihrer, respektive Ihres Artikelschreibers Ansicht, die jüdischen Interessen nicht nur bei den Sozialdemokraten, sondern auch beim „russischen“ Abgeordneten Markow besser geborgen sind wie bei mir, der nach Ansicht Ihres mir nicht unbekannten Gewährsmannes „sich in unberufener Weise in jüdische Angelegenheiten mischt 1“ Zweck dieser Zeilen ist, Ihnen zur freundlichen Kenntnis zu bringen, daß weder Ihre, noch Ihres Gewährsmannes — um mich Ihres Ausdruckes zu bedienen — ,Anrempelungen* mich davon abhalten werden, im Sinne der jüdischen Wählerschaft, über die der ukrainische Reichsrats- und Landtagsklub in der Bukowina so zahlreich verfügt, zu allen öffentlichen Angelegenheiten, also selbst zu jüdischen Fragen, Stellung zu nehmen. Solange weder Sie, noch Ihr Gewährsmann in der Lage sind, mir den Beweis einer Mißstimmung dieser Wählerschaft mit meiner Haltung zu erbringen, gehe ich über Ihre .,Anrempelungen' mit jener Gleichgültigkeit zur Tagesordnung über, welche dieselben schon mit Rücksicht auf den mir bekannten Gewährsmann vollauf verdienen. Hochachtend N. W.“ Die Tatsache, daß uns Herr Wassilko, zu dem wir — wir freuen uns, das ausdrücklich feststellen zu können — sonst gar keine Beziehungen haben, mit einer Zuschrift beehrte, steht zu seiner Erklärung, daß er mit Gleichgültigkeit über unsere „Anrempelungen“ zur Tagesordnung übergehe, in einem krassen Widerspruche. Herr Wassilko, der, nach der letzten Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift“ zu schließen, die Sympathien des Herrn Doktor J. S. Bloch besitzt, wird uns durch seine Zuschrift nicht davon abbringen, uns mit seinem Verhältnis zur jüdischen Bevölkerung zu beschäftigen. Wir werden der Legende von seiner Judenfreundlichkeit, die ihn zum Liebkind der Wiener liberalen Presse gemacht hat, ein Ende bereiten und nehmen uns vor, das mit von ihm erwünschter Gründlichkeit zu besorgen. Die juOifdie Wanöepbewegung.*) Eine Uebersicht über den Umfang der jüdischen Auswanderung vervollständigt erst das Bild von der Notlage der Juden im Osten. Mag es auch für die allgemeine Auswanderung richtig sein, wenn behauptet wird, die Auswanderung sei heutzutage nirgends mehr verursacht durch politische oder religiöse Verfolgungen, sondern habe fast ausschließlich ökonomische Gründe, so trifft das nicht vollständig für die jüdische Auswanderung zu. Gerade die Auswanderungsverhältnisse des Jahres 1911 bieten hierfür eine treffliche Illustration. Während infolge der geringeren Anziehungskraftes des amerikanischen Arbeitsmarktes die allgemeine Auswanderung, die rein ökonomischer Natur ist, ganz erheblich zurückgegangen ist, von 1,070.885 auf 782.545, also um 26,9 Prozent, hat die jüdische Auswanderung nach den Vereinigten Staaten, trotz der wenig verlockenden wirtschaftlichen Verhältnisse dort nur eine Abnahme von 11.037 Personen erfahren 11,8 Prozent. Die Einwanderungsziffern der einzelnen Monate des Jahres 1911 seien im Vergleich zu 1910 in nachfolgender Tabelle zusammengestellt. *) Aus dem Rechenschaftsbericht des Zentralbüros für jüdische Auswanderung. jüdische Einwanderer Amerika Januar Februar März April Mai Juni 1911 1910 6054 5097 5422 4347 6304 7125 4386 7120 5780 4686 7841 10310 jüdische Einwanderer Amerika Juli August September Oktober November Dezember 1911 1910 8945 10699 7996 10862 9892 10941 4776 7131 8317 6637 8381 9166 83091 94131 70 Prozent der Einwanderer stammen in der Regel aus Rußland. Aus der Zahl der Einwanderer nach den Vereinigten Staaten können wir auch ein annähernd richtiges Bild von der gesamten jüdischen Auswanderung gewinnen, denn nach zuverlässigen Schätzungen gehen 75—80 Prozent aller Auswanderer nach Amerika. Die gesamte jüdische Auswanderung im Jahre 1911 muß demnach auf über 100.000 veranschlagt werden. Die Stimmung gegen die Einwanderer ist in den Vereinigten Staaten nicht freundlicher geworden. Eine Reihe von neuen Gesetzesprojekten, die die auch jetzt schon nicht mehr sehr freie Einwanderung weiter beschränken wollen, liegt den gesetzgebenden Körperschaften vor. Aermer als die anderen — während jeder Einwanderer durchschnittlich 33 Dollar mitbringt, hat der jüdische durchschnittlich nur 24 aufzuweisen — infolge; der Not, die er erlitten, schwächer als die andern, Werfällen verhältnismäßig viele jüdische Einwanderer dem traurigen Los, wieder von Amerika zurück transportiert zu werden. Im Jahre 1911 wäre es 1452 Personen. Viele Tauslende werden schon an den Grenzstationen oder in den Hafenstädten von den Schiffahrtsgesellschaften infolge der amerikanischen Gesetze zurückgewiesen. Von den Erschwerungen, die geplant sind, ist besonders hervorzuheben, daß man Personen, die nicht schreiben und lesen können, die Landung nicht gestatten will. Solcher Personen gibt es unter den jüdischen Einwanderern durchschnittlich 23 Prozent (wenn man davon absieht, daß