Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 25 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Sympathien für diesen „progressiven Antisemitismus“ Ausdruck geben und mit großer Energie dessen Popularisierung unter den breiten Arbeitermassen durchzuführen suchten. Brauchen wir noch besonders auseinanderzusetzen, aut welche Art und Weise die klerikalen und reaktionären Elemente ihren judenhab betätigen? Ihre Konsumgenossenschaften und „katholischen Laden' führen ganz offen das antisemi- Iischer. Laden“ führen ganz offen das antisemitische Zeichen im Schilde und richten ihr Hauptaugenmerk darauf, dem jüdischen Händler mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln seine Kundschaft abspenstig zu machen. i Freilich, manche „Vorkämpfer“ des radikalen Freisinns halten es nicht für überflüssig, hie und da auch mit schwerem Geschütz aufzufahren , So schleudert der bekannte Apostel des Freisinns, der „unversöhnliche Feind des katholischen Gottes und aller religiöser Vorurteile, Herr Niemojewski uns die Drohung zu: „Wenn das Pogromgespenst wieder einmal vor den Toren Warschaus erscheinen wird, so werden wir schlafen gehen und Euch Eurem Schicksale überlassen.“ (Mysl Niepodlegla, 147.) Das ist der gleiche Herr Niemojewsky, dem so viel daran zu liegen scheint, daß man ihn in Europa für einen Radikalen und Progressisten halte. Der größte Teil der polnischen Politiker versteht jedoch ganz gut, daß der Pogrom wohl ein sehr empfehlenswertes Mittel zur Entladung der blutrünstigen Instinkte der Menge darstellt, daß er jedoch keineswegs als ein radikales Hiltsmittel betrachtet werden kann. Und daraus erklärt es sich auch, warum sogar der berüchtigte Mönch Klopotowsky, der früher offen den Pogrom predigte, nun seinen Helfershelfern den Rat erteilt: „Schlagt nicht ,die Juden, aber kauft auch picht bei ihnen.“ („Polak-Katolik.“) Und die einflußreiche Tageszeitung „Dzien“ erklärt: „Wir werden uns alle Mühe geben, um den Juden das Zusammenleben mit uns unmöglich zu machen, und sie mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln überall zu verdrängen. Wir werden uns durch die Protestrufe: ,Ihr wollt die Juden zum Hungertode treiben!1 nicht beirren lassen und den Charakter unserer öffentlichen Unternehmungen nicht ändern.“ So klingt das Leitmotiv der polnischen Presse (mit überaus seltenen Ausnahmen)! Die Bildung einer polnischen Mittelstandsklasse und die Notwendigkeit, den Handel und Verkehr den jüdischen Händen zu entreißen — das sind jetzt die Hauptsorgen der polnischen Politiker. Und da die Juden eben eine schwache Minorität darstellen, so ist es nicht schwer vorauszusagen, auf wessen Seite der Sieg sein wird. Es ist eine traurige Wahrheit, die aber laut gesagt werden muß, wenn wir ernstlich nach Mitteln zur Abwendung dieser großen Gefahr suchen wollen. Die feige Vogelstrauß-Politik kann sicherlich nichts nützen. Die oben angeführten Aeußerungen polnischer Autoritäten und die Tatsachen des täglichen Lebens klingen leider ganz bestimmt und lassen mit Sicherheit erwarten, daß ihnen auch noch große Taten folgen werden; man wird uns mit aller Gewalt aus den bereits besetzten Positionen verdrängen und sich noch mehr wie bis jetzt anstrengen, unseren Massen die Wege zu neuen Erwerbsquellen abzuschneiden. Auch ’dapiüssen Vlie'Juden die plteWahrheit: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen!“ über sich ergehen lassen. Denn wie vieles haben Uns die Polen zu verdanken! Als sich in Polen, zu Zeiten Kasimirs des Großen ganz unzweideutige Symptome des inneren Verfalles zu zeigen begannen, da waren es nicht die geknebelten Bauern und auch nicht der infolge seiner Ausschweifungen ganz heruntergekommene Adel, welche die Sanierung der unhaltbaren Zustände durchgeführt haben; d a warents die Juden, die den Handel und die Industrie in ihre Hände nahmen und durch ihre kluge, an Erfahrungen reiche Wirksamkeit das Land zu einer ungeahnten Blüte brachten. Mit der Zeit aber haben die stolzen Polen uns unsere Tätigkeit auf ökonomischem Gebiete abgelauscht und allmählich eingesehen, daß sie auch ohne uns auskommen könnten. Und — so kam dieser auf den ersten Blick so unerklärliche Ausbruch antisemitischer Wut, der bereits durch Zahlen nachweisbare Erfolge gezeitigt hat. So erweist es sich nach den Angaben des polnischen Statistikers Eduard Chwalew i k, daß, während die gesamte städtische Bevölkerung in Polen von 17,7"» im Jahre 1890 auf 22,3"» im Jahre 1910 gewachsen, die jüdische Bevölkerung im Gegenteil für dieselbe Zeit von 42,2"o aut 40,Ol» gesunken ist. Nun das ist es eben, was man jetzt in Polen will: „die Juden müssen heraus!“ Man muß sie aut diese oder jene Weise hinausekeln. Diese Losung kam auch besonders eklatant zum Ausbruch, als in der Duma die Rede von der städtischen Selbstverwaltung in Polen war. Ganz unumwunden erklärten sich die polnischen Deputierten für die Ausschließung der Juden, um, wie Dmowsky ausdrücklich erklärt, „alle das öffentliche Leben regulierende Organe in unseren Händen zu behalten.“ Was Wunder, wenn angesichts dieser Tatsachen, der hervorragende und ehrlich polnische Oekonomist und Soziologe, Ludwig Krzywicki, auf die Frage, was die Juden in Polen zu erwarten haben, kurz und bündig erklärte: „Einen vollständigen ökonomischen Ruin!“ . . . Zehn Zionisten in der M.-östpauer Kuliusstuhe. Von unserem Berichterstatter. Mähr.-Ostrau, 16. Juni 1912. In der Vorwoche fanden hier die Kultusgemeindewahlen für die nächste dreijährige Funktionsperiode statt. Die Wahlen gewannen für die Zionisten diesmal besonders an Interesse, weil unsere Ostrauer Gesinnungsgenossen zum ersten Male aktiv in die Wahlen eingriffen und, was mit Freude zu konstatieren ist, einen erfreulichen Erfolg verzeichnen können. Der Schwerpunkt der ganzen Wahlkampagne liegt in dem Wahlkomitee, welches sich über die bisherigen Vertreter auszusprechen und die neuen Kandidaten insoweit zu nominieren hat, daß die zusammengestellte Kandidatenliste der allgemeinen Wählerversammlung präsentiert wird. Ebenso wie die anderen jüdischen Vereine entsandte auch unsere Ostrauer Organisation drei Vertreter in das Wahlkomitee, welche die Forderung nach einer entsprechenden Vertretung der jüdisch-nationalen Richtung aufstellten und mit aller Macht hiefür eintraten. Trotzdem diese Forderung von einigen „Großen“ auf das Heftigste bekämpft wurde, gelang es dem energischen und zielbewußten Auftreten unserer Gesinnungsgenossen zu siegen und es wurden zehn Gesinnungsgenossen auf die Kandidatenliste gebracht, die auch ausnahmslos von der Wählerversammlung akzeptiert und am Wahltage fast mit Stimmeneinhelligkeit in die Kultusgemeinde entsendet wurden. Wir sind also jetzt in der aus 45 Mitgliedern bestehenden Kultusgemeindevertretung durch zehn Parteigenossen vertreten, was für die kommende Tätigkeit nicht ohne Wirkung bleiben wird. Selbstverständlich gehen unsere Vertrauensmänner mit NESTLE5 1 —Kindermehl. JUftewiirte Nahrung I für gesunde u. kranke Kinder sowie Magenleidende. Verhütet iibesedigt Brechdurchfall Diarrhoe.Darmkafarrh. Preis per Dose K 1.80,erhältlich in jeder Drog-itApolli Feuilleton. Die Juden in Italien. Der kulturelle Mittelpunkt der italienischen Jndenheit ist zweifelsohne Florenz, oder besser gesagt die dort befindliche rabbinische Hochschule, der Collegio Rabbinico. Da gegenwärtig die Rabbinerseminare fast durchwegs der Altertumsforschung dienen, ist es umso höher einzuschätzen, daß die Florentiner Rabbinerschule den italienischen Juden Licht und Luft spendet. Allerdings stehen oder standen noch vor kurzem zwei galizische Juden an der Spitze: Dr. S. H. Margulies und der berühmte