Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1912-07-12 · 28 (12.7.1912) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
28 (12.7.1912)
Date
1912-07-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438380-2438408--3099-2442835
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 28 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Für die Leobener Zionisten stellte diese Aufführung, sowie (ihr glänzender Erfolg, ein Dilemma dar: Entweder. halten die Deutschnationalen Dr. Herzl für einen Teutonen — oder aber — der jüdische Geist ist den deutschen Ehrabschneidern besonders wertvoll, um mit seiner Zuhilfenahme gute nationale Geschäfte zu machen. M. M. Deutfdinationale Ritualmoröhetze in Böhmen. Unser Bruderorgan, die Prager „Selbstwehr“ schreibt in ihrer letzten Nummer: Die Aussig- Karbitzer Volkszeitung, „Deutschnationale Zeitschrift für Nordwestböhmen“, welche von der Firma Georg Schicht A.-G„ der Erzeugerin von koscherem Speisefett Ceres, gefördert wird, veröffentlichte am Freitag den 28. Juni einen Leitartikel „Der Blutmord von Kiew“. In dem Artikel heißt es in der Einleitung: „Dieses Verlangen, Verbrecher von sich abzuschütteln, ihn nicht nur aus dem Rassenverbande, sondern überhaupt aus der menschlichen Gesellschaft zu entfernen, ist unter allen Nationen und unter allen Himmelstrichen gleichmäßig lebendig. Eine Ausnahme macht allein das Judentum. Es nimmt sich seiner Verbrecher liebevoll an und beschirmt und verteidigt sie mit aller Kraft bis zum äußersten. Mag ein jüdicher Mörder auch von 20 Gerichtshöfen für schüldig befunden sein und mag er selbst die Tat frank und frei eingestanden haben, wie z. B. Leopold Hülsner in Polna; es nützt alles nichts: Ganz Israel behauptet 'hartnäckig die Unschuld des Rassegenossen. Dasselbe Schaupiel erleben wir jetzt wieder aus Anlaß des Mordes an dem Knaben Justschinski, der kurz vor Ostern 1911 bestialisch abgeschlachtet wurde. Das Gericht in Kiew hat als mutmaßlichen Mörder den Juden Menachem Mendel Beylis in Haft genommen. Von dem ersten Augenblicke an hat die gesamte JudenpreSse zwischen Archangel und Lissabon ihren Stammesgenossen Beylis in Schutz genommen und unaufhörlich versichert, daß er vollkommen unschuldig sei.“ In der Fortsetzung dieser redaktionellen Ausführungen wird nach der von dem bekannten deutschen Zuchthausantisemiten Theodor Fritsch herausgegebenen Zeitschrift „Hammer“ die „Anklageschrift“ gegen Beylis wiedergegeben, die der Kiewer Strafkammer am 20. Jänner 1912 vorgelegt worden ist. Die Ausführungen sind dieselben, die das tschechischantisemitische Hetzblatt „XX. Vek“ mit dem Bilde Justschinskis veröffentlicht hat. Auch in der Aussig-Karbitzer Kleines Feuilleton. Hebräisch-deutsches Liederbuch. Die jüdischen Schulen im Orient leiden unter dem Mangel an Schulbüchern, die der Eigenart des Orients entsprechen. Bisher werden dem Unterricht notgedrungen meist Bücher zu Grunde gelegt, die für europäische Länder geschaffen sind und in der Hauptsache in Naturiund Kulturverhältnissen dieser Länder wurzeln. Der Hilfsverein der Deutschen Juden ist nun daran gegangen, Schulbücher herauszugeben, die den Bedürfnissen des Orients mehr angepaßt sind. Der Anfang ist mit einem hebräisch-deutschen Liederbuch gemacht worden, das von Herrn A. Z. Id eis oh n, Gesangslehrer an den Schulen des Hilfsvereines der Deutschen Juden in Jerusalem, unter Mitwirkung kompetenter Persönlichkeiten zusammengestellt wurde. Singen gehört, wie Zeichnen und Turnen, zu den Schulfächern, die im Orient noch nicht recht zur Entfaltung gelangt sind. Die Welt des Liedes, die einen unsagbaren Zauber hat, der Jüdischen Jugend in jenen Ländern zu erschließen, wo das Schicksal der Juden seit vielen Generationen Not und Elend ist, bedeutet nicht nur einen Fortschritt auf pädagogischem Gebiete, sondern feine Bereicherung heranwachsender Generationen mit großen Werten für das ganze Leben. Zudem bietet