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Jüdische Zeitung · 1912-07-12 · 28 (12.7.1912) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
28 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. ft daß die Juden massenhaft (oft sogar unter Zurücklassung ihrer ganzen Habe) aus dem Jemen entfliehen und nach Palästina kommen, um in den dortigen jüdischen Kolonien als Landarbeiter Beschäftigung suchen. Da sie ein sehr arbeitsames, anstelliges, genügsames und zuverlässiges Arbeitermaterial darstellen und in den jüdischen Kolonien stets Bedürfnis für Landarbeiter vorhanden ist, finden die Neuankömm- Tinge gern Aufnahme bei den Kolonisten. Es fehlt jedoch in den Kolonien vollständig an Wohnräumen zur Unterbringung der zahlreichen Einwanderer, und so ‘müssen die Jemeniten einstweilen in Kellern, Scheunen, improvisierten Hütten usw. hausen. Diesem Uebelstand will nun der Jüdische Nationalfonds abhelfen, indem er größere Beträge zum Bau billiger Arbeiterhäuser für die jemenitischen Juden zur Verfügung gestellt und einem Teil von ihnen bereits geeignete Unterkunft verschafft hat Weitere ansehnliche Geldmittel für diesen Zweck sollen demnächst flüssig igemacht werden. Auf diese Weise hofft die Verwaltung des Jüdischen Nationalfonds, die ländliche, ackerbautreibende jüdische Bevölkerung Palästinas, die gegenwärtig 10.000 Seelen zählt, in ganz kurzer Zeit und mit verhältnismäßig gerinfügigen Aufwendungen um 20 Prozent vermehren zu können. Die Iudifdien Vornamen. Gg. Dr. F. Teilhaber hat im israelitischen Familienblatt (Hamburg), durch die deplazierte Mahnung des Wiener Oberrabbiner veranlaßt, einen Artikel über jüdische Vornamen veröffentlicht und darin die Resultate einer Untersuchung über die Vornamen, die die Berliner Juden im Jahre 1910 ihren/Kindern gegeben haben, mitgeteilt. Er schreibt darüber: „fch habe bei einer statischen Untersuchung der Geburten der Berliner Juden des Jahres 1910 auch hierüber Umschau gehalten. Dabei fand ich, daß unter tausend neugeborenen Kindern fast keine jüdische Namen erhielten. Man kann darüber verschiedener Meinung sein, ob es richtig ist, an der alten wunderschönen Sitte der Vorfahren festzuhalten. Geschmackvoll ist es für mich (und wohl für viele andere) nicht, wenn z. B.. die typischen Familiennamen mit den auserlesensten germanischen Vornamen zusammengestellt werden. Vielleicht wächst einer der Jungeis, die, um einige- Beispiele anzuführen, „Horst", „Rolf", „Tilly", „Rheinhold" oder „Armin" heißen, heran und „Helmut" oder „Günther“ (deren es ■ gleidi eine Menge gibt) sind niedliche schwarze Judenbengels. Ich kann mir unter „Joachim“, „Ulrich", „Meinhard", „Waldemar", „Hardy", „Konrad" keinen meiner Freunde vorstellen, die einen feurigen jüdischen Typus repräsentieren. Ich glaube, alle die Jungens, die bei ihrer Geburt mit so gefährlichen Namen schlechte Luft und ohrenbetäubender Lärm. Schließlich gelangten wir zu der jüdischen' K o 1 o n i e, die am’ Ende der Stadt ein eigenes Viertel bewohnt und sich in weiße und schwarze •Juden teilt. Wir durchfuhren langsam das ganze Ghetto — nebenbei bem'erkt, die bei weitem reinlichste von allen Straßen der Stadt — und Isahen zuerst die weißen, darauf die schwarzen Juden. Im weißen Quartier erinnerten die oft mehrstöckigen, unmittelbar an der Straße liegenden und eng aneinander gebauten Häuser eher anj mittelländische als an indische Städte. Da es Samstag war, schaute alles in Feiertagskleidern zum Fenster heraus. Wir Sahen prächtige Typen; ein Künstler würde hier herrliche Studien machen können. Besonders lieblich waren die rassig geschnittenen, zarthäutigen Gesichter der Kinder, und unter den älteren Männern gab es Patriarchengestalten von ungemein ehrwürdigem Aussehen. Von allen Seiten grüßte man unsy nickte und winkte uns freundlich zu. „Salätn! Saläm!