Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 28 (12.7.1912)
- Date
- 1912-07-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG .Nr. 28 frei weiß von irgend einer persönlichen Animosität, Voreingenommenheit oder sonstigen unedlen Regung oder Rachsucht. Allein ich bin zunächst Gesetzesinamn und Abgeordneter ünd als solcher muß ich gegenüber jedermann das Gesetz vertreten. In "diesem Falle, bei dieser Wahl, ist aber eine Summe brutalster, schamlosester Vergewaltigungen, arger Gesetzesverletzungen verübt worden, daß ich — verzeihen Sie mir die offene Bemerkung — mich schämen müßte, wenn ich ein solches Mandat bekleiden würde. Denn fast alle Bestimmungen zum Schutze der Wahlfreiheit sind buchstäblich mit Füßen getreten worden und der Wählerschaft ist ihr Wahlrecht schamlos geraubt worden. Am Tage der engeren Wahl, am 20. Juni 1911, sind die Wahlkommissionen, die ja nach dem Gesetze zum Teile von den Gemeindevertretungen und zum Teil auch vom Wahlkommissär gewählt worden, gar nicht zugelassen worden. Um die Gewalt der Wahlkommissionen an •sich zu reißen, hat der Wahlkommissär das einfache Mittel gebraucht, daß er die erschienenen Wahlkommissionsmitglieder einfach nicht sehen wollte. Die Kommissionsmitglieder kamen hin, stellten sich dem Wahlkommissär vor, meldeten sich an, daß sie ihre Funktion ausüben wollen. Der Wahlkommissär aber, der nun den Regierungskommissär spielte, erklärte: „Sie sind nicht da.“ „Wir sind ja hier,“ erwiderten die Kommissionsmitglieder. Darauf kommandierte der Herr Regierungskommissär: „Sie sind wohl da, aber ich sage Ihnen, Sie sind nicht anwesend.“ Una als ein Kommissionsmitglied dagegen remonstrierte, wurde er ganz einfach hinausgeschmissen. Zwei Gemeindevertretungen, jene von Suczawa und von Radautz, haben diese Vorgänge der engeren Wahl vom 20. Juni 1911 zum Gegenstände von Verhandlungen und schärfster Kritik gemacht.“ Redner berichtet hierauf, in welcher Weise die Bürgermeister der Städte von den Bezirkshauptleuten durch Drohungen dazu bewogen worden, sich den Wünschen der Regierung zu fügen. Am Wahltage wurde den Städten die autonome Polizei abgenommen und teils Landwehr, teils Gendarmerie hinrequiriert. Charakteristisch für die Gesetzesverletzungen sind die Vorgänge, über welche der Radautzer Stadtrat K i r b u s in einer Gemeindeausschußsitzung referierte. Dieser Schilderung nach wurden die Wahlzettel vom Wahlkommissär geöffnet, 10 Agitatoren des Hruschka im Wahllokal geduldet und ihnen das Recht gegeben, vor der Wahlkommission für Hruschka zu agitieren. Um die Mittagszeit, zur Geisterstunde, wurde die Wahlurne geleert und die Wahlzettel von einem gewissen Szamarkiewicz „sortiert“. Nach der Schlußsummierung stellte es sich heraus, daß mehr Wahlzettel in der Urne waren,’ als Wähler gestimmt hatten. Abg. Strauche r wandte sich hierauf dagegen, daß die Berichterstattung über die Wahl einem Parteigenossen des Hruschka übergeben wurde, das sei geradezu eine Verletzung der anderen Mitglieder des Legitimationsausschusses. Abg. Breiter bemerkte darauf in einem Zwischenrufe, daß ursprünglich der Abgeordnete Petrvckyj der Referent gewesen sei, dann aber über Drängen der Christlichsozialen und Ruthenen das. Referat niedergelegt habe, worauf es dem Christlichsozialen Fißlthaler übergeben wurde. Das geschah, nachdem Petrvckyj erklärt hatte, er müsse den Antrag auf Annullierung der Wahl stellen. Dr. Strau.cher unterzog hierauf den Bericht des Abg. Fißlthaler einer gründlichen Kritik. Dieser Bericht ist ein Unikum von Unrichtigkeiten, Entstellungen, krassen Widersprüchen und unlogischen Folgerungen. So bemerkte' z. B. der Referent Fißlthaler, zum Protest aus Suczawa folgendes: „Der Protest aus Suczawa bringt- 42 Tatsachen vor. Von diesen 42 Tatsachen sind 19 gänzlich belanglos, 12 Aussagen höchst fragwürdig und die restlichen elf Aussagen sind Wiederholungen dessen, was schon in den vorangeführten Protesten behauptet worden isL“ Der Referent skizziert jedoch die Tatsachen nicht, die Möglichkeit einer Ueberprüfung wird benommen. An anderen Stellen sagt der Bericht bei Zitierung der Proteste: „Das kommt auch anderwärts vor!