das Singen auch ein Hilfsmittel ersten Ranges für den Sprachunterricht. Volkszeitung wird mit plastischer Anschaulichkeit beschrieben, wie der christliche Knabe gemordet worden ist. Immer wieder wird betont, dab die Leiche völlig ausgeblutet war, daß an dem! Verbrechen mehrere Personen teilgenommen haben, daß eine der Absichten der Mörder war, dem Justschinski möglichst quälende Schmerzen zu bereiten. Der Schluß des Artikels iautet: „In dem Umstand, daß alle Verwundungen des Justschinski von einer sicheren und ruhigen Hand, die kein Zittern der Furcht kannte, kaltblütig herbeigeführt worden sind, vielleicht von einer Hand, die an die Schlachtung von Tieren gewöhnt ist, sieht Professor Schikorski in der Technik dieses Mordes einen Hinweis darauf, daß die Möglichkeit einer solchen genauen, gefühllosen und unhastigen Arbeit den Mördern in entsprechender Weise sichergestellt war, und er kommt zu dem Schlüsse, daß die Ermordung des Justschinski sich als ein Akt darstellt, der sorgfältig vorbereitet und planmäßig ausgeführt worden ist. Die Artikel im „Hammer“, im „XX. Vek“ una in der „Aussig-Karbitzer Volkszeitung“ gehen alle auf den in Kiew erscheinenden „Doppeladler“, das Organ der russischen Pogrombanden, zurück. Zwischen der schwarzen Pogrompresse in Rußland und sowohl den deutschen als auch den tschechischen antisemitischen Organen Böhmens scheint eine innige Verbindung zu bestehen. Jedenfalls ist deutlich zu erkennen, daß die antisemitischen Organe bei uns dieselben Absichten haben wie in Rußland: systematische Vergiftung des Volkes durch die Ritualmordlüge. Zur Schmach der österreichischen Zensur muß bemerkt werden, dab die Artikel der „Aussig-Karbitzer Volkszeitung“ sowie der „XX. Vek“ anstandslos durchgelassen wurden. Die Staatsanwälte fühlen sich offenbar als Beschützer der Ritualmordhetze. Meinl Maltin - Kakao Ersetzt die Fleisebauhrung Kräftigt den Organismus Ist außerordentlich billig Das Liederbuch ist für Kindergärten, Volksschulen und höhere Lehranstalten bestimmt. Das hebräische Liederbuch enthält neben biblischen und mittelalterlichen Dichtungen, Schöpfungen moderner jüdischer Dichter. Es bietet viel Eigenartiges, insbesondere was das musikalische Element betrifft. Die echte Volksmelodie kommt darin zum Ausdruck, wie die Volksseele sie geschaffen hat. Die Lieder dieser Art sind zum Teil sind sie von verschiedenen jüdischen Tonsetzern komponiert; Herr Idelsohn selbst hat einen großen Teil davon geliefert. Manche der Lieder haben allerdings auch fremdländische Melodien, die sich in der jüdischen Bevölkerung eingebürgert haben. Die Stimmfähigkeit der orientalischen Schüler mußte besonders berücksichtigt werden, da die Knaben im Orient nicht einen Sopran wie in Europa, sondern eine Altstimme, hohen und niedrigen Alt und die Mädchen einen Mittelalt und Mittelsopran, (Mezzosopran) haben. Die Noten sind, da die Lieder in hebräischer Schrift von rechts nach links geschrieben sind, gleichfalls, abweichend von der üblichen Schreibweise, von rechts nach links gesetzt, was übrigens schon einen Vorgang in der Praxis arabischer Musiker hat. In den bisher erschienenen hebräischen Liederbüchern ist der hebräische Text in lateinischer Schrift nach dem aschkenasischen Dialekt transskribiert. Solche Liederbücher sind aber für Schulen ohne europäischen Sprachunterricht, wo die lateinische Schrift nicht gelehrt wird, und für Schüler im Der juöitöe Nationalfond im ersten fialbjahp 1912. Eine der volkstümlichsten jüdischen Wohlfahrtsinstitutionen unserer Zeit ist der Jüdische Nationalfonds, der im Jahre 1901 vom 6. Zionistenkongreß in Basel begründet wurde und bereits eine Höhe von 3!4‘ Millionen Mark erreicht hat. Der Jüdische Nationalfonds dient zur Förderung des jüdischen Kolonisationswerkes in Palästina und Syrien, wo er ländlichen und städtischen Grundbesitz für gemeinnützige jüdische Zwecke erwirbt. Durch Anlage ausgedehnter