Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 25 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 , JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 25 der festen Absicht in die Kultusstube, als treue Juden und selbstbewußte Verfechter der jüdischnationalen Sache sich an allen Arbeiten zu beteiligen, welche der Gemeindevertretung obliegen und alle Kräfte daran zu setzen, daß die Tätigkeit der neuen Kultusgemeindevertretung auch dem modernen Judentum gerecht werde. Es ist selbstverständlich, daß unsere Ostrauer Gesinnungsgenossen diesmal auch nichts unversucht ließen, um den Kampf gegen jene Juden, die wohl gerne unsere Ehrenämter in Anspruch nehmen, aber mit allen sonstigen Gefühlen in iremdnationalen Lagern stehen, aufs schärfste zu führen und auch in dieser Richtung war ein Erfolg zu verzeichnen. Es wurde ein bisheriger Vertreter nur deshalb von der Kandidatenliste gestrichen, weil er erst vor kurzem eine Spende von tausend Kronen dem zu errichtenden Deutschen Heim in Oderfurt zuwendete, ohne auch nur einen annähernden Betrag für jüdische Zwecke zu stiften. Derselbe Mann ist eine bekannte „Stütze“ des Oderfurter Deutschtums und sucht Befriedigung seines Ehrgeizes nur darin, alles Deutsche zu fördern und die Juden in jenes Lager zu treiben, wo über ihre Aufnahme erst abgestimmt werden muß. Kommen aber Kultuswahlen, dann will man natürlich auch wieder „guter Jude“ sein und ein Mandat erhaschen. Da kommen aber die bösen Zionisten und halten dem Herrn Mandatswerber alle Sünden vor und die arme „Größe“ liegt auf dem Boden. Wir aber sind stolz darauf, daß unsere Arbeit Früchte. zu tragen, und daß man einzusehen beginnt, daß das Heil der Juden nicht in fremden Lagern zu finden ist, daß wir uns vielmehr immer enger zusammenschließen müssen. Selbstverständlich wurde mit allen Mitteln versucht, den gefallenen Kandidaten zu retten, aber es war umsonst und die Wählerschaft hat uns recht gegeben. Aber nicht darum war es uns etwa zu tun. Meinl Maltin- Kakao Ersetzt die Fleisebaahmng Kräftigt den Organismus Ist aoßerordentlicb billig In Casale Monferrate erscheint die Halbmonatschrift „Vessillo Israeli.tico“, die keine Gelegenheit vorübergehen läßt, dem Zionismus eins am Zeug zu flicken. Diese Monatsschrift ist assimilatorisch und schwärmt in geilen Worten nur für die „israelitische Religion“, wie ein Jünger Mendelssohns. Natürlich hat dieses Blatt mit der echten Gesetzestreue nichts zu tun. In Florenz erscheint eine wissenschaftliche Vierteljahrschrift „R i v i s t a I s r a e 1 i t i c a“ unter der bewährten Leitung des Dr. Margulies. Außer demZionismus und der Pro Coltura Ebraica-Bewegung gibt es noch etwas, was die Juden an ausländischen Erscheinungen des jüdischen Lebens Interesse nehmen läßt. Prof. Jakob Faitlovitsch, der sich durch seine Forschungsreise unter den abessinischen Juden (Fallasclias) große Verdienste erworben hat, bereiste nach seiner ersten Reise zu den Fallaschas ganz Italien pndpiächte Propaganda zugunsten dieser armen, verlassenen abessinischen Juden, damit sie dem jüdischen Stamme wieder angegliedert werden können. Die italienischen Juden sind hieran umso mehr interessiert, da die Fallaschas an der Grenze der italienischen Kolonie Erythräa wohnen. Nach dem Vorschläge Faitlovitsch’ sollen vor allem Schulen errichtet werden, um den Fallaschas Gelegenheit zu bieten, mit der hebräischen Sprache, die bei ihnen in Verlust geriet, und mit dem Judentume bekannt zu werden. Da die politischen Verhältnisse in Abessinien noch immer nicht geklärt seien, soll die erste Schule auf italienischem Boden, in Asan irgend einer Person unser Mütchen zu kühlen, den Kampf für ein Prinzip haben wir aufgenommen und durchgeführt. Der Fall wird hoffentlich auch denen zu denken geben, die uns nur deshalb entgegentreten, weil wir gegen ihre Assimilationssucht mit allen Mitteln kämpfen und auch weiterhin kämpfen werden. Sie täten gut, den Ausfall der Kultuswahlen mit roter Tinte in ihr Merkbuch einzutragen. Nicht uninteressant ist es, daß ei i hiesiges dcutschnationales Blatt die Sache aufgriff und wir reproduzieren nachstehend den bemerkenswerten Artikel des in Ostrau erscheinenden „Mähr.