“ Folglich, das ist die Logik des Berichtes, müssen die Lumpereien geduldet werden! Vor der Wahl erklärte Hruschka, er sei nicht christlichsozial und werde auch nicht der christlichsozialen Partei beitreten. Diese Erklärungen sind in den Blättern der Stadt Czemowitz publiziert worden. (Abg. Rauch ruft dazwischen: Er ist ja nicht christlichsozial!) Abg. Straucher weist Rauch mit folgenden Worten zurecht; „Das sagen Sie? Sie stellen ihm dieses Zeugnis aus? Sie kennen ihn ja gar nicht — und was mischen Sie sich in unsere jüdischen Angelegenheiten? Abg. Reizes ruft: Was nehmen Sie .sich als Jude des Herrn Hruschka an? Abg. Breiter ruft zu Abg. Rauch: Schämen Sie sich für einen Christlichsozialen einzutreten! Abg. Straucher schloß seine Ausführungen: „Wie soll inan die Tathandlungen qualifizieren, wenn jemand vor der Wahl Stimmenfang betreibt, die jüdische Wählerschaft irreführt und hinterdrein nach der. Wahl dieser "Wählerschaft direkt ins Gesicht schlägt und einer Partei beitritt, deren Programm den offenen Judenhaß, die Judenverfolgung, die Entrechtung der Juden predigt? Das ist illoyal, unaufrichtig und unehrlich. Dieses Mandat in den drei Städten gehört uns Juden und nun befindet es sich in Händen eines Christlichsozialen, der es durch Gesetzesbruch, Vergewaltigung und Bestechung erlangt hat“. Rundschau. Trauerkundgebungen für Theodor Herzl in Wien. Ueber Veranlassung des zionistischen Distriktskomitees und des zionistischen Zentralvereines fand am 4. Juli, dem Todestage unseres unvergeßlichen Führers, wie alljährlich ein Trauergottesdienst im Stadttempel statt. Der Tempel, wie auch , die Vorhalle waren bis zum letzten Platz von einem andächtigen Publikum besetzt. Die Feier wurde durch einen vom Chor begleiteten Trauergesang des Oberkantors Don Fuchs eröffnet, worauf Gemeinderabbiner Dr. Julius Max B a c h die Gedenkrede hielt. In temperamentvollen, tiefgefüllten Worten gedachte er Herzls und seiner Kämpfe. Ein Trauerchoral schloß die erhebende" Feier. In Vertretung der Kultusgemeinde erschien Herr Kultusvorstand Spitzer. Am 7. Juli fand der Gang zum Grabe Herzls im Döblinger Friedhofe statt. Die Teilnehmer, ungefähr 400 Personen, versammelten, sich, beim Eingänge und defilierten am Grabe vorbei, wo Herr Jakob Landau, Kantor des Döblinge’r pelvereines, das Gebet „El mole rachamim“ vörtrug. . Beim Ausgange hielt Gg. Ludwig Bat.o, Obmann des Distriktskomitees eine Ansprache an die Anwesenden. Auch der Döblinger Tempelverein, d er sich bei der Veranstaltung der Feier am Friedhofe stets zur Verfügung stellt, hielt im engeren Kreise eine Trauerfeier ab. * * * Dienstag, den 9. Juli 1912 fand im Hotel Guth eine Feier zu Ehren, unseres verewigten Führers statt. Die Feier, die sehr würdevoll verlief, wurde von idem jungen Vereine „Herzl-KIub“ veranstaltet. Gg. Aron Schwertfinger eröffnete um i/ä9 Uhr abends dieselbe," begrüßte alle Erschienenen und hielt eine kurze Einleitungsansprache. Nachher erteilte er dem Gg. Moses Waldmann das'Wort zur Festrede. Gg. Moritz Geiger, der zweite Redner des Abends, verglich überaus treffend unseren verewigten Führer mit „Juda Makkabi“. Hierauf las Gg. Josef Stein „Mauschel“ von Theodor Herzl in einer Weise, die dem Zuhörer die Tendenz dieses Meisterwerkes wunderbar zeigte. Die Rezitation zweier