Orientalist Dr. H. P. Chayes, de - in a’lerjüngster Zeit zum Oberrabbiner Ivon .Triest gewählt wurde. Der Collegio Rabbinico übt großen Einfluß auf die ganze toskanische, ja auf die gesamte italienische Judenheit aus. Nicht h letzter Reihe ist es auf seine Tätigkeit zurückzüführen, daß die italienischen Rabbiner — besonders die junge Generation — dem Zionismus sehr freundlich gegenübersteht. Dies ist umso bemerkenswerter, als ihre Amtsvorgänger, die italienischen Rabbiner, vor einem' Jahrhunderte in dem vom Kaiser Napoleon einberufenen Synhedrion die Existenz des jüdischen Volkes geleugnethaben. Ueberhaupt gibt es trotz der großen Assimilationssucht unter den italienischen Juden viele, die das Würdelose ihres jetzigen Zustandes voll erkennen und sich nach einem andern, einem jüdischen Leben sehnen. Es liegen im Lande viele jüdische Energien aufgespeichert, die jetzt nutzlos vergeudet werden. Der zionistische Landesverband schläft seinen ruhigen Schlaf, Jahre vergehen und es geschieht fast gar nichts, obwohl die Arbeit erfolgverheißend wäre. Selbst in sozialistischen Kreisen bringt man dem Judentum Interesse entgegen, ja es gibt sogar Sozialdemokraten — allerdings können sie mit den hiesigen nicht verglichen werden — die der zionistischen Bewegung angehören. Eine interessante Persönlichkeit ist der bekannte Sozialist Raffale Ottolenghi, ein Vetter des verstorbenen Kriegsministers. Er stand früher im diplomatischen Dienste und war italienischer Generalkonsul in Alexandrien, schied aber bald aus dem Staatsdienste, da seine Betätigung auf jüdischem Gebiete den höheren Kreisen ein Dorn im Auge war. Er zog sich in seine Vaterstadt Acqui im Piemontesischen zurück, wo er seitdem seinen jüdischen Studien lebt und auch dem Sozialismus Förderung angedeihen läßt. Er ist ein tapferer Streiter fürs Judentum, einer der angesehensten italienischen Juden. Er hat u. a. — leider erfolglos — angeregt, daß die italienischen Juden aus der Alliance austreten und sich dem Hilfsverein der deutschen Juden anschließen mögen. Von Zeit zu Zeit veröffentlicht er in der italienischen Tagespresse treffliche Aufsätze über den jüdischen Geist und stellt sich immer gern in den Dienst der zionistischen Sache. Unermüdlich tätig ist auf jüdisch-kulturellem Gebiete unser bewährter Gesinnungsgenosse Professor Edgardo Morp u r g o in Padua. Zur Erweckung der italienischen Juden und Verbreitung des nationalen Geistes bedarf es bloß einer starken Hand. Auch die Propagandamittel sind gegeben, da im Lande nicht weniger als fünf jüdische Zeitungen erscheinen. Die älteste von ihnen erscheint zwar in Triest, ist aber meistens auf der Halbinsel verbreitet. Es ist der „Corriere Israelitico“. Er steht bereits im 53. Jahrgange und wird vom Rabbiner Dante L a 11 e s, einem national gesinnten Juden aus dem Reiche geleitet, der eine sehr geschickte Feder führt. Er ist vielleicht der einzige unter den italienischen Juden, der den nationalen Gedanken zu Ende gedacht hat. Er war der Erste, der die italienischen Juden mit 'den Werken der peuhebräischen Literatur bekannt machte und die nationaljüdische Idee in Italien propagierte. Die „I d e a S i o n n i s t a“ in Modena, die im zwölften Jahrgange erscheint, wird von Professor Carlo L e v i redigiert und ist das halbamtliche Blatt der Federazione. Das Blatt vertritt die lauwarme und philantropische Richtung in der Bewegung. Seit zwei Jahren erscheint in Florenz unter Aegide der Marguliessehen Gruppe die „S e 11 i - nana Israelitica“, ein vielversprechendes rühriges Wochenblatt. Das Blatt vertritt mehr die kulturzionistische Richtung. Es veröffentlichte zuerst die italienischen Uebersetzungen der Biaiikschen Gedichte von Armändo Sorani, die — wie sich Dr. Klausner erst unlängst im „Haschiloach“ äußerte — eine hervorragende Leistung sind.