Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 25 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 israelitischen Assimilation ausschroten möchten. Das tun vor allem die im übrigen durch ihre politische Ohnmacht ausgezeichneten tschechischjüdischen Assimilanten Prags. Kurz, nach der Abstimmung, die die Unzuverlässigkeit jeder assimilatorischen Po'ilik schlagend nachgevviesen hat, beschließen sie, die Juden Mährens dem deutschen Einflüsse zu entziehen. Wodurch? Durch Aufrufe, ln diesen Aufrufen werden die Juden Mährens, die soeben von ihren deutschliberalen Götzen verraten worden sind, aufgefordert, sich kurzerhand „voll und ganz“ ins tschechische Volk aufnehmen zu lassen. Als wenn die Juden Mährens, wenn sie schon endlich zu Verstand kommen werden, die Dummheit der assimilatorischen Politik nclit kalt werden lassen dürften. Ob man sich in Schwarzrotgold oder in Weißrotblau oder in anderen Farben anschmieren läßt, ist ohne allzu wesentliche Bedeutung., Um ihre Aufforderung zu begründen, wagen die tschechischjüdischen Charlatane die Behauptung, das tschechische Volk kenne keinen Antisemitismus. Das ist natürlich ene Lüge. Aber selbst wenn das tschechische Volk ganz frei von Antisemitismus wäre, so müßte es eben durch die propagierte Assimilationspolitik tief in den Antisemitismus hineingehetzt werden. Das Volk des Hus und des Komensky kann durch die jüdische Assimilationstendenz ebensogut, wenn nicht leichter, absolut und fast unheilbar verantisemitet werden, wie das in seinem Kerne sicherlich ungemein wertvolle Volk — Goethes, Schillers und Kants. Aber mit dieser Geschichtsfälschung sind die tschechischjüdischen Krämer — so nennen wir Politiker ohne umfassenden politischen Blick — nicht zufrieden. In einem Atemzug mit der Aufforderung an die von den Liberalen betrogenen Juden Mährens, aus den deutschen Vereinen auszutreten und in die tschechischen Organisationen einzutreten, stoßen sie den Schlachtruf aus: „Weist kräftig und energisch die agitatorischen Verlockungen der Zionisten ab!“ Nun ist dieser Schlachtruf ja nicht mehr als ein von ohnmächtiger Wut erpreßtes Klagewinseln. Die tschechischjüdischen Assimilanten gehen ebensogut wie die deutschisraelitischen, daß die zionstische Bewegung und alle mit ihr in Zusammenhang stehenden Richtungen an Boden gewinnen. Mögen sie darum immerhin versuchen, das Wasser des bankerott gewordenen deutschen Liberalismus auf die tschechischjüdische Mühle zu leiten. Sie werden über kurz oder lang das Wettrennen mit der Wahrheit des nationalen Judentums doch aufgeben müssen. Weil jede Assimilationsbewegung kurze Füße hat; und die Füße werden nicht länger,' wenn man sie statt auf deutsche auf böhmische Stelzen setzt.“ ParteisNachPichten. Offizielle Mitteilungen des Zentralkomitees für Westösterreich. Zentralfond. Eingänge für den Zentralfond vom 3. bis 17. Juni 1912. Böhmen. Budweis: Dr. Karl Thieberger K 10.—. Komotau: „Theodor Herzl“ K 50.—; Jüd. Mädchenklub, Fr. Konirsch ä K 10.—; Willy Konirsch, S. O. Lichter, Ing. S. Weil, Ing. E. Thein, Hans Feldmann ä K 5.—; Otto König K 3.—; A. Neuschul K 2.—. Pilsen: Gottlieb Kohn K 3:—. Prag: Bar 'Kochba: Ing. Oplatka K 10.—; Koref K 6.—;.Fr. Mautner, Alb. Bobasch ä K 10.—; Martha Schick K 3.—. Trautenau: „Zion“ K 100.—; Summe K 252.-. Innerösterreich. Wien: Armin Duschinszki, Julius Löwy, Dr. Oskar Strisower ä K 10.—; Leop. Litzmann K 5.—; Summe K 35.-. Mähren und Schlesien. Proßnitz: Dr. Goldschmied, Richard Bobasch ä K 10.—. Teschen: Jakob Huppert K 100.