“ rief es uns aus Kindermund entgegen, und auf unseren Gegengruß folgte fröhliches Lachen. Es bettelte niemand. Vor der Synagoge der Weißen standen Männer, die uns freundlich aufforderten, einzutreten. Aber unsere Zeit war leider zu knapp; wir dankten daher höflich und wandten uns dem1 Quartier der Schwarzen zu. Auch hier ein unaufhörliches Rufen, Grüßen und Winken, bis wir am äußersten Ende des Viertels vor der Synagoge der Schwarzen anlangten. Bereitwilligst geschmückt werden, laufen Gefahr, recht wenig ihrem Vomaifien, wie z. B. „Magnus" (zu deutsch: der Große) gerecht zu werden. Es würde ermüden, alle die Vornamen anzuführen, die die Berliner Juden für ihre Kinder wählten. Von männlichen seien noch erwähnt: „Hubert“, „Albin", „Andreas", „Norbert“, „Viktor", „Walther", „Werner" usw. „Erich", „Eduard", „Erwin" gab es fast 30. „Gerhard", „Heinz“, „Herbert", „Bruno“, „Kurt“, zusammen weit über 100. Recht gebräuchlich sind auch „Dagobert", „Manfred", „Rudolf“, ,;Siegbert", „Siegfried", „Siegmund" verloren entschieden an Kurs. Es gab deren nur 17. Ueber die gebräuchlichen Rufnamen will ich mich natürlich nicht verbreiten. Die Mädchen heißen: Gerda (27 mal), Hertha (12 'mal),lv Hildegard (20 mal), Margot (19 mal). Dann .finden wir öfters Helga, Stella, Hedda, Vera, Erika, Ilona, Dolly, Yvonne, Harriet, Anna, Ellen, Malvine, lngeborg, Irmgard, Waltraud, Juliette, Dores, Ise, Edda, Annemarie, Liselotte, Anneliese in mehr als einem Dutzend hoffentlich recht hübschen Vertreterinnen. Williams, james, Jules als Kinder reindeutscher Juden dünkte mich merkwürdig. Aber man zieht es entschieden den jüdischen Rufnamen vor. Die jüdischen Namen, die Sn den Witzblättern als die unseres Stammes vielfach gelten, die Moritz, Isidor, Ignaz sind fast ausgestorben. Es gab ihrer noch gerade sieben. Daneben treffen wir aber doch auch die Klänge, die wir aus früheren Zeiten zu verehren gewohnt sind, einige, die wir weniger als spezifisch-jüdisch ansprechen, wie Josef mit 6 Vertretern, Maria (mit 5). Allerdings müssen sich auch diese Worte manche Ummodelung gefallen lassen. Aus Maria wird Märri resp. Mary und neben den zwei echten Salomons kommt ein Sally, außer Benjamin ein iBenno vor. Daneben existiert noch ein Benom. David, Jakob, Eva sind ihrer je vier. Isaaks fand ich drei, ebenso Simon und Esther. Nach Moses und Abraham zu heißen ist nicht mehr Mode. Zwei junge Juden führen nur noch diesen Namen. Sara? gibt es immer noch drei. Dagegen sieht es mit andern stolzen Judennamen : namen schlecht aus. Nur je ein einziges junges ’ jüdenkind erhielt den Namen Gideon, Pinkus, Rafael, Israel, Recha, Nathan, Naftali, Markus - und Rebekka. Wie weit Kalmen, Stasche, Riwka! und Chaje, Malke noch hierher gehören, möchte ich nicht untersuchen. Ein begeisterter Jude hat seinen Sohn „Herzl“ genannt. ließ man uns eintreten und bald umstand uns eine Schar von alten und jungen Männern in Feiertagskleidung, über dem langen Obergewand eine kurze Weste von bunten Farben, einzelne von kostbarem Stoff. Das war nicht indische, sondern syrische, palästinensische Tracht; und dabei. die braune Haut, die Sprache der Malayen oder auch gebrochenes Tamulisch und einzelne englische Brocken — es war eine seltsame Versammlung! Die geräumige Synagoge war außen und innen einfach; in der Mitte war der erhöhte, von einem Geländer umfriedigte Standort des Vorbeters, von der Decke hingen große und kleine Kronleuchter herab, deren Lichter während des Gottesdienstes nach fand nach angezündet wurden. Der Gottesdienst begann, als wir noch im Gespräch begriffen waren, mit dem ungleichmäßigen Einsetzen eines .Gesanges, der ohne die geringste Pause, fast eine Viertelstunde währte und von Alt und Jung kräftig mitgesungen wurde. Dann betrat der Lehrer die Kanzel und betete vor, wobei die Gemeinde von Zeit zu Zeit einfiel oder Hoch mindestens ein „Amen“ rief. Auch die Wehklage fehlte nicht, wurde vielmehr durch’ lautes Schluchzen unld lebhafte Gesten zum'Ausdruck gebracht. Dann erhoben sich alle, stellten sich so auf, daß ihre Gesichter dem Heiligtume zugewandt iwaren fand begannen ein stilles Gebet, das ebenfalls eine Viertelstunde lang dauern mochte. O O Aus dem jüdiidien Leben. Der Angeklagte im Xantener Ritualmordprozeß gestorben. An den Xantener Ritualmordprozeß wird man erinnert durch die Nachricht, daß in Köln . dieser Tage der damalige Angeklagte, der Schächter