Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 26 (28.6.1912)
- Date
- 1912-06-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2438141-2438380-2438406--3077-2442811- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 26 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Das erste Treffen,. Wer Zeuge des letzten GemeinderatsWahlkampfes War, mußte erwarten, daß die Freiheitsmänner nach vollzogener Wahl sich mit Tollkühnheit in die Schlacht gegen die Christlichsozialen Stürzen Würden.' Wie Schlachtrosse, welche ungeduldig deri Boden stampfen und unternehmungslustig wiehern, weil sie darauf brennen ins dichteste Kampfgewühl zu kommen, so geberdeten sich die Führer und Kandidaten der Wiener Freiheit. Als die Christlichsozialen dank der streng antisemitischen Gesinnung der Wiener Wählerschaft fast ungeschwächt aus dem Wahlkampfe hervorgingen, da hatte man ordentlich Angst, daß Sich die Erbitterung der liberalen Gemeinderäte, Namentlich der neugewählten in furchtbaren Szenen Luft machen würde. Schon sah man im Geiste die Helden Frank, Melcher, Neustadtl, besonders aber Kodicek und Fischer in männermordendem Ringen mit den antisemitischen Mandataren, Insbesondere Wegen des Gemeinderates F isch er hatte man schwere Angstgefühle, denn er verdankte ja seine Wahl nur dem Hinauswurfe des Blutmärchengläubigen Petrich durch die Jüdischnationalen. Diese Befürchtungen wuchsen noch, als die Christlichsozialen die Forderung der Liberalen nach einer Vertretung im; Stadtrate ablehnten. Es kam aber — Wie es kommen mußte. Die lendenlahmen, zusammengewürfelten, Mitglieder des liberalen Gemeinderatsklubs schwiegen. Die jüdischen Gemeinderäte ließen sich sogar von ihren eigenen christlichen Klubkollegen, welche nach dem Geständnis der Herrn v. Dorn für den Stadtrat pur „Männer von zweifellos arischer Abstammung“ präsentiert hatten, ins Gesicht Spucken. Geradezu jämmerlich benahmen sie sich in der ersten Sitzung des neugewählten Gemeinderates. - Der Gemeinderat Moisl griff die Christlichsozialen in Zwischenrufen und Interpellationen an und die liberalen Klubgenossen ließen ihn hiebei vollständig im Stich. In feiger, unmännlicher Weise schlichen sie von ihm fort und einige zupften ihn beim Rock und drangen in ihn, Ruhe zu geben. Diese Haltung der eigenen Klubkollegen, bewog den Gemeinderat Moisl aus dem' liberalen Klub auszutreten. Das kurze Beisammensein mit den liberalen mosaischen Freisinnsmännern öffnete ihm gründlich die Augen und seufzend gestand er ein, daß die Zionisten alle ordentlichen, charakterfesten Juden in ihrem Lager haben und nur „die jämmerlichen Feiglinge“ bei den Liberalen verblieben seien. Hiebei machte er seinem gepreßten Herzen Luft und erzählte, daß der bekannte Frank, der nidht nur Gemeinderat, sondern auch Kultusrat ist, vor den Antisemiten scharwenzelt und zu den fleißigsten Besuchern der verschiedenen Bankette (auf welche so geschimpft wird) zählt, daß Neustadtl, der edle Ritter, aut eben denselben Banketten ganze Berge von Backwerk neben sich türmt und sich diese süßen Kostproben schmecken läßt. Kurz, Kleines Feuilleton. . Die . Juden auf Rhodos. Auf der Insel Rhodos, die gegenwärtig den Türken von den’ Italienern streitig gemacht wird, leben Juden bereits seit den ältesten Zeiten. Schon im ersten Buche der Makkabäer wird der Juden aus Rhodos gedacht. Der jüdische Reisende Benjamin de Tudela hat im Jahre 140 anläßlich 'seines Besuches aut der Insel daselbst 500 Juden vorgefunden. Rottiers sagt in seinen „Inscriptiones et mönuments de Rhodos“, daß anläßlich einer Juden Vertreibung aus Spanien im' Jahre 1280 Juden aus Tarragon nach Rhodos kamen. In Malona, einer Stadt auf Rhodos, gibt es heute noch ein großes Stadtviertel, das den Namen Evriaki führt. Dieser Stadtteil war schon von Juden bewohnt, als die Ritter des heiligen Johann im1 Jahre. 