—; Summe K 120.-. Gesamteingang aus Westösterreich K 5433.57. Böhmen K 2331.45, Innerösterreich K 2144.70, Mähren, und Schlesien K 962.42. Berichtigung: Die in Nr. 27 unter Böhmen ausgewiesenen Daten: Leop. Sitzmann K 5.—; Julius Löwy K 10.— sind zu streichen. _ Schekeleingänge: Böhmen K 426.—, u. zw.: Theodor Herzl, Trautenau (25) K 30.—; Freie zion. Vereinigung in Böhmen (30) K 36.; Zion, Teplitz (150) K ISO.-; Bar Kochba, Prag (10) K 12.-; Theodor Herzl, Komotau (60) K 72.—; Zion, Budweis (55) K 66.—; Zion, Brüx (25) K 30.—. Mähren und Schlesien K 900.—. Spezifikation folgt. Jüdisdh'er Hochschoilausschuß. Die letzten Vorfälle an der Wiener Universität brachten es jmit sich, daß innerhalb der jüdisdinationa! akademischen Korporationen eine vollständige Einigung erzielt worden ist. Der seit langer Zeit ersehnte und propagierte jüdische Hochschulausschuß wurde endlich verwirklicht. Am 4. Juni fand die Konstituierung des jüdischen Hoch'schulausschusses statt, welchem sich vor- läufig folgende Korporationen (anschlossen; die Verbindung: Ivria, Kadimah, JJnitas, Zephirah, Zdie Vereine: Bar-Kodhba, Bar-Giora, Esperanza, Theodor Herzl, Jordania, Jüdische Kultur, Jüdische Rede- und Lesehalle, wie auch der Jüd. Juristen-Verein, Medizinerverein, Veterinärmediziner-Verein und der Verein jüd. Hochschüler an der Bodenkultur. Lauit § 3 der Statuten bezweckt der jüdische Hochschulausschuß die Wahrung der studentischen und allgemein-jüdischen Jnteressen der jüd. Hochschüler, Es fallen daher insbesondere in seine Kompetenz: a) Vertretung gegenüber den akad. Behörden, b) Gestaltung des Verhältnisses zu . andersnationalen Hochschülern, c) Durchführung gemeinsamer Aktionen an den Wiener Hochschulen, d) Forderungen jüd. kultureller Bedeutung an den Wiener Hochschulen, e) Betätigung auf jüdischsozialen Gebiete. An der \Spitze des Hodischulausschusses steht ein Kollektiv-Präsidium von 3 Studenten, welche zugleich den Vollzugsausschuß bilden. Für das laufende Sommersemester wurden in das Präsidium gewählt: die Herren cand. ing. Michael Schindler (Kadimah). med. Leo Spiro (Bar- KoChba) und jur. Leo Kolb (Jürische Rede- und Lese-Halle). Am 8. d. M. sprach das Präsidium bei seiner Magnifizenz dem Rektor vor und überreichte demselben die Statuten. iDer Rektor nahm die Gründung des jüdischen Hochschulausschusses zur Kenntnis und versicherte der jüdischen Studentenschaft seines Wohlwollens und seiner Objektivität. Wir hoffen nun, daß die innerhalb der jüdischen Studentenschaft erzielte Einigkeit eine dauernde bleibt und so die Möglichkeit geschaffen wird, daß imsere ganze Studentenscaft im Kampfe für die Interessen ihrer Nation wie ein Mann eintreten wird. Aus dem jüdildien Leben. Zionistischer Erfolg in Brody- Unsere zionistische Lokalorganisation hat in letzter Zeit einen sehr wichtigen Sieg gefeiert. Die im Jahre 1910 in der hiesgcn Gemeinde stattgefundenen Ersatzwahlen, worin dank der Schwindelmachinationen der htesigen Clique unter Mitwirkung der Brodyer „polnischen“ Sozialdemokraten, nur die „Polen mosaischer Konfession“ hineingeschwindelt wurden, sind infolge Protestes unserer Gesinnungsgenossen unter Anführung des Og. Herrn Dr. Glasberg, ar.uliicrt worden. Zu bemerken ist, daß der seitens der Moschkos getriebene Schwindel so infam war, daß selbst die polnische Stattiialterei dagegen Stellung nehmen mußte. Die damals „gewählten“ Hausjuden hatten bisher nicht das Vergnügen, ihres Amtes zu walte,t. SZP. Gesinnungsgenosse Deiches gestorben. Donnerstag