Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 27 (5.7.1912)
- Date
- 1912-07-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Iheoöor Herzl. Vor acht Jahren haben wir'-ihn zu Grabe getragen und die Erinnerung an ihn lebt mit unverminderter Kraft in seinem Volke fort. Auf allen Tagungen und Kongressen empfindet man fast leibhaftig seine Anwesenheit. Gleich wie man bei tausend Anlässen des Propheten Eliahu gedenkt und für ihn einen gefüllten Becher bereit hält, weil man glaubt, daß er überall erscheint, wo Juden sich freuen, klagen und ihre Gebräuche beobachten, so denkt man auch des toten Führers, dessen Geist über allen Werken schwebt, welche von den Erben seines Willens in Angriff genommen und' vollführt werden. Viele Parteien versuchen Herzl für sich ip Beschlag zu nehmen. Assimilanten und Kultusjuden, Territorialisten und andere berufen sich auf ihn und werfen uns Verrat an den von Herzl aufgestellten Prinzipien vor. Wir wollen hier mit jenen Leuten nicht rechten, aber wir stellen das fest, um zu beweisen, daß die Größe und Bedeutung Herzls von alten Juden anerkannt wird. Sein Bild hängt in den Hütten der Armen und Reichen. Seine Schriften sind dem jüdischen Volke so vertraut, wie die keines anderen Juden der Neuzeit. Zu seiner Grabstätte wallfahren Juden verschiedenster Gesinnung, ln Volksliedern und Legenden wird er verherrlicht und die primitive Volkskunst hat sich seiner Person bemächtigt. Aber er ist nicht nur Führer des Volkes, sondern auch treuer Freund und iBerater jedes einzelnen von uns. Jedem von uns bedeutet die Bekanntschaft mit der Persönlichkeit und dem Gedankenbau Herzls ein Erlebnis, das unsere Tatkraft stählt, unseren Mut hebt und uns Hoffnung und unserem Leben Ziel und Zweck verleiht. Für uns ist Theodor Herzl kein Toter. Die Jahrestage seines Sterbens lösen in uns nicht lediglich Trauer aus. Wir gehen an sein Grab, wie wenn wir einen teuren, nun schweigenden aber lebenden Freund und Meister «besuchen wollten. Das Gefühl für Herzl ist nicht kühle Bewunderung; es ist liebende Anhänglichkeit und felsenfestes Vertrauen.; Theodor Herzl ist uns immer nahe. Sein unbeugsamer Wille, seine Geradheit und Zielsicherheit, sein unerschütterlicher Glaube — diese Güter sind unser unveräußerliches Erbe geworden. Und möge sich uns eine ganze Welt von Feinden und Gegnern entgegenstemnien und berghohe Hindernisse in den Weg stellen: im Zeichen Theodor Herzls wollen wir vorwärts Kleines Feuilleton. Unsere Palästinabilder. ln die Liste derer, die sich um die Erschließung Palästinas die größten Verdienste erworben haben, ist ein neuer Name einzutragen, der unseres Wiener Gesinnungsgenossen Dr. Leo 'Kann. Dr. Leo Kann, ein künstlerischer Amateurphotograph ersten Ranges, hat über unsere Anregung eine Reise durch das alte und neue Judenland unternommen und ist mit einer künstlerischen Ausbeute zurückgekehrt, die alles auf diesem Gebiete Erreichte weit übertroffen hat. In einer Serie von 400 Bildern, bei deren Herstellung die modernsten Errungenschaften der photographischen Technik verwendet wurden, ist das Land Palästina festgehälten. Seine historischen Stätten, seine Kolonien, seine Bewohner, seine unerschöpflichen landschaftlichen Reize Werden uns so lebend Vorgeführt, wie nie zuvor. In «erster Linie haben Wir es mit einem« zionistischen Propaganda werke von überragender Bedeutung zu tun. Zirka "250 Bilder stellen Sujets aus allen jüdischen Kolonien, dem Bezalel, dem hebräischen Gymnasium u. a. m. dar. Dem Eindruck dieser Bilder neuen jüdischen Lebens. Wird sich niemand entziehen können, sei er nun Zionist oder picht. Diese starken gesunden Greise ■ am1 Pflug, diese reizenden frischen Kinder beim Unterricht und beim Spiel, diese herkulischen Wächter und Hirten, die schönen, kräftigen Judenfrauen im Feld, sie t streben, bis sein Wille zum Werk und sein > Traum zur Wirklichkeit geworden. Rundschau. Juden als Hetzer. 