und Vorbeter der israelitischen Gemeinde in Xanten am Niederrhein, Adolf Buschhoff, im Alter von 72 Jahren gestorben ist. Buschhoff stand ini Juli 1892, also vor gerade 20 Jahren, in 10-tägiger Verhandlung vor dem Schwurgericht in Kleve unter der furchtbaren Anklage, das fünfeinhalbjährige Söhnchen des Schreinermeisters Hegmann mit einem Schächtm'esser durch Durchschneiden des /Halses ermordet zu haben. Der Volksmund behauptete, er habe dies getan, weil die Juden zu rituellen Zwecken zu einem ihrer Feiertage „Christenblut“ gebrauchten. Der Prozeß, der in der ganzen Welt großes Aufsehen erregte, endete mit Buschhoffs Freisprechung. Die Wiener jüdischen Turner voran! Die Nr* VI der „Jüdischen Turnzeitung“ veröffentlicht die Ergebnisse des Verbandswettturnens am 26. Mai in Berlin. Aus den Resultaten geht hervor, daß die Wiener jüdischen Turner alle anderen Turn,er durch ihre Leistungen übertrafen. Nachstehend die einzelnen Resultate: 1 Die besten Geräteturner waren: Alfred Weiß-Wien mit 79Vs Punkten, Erich Friedmann-Wien mit 75 Punkten, Julius Reiß-Wien mit 74 Punkten, Leo Kaminski-Berlin mit 71 Punkten. Die besten im Volkstümlichen : Friedmann-Wien, Kaminski-Berlin mit 33 Pkt., Reiß-Wien mit 32 Punkten. Die höchste Punktzahl erzielten: Am Reck: Karmeük, L., Berlin, mit 261/2 Punkten, Weil, Is., Wien, mit 26 Punkten, Weiß, Reiß, Friedmann-Wien mit 251/2 Pkt. Die höchste Punktezahl erreichten im ' genannten Wetturnen (Geräte, Hochspringen, Hanteln, Volkstümliches) die Wiener Friedman n rieh I/.W„ J. T. 108 Punkte, Reiß Julius, I. W. J. T. 106 Punkte. Die jüdische Einwanderung nach den Vereinigten Staaten im März d. J. Im Laufe des Monats März d. J. landeten im ' hiesigen Hafen 4108 jüdische Einwanderer (2215 männliche und 1893 weibliche Personen), gegenüber 4406 jüdischen Einwanderern im März 1911.' Von diesen jüdischen Einwanderern kamen , 2712 aus Rußland. An barem Gelde führten die jüdi- ' sehen Einwanderer 101.350 Dollar mit sich. Von den 4108 Immigranten wurden 43 seitens der Einwanderungsbehörde zurückgewiesen und muß-; tdn die Rückreise antreten. Zur Kiewer Knabenmordaffäre. Trotz der so herausfordernden Worte des Justizministergehilfen Weriokin ist die Revision des Prozesses Beilis früher Tatsache geworden, als selbst die Optimisten gehofft hatten. Nachdem bereits am 2. d. M. das Bezirksgericht auf Antrag des Staatsanwaltes beschlossen hatte, den Anklageakt gegen Beilis rückgängig zu machen und eine ergänzende Untersuchung anzuordnen, hat das Kammergericht diesen Beschluß am 6. d. M. bestätigt. Mit der neuen Untersuchung ist der Petersburger Untersuchungsrichter für besonders wichtige Angelegenheiten, Maschkewitsch, betraut worden. Obwohl die nationalistisch-antisemitische Presse noch immer versichert, die Enthüllungen Brasul- Bruschkowskys seien bloße Hirngespinste, und die neue Untersuchung habe nur den Zweck, die „jüdischen Machenschaften“ zu durchkreuzen, ist man in unterrichteten Kreisen doch überzeugt, daß die neue Untersuchung zur vollständigen Aufhebung der Anklage gegen Beilis führen wird. Ein antisemitisches Flugblatt in hebräischen Lettern. In der Parlamentssitzung vom 5. Juli wies der bukowinensische Abgeordnete Grigorovici ein eigenartiges Dokument' vor: Ein christliches Flugblatt — in hebräischen Lettern. In der erbaulichen Druckschrift, mit welcher die Antisemiten im Drei-Städte-Wahlbezirke der Bukowina während der letzten Reichsratswahlen die jüdischen Wähler „bearbeiteten“, heißt es unter anderem: ■*» Hotel-fleslfluronf J. Gi tkj Wien, II., Stelaniestraße Nr. 14. ' Telephon interurban 13702. 70 modernst eingerichtete Zimmer von K 2.80 aufwärts. In unmittelb. Nähe aes Nordu. Nordwestbabnholes, 5 Minuten vom Stadtzentrum. BADEN bei Wien, Antonsg.13, Franzensstr. 34. Telephon interurban 217. 400 Personen fassend schöner Naturgarten. Elektrisch beleuchtet. Große Veranden und Säle vis-ä-vis dem Kurpark. Große Speisesäle zur Abhaltung von Hochzeitsdiners und anderen festlichen Veranstaltungen. Pension nach Uebereinkommen. Exquisite Küche und Keller.

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