den 13. Juni starb unser verdienstvoller Gesinnungsgenosse Banquier Salmen Deiches im Alter von 6S Jahren. Sonntag den 16. d. fand das Leichenbegängnis statt, an weichem außer den Verwandten und Freunden auch Gesinnungsgenossen teilnahmen. Gg. Herr Waltuch, Obmannstellvertreter des zionistischen Zentralvereines widmete dem Verstorbenen im Namen der Organisation Abschiedsworte, in denen er die Verdienste des Verstorbenen würdigte. Deiches nahm an der Gründung der „Kadimah“ lebhaften Anteil, war der Gründungsobmann des Zionvereines Alsergrund, gehörte zu den ersten Mitarbeitern Theodor Herzls, beteiligte sich an der Kolonial-Bankgründung und an allen zionistischen Aktionen. In den letzten Jahren war Gg. D e i c h e r, den seltene Parteitreue und unbeugsame zionistische Gesinnung zierten, schwer leidend und konnte am Parteileben keinen aktiven Anteil nehmen. Ehre seinem Andenken! Gg. Dr. Reach — Rabbiner in Konstantinopel. Gl. Dr. Reach, Kreisobmann der zionistischen Organisation Südmährens (Gaya-Ung. Hradisch-Göding) wurde zum Rabbiner der aschkenasischen Gemeinde in Konstantinopel bestellt. Gg. Dr. Reach wird auch in seinem neuen Wirkungsorte seine segensreiche, von nationalem Geiste getragene Tätigkeit entfalten. Sein Abgang aus Gaya wird von alle t Gg. schmerzlich empfunden, denn ür. Reach war gewissermaßen die Seele der zionistischen Arbeit i i Südmähren . Aufrichtige Glückwünsche geleiten ihn an die neue Stätte seines segensreichen Wirkens. Aufzeichnung des Pogromagitatcrs Purhchkewitsch. K i s c h e n e w: Anläßlich der Gedenkfeier der hundertjährigen Zugehörigkeit Bessarabiens zum russischen Reich hat der berüchtigte blutrünstige Judenfresser W'Jadimir Purischkewitsch vom Zaren sein Bildnis zum Geschenk erhalten. Gleichzeitig wurde er, obwohl er kein Beamter ist, zum Wirklichen Staatsrat ernannt. Die Nachricht von ' der Auszeichnung des übelberufenen antisemitischen Maulhelden, der sich auch in der Reichsduma oft durch Provozierung widerlicher Skandalszenen hervorgetan hat, wird selbst in konservativen politischen Kreisen, namentlich unter den Oktobristen, mit peinlichem Befremden aufgenommen. Die Ehrung eines Purischkewitsch ist ebenfalls für die ganze Stimmung in den hohen Regierungskreisen von symptomatischer Bedeutung. Von der hebräischen Presse in Jerusalem. Jerusalem: Die hiesige hebräische Zeitung „Hacheruth“ (Die Freiheit), die bisher drei mal wöchentlich erschien, ist in eine Tageszeitung umgewandelt worden. Außer der „Hacheruth“, deren Herausgeber ein spaniolischcr Jude ist, erscheint in Jerusalem noch ein anderes hebräisches Tagblatt, „Haor“ (Das Licht), herausgegeben von E. Ben-jehuda, dem bekannten Verfasser des von Langenscheidt verlegten großen hebräischen Wörterbuchs (Thesaurus Totius Hebraitatis). Daneben erscheinen in Jerusalem noch die beiden hebräischen Zeitungen „Moriah“ (zweimal wöchentlich) und das Wochenblatt „Haachduth“ (Einheit), Organ der jüdischen Arbeiterpartei „Poalei Zion“. Zur Frage der Aufhebung des jüdischen Ansied- Iungsrayons in Rußland. Petersburg: In der Sitzung der Reichsduma vom S. d. M. brachten 37 Abgeordnete einen Antrag ein, wonach die Dumakcmimission, an die das Projekt zur Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsrayons vor zwei Jahren überwiesen worden war, verpflichtet werden soll, innerhalb acht Tagen 'dem Plenum Bericht zu erstatten. Die Reichsduma hat diesen Antrag angenommen. Demgemäß dürfte schon nächste Woche die Entscheidung in dieser für die russischen