1 Der Uebereifer der in fremdnationalen La- : gern stehenden Juden, ihre angenommene Na-; tionalität herauszustreichen, hat mehr als alles j den politischen Antisemitismus geschürt. Die t wütendsten Kampfhähne sind gewöhnlich assi-! milierte Juden, die, jedes Verantwortlichkeitsge-! fühles bar, sich in der Verhetzung der einzelnen ) Nationen nicht genug tun können. Das Motiv [dieses Vorgehens ist durchsichtig; was an Rasse, [Veranlagung und Blutsgemeinschaft abgeht, wird i durch Ueberdeutschtum oder Ueberpolentum 1 wettgemacht. Selbstverständlich nützt derlei Geihaben bei den Andersnationalen nicht viel. Der [ Jude wird erkannt und eine Flut sinnlosen Juden- ‘ haßes wälzt sich über (alle Judeh, namentlich über die wirtschaftlich schwächsten. Gerade die letzten Wochen brachten eklatante Schulbeispiele des assimilatonisch-jüdischen He'tzertums. Als die Ruthenen die kaiserliche Botschaft erhielten, so meldete sich als erster -der Abg. v. Löwenstein zum Worte. Im „Neuen Wiener Tagblatt“ erklärte er im Namen der Pollen, daß die Botschaft an die Ruthenen wie eine Explosion gewirkt hätte. Ausgerechnet Nathan v. Löwenstein muß gegen die Ruthenen, in deren Mitte über eine halbe Million Juden leben, auftreten! Der ruthenische Bykott wird wohl nicht den fahnenflüchtigen Löwenstein aber tausende armer Landjuden schädigen. Ein zweiter Fall ist die unverschämte Hetzarbeit der „Neuen Freien Presse“, anläßlich der angeblichen Ueberfälle auf deutsche Studenten in Prag. An anderer Stelle berichten wir über drei Vorfälle; hier bemerken wir nur, daß sich zufolge aller wahrheitsgetreuen Berichten die Czechen Prag gegen die provozierenden deutschen Studenten, in deren Mitte sich auch dummdreiste Assimilantenjüngel befanden, musterhaft benommen haben. Wir machen die jüdische Oeffentlichkeit auf diese Fälle aufmerksam, -damit sie wisse, wer eigentlich des Juden schlimmster Feind ist. Nicht die Fremden schlagen uns die schmerzlichsten Wunden, immer sind es« die eigenen fahnenflüchtigen Verräter. Die Ito-Konferenz. Der Verlauf und die Begleitumstände der in Wien stattgefundenen Ito-Konferenz bewiesen, daß wir mit unserer vorwöchentlichen Kritik vollkommen Recht hatten. Denn die Art und alle verkünden in überwältigender Weise das Wunder von der Wiedergeburt des alten jüdischen Volkes. Die Wirkung aller noch so geistvollen theoretischen Erörterungen, aller noch so begeisterten Rede verblaßt neben der Anschaulichkeit dieser Kunstwerke Die anderen Bilder haben das historische und landschaftliche Palästina zum Vorwurf. Sie beweisen, daß unser Land an Schönheit keinem nachsteht. Eine tief eingreifende Wirkung werden aber in erster Linie diese Bilder auf die Ausgestaltung des jüdischen Heimes ausüben. Sein Heim mit jüdischen Kunstwerken, die volkstümlichen Charakter tragen, zu schmücken, zumechten jüdischen Heim zu machen, war bis nun ein Ding der Unmöglichkeit. Weniges war |auf dem Markte zu haben und das Wenige Wurde den minimalsten künstlerischen Ansprüchen nicht gerecht. Diese Frage ist nun. mit einem Schlage gelöst. Eine Unzahl von herrlichen Motiven stehen heute zur Verfügung, jede Geschmacksrichtung kann befriedigt werden., Kanns