Oelbaumpflanzungen (in der Nähe von Lydda usw.) trägt er zur Aufforstung Palästinas bei. In Galiläa hat er einige Muster - farmen geschaffen, ferner genossenschaftliche Siedelungen nach den Plänen des bekannten Berliner Nationalökonomen Franz Oppenheimer. Jüdische Landarbeiter werden durch ihn in mannigfacher Weise (Bau von Arbeiterhäusern usw.) gefördert. Auch dem jüdischen Erziehungswesen im Heiligen Lande wendet er sein Augenmerk zu. Dem hebräischen Gymnasium in Jaffa hat er den Grund und Boden zur Verfügung gestellt, und auch das prächtige Gebäude der Anstalt ist sein Eigentum. An der Errichtung des jüdischen Technikums in Haifa hat sich der J. N.-F. gleichfalls mit einer größeren Summe beteiligt. Für die Kunstgewerbeschule „Bezalel“ in Jerusalem erwarb er zwei stattliche Häuser in schönster Lage der Stadt. Auch die Anlage moderner, den weitgehendsten Anforderungen der Hygiene entsprechender jüdischer Stadtviertel in Jaffa, Haifa usw. ist sein Werk. Das Hauptbüro des so segensreich wirkenden Nationalfonds (Köln a. Rh., Neumarkt 33) veröffentlicht nun soeben die statistische Aufstellung seiner Spendeneingänge im ersten Halbjahr 1912. Danach ergaben die Spendensammlungen in den verschiedenen Ländern bis zum 30. Juni d. J. den Betrag von 250.000 Mk., gegenüber 230.000 Mk. im ersten Halbjahr 1911. Bemerkenswert ist, daß die Juden Rußlands an diesem Ergebnis mit 60.000 Mk. (50 Prozent mehr als im Vorjahre) beteiligt sind, trotzdem öffentliche Veranstaltungen und Sammlungen dieser Art in Rußland verboten sind und trotz- 'dem die wirtschaftliche Lage der russischen Juden sich von Tag zu Tag ungünstiger gestaltet. Aus Deutschland gingen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres für den Jüdischen Nationalfonds 26.000, aus Oesterreich 60.000, aus den Vereinigten Staaten Nordamerikas 40.000 Mk. ein. Da in den letzten Jahren die Spendeneingänge im zweiten Semester regelmäßig um etwa 100.000 Mk. höher waren als die des ersten Halbjahres, so ist auf ein Jahresergebnis von 600.000 Mk. zu rechnen, gegenüber 550.000 Mk. im Jahre 1911. Einer großen Aufgabe sieht sich der Jüdische Nationalfonds durch die fortgesetzte Einwanderung jemenitischer (südarabischer) Juden nach Palästina gegenübergestellt. Dieser versprengte Teil des jüdischen Volksstammes wird von den fanatischen südarabischen Landesbewohnern seit Jahrhunderten in grausamster Weise drangsaliert, ln letzter Zeit haben nun diese Verfolgungen einen solchen Umfang erreicht, Orient, die das Hebräische im sephardischen Dialekt aussprechen, nicht verwendbar. Um den verschiedenen Bedürfnissen der einzelnen Gegenden und Schulen zu entsprechen, sind die Lieder in drei Ausgaben erschienen, in einer hebräisch-deutschen Sammlung, die in einem Bande vereinigt ist (Bezugspreis brosch. M. 0.75, geb. M. 1.—) und in je einer hebräischen (Bezugspreis brosch. M. 0.50, geb. M. 0.80) und einer deutschen Sonderausgabe (Bezugspreis brosch. M. 0.25, geb. M. 0.50). Diese Liederbücher werden ohne Zweifel unter der jüdischen Jugend recht viel Gutes stiften und den jungen Gemütern viel Freude und Anregung, Belehrung und Erhebung bringen. Bei den schwarzen Juden. Unter dem Titel „Bei den schwarzen Juden in Indien“ erzählt Hermann v. Stade im „Berliner Tageblatt“ u. a. Folgendes: „Nachdem wir in Ernakulam bei dem Diwan, einem liebenswürdigen Engländer von der Dicke Falstaffs, die erbetene Audienz erlangt hatten, setzten wir am Nachmittage auf einem Dampfboot über nach Kotschin. Hier bietet sich ein ganz anderes Bild: lärmendes Getriebe auf den Schiffen und am Hafen, große Holzschneidereien, in denen das aus dem Innern von Kotschin und Travankore kommende Teakholz verarbeitet wird, Stapelplätze für alle möglichen Produkte, besonders für Kokosnüsse, und »auf der meilenlangen, der inneren Küstenlinie parallel laufen-, den Hauptstraße dichtes Menschengewühl,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.