Juden so außerordentlich bedeutsamen Frage fallen. In jüdischen wie in nicht jüdischen Kreisen Rußlands sieht man dem Kommissionsbericht und den Beratungen der Duma hierüber mit großer Spannung entgegen. Fluchtversuch der mutmaßlichen Mörder des Knaben Justschinsky. Kiew: Von den Personen, die der Journalist Brasul-Bruschkowskv in seiner zweiten Denkschrift als die mutmaßlichen Mörder Justschinskys bezeichnete, sitzen drei wegen anderer Vergehen im Gefängnis. Nur die Frau Tscherebvakowa, von der angenommen wird, daß sie die eigentliche Anstifterin der Mordtat war, befindet sich noch immer auf freiem Fuße. Nun hat der Gendarnteriegeneral Iwanow, der die l.ntersuchttng betreffs der Meldung Brasuls leitet, dieser Tage den Staatsanwalt dringend ersucht, die Verhaftung der Tscherebyakowa anzuordnen, da sie nach zuverlässigen Mitteilungen Vorbereitungen trifft, nach Kanada zu entfliehen. Audi einige andere Personen, die der Mitschuld an der Bluttat verdächtig sind, sollen Anstalten getroffen haben, nach dem Auslände zu entkommen. Bisher hat der Staatsanwalt dem Anträge Iwanows noch nicht stattgegeben. Neue Beschränkungen für jüdische Handelsreisende in Rußland. Das Ministerium des Innern hat in Gemeinschaft mit den Ministern der Finanzen, des Handels und der Justiz neue Regeln über die Registrierung der in Rußland reisenden jüdischen Kaufleute ausgearbeitet. Danach haben die Polizeiverwaltungen der inneren Gouvernements genau die Zeit des Eintreffens und der Abreise der jüdischen Kaufleute und ihrer Gehilfen in besonderen Büchern zu verzeichnen. Diese Maßnahme wird mit den in letzter Zeit häufig vorgekommenen Verletzungen des Gesetzes über den zeitweiligen Auf enthalt der Juden außerhalb des Ansiedlungsrayons begründet. Der „Ritualmord“ in Kiew. Die Verteidiger des Angeklagten Beiäs haben der Staatsanwaltschaft eine neue Eingabe überreicht, in der sie aut Grund der neuen Enthüllungen um eine Revision des schwebenden Prozeßverfahrens gegen Beiiis bitten. Zugleich erneuerte der Verteidiger Margolin sein Gesuch um vorläufige Haftentlassung iies Angeklagten Beiiis gegen Erlegung einer angemessenen Kaution. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft gegen einen der Verteidiger Beiiis, den Rechtsanwalt Grigorowitsch-Barski, das Disziplinarverfahren eingeleitet, weil er den Protest gegen die Ritualmordbeschuldigung mitunterzeichnet hatte. Die Kiewer Mordaffäre beschäftigte auch die Reichsduma in einer ihrer letzten Sitzungen. Die oppositionellen Parteien stellten nämlich den Antrag, die Duma sollte mit Rücksicht auf die neuesten Enthüllungen Brasuls und Krassowskis in eine Besprechung der vor einem halben Jahre eingebrachten Interpellation der rechten Parteien betreffs des Kiewer Knabenmordes eintreten. Die Rechte mußte diesem Antrag, der ihr eigentlich sehr wider den Strich ging, notgedrungen zusammen, und so {wurde denn die Beratung der betreffenden Interpellation auf die Tagesordnung einer der nächsten Sitzungen gestellt. Die Annahme des Angola-Projektes in der portugiesischen Kammer. Lissabon, ln der Sitzung der portugiesischen Deputiertenkammer vom 15. Juni wurde der Gesetzentwurf betreffend die Kolonisation des Plateaus von Angola durch jüdische Ansiedler einstimmig angenommen. Allerdings fiel der Kammer der Beschluß nicht schwer, da das in Betracht kommende Gebiet für die Portugiesen wertlos ist und auch für eine jüdische Kolonisation trotz der territorialistischen Reklame nicht einmal theoretischen Wert erlangen kann.