1309 nach .Rhodos kamen. Der Stadtteil, in welchem die Juden heute in der Stadt Rhodos wohnen, ist uralt. Als die Johannesritter die Mauer, welche das Juden - viertel umgibt, nach einer Belagerung reparierten, gaben sie ihr den Namen „Judenmauer“. Unter der Herrschaft (dieser Ritter hatten es die Juden nicht immer gut.. Lacroix erzählt in seiner Geschichte der Insel, daß der Großmeister wjederhölt die Demolierung ’ mehrerer Juden häuser befahl, um! aus dem gewonnenen Material die ganze Schäbigkeit der liberalen Stadtväter ist dem Gemeinderat Moissl offenbar worden und er schüttelt sich nun vor Ekel. Wir aber wundern uns nur, daß Gemeinderat Moisl erst jetzt zu dieser Einsicht gekommen’ ist. Oder hat er sie nur so lange zurückgedrängt, als er noch nicht gewählt war? Viktor Adler. Victor Adler feiert seinen sechzigsten Geburtstag. Wieder ein großer Jude, der sein Talent in den Dienst eines anderen Volkes gestellt und Bedeutendes geleistet hat. Allerdings, Adler hat sich zu einer Zeit für den Sozialismus begeistert, als dieser noch einen kosmopolitischen und stark idealistischen Zug zeigte und wo' es noch keine jüdischnationale Bewegung gah. Als, die Sozialdemokratie stark nationalistisch wurde, erklärte sich Adler als deutscher Sozialdemökrot, er konnte seinem1 ganzen Denken nach nicht anders. Aber er hätte zumindest als großer Kopt nicht in die antisemitelnden Gewohnheiten der minderen Götter aus dem Lager der roten Assimilanten (verfallen sollen, die damit vergessen machen wollen, daß sie Juden sind. Gerade zu seiner Geburtstagsfeier packt Herr Stefan Groß mann, einer dieser Gilde, eine Stelle aus einer Adler'schen Rede aus, die sich auf das Judentum bezieht. (Notabene,: Es ist merkwürdig wie diese Assimilanten immer, wieder das Judenthema selbst anschneiden; fand Großmann keine andere bemerkenswerte Stelle in den laufenden von Reden, die Adler hielt?) In diesem Citat heißt es: „Ich erinnere an die Auswanderung der russischen Juden nach Amerika;, eine Sache, womit uns die Ohren vollgetrommelt werden. Durch die Wohltätigkeit eines großen jüdischen Kapitalisten wird der Auszug der Juden aus Rußland nach Amerika ermöglicht. Was wird aus dieser humanen Handlung? Einfach, daß Tausende Juden heute in Amerika Kulis werden, daß diese jüdischen Kulis in Amerika die freien Arbeiter, nicht nur die englischen und deutschen, .sondern auch die organisierten jüdischen Arbeiter, unterbieten müssen, daß die ganze Hirschsche Wohltätigkeitsaktion .auf nichts anderes hinausläuft als auf die Einführung von Sklaven nach Amerika zur Unterdrückung der freien Arbeiter. Die besitzende Klasse kann nichts anpacken, es Wird' alles zu Gold,“ Wie Iman sieht, sehr gewählt ausgedrückt und trotzdem,' jeder Satz ein trauriges Beispiel, wie die gescheitesten Assimilanten den Verstand verlieren, (wenn sie auf das Judenthema kommen! Daß die jüdischen Einwanderer in. Amerika keine Lohndrücker sind, sondern dorthin neue Industrieen einführen,' daher „die nationalen Werte erhöhen“, wie sich der Statistiker G,o l dstein ausdrückt, ist eine Binsenwahrheit, die zu kennen man kein gelehrter Marxist sein muß. Und wie abscheulich ist die Wendung über das „Getrommel“ mit der jüdischen Auswandie schadhaft gewordene Judenraauer, die wiederholt von Messih - Pascha bombardiert wurde, wieder herstellen zu .lassen. Elijah Capsali berichtet in seinem Geschichtswerke, daß der Großmeister nach dem Mißerfolge Messih-Paschas die Juden zwang, das Christentum anzunehmen. Manche von ihnen nahmen auch tatsächlich die Taufe. Andere aber zogen den Tod vor, und andere wieder wurden als Sklaven verkauft. Letztere wurden später vom Sultan Suleiman, nachdem er die Insel erobert hatte, wieder befreit. Am. 9. Jänner 1502 vertrieb der Großmeister d’Aubusson die Juden unter dem Vorwände, daß sie die Jugend verdürben, von der Insel. Dieser Ausweisungsbefehl würde jedoch nicht bis zu Ende durchgeführt, da d’Aubusson inzwischen starb. Unter der Herrschaft des Großmeisters Williers lebten die Juden der Insel in Frieden. Er war den Juden sehr freundlich gesinnt und besuchte öfter ihre Synagogen. Nach einer auf der Insel noch heute fortlebenden Tradition, die von manchen Historikern als Tatsache* verzeichnet wird, haben die Juden von Rhodos am Kampfe gegen die Türken teilgenommen, indem sie eine Phalanx von 250 Kämpfern