-schles. Grenzboten“ vom 12. Juni 1912. Er lautet: Kultusgemeinde wählen und Deutschtum. Gegenwärtig vollziehen .sich die Wahlen in der hiesigen israe1. Kultusgemeinde. Ueber diese selbst enthalten wir uns jeder Bemerkung, da sie eine innere Angelegenheit sind, die die anderen Konfessionen nichts angeht. Dagegen sehen wir uns veranlaßt, zu einem Vorfälle während der Wahlbewegung Stellung zu nehmen, weil derselbe mit der nationalen Frage zusammenhängt. Eines der hervorragensten bisherigen Mitglieder des Kultusvorstandes wurde deswegen aus der Kandidatenliste gestrichen, „weil er dem Verein „Deutsches Heim“ in Oderfurt 1000 K gespendet habe, somit ein Deutschnationaler sei“. Wir haben gegen diese Erklärung des deutschnationalen Begriffes insofern nichts einzuwenden, als wir aut dem Standpunkte stehen, daß j eder ein guter Deutscher ist, wenn er seine Pflichten gegen das deutsche Volk erfüllt, mag er welcher Konfession immer angehören. Der Antisemitismus, weder der konfessionelle noch der vom Rassenstandpunkte vertretene, hat den Deutschen in Oesterreich Glück gebracht. Viele nationale Positionen in den Sudetenländern sind durch ihn zu Falle gebracht worden. Auch in Mähr.-Ostrau war diese Bewegung Vorjahren einmal im Schwünge. Sie ist seither fast gan zabgeflaut, weil schließlich beide Teile von der Notwendigkeit eines einträchtigen Zusammenwirkens überzeugt sein mußten. Bedauerlicherweise scheint nun von zionistischer Seite eine Strömung in die Wege geleitet zu werden, welche die israelitische Bevölkerung in ihrer Gesamtheit vom Deutschtum abdrängen und in einer jüdischnationalen Partei vereinigen will. Die älteren erfahrenen Leute — und die sind heute noc hin der Mehrzahl — haben begreiflicherweise wenig Lust, diese Wandlung mitzumachen, weil sie die Folgen eines solchen Schrittes mit kühlem Verstände erwägen. Denn sie wissen recht gut, daß das zionistische Kalkül, die israelitische Bevölkerung werde das Zünglein an der Wage in dem Kampfe zwischen Deutschen und Tschechen bilden, ebenso leicht ins Gegenteil Umschlagen kann, nämlich: daß die israelitische Bevölkerung zwischen zwei Afühlsteine gerät. Ob es der Einsicht der Alten gelingen wird, den Riß zu verhindern, wird die Zukunft lehren. Die obige Begründung der Kandidatenstreichung, sowie die Tatsache, daß bei der kürzlich stattgetundenen Werbung für mara errichtet werden. In Italien hat sich ein Pro Fallascha-Komitee gebildet, das bereits mit Hilfe der ausländischen Juden einen beträchtlichen Fonds aufgebracht hat. Ein junger Fallascha studiert gegenwärtig am Collegio Rabbinico in Florenz, um als Lehrer unter seinen Brüedrn wirken zu können. Die italienische Regierung hat ihre Hilfe in Aussicht gestellt; hoffentlich werden die armen Fallaschas von den italienischen Machthabern nicht zu politischen Zwecken mißbraucht werden. Die Mißerfolge der Federazione und das Nachlassen des Eifers der Pro Coltura-Bewegung hat die Florentiner Jugend auf den Gedanken gebracht, einen jüdischen Jugendtag einzuberufen, um den jungen italienischen Juden Gelegenheit bieten, ]sich ,über das Judentum auszusprechen, zu den brennendsten jüdischen Tagesfragen Stellung zu nehmen und sich in entsprechender Form zu organisieren. Die „Settimana I s r a e 1 i t i c a“ — von der die Idee der Tagung ausging — erhielt eine Unmenge von Beifaliserklärungen von allen Seiten des Landes. Es waren sonderbare Schriftstücke darunter, ein ganz eigentümliches Kauderwelsch von Ideen, das vor allem die vollständige Ideenverwirrung im Kreise der jüdischen Jugend bekundet, ln einer Zuschrift wird gefordert, daß sich die Jugendbewegung vor allem für die strikte Einhaltung des Sabbats einsetze, eine zweite verlangt die Vertiefung der Religiosität, die dritte eine Synthese zwischen Patriotismus , und Judentum, die vierte strotzte vor Phrasen über Gotteserkenntnis usw. Allerdings waren auch einige sehr bemerkenswerte Schreiden Deutschen Schulverein fast sämtliche Israeliten die Mitgliedschaft ablehnten, läßt allerdings keine besondere Hoffnung zu. Im Interesse des Deutschtums und des Bürgerfriedens ist jedoch zu wünschen, daß das alte Verhältnis wiederkehre. Freilich ist von beiden Seiten größte Rücksichtnahme vonnöten. Es wird aber immerhin gut sein, wenn sie» die Deutschen unserer Stadt auf alle Eventualitäten vorbereiten. Dieser Artikel bietet, sowohl in seinen allgemeinen Betrachtungen, als auch in seinen Schlußfolgerungen und Drohungen eine Auslese von deutschnationalen Empfindungen, die kein selbstbewußter Jude leicht nehmen sollte. Jawohl, meine Herren Deutschnationaien, so steht einmal die Sache und ob Sie uns zum Deutschen Schulverein, oder zu Festivitäten und sonstigen Anlässen einladen werden. Sie werden immer die Jüdischnationalen auf treuer Wacht finden, die die jeden einzelnen Juden daran erinnern Werden, wo seine Mitarbeit am meisten nottut. Darum begrüssen wir den Ausfall der letzten Kultuswahlen in Mähr.-Ostrau als ein erfreuliches Zeichen der Selbsterkenntnis eines alten, ehrwürdigen Volkes. Zum erniedrigenden Dienste des Schleppträgers ist unser Volk denn doch zu gut. Geknechtet und getreten waren unsere Vorfahren, aber wenn sie sich zusammenschlossen, da wuchs wieder ihr Mut und ihr Stolz zu ungeahnter Höhe. Mut zur Offenheit führt zum Siege! Wer sich zu schwach fühlt, der weine mit dem Mähr.-schles. Grenzboten. Der assimilatorifdie Stfiwinöel. In der dieswöchentlichen Nummer der „Selbstwehr“ wird die Bedeutung der Abstimmung über die Resolution Snieral gewürdigt und folgerichtig ausgeführt, daß 'das einhellige Votum des deutschen Nationalverbandes gegen den Antrag Snieral einen deutlichen Beweis für den Bankerott des deutschen Liberalismus sowie des jüdischen Assimilationsgedankens darstelle. Politisch reife und weitbückende Juden, heißt es weiter, können aus diesen Tatsachen nur den einzig richtigen Schluß ziehen, ihr Volk aut jüdisch nationaler Basis zu organisieren. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend wendet sich die „Selbstwehr“ gegen die czechisch-jüdischen Assimilanten folgendermaßen: „Man muß sich auch empört gegen jene frivole Charlanterie wenden, mit der nichtdeutsche Assimilanten den Bankerott der deutsch- Hoiel and m Restaurant Teleph.13702 JOSEF GUTH Ielepti.13702 Wien, II., SfephaniestraBe 14 Bestrenommierte Küche u. vorzügliche Getränke ben darunter. Ende Oktober vorigen Jahres trat der Jugendtag zusammen. Es nahmen an ihm außer zahlreichen Florentinern 20 Herren aus allen Gauen des Landes teil. Es wurden Referate über die Apologethik des Judentums, die religiöse Praxis, die Pro Coltura, die Geschichte der Juden in Italien, über die hebräische Sprache abgehalten. Es wurde schließlich beschlossen, einen Jüdischen Jugendbund zu bilden. Es ist noch nicht zu ersehen, ob dieser Jugendbund den italienischen Juden neues Leben wird einhauchen können. Ich glaube nichtdaran, weil die Tagung nicht von nationalem Geiste getragen war, und es ihr daher ebensowenig wie der Pro Coltura-Bewegung gelingen wird, die Juden in Italien aufzurütteln. Junge Juden, die nicht als Juden fühlen, haben weder für jüdische Kultur noch für eine lebende jüdische Bewegung Interesse. Vor mehr als 1000 Jahren standen die italienischen Juden auf einer solchen Höhe, daß Kaiser Karl der Große einen italienischen Juden, Rabbi Kalonymos aus Lucca, nach Mainz berief, damit er unter den deutschen Juden, die damals aut einem sehr niedrigen Niveau standen, jüdisches Wissen und Kultur verbreite. Jetzt werden es vielleicht die ascheknasischen Juden sein, die die italienischen Juden dem jüdischen Volke zurückerobern w-erden. Es ist eine heilige Pflicht dem Judentum gegenüber, die italienischen Juden, die ein wertvolles Element unseres Volkes bilden, dem Judentume zu erhalten.