alle Juden jüdisch lesen und schreiben können. Anm. d. Redakt.). Die jüdische Einwanderung nach Canada ist nicht sehr beträchtlich, sie erreichte ihren Höhepunkt im Jahre 1908 mit 8053 Einwanderern, sank dann 1909 auf 1636, stieg 1910 wieder aut 3182. Die Zahl für 1911 liegt noch nicht vor. Sie dürfte aber der vorjährigen ungefähr gleichkommen. Trotz des großen Mangels an Arbeitskräften, der durch das Ausbleiben eines beträchtlichen Teils der italienischen Einwanderung infolge eines Konfliktes mit Italien, das in der Regel ein Drittel aller Einwanderer nach Argentinien stellt und infolge des türkisch-italienischen Krieges entstand, ist die jüdische Einwanderung nach NESTLE5 LmsüH Kindermehl. Für gesunde u kranhe Kinder sowie Magenleidende.! Verhütet u.beseitigt Brechdurchfall. Diarrhoe. Oarmkatorrh. [ Preis per Dose K1.8Q,erhälflich in jeder Droguipoftii Feuilleton. Neunter Ab. Eine jüdische Ueberlieferung besagt, daß der neunte Ab, der Tag, an welchem Jerusalem fiel und die nationale Selbstständigkeit der Juden zertrümmert wurde, einstens, wenn wir wieder in Palästina vereinigt sind, ein Tag der Freude werden wird. Der Gedanke ist wunderschön — und noch mehr — er trägt den Stempel der Erfüllung. Denn schon heute, hat Tischo beaw aufgehört lediglich Trauertag zu sein. Da die innerliche Erlösung der Juden, ihre Nationalisierung urid Wiedervereinigung in Palästina unaufhörlich fortschreiten, so hat der neunte Ab einen eigenartigen Charakter bekommen. Er ist nicht 'mehr .Tag der Klage, er ist ein Tag der inneren Sammlung. Er bannt unser Gemüt nicht ‘in vergangene Zeiten, er weist vielmehr unserer Hoffnung frohe Tage der Zukunft. Es weicht die Trauer dieses Tages und innere Befriedigung rückt an die Stelle der Wehmut. Unsere passiven, leidenden Väter und Großväter weinten und.klagten, trugen Sehnsucht im Herzen und streuten Asche auf ihr Haupt. Wir, das erste aktive Geschlecht des Judentums, weinen nicht mehr. Und weil wir unser Heil nicht im Dulden und Ertragen, sondiern in der Tat erblicken, ist unser Tischo beaw anders als der unserer Väter. Triester Brief. Donnerstag, den 27. d. gab es hier einen jener äußerst seltenen Anlässe, der die Judenheit von Triest sozusagen in ihrer Gänze versammelte : die Einweihung der neuen Hauptsynagoge, deren Eröffnung die Schließung mehrerer alten, unzureichenden und zum Teile in den ältesten, schmutzigsten Quartieren, der sogenannten „Altstadt“, gelegenen Tempel zur Folge hatte, zu denen man sich durch die traurigsten Freudenhäuser und deren Insassen einen Weg bahnen mußte. Die Tatsache, daß die jüdische Gemeinde von Triest an Stelle der alten, verkrochenen Bethäuser eine würdige, weithin sichtbare Stätte ihres Kultus geschaffen hat, verdient auch in diesen Blättern, die nicht geschaffen sind, um illuminierende Artikel zu bringen und zu registrieren, wen man „unter den Anwesenden bemerkte“, aus mehrfachen Gründen Erwähnung. Für Mitarbeiter an einem wiedererstehenden Judentum wird es nicht uninteressant sein, zu hören, daß diese Gemeinde, in der geradezu ein Orgasmus der Assimilation wütet, nunmehr wohl die jüdischeste aller mitteleuropäischen, baulich irgendwie bemerkenswerten Synagogen ihr Eigen nennen kann. Die beiden nicht jüdischen Erbauer, die Triester Architekten Berlam, Vater und Sohn — die Entwürfe jüdischer Bewerber waren dem Komitee nicht annehmbar erschienen — haben hier ein bedeutendes Werk geschaffen und mehr als das: einen neuen Synagogenstir, der im Gegensatz zur inneren Hohlheit der in einem unbestimmten Verlegenheitsorientalismus gehaltenen Synagogen in strengster Stileinheit seinen Zweck betont. Während der „jüdische“ Charakter der meisten neueren Synagogen in einer kopierten, pseudo - arabisch - maurisch - byzantinischen Formensprache zum Ausdruck kommt, suchten die Erbauer nach einem Stil, der möglichst genau sich dem Wesen der jüdischen Religion anpasse, nicht minder aber der jüdischen Kunsttradition und dem natürlichen Baumateriale Palästinas. All diese Erwägungen führten — wohl zum erstenmal überhaupt! — zur Anlehnung an den zentralassyrischen Baustil des vierten Jahrhunderts, der Dank den Entdeckungen der letzten Jahre als echte Quelle orientalischer Kunst bereits erkannt ist. Dieser graue, kuppelige Steinkoloß mit dem viereckigen flachen Turme ist mehr als einer der schönsten Bauten seiner Stadt, er ist ein Wegweiser zur Schaffung einer jüdischen Stilform. So mußten sich in diesen erlesenen Rahmen prächtig die flammenden Worte voll nationalen Stolzes fügen, die Oberrabbiner Chajes zur Einweihung des Tempels sprach. Die Berufung des bedeutenden Orientalisten und durchaus national gesinnten Juden, dessen Namen in zionistischen Kreisen den besten Klang hat, erweckt bei allen Gutgesinnten die Hoffnung auf eine Bes-

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