unter der Anführung des Simeon Granada bildeten. Sie führten den Namen „jüdische Phalanx“. Nach Billioti handelte es sich hier um jene Juden, welche unter dem Regime d’Aubusson das Christentum zwangsweise annehmen mußten. Als jedoch die Türken Rhodos okkupierten, sind alle diese Juderung seitens eines Führers der Sozialisten, dieser Anwälte der Armeen und Bedrückten, der selbst ein Jude ist! Und wie unwahr auch dieser Satz! Nicht die Auswanderung ist es, worüber ein den Ohren des Genossen Adler so imangenehmer Lärm1 getrommelt wird, sondern die Ursachen derselben: Die furchtbare Not und Bedrückung, ln der die russischen Juden dahinvegetieren, die zwar ein christlicher und bürgerlicher Nationalökonom, wie der jüngst verstorbene Anatole Leroy-Beaulien die ärgste, welche die Welt kennt, nennen konnte, von der aber ein jüdischer Sozialist sich nichts „vorzutrommeln“ lassen braucht. Daß die Emigration nach Nordamerika von der Hirschstiftung bestritten wird, ist nur so eine kleine Unwahrheit des sonst so exakten Sozialforschers. So wird selbst der beste Charakter durch die Lüge der Assimilation ruiniert! Interessant jst auch die scheue Diskretion, mit der Adler gefeiert Wird. Nur die Assimilanten Austerlitz und Grossmann werden in der Arbeiter-Zeitung Aufgeboten, über die Feier selbst, bei der ein August Bebet anwesend war, enthält sie nur ein paar Bemerkungen. „Die Sozialdemokratie leistet dem Personenkultus keinen Vorschub“, heißt es. Vergessen aber ist der Zusatz: „Wenn die Person ein Jude ist“. Man braucht nur an Bebels siebzigsten Geburtstag zu denken oder an die Verherrlichung des einfachen Silbererz Und Adler verdankt die österreichische Sozialdemokratie alles! Das ist der Dank, den ein Jude, der sein ganzes Sein für das Volk — allerdings nicht für sein Volk — erhält. Natürlich' Wird auch von den beiden Festfartiklern nicht gesagt, daß alles, was sie an Adler preisen: sein scharfer Witz, seine durchdringende Logik, sein heißes soziales Empfinden, sein Opfermut echt — jüdisch ist. Aber wir können es feststellen. Und anläßlich dieses Jubiläums erinnern wir uns eines andern von unS kürzlich gefeierten: des Gedenktages Moses Hess! Dieser große Sozialist und Kampfgenosse von Marx und Lassalle hat schon vor 50 Jahren durch sein Beispiel gezeigt, daß man ein ebenso begeisterter Nationaljude wie Sozialist sein kann. Nur in den Köpfen der so« zialistischen Epigonen spukt der Irrtum, daß so etwas unvereinbar sei, vielmehr ein jüdischer Sozialist ein Asshnilant und Beschimpfer des Judentums sein muß. i Verhütet ubeseitigl Brechdurchfall, fliarrhoe. Darmk afarrft Preis per Dose K1.8Q,erhältlich in jeder Onp-Aßolti den wieder zum Judentum zurückgekehrt. Von manchen Historikern wird behauptet, daß die Juden, nachdem Rhodos von den Türken eingenommen wurde, die Insel verlassen hätten und nach Italien ausgewandert seien. Andere Geschichtsschreiber wieder behaupten das Gegenteil, daß nämlich nach Errichtung der türkischen Herrschaft auf Rhodos italienische Juden dahin eingewandert wären. Es scheint, daß beide Behauptungen begründet sind, da es nachgewiesen ist, daß diejenigen Juden, welche an dem Kampfe gegen die Türken teilgenommen hatten, nach der Niederlage ausgewandert sind, während andererseits die Juden, welche sich im türkischen Heere befanden und zumeist Freiwillige aus Italien waren, sich nach dem türkischen Siege auf der Insel niederließen. Benjamin Pontremoli berichtet, daß Sultan Suleiman, der die Nützlichkeit der Juden erkannte, ein Dutzend jüdischer Familien aus Salonique auf die Insel brachte und ihnen dort viele wertvolle Privilegien bewilligte. Unter anderem erhielt jede jüdische Familie ein Wohnhaus, überdies genossen sie während 20 Jahren volle Steuerfreiheit, ferner wurde ihnen gestattet, das muselmännische Stadtviertel zu pissieren, um auf den jüdischen Friedhof zu gelangen und auf der Straße die hebräischen Trauergesänge zu singen. Sie wurden ferner ermächtigt, ihre rituellen Angelegenheiten autonom zu regeln. Vom Jahre 1675 bis auf unsere Tage enthält die Geschichte der Insel, abgesehen von