Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 25 (21.6.1912)
- Date
- 1912-06-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 25 und er hält es jetzt für notwendig, darzulegen, warum er unrecht hatte, damit man an anderen Stellen unserer Organisation, die an der besagten Taktik noch festhalten, vielleicht auch die Gelegenheit zur Korrektur der Anschauungen leichter ergreift. Unsere Taktik der Versöhnung mit den Assimilanten hat nämlich das gleiche Loch wie die liberale Taktik der Assimilation an die Wirtsvölker; sie hat ein zweiseitiges Rechtsgeschäft zur Voraussetzung, eine einseitige Liebeserklärung genügt nicht. Und genau so wenig wie die Wirtsvölker die Juden akzeptierten, solange sie noch durch irgend etwas Jüdisches .von ihnen jdAvlchen, 'genau so wenig ökzeptierten die Assimilanten die Zionisten, solange noch irgend etwas Zionistisches an ihnen war; auch das harmloseste Krankenhaus in Palästina blieb ihnen suspekt, sobald es unsere Unterstützung fand. Gar von irgend welcher ins Gewicht fallenden materiellen Unterstützung der palästinensischen Kolonisation konnte überhaupt keine Rede sein. Was haben wir für Zeit, Kraft und Aerger an die A. L K. O. verwendet — und sie bekam doch kein Geld, so antizionistisch sie auch von ihrem Impresario geschickt auffrisiert wurde. Vom Wiener Kolonisationsverein — dem ersten Star des gleichen Impresario — weiß niemand, ob er übertiaupt noch existiert. Also, wie Reuter sagt: ..Rindfleisch mit Pflaumen ist sehr gut, bloß kriegen tun wir's nicht.“ Gegen 10 Millionen Mark Kasse für Palästinakolonisation wäre vielleicht der eine oder der andere in unseren Reihen heute nodi bereit, den Liberalen seine jüdisch-nationale Seele zu verkaufen — nur gibt ihm keiner einen .Groschen dafür. Von den normalen feld-, wald- und wiesenläufigen Assimilanten ist und war für uns nie etwas zu holen; jede Hoffnung auf sie erwies sidh afe Phantasmagorie, Wohl gibt es einzelne Schnorrgenies, die sogar dem Getauften den Hundertkronenschein abpressen; aber sie irren sich, wenn sie aus ihrer persönlichen Beliebtheit und ihrem persönlichen Ansehen, die ihnen dieses Vor-gehen gestatten, eine allgemein gültige politische Theorie machen, und so lobenswert ihre Tätigkeit im Einzelfalle auch sein mag, s i e dient nicht zur Volkserziehung wie der Schekel oder der Nationalfonds, die mit jeder Einzelgabe den Spender enger mit der Volksgesamtheit verbinden. Abgesehen von solchen ganz vereinzelten Fällen fließen uns au^ nichtzionistischen Kreisen nur von solchen Personen Mittel zu, die uns innerlich bereits nahe verbunden sind, und diese stehen für Kolonisationsarbeiten. die sie interessieren, immer zur Verfügung, ob wir inun als Organisation nach außen hin milder oder schärfer auftreten. Aber abgesehen davon, daß diese Taktik ihren einzigen Zweck Geld zu bringen, vollständig verfehlt,, so. birgt sie die Gefahr in sich, daß sie die leitenden Persönlichkeiten, die sie verfolgen, trotz aller Intensität der zionististischen Gesinnung durch das fortwährende Lavierenmüssen allmählich k o r r u m - p i e r t und in die Massen, die das L awirrung trägt. Sie ruiniert somit navieren nicht begreifen können, Vertu rn o t w e n d i g die Grundlagen unserer Organisation. Es kann für uns — und "wir haben das in den letzten Jahren in Deutschland zweifelsfrei gesehen — nur eine Taktik geben, das ist die der Erziehung und Organisierung des Volksganzen im Geiste reinsten National Judentums auf dem Boden aller weitester Demokratie. Es ist das auch die alte, bewährte Taktik Theodor Herzls. "Flectere si nequeo Danaos. Acheronta movebc. Wir sind die geborenen Vertreter aller Ansprüche und Forderungen der jüdischen Masse gegen Oligarchie und'Plutokratie. Es darf und kann bei uns keine Unterschiede .geben zwischen arm und reich, zwischen In- 1 ander und Ausländer; sonst nisten sich alle Aut diesem Wege gewinnen wir immer weitere Kreise, die von uns politisch geschult und mit dem, eisernen Ringe unserer Organisation umfaßt werden. Je stärker wir werden,', desto mehr fallen uns die Mittleren und Schwankenden zu. und durch die Jugend dringen wir auch in die Kreise der herrschenden Schicht ein, bis Schritt um Schritt in zähem; notfalls jahrzehntelangem Kampf überall in jedenr/Verein, in jeder Gemeindestube Wir den Feind niedergerungen haben, und der jüdische Liberalismus nur noch als fossiles Monstrum in den Schreckenskammern der Panoptica dem Abscheu der Nachwelt aufbewahrt wird. Dies ist der Weg, wir haben ihn mit Erfolg betreten, wir werden ihn zu Ende gehen. Dann aber haben Wir wirklich das ganze jüdische Volk um (uns gesammelt als organisiertet disziplinierte, };on (einheitlichem, nationalen Willen beseelte Kerntruppe, und dann stehen uns auch Schäden, die Wir den Assimilanten auszutreiben versuchen, in unsere eigene Organisation ein. finanziell für unsere Kolonosation unbegrenzte Mittel zur Verfügung. Bis dalim aber heißt es ausharren, persönlich jedes Opfer für Propaganda und Kolonisation bringen und den Ausbau der Organisation nach Möglichkeit beschleunigen. Schon heute ist unsere Organisation die größte Geldquelle an Beiträgen, die in der Judenheit existiert. Sie ist noch uneinheitlich, noch schwach, noch lückenhaft. Jedes neue Band, das sich um unsere Reihen schließt, jeder neue Kämpfer, der zu uns stößt, stärkt uns in der Gewinnung der Juden hier, des Judenlandes drüben. So gibt es nur eine einheitliche Taktik für die zionistische Organisation inaller Welt, und das ist die der nationalen Demokratie. Mit ihrwerdenund müssen Wir siegen.“ Die neue Hera in Oer Juöenfrage in RussiMi-Polen. Von Joseph K r u k. Der von Tag zu Tag immer ernster werdende jüdisch-polnische Konflikt hat zweifelsohne nicht nur für die in Polen lebenden Juden, sondern auch für das ganze jüdische Volk eminente historische Bedeutung. Es handelt sich da nicht mehr und nicht weniger' als um das „Sein oder Nichtsein“ der Juden, des jüdischen Nationalismus in Polen. Das wird jetzt von fast allen anerkannt: sowohl von den Polen, die gegenwärtig selbst einen erbitterten Kampf für die weitere Existenz ihrer Nationalität zu führen gezwungen sind, als auch von denjenigen jüdischen Kreisen, welche zu der Erkenntnis durchgedrunegn sind, daß die jüdische Geschichte nicht in Polen begonnen hat und dort auch nicht aufhören wird. Es entsteht die Frage: Warum das plötzliche Aufflackern eines so grausamen, erbarmungslosen, bluttriefenden Judenhasses in einem Lande, welches bis jetzt vom ausgesprochenen Antisemitismus verschont blieb? Sagt doch ein altes lateinisches Sprichwort: „Polen ist der Himmel der Edelleute, das Fegefeuer der Bürger,; die Hölle der Bauern, das Paradies der Juden“. Schrieb doch im 16. Jahrhundert ein polnischer Jude seinem Freunde in Deutschland: „Es wäre wohl besser für dich bei mir in Polen, wenn auch bei trockenem Brote, aber ungeängstigt zu leben. Auf Polen dürfte der alte Satz zu beziehen sein: „Entweder unter dem Schutz Gottes oder unter dem der Söhne Esaus; denn hier im Lande äußert sich der Judenhaß nicht so rücksichtslos wie in Deutschland. Wollte Gott, daß es immer so bliebe“. Wie kommt es nun, daß im 20. Jahrhundert Polen in Bezug auf brennenden Judenhaß und fein ausgedachte antisemitische Hetzereien und Verfolgungen nicht nur Deutschland nicht nachsteht, sondern in vielen Hinsichten vor Deutschland steht? Unsere Assimilatoren haben längst eine Antwort auf diese Frage gefunden: Alle Schuld trägt dieser abscheuliche jüdische Nationalismus. Die Juden'seien keine so guten polnischen Patrioten mehr wie ehedem — daher auch die antisemitische Reaktion seitens der Polen. Und entsprechend dieser tiefsinnigen Entdeckung stimmen sie noch lauter ihren schamlosen Majofis-Gesang an . . . Lassen wir aber die Toten ihren Toten begraben. Wir werden vielleicht später einmal die kulturell-nationale Seite der Frage zu beleuchten versuchen. Jetzt wollen wir eine'kurz gefaßte Untersuchung über die sozialen Momente anstellen, die in Polen eine Situation geschaffen haben, wie sie nur etwa mit derjenigen in Frankreich während des Dreyfuß-Prozesses zu vergleichen ist. Es ist besonders charakteristisch, daß, während unsere Assimilatoren auch nur der Erwähnung, daß die neueste judenfeindliche Bewegung auf wirtschaftlichem Gebiete zu suchen ist, ängstlich aus dem Wege gehen, unsere Gegner gerade diese Seite des Problems mit voller Offenheit in die erste Linie rücken und sich sehr scharf gegen die phantastische Legende von einer besonderen, dem polnischen Volke von Anbeginn an innewohnenden „Liebe zu den Juden“ wenden. So schrieb neulich Roman Dmowsky, einer der hervorragensten Vertreter der national-demokratischen Partei, die augenblicklich bis 90 Prozent der Gesamtbevölkerung unter ihrem Banner vereinigt: „Es ist an der Zeit, mit der Fiktion unserer angeblichen, historischen Judenliebe endlich aufzuräumen — mit einer Liebe, die, wenn sie in Wirklichkeit existieren sollte, ein gar zu tiefes Niveau unserer nationalen Existenzfähigkeit und die gänzliche Abwesenheit des Selbsterhaltungstriebes dokumentieren würde.“ Die Juden hatten es in Polen besser als sonstwo, nur deswegen, weil . . unser Bürgertum sehr schwach war und von der „Schlachta“ unterdrückt wurde. Der Jude war immer in Bezug auf politische Forderungen viel anspruchsloser als der polnische Bürger und wurde deshalb von der „Schlachta“ ganz besonders in Schutz genommen . . . Jedesmal aber, wo die bürgerlichen Volksschichten sich stärker fühlten, da mehrten sich auch sofort die gegen die Juden gerichteten Verordnungen“. Uebrigens fehlten auch Pogrome nicht, so im Jahre 1791 in Warschau nach der Proklamierung der Konstitution. Die gleiche Ansicht vertritt auch der Dumadeputat Grabski: „Das Fehlen eines polnischen Bürgertums war in der Vergangenheit von sehr schädlicher Wirkung und drückt auch jetzt unser soziales Kulturniveau stark herunter. Unser Land würde ein ganz anderes Bild präsentieren, wenn überall, in jedem’ Dorfe und in jedem Städtchen Elemente vorhanden wären, die über ansehnliche Kapitalien verfügen und zugleich auch ihre Zugehörigkeit zu unserem nationalen Organismus fühlen würden.“ Aber auch die radikal-progressive Schriftstellerin Isa Moschtschenska unterstreicht in einem neulich erschienenen Buche die Notwendigkeit, im Kampfe mit den Juden sich derselben Waffen zu bedienen, welche einst von den Posener Polen mit solchem Erfolg gehandliabt wurden: „Der sogenannte (!...) Antisemitismus der Posener Polen entwickelte sich auf dem Boden des ökonomischen Kampfes und war nichts anderes, als eine Ergänzung zur wirt- •Iiaftlichen Konkurrenz mit den Deutschen/1 Unter dem Schutze handelspolitischen Patriotismus entstand so das polnische Kleinbürgertum, ,dem es auch bald gelang, die Reihen des jüdischen Bourgeoisie so zu lichten, daß letztere nun kaum zweieinhalb Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht.“ Und obwohl die Verfasserin auch zugeben muß, daß auch die Deutschen eine große Rolle bei dieser Verdrängung der Juden gespielt haben, so sieht sie doch den Hauptfaktor bei dieser erfolgreichen Taktik in den Genossenschaften und den Institutionen für billigen Kredit, welche die jüdischen Kapital besitzer überall überflüssig machten. Die gleiche Methode sollte nun auch in Russisch-Polen zur Anwendung gelangen. Und im Einklang mit ihrem „menschenfreundlichen“ Liberalismus fordert sie ihre Landsleute auf, nicht den „Pog r o m“-, sondern den „Program m“ - A n,- tisemitismus auf ihre Fahne zu schreiben. Zu diesen Auslassungen der Vertreter der beiden wichtigsten Parteien Polens bleibt nur noch hinzuzufügen, daß auch einige Wortführer der radikalen, ja sogar der sozialistischen Arbeiter-Organisation ganz unzweideutig ihren NIEDERLÄNDISCHE LEBENS-VERSICHERUNGS - GESELLCHSAFT WIEN, I., ASPERNPLATZ 1. Im eigenen Palais.—Versilbertes Kapital zirba 380 Millionen. — Prämienreseroe zirba 113 Millionen. — Billigste Prämien und Kulanteste gsdingungen. Engagiert jederzeit tihbtige, leistungsfähige Rgenten gegen hohe Bezöge. Bnshflnite erteilt die Generalagenisihait Wien, I., flspernplaiz 1 (beiter: David Hebenzahl). Für Ostgalizien u. Bukowina: Subdirebtion Gobi Taubes, Hemberg.