Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 24 (14.6.1912)
- Date
- 1912-06-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEltÜNÖ Nr. 24 sie unserem Gewährsmann in die Hände gespielt hat, gestattet audi /uns, aus diesen behördlich genehmigten Statuten folgende Paragraphen abzudrudken: „§ 2. Der Zweck dieses unpolitischen Vereins ist die Unterstützung der Katholiken in Bosnien und Herzegowina* K’or allem der Jugend, in ihren religiösen, geistigen und 'materiellen Bedürfnissen. Der Verein will diesen Bedürfnissen abhelfen durch Gründung einzelner größerer Unternehmungen, die einen bleibenden Wert haben für die Interessen der katholischen Kirche... § 3. Die Mittel zur Erreichung dieses angeführten Zweckes Sind: a) Die* .Förderung der katholischen Jugend... Hoffnungen für die Kirdhe berechtigen; besonders armer katholischer Studenten, die durdi religiöses Verhalten etc.... zu besonderen b) die Unterstützung der katholischen Arbeiterschaft; c) die Heranbildung (von Rednern, Schriftstellern und praktischen Hilfskräften für die kaiholisdisoziale Arbeit; d) die Unterstützung der katholischen Presse; e) die Errichtung und Ausbesserung katholischer Kirchen... § 6. Mitglied des Vereines kann jeder Katholik ohne Unterschied des Geschlechtes und Alters sein.“ Die Statuten, die diese Bestimmungen enthalten, wurden den Juden, die um Spenden angegangen wurden, natürlich verheimlicht. Nicht alle Juden sind ja von der Art jener assimilatorischen Streber, die Selbst den Eucharistischen Kongreß bezahlen, wenn sie dadurch Aussicht erlangen, geadelt zu werden. Um den patriotischen Schwindel zu krönen, schickt der Herr R. v. Hoschek den Juden sogar Anmeldungsformulare. Anmelder können sich die Juden — zwar nicht als Mitglieder, aber als Wohltäter, Gründer und Stifter — zahlen dürfen Sie: als Mitglieder dürfen sie laut § 6 nicht aufgenommen werden. Ein derartiger Schwindel ist nur deshalb etwas Ungewöhnliches,. weil der Name der Protektorin als besonderes kockmittel für die Juden verwendet wird. Man braucht das jüdische Geld, da mit ‘den aristokratischen Namen im Präsidium (Gräfin Sylva-Tarouca, Herma von Fleslch Brunningen, Ida Gräfin Czernin) und im Ehrenkomitee (Herzogin von Beaufort, Gräfin Bellegarde, Gräfin Clam-Gallas, Gräfin Czernin, Exzellenz Josefine Ebenhoch, Baronin Fuchs etc.) Meinl Maltin- Kakao Bnetzt die Flelwtutmi Kräftigt den Organiamm Ist aogerordeutliät billig oder Saoerdoti für Koben, Ottolenghi für Oettlingen, Morpugo für Marburg oder Luzzatti für Lausitz. Auffallend vielen jüdischen Vornamen begegnet man im öffentlichen Leben. Hohe jüdische Würdenträger führen Namen, wie: Ezechiele, Samuele und Jsaia. 'Da die Italiener selbst Südländer sind und viel Sarazener- und Levantinerblut in ihren Adern rollen dürfte, sind die Juden ihrem Aeußern nach nicht so leicht zu erkennen wie bei uns. Allerdings sieht man oft auffallend reine jüdische Typen. Wie ich früher erwähnt habe, ist die Assimilation in Italien in vollem Schwünge. Es kommt dies nicht nur in der geistigen und religiösen Abrückung vom Judentum zum Ausdruck, sondern vor allem in der (zunehmenden Zahl der Mischehen. Zwei eigentümliche Dinge sind hiebei zu beobachten: vor allem1, daß die solchen Misdhehen entstammenden Kinder der überwiegenden Zahl nach Juden werden, zweitens, daß es meistens die ärmeren Klassen sind, die Mischehen schließen und sich überhaupt assimilieren. Die Frage, ob die erste Erscheinung eine erfreuliche ist, mag dahingestellt bleiben. Die zweite Erscheinung findet ihre Erklärung darin, daß die proletarisierten Massen mit der ,nichtjüdischen Bevölkerung viel mehr in Berührung kommen, als die materiell besser gestellten Schichten, die in der „Gesellschaft“ nicht gerne gesehen werden und dahier meistens unter sich verkehren. Erschreckend ist das Bild der Verheerung im jüdischen Leben, die die Mischehen im Gekein einziger katholischer Magen in Bosnien gesättigt werden dürfte. Wir sind nun gespannt, ob sich1, nachdem wir den ganzen Schwindel enthüllt haben, doch Juden finden werden, die in die Tasfche greifen undwelche Zeitungen (die schwindelhafte Spekulation unterstützen Werden. (Wir für unseren Teil halten es Tür eine patriotische Tat, dem Mißbrauch des Patriotismus zu klerikalen Zwekken entgegenzutreten.“ Grobe zionistische Massenuer; lammlung in Prag. Anläßlich der nach Prag einberufenen Sitzung des westösterreichischen Zentralkomitees (veranstaltete das Distriktskomitee für Böhmen am 8. Juni eine große öffentliche Manifestationsversammlung in der Produktenbörse. Es waren gegen 1000 Zuhörer erschienen. Dr. Singer hielt eine zionistische Rede in tschechischer Sprache. Auch jdie Juden haben, führte er aus, ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen, durch' Selbsthilfe (wollen sie es beeinflussen. Die Schaffung gesunder (nationaler Verhältnisse ist sicherlich möglich, solange als uns eine innere Gemeinschaft verbindet; denn die innere nationale Gemeinschaft ist das Primäre. Die äußeren nationalen Bedingungen zu schaffen, muß einem Volke gelingen, dessen innere Kraft (noch1 so ungebrochen ist wie die der Juden. Die Assimilationsbewegung, die das Judentum zielbewußt vernichten will, ist inkonsequent. Denn auch1 sie entspringt, in vielen Fällen wenigstens, einem sozusagen Jüdischen Motiv; sie will, es (solle den Juden — unter den hier bestehenden Verhältnissen -— besser gehen. Aber sie vergreift sich' im Mittel. Gerade die bewußte Assimilationsbewegung erweckt den Widerstand, den Antisemitismus. Auch' (die tschechisch-jüdische Assimilation hat (nichts erreicht, kann nichts erreichen. Vor allem bei der Mehrzahl der Juden selbst nicht, die nur darum zwischen Deutschtum und Tsdhedientum schwanken, weil das Entscheidende ihrer Persönlichkeit weder das Deutschtum noch das.Tschechentum ist, sondern, veihüllt vielleicht und unklar, aber unzerstörbar das Judentum. . Als zweiter (Redner des Abends kam der Präsident des''Zionistischen Zentralkomitees für Westösterreich, Herr ■. Adolf Böhm (Wien) zu Worte. Jede Frage, führte der Redner ungefähr aus, könne durch zwei Methoden richtig entschieden .Werden, durch' »objektive Analyse oder durch' innere Anschauung. Beide Methoden versagen bei der Behandlung der Judenfrage vollkommen. In der Judenfrage gibt es keine Objektivität. Sonst würde (die Orunderkenntnis des Zionismus, daß (die (Juden ein Volk sind, mit einer bestimmten Eigenart, widerspruchslos angenommen sein. Und fcloeb halten Juden an der Assimilation fest, die (absolut versagt, wenn man die Judenfrage erklären (will. Darum darf zu ihrer Erklärung doch eine Hilfsthese herangezogen werden, die solange gilt, als keine bessere Erklärung gegeben wird. Otto Bauer, der jüdische Theoretiker der ({Sozialdemokraten, gibt folge haben, und .verhängnisvoll ist es für die italienischen Juden, daß sie Inzucht treiben und sich mit ausländischen Juden nur in den seltensten Fällen verbinden, wodurch’ die kräftige Entwicklung beeinträchtigt ist. Die italienischen Juden sind auch1 in der Regel körperlich' sehr wenig entwickelt. Ist die Mischehe eine häufige Erscheinung, so kommt die Taufe unter den Juden fast gar nicht .vor. Der Ruf Theodor Herzls ist auch jenseits der Alpen nicht ohne Widerhall verklungen und der Zionismus fand Anhänger auch in diesem Lande, dessen Juden von ihren ausländischen Brüdern ganz abgesondert leben. Im’ September 1900 traten iin.der Hafenstadt-Ancona die italienischen Zionisten zum erstenmal zusammen. Ein Jahr später wurde die Federazione Sionistica Italiana gegründet, deren erster Vorsitzender Dr. Carlo C o n i g l i a n i, ordentlicher Professor an der Universität zu Modena, ward. Nach zwei Monaten wurde der neue Landesverband vom V. Kongresse offiziell anerkannt. Professor Conigliani konnte sich jedoch der Erfolge seiner Arbeit nicht lange erfreuen, er starb einige Wochen später. 1902 verlegte die Federazioneihren Sitz nach F e r a r r a und Dr. Felice Ravenna übernahm die Leitung, der noch heute an der Spitze steht. Die Federazione vermochte in den ersten Jahren ihres Bestehens schöne Erfolge aufzuweisen und war ärn 6. Kongreß durch sechs Delegierte vertreten, was einer Schekelanzahl von 1200 entspricht. Die Schekelzahler betrugen daher drei Prozent der italienischen zu, was früher die Sozialdemokraten nicht zugegeben haben: die Juden sind bisher - ein Volk, heißt es nun, aber — sie können es nicht mehr bleiben, weil ^lie äußeren Verhältnisse es nicht zulassen. Niemals kann die Rechnung stimmen, wenn man die These, daß die Umwelt den Geist schafft, auf die Juden anwenden .will. Die Eigenart der Juden hat sich gegen jede Umwelt noch immer 'durchgesetzt. Nur äußerlich haben sich die Juden der Umwelt angepaßt. War doch auch der Jude innerhalb seines Ghettos ein ganz anderer ials außerhalb seiner Mauern. Zu Hause war (er immer -sich selbst gleicht Wird doch sogar (die Umwelt selbst stark von den Juden beeinflußt, (wie als Mindestes aus Sombarts Anschauungen über „Judentum und Kapitalismus“ akzeptiert werden kann. Audi Bauers Theorie konnte den {Zionismus nicht aufhalten. Allerdings ist auch1 (gegen die Assimilation mit Theorien allein nicht .viel auszurichten. Theorien sind nicht die inneren Ursachen solcher Bewegungen. Wie der Zionismus der Wille zum .Leben des jüdischen Volkes jst, so ist die Assimilation der Wille zu Keinem Untergang. Der Wille aber wird wenig (durch Ueberlegungen beeinflußt, er geht (bis auf den Jnstinkt zurück. Und aut welche Instinkte ist der Wille zur Assimilation zurückzuführen? Er ist hervorgegangen aus dem Gefühl der Wertlosigkeit und Unwürdigkeit des heutigen Judentums. Es habe keinen Sinn, eine so inferiore Gemeinsdiaft zu erhalten. Das Märdien von der Inferiorität des Judentums haben die Juden selbst von den wissenschaftlichen Antisemiten übernommen. Diese lehnen die Aufnahme der Juden als inferiore Elemente ab, Und gerade um 'Ihrer (eigenen Inferiorität Willen wollen die jüdischen Assimilanten von den andern aufgesogen werden. Eine aus solchen Absichten angestrebte Vermischung kann man wirklich eine Unsittlichkeit nennen. Aber wir müssen uns mit ihr nicht befassen, denn es fehlen der Theorie von der Inferiorität der Juden heute alle Grundlagen, der Wert des Judentums ist immer mehr erkannt und anerkannt worden. Heinrich Heine hat das Judentum eine Krankheit genannt. Das heutige Judentum zeigt ein ganz bestimmtes Krankheitsbild: die Volkshysterie. Sein Leben wird durch Vorstellungen regiert, nicht von Tatsachen. Das jüdische Volk leidet unter furchtbaren Verfolgungen, äußerlichen und Qualen innerer Art. Und sein Wille wird nicht dadurch, sondern durch Vorstellungen beeinflußt, die hur Begriffe scheinen, Wie ein Ideal staatsbürgerlicher Rechtsgleichheit, die Emanzipation, die Anerkennung durch1 die anderen. Aus diesem -krankhaften Zustande'. folgt, daß das jüdische Volk seine Würde nicht aus der eigenen Schätzung nimmt, sondern aus der Schätzung der anderen. Diese Krankheit, die in jedem Juden steckt, -muß geheilt werden, und sehen judenheit, während die damalige Zahl der organisierten Zionisten — 200.000 — nur 1.23 Prozent der Gesamt judenheit ausmachte. Die durch die Uganda-Affäre und Herzls Tod eingetretene Krisis hat die Zahl der Schekelzahler auf 800 zurücksinken lassen. Heute beziffert sie sich mit 650. Die Ursache des Rückganges ist vor allem in der mangelhaften Organisation, um nicht zu sagen im völligen Mangel an Organisation zu suchen. Nach Entschwinden der ersten Begeisterung hätte man an die praktische organisatorische und Aufklärungsarbeit gehen sollen, nur fehlte es an der entsprechenden Persönlichkeit, die das Werk geleitet hätte. Es ist bekannt, daß die Italiener sich im allgemeinen nicht organisieren lassen. Unter den Sozialdemokraten und Republikanern herrscht die größte Unorganisiertheit und das trifft auch für die Zionisten zu. Zu Lebzeiten unseres Herzl war es um die Sache anders bestellt. Er kam öfters ins Land, um mit dem wahrlich freisinnigen Viktor Emanuel, der dem Judentum im allgemeinen und dem Zionismus im besonderen große Sympathien entgegenbringt, und dem' Papste zu unterhandeln. Sein Auftreten, seine Persönlichkeit war die beste Propaganda. Er war es, der die Leute aneiferte und zusammenhielt. Nach der auf dem 7. Kongreß eingeiretenen Spaltung im zionistischen Lager drohte die Federazione einzugehen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil die Führer der zionistischen Bewegung sich zwar nicht entschließen konnten, die Bewegung zu verlassen,