Gedichte durch Gg. Simon Advokat schloß den Abend in ausgezeichneter Weise ab. Der „Sozialdemokrat“ Daszynski. Man - hat sich in Oesterreich schon längst abgewöhnen müssen, in den sozialdemokratischen Führern ehrliche Kämpfer für Freiheit und Recht zu sehen. Neben verschiedenen Winkelzügen und einer allzu gefügigen „Taktik“ (so wird es entschuldigend benannt) ist es besonders die Haltung der sozialdemokratischen Führer in der Judenfrage, welche der Glauben an die rote Gerechtigkeit erschütterten. Allerdings wissen wir auch, auf wessen Konto man die antisemitischen Seitensprünge der sozialdemokratischen Blätter zu setzen hat. Die Hauptschuld tragen die assimilierten Juden, welche in der Sozialdemokratie eine Rolle spielen. Außer den Judenstämmlingen Größmann, Hartmann, Bauer, Winter etc., die hie und da in Antisemitismus machen, gefällt sich auch der Führer der polnischen Sozialdemokratie Herr Ignacy Daszynski, der im Laufe der Jahre zahm geworden, ist und mit der Schlachta Frieden geschlossen hat, darin die Juden anzurempeln. Vor einigen Jahren . beschimpfte er die „Neue Freie Presse“ und weil er die Zionisten nicht ausstehen kann, bezeichnete er das Wiener Börsen- und Assimilationsblatt als Hauptorgan der Zionisten. In der letzten Woche erschien in der Arbeiterzeitung ein Artikel, der sich mit der ruthenischen Politik befaßte und offenbar von Daszynski geschrieben ist. In diesem Artikel heißt es, daß die „Neue Freie Presse“ die ruthenische Politik immer gefördert habe. Im Artikel findet sich aber auch die ganz deplacierte Bemerkung, daß sich nur noch die orthodoxen galizischen Juden eines ähnlichen Wohlwollens wie die Ruthenen bei der „N. Fr. Pr.“ erfreuen. Wann und auf welche Weise hat die „N. Fr. Pr.“ die galizischen Juden gefördert? Und warum wird das erwähnt? Offenbar nur, um hinzuweisen, (das geht aus dem Ton des Artikels hervor), daß alles Böse und Schlechte von der „N. Fr. Pr.“ gefördert wird. Diese im Wesen unbedeutende Aeußerung ist symptomatisch für den Geist der polnischen Sozialdemokratie, welche jetzt mit dem galizischen Statthalter verbündet ist. Und gerade die polnische Sozialdemokratie verdankt ihr Entstehen und ihren Aufschwung den Juden. Der Dank, der den Juden gewöhnlich gezollt wird, ist nicht ausgeblieben. „Der Jud hat seine Schuldigkeit getan, der Jud kann gehen.“ Eine Notiz aus Leoben. Die deutschnationale Studentenschaft hat in Leoben Theodor Herzls „Wilddiebe“ in einer Dilettantenvorstellung am 4. und 5. d. M. mit gutem Erfolge aufgeführt. Das Leobener deutschnationale Blatt besprach die Aufführung des „so glücklich gewählten Lustspieles“ — ohne aber den Djchter irgendwie zu würdigen — und meinte: „Ein überaus zahlreiches, vornehmes Publikum füllte die Räume des hiesigen Stadttheaters bis aufs letzte Plätzchen... Der so überaus zahlreiche Besuch läßt erwarten, daß dem Deutschen Schulvereine und der S ü d m a r k Volksbücherei, zu deren Gunsten die Aufführungen stattfanden, ein ansehnlicher Betrag zufließen wird.“ NESTLE3 * Kindermehl. für gesunde u.kranke Kinder sowie Magenleidende. Verhütet u.beseitigt Brechdurchfall. Diarrhoe. Darmkafarrh. Preis per Dose KJ.80,erhältlich in jederDrop-Apoth. Achtung! Jüdisches Volksfest im Prater. \T 117 n 17 D T S\Tnierui7 LEBENS - versicherungs - GESELLCHSAFT jNltULKLAJNUlaLnL WIEN, i., aspernplatz i. Im eigenen Palais.—Dersidiertes Rapitat zirka 380 tliilionen. — Prämienreseroe zirka 113 Elillionen. —- Billigste Prämien und kulanteste gadingungen. Engagiert jederzeit tüditige, leistungsfähige Hgenten gegen koke Bezöge. fluskOnfteerteilt Oie Generalagejitsikatt Bien, 1., flspernplatz 1 (Leiter: Daoid Hebenzaki). EBr Ostgalizien u. Bukowina: Subdirektion Eöbl Taubes, Eemherq.