Palästinabilder werden bald in jedem jüdischen Hause zu finden sein. Albums, Kunstmappen, Wandbilder, Lichtbilder in autochromer Ausführung, künstlerisch montierte Transparente u. dgl. m. werden in wenigen Wochen zur Ausgabe gelangen. Die „Jüdische Zeitung“, welche die Kannschen Bilder verlegt, hat eine schwere aber dankbare Aufgabe übernommen. Weise, wie Zangwill und seine Anhänger Kongreß -spielten und Judenrettung mimten, kann nicht anders als frivol bezeichnet werden. Un-; gefähr fünfzig zumeist nicht legitimierte und nicht gewählte Leute taten sich zu einem Konventikel zusammen, flunkerten in der Wiener Presse der Oeffentlichkeit vor, daß Oskar Strauß und Lord Rothschild an der Tagung teilnahmen, versuchten durch Vorschieben von Namen reicher Juden Interesse zu erwecken, erhoben notorisch bedeutungslose Figuren und politische Bankerotteure auf das hohe Piedestal moderner Judenpolitik und verlangten, daß man sie ernst nehme. Nicht genug daran. In Ungarn verkündeten sie in Alarmtelegrammen von der Erwerbung Angolas, iießen Namen von neuen Judenländern in die Welt flattern und waren entrüstet, daß man ihr Gehaben Schwindel und Augenauswischerei nannte. Es verlohnt sich nicht, über den Verlauf der Konferenz zu berichten. Ein Kon\ientikel, welches keine Preßvertreter zuläßt, die Sympathien der Wiener Kultusgemelnde und des Unionssekretärs Fleischer findet und welches Dr. Bloch zum offiziellen Journalisten bestellt, verdient nicht, in jüdisch-nationalen und demokratischen Kreisen ernst genommen zu werden. Es ist nur bedauerlich, daß einige ganz anständige Elemente wie Jocheimann und andere ins Schlepptau der Itomacher ä la Krauß und Bloch gerieten. Vom Prager SoftolftongreL (Von unserem Prager Berichterstatter.) Der Sokolkongreß selbst ist unter großem Jubel des czechischen Volkes vorübergegangen und hat einen mächtigen Eindruck hinterlassen. Er hat gezeigt, welche organisatorische Kraft in der nationalen Idee Eteckt, die diszipliniert und zusammengefaßt, was durch geographische, politische und sprachliche Fragen geschieden ist. Meinl Maltin - Kakao Ersetzt die Fleisebnahntng Kräftigt den Organismus ist außerordentlich billig Das neue Beda-Buch.*) Als ich das neue Beda-Buch zu Ende las, dachte ich darüber nach, durch welches Bild man am anschaulichsten den Sinn des Buches ausdrücken könnte. Nach langem Nachdenken legte ich mir folgendes zurecht: Auf einem hohen Postamente liegt ein rotes Samtkissen übersät mit Orden und vielzackigen Adelskronen. Darauf ruht ein goldenes glotzäugiges Kalb. Um das Postament aber rast eine bunte Gesellschaft im tollen Reigen. Hand in Hand wirbeln Geldleute und Journalisten, Politiker und Artisten, hysterisch-perverse Weiber und vertrottelte Kawaliere, größenwahnsinnige Künstler und heuchlerische Gelehrte vorüber. Abseits aber steht der Dichter mit einem photographischen Apparat. Ein Haufen Platten neben ihm läßt erkennen, daß er bereits unzählige Aufnahmen in den verschiedensten Attitüden aufgenommen hat. Dieses Bild, glaube ich, drückt am sinnfälligsten das aus, was Beda kündet. Er erfindet nichts, er photographiert. Weil er aber ein Künstler ist, nimmt er die verschiedenen Gestalten in ihren charakteristischen Posituren auf., Das Objektiv seines Apparates ist vorzüglich,, verzerrt sind die aufgenommenen Gestalten. Darum meine ich, darf man seine Gedichte nicht mit den landläufigen Satiren verwechseln. *) Beda „Neue Satiren“, Verlag „Adria“, Wien, Preis 1 K 20 h. Zu beziehen durch die „Jüdische Zeitung“, II., Stefaniestraße 12. Siehe Inserat.