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Jüdische Zeitung · 1912-06-21 · 25 (21.6.1912) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
6 (1912)
Issue
25 (21.6.1912)
Date
1912-06-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JUDElHE ZEITUNG ■ ■ JS8SE;Jupj5CHE5 asm ggg | '•sd-einl wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II.,Stefaniestra6e Nr. 12. — Sprechstunden ■ _ tätlich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ™ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, vierteljähr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—. vierteljähr. ™ | Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. Telefon 22.075. ■ Nr. 25 Wien, Freitag, den 21. Juni 1912 VI. Jahrgang Die Märtyrer von Drohobycz. Die Versammlung des „Jüdischen Nationalvereines“, welche zur Ehrung der im Vorjahre hingemordeten Märtyrer von Drohobycz einberufen wurde, gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung für die im Kampfe um die jüdische Freiheit Gefallenen. Sie waren aber auch eine machtvolle Kundgebung gegen den Volksverrat jener feilen Knechte der galizischen Regierung und schamlosen Bedrücker des jüdischen Volkes, welche mit Gewalt und Betrug die offizielle Vertretung der Juden usurpiert haben. Lange vor Beginn der Versammlung hatten sich Hunderte und Aberhunderte eingefunden, die den Saal und Hof des Versammlungslokales füllten. Viele Hunderte hatten keinen Einlaß gefunden und harrten geduldig vor dem Versammlungslokal, um durch ihr Erscheinen die Ehrfurcht für die Märtyrer von Drohobycz und ihre Empörung gegen die Urheber des Massenmordes zu bekunden. Den Vorsitz in der Versammlung führte Gg. Dr. Plaschkes. ln tiefempfundenen Worten gedachte er des traurigen Anlasses, der die Versammelten zusammengeführt. Hierauf sprach der Obmann des Nationalvereines Gg. Dr. Jakob Ehrlich, welcher eine sachliche Schilderung des Drohobyczer Massakres entwarf und die darauf folgenden Ereignisse, die Verhandlung der Drohobyczer Mordtaten im österreichischen Parlamente, das Vorgehen der Gerichtsbehörden, die Verurteilung der Unschuldigen und die Straflosigkeit der eigentlichen Urheber und Schuldigen besprach. Nach ihm sprachen die Reichsratsabgeordneten Breiter und Dr. Strauch er sowie Gg. Dr. Fritz Löhner. In eindringlichen Worten verstanden es gerade die letzten Redner das Vorgehen Löwensteins und Feuersteins und der anderen Schuldigen zu brandmarken. So oft die Namen der zwei Hauptschuldigen genannt wurden, machte sich die Entrüstung der Versammlung in Zwischenrufen wie „Pfui! Mörder! Verräter!“ Luft Als die Abg. Breiter und Strauch er hervorhoben, daß das in Drohobycz vergossene Blut nicht nutzlos geflossen sein wird, wenn die Juden sich Zusammenschlüssen werden,, um die Herrschaft der elenden Volksverräter zu brechen,, da durchbrausten stürmische Zustimmungsrufe den Saal und setzten sich bis auf die Straße fort. Zum Schlüße schlug Gg. Waldmann folgende Resolution vor, welche begeisterte Aufnahme fand: Die am 19. Juni 1912, am Jahrestage der Drohobyczer Massakres, in Wien tagende Massenversammlung jüdischer Bürger gedenkt in Trauer der Märtyrer, welche im Kampfe für die Freiheit des jüdischen Volkes als Opfer der Niedertracht gewissenloser Volksverräter fielen. Die moralischen Urheber dieses greulichen Massenmordes in Drohobycz werden von einer politischen Klique und einer irregeleiteten Regierung geschützt. Löwenstein bekleidet das blutbeflekte Mandat, Feuerstein ist Kultusvorsteher und Träger hoher österreichischer Orden. Die schuldigen Regierungsorgane, der Kommissär Lyszkowski und seine Komplicen, wurden bis heute nicht zur Verantwortung gezogen. Die Opfer wurden bei Nacht und Nebel verscharrt, die Anstifter der Greuel aber wandeln frank und frei im Lichte des Tages. Die Versammlung gelobt, das Andenken der Gefallenen hoch zu halten, sie gelobt aber auch, die Erinnerung an das von entarteten Söhnen des jüdischen Volkes verübte Verbrechen nicht erlöschen zu lassen, solange die Schuldigen der gerechten Strafe nicht überliefert sind. Nach der Versammlung begaben sich mehrere hundert Teilnehmer der Versammlung auf den Schwarzenbergplatz, vor die Wohnung Löwensteins, um ihm ihre Empörung und Verachtung zu bezeugen. Die Demonstranten wurden jedoch zum Teile auf dem Wege zu Löwenstein von der Polizei zerstreut. Ein größerer Trupp gelangte vor das Haus Schwarzenbergplatz Nr. 5, wo er in stürmischen Entrüstungsrufen seiner Empörung Ausdruck gab. Die Wache schritt ein und nahm mehrere Arretierungen vor. Die „Wiener laiilift“. Die Diskussion der taktischen Frage hat bei allen zionistischen Kongressen und Konferenzen viel Zeit in Anspruch genommen und wurde gewöhnlich mit einer Heftigkeit geführt, die bei der Beratung anderer, noch so wichtiger Gegenstände nie konstatiert werden konnte. In Oesterreich trat dieses Moment noch deutlicher zutage als anderswo und alle Kämpfe, welche die Organisation nicht selten bis in die Grundfesten erschüttert haben, waren Kämpfe um die Taktik. Die Vertreter der nationaldemokratischen, sogenannten „radikalen Wiener Richtung“ bildeten anfangs eine kleine Minorität und hatten nicht nur den größten Teil der Provinz, sondern auch die Zentralleitung in Köln gegen sich. In ihrer Verurteilung fanden sich die einer entschlossenen nationalpolitischen Agitation abholden Parteigenossen und die assimilatorischen Gegner. Doch trat in den letzten Jahren ein gründlicher Wandel ein. Nicht nur in Oesterreich, sondern in der Gesamtpartei und ihrer Leitung. Die letzte Nummer des Zentralorgans „Die Welt“ liefert den Beweis. Sie bringt an leitender Stelle die Ausführungen des Gesinnungsgenossen Dr. Hey mann (Berlin), welcher bis vor kurzem zu den entschlossensten Gegnern der „Wiener Richtung“ zählte. Unter dem Titel „Wir und die Anderen (zur Frage zionistischer Taktik)“ schreibt Dr: Heymann:- ,,ln Westeuropa drehte sich seit dem Tode Herzls und der Ablehnung des Ugandaprojektes der taktische Streit hauptsächlich um die Frage, ob es wichtiger wäre, die breiten Schichten der jüdischen Großstadtbevölkerung stramm national zu organisieren und aus ihr auch die finanziellen Kräfte für die Kolonisation Palästinas zu ziehen, oder ob es zweckdienlicher wäre, durch vorsichtiges Lavieren in den „m aßgebenden“ Kreisen moralische Eroberungen für den Gedanken der Palästinaarbeit zu machen und möglichst auch ihre materielle Hilfe zu gewinnen. Im Anschluß an dem deutschen Delegiertentag in Breslau im Jahre 1908 haben in der Berliner Ortsgruppe mündliche und dann in der „Jüdischen Rundschau“ schriftliche Diskussionen stattgefunden, in denen der Unterzeichnete eifrig die Taktik der Versöhnung und des Lavierens verfochten hat, und zwar um Geld für Palästina zu bekommen. Seit Jahren hat er eingesehen